Vom Klebeband zum Hightech-Siegel: Die unendliche Geschichte des Tesa-Speichers

Einleitung: Mehr als nur ein Aprilscherz

Die Geschichte des Tesafilms als Datenspeicher begann an einem Freitag, dem 13. März 1998, in einem Labor der Universität Mannheim und klang für viele Zeitgenossen nach einem perfekten Aprilscherz. Doch was die Physiker Dr. Steffen Noehte und Matthias Gerspach damals eher zufällig entdeckten, war der Grundstein für eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert – wenn auch in einer völlig anderen Form als ursprünglich gedacht. Die Vision einer „Tesa-ROM“, einer handelsüblichen Kleberolle als Gigabit-Speicher für den Heimcomputer, erfüllte sich nicht. Der Geist der Erfindung jedoch lebt in hochsicheren Hologrammen weiter, die weltweit Produkte vor Fälschungen schützen und Marken mit der digitalen Welt verbinden. Dieser Artikel erzählt die vollständige Geschichte dieser bemerkenswerten Technologie – von ihren visionären Erfindern über ihre unerwartete Wendung bis hin zu denkbaren Zukunftsszenarien, die weit über das ursprüngliche Konzept hinausgehen.

Die Erfinder: Zwei Physiker und ihr „Zufallsfund“

Im Zentrum der Entdeckung standen zwei junge Wissenschaftler. Dr. Steffen Noehte, Physiker und Experte für Lasertechnologie, leitete die Forschungsgruppe an der Universität Mannheim. Sein Diplomand Matthias Gerspach war der Mann an der Versuchsapparatur . Die beiden forschten eigentlich an holografischen Speicherverfahren für Polymere, als sie auf der Suche nach einem geeigneten Testmaterial zu einem Alltagsgegenstand griffen: einem Stück „tesa Multi-Film, kristall-klar“ .

Was sie sahen, als der Laser seine Punkte in die Folie brannte, war verblüffend. Die Qualität der gespeicherten Hologramme übertraf alles, was sie mit anderen, eigens dafür entwickelten Polymeren erreicht hatten. Die Ursache lag in der Herstellung des Films: Polypropylen, der Grundstoff des Tesafilms, wird bei der Produktion stark in die Länge gezogen und „überdehnt“. Die Energie dieser Dehnung ist im Material gespeichert. Trifft nun ein fokussierter Laserstrahl auf einen Punkt und erhitzt ihn auf etwa 170 Grad Celsius, entspannt sich das Material an dieser Stelle schlagartig und zieht sich zusammen . Diese winzige Änderung der physikalischen Struktur verändert den Brechungsindex des Materials – ein Bit Information war geboren. Und das Bemerkenswerteste: Da der Film transparent bleibt, kann der Laser nicht nur die oberste, sondern durch mehrlagiges Aufwickeln hunderte von Schichten beschreiben. Die Theorie versprach bis zu 10 Gigabyte auf einer handelsüblichen Rolle .

Die Nachricht von dieser Entdeckung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. 1999 wurden Noehte und Gerspach vom Magazin ComputerBILD mit dem Sonderpreis des „Goldenen Computer“ ausgezeichnet. Doch der Weg vom Laborfund zum marktreifen Produkt war steinig.

Der steinige Weg zur Marktreife: Kooperationen und Rückschläge

Das Potenzial der Idee war enorm, und schnell fanden sich starke Partner. Die Universität Mannheim, das Heidelberger European Media Laboratory (EML) – ein privates Forschungsinstitut der Klaus-Tschira-Stiftung – und der Hamburger Klebeband-Hersteller Beiersdorf AG (tesa) bündelten ihre Kräfte . Die Physiker Noehte und Gerspach wechselten ans EML, um ihre Forschung unter industrienahen Bedingungen voranzutreiben .

Doch schon bald zeigten sich die technologischen Hürden. Das größte Problem war ein Paradoxon: Um Daten zu schreiben, muss der Film Laserlicht absorbieren, um sich zu erwärmen. Ein völlig transparenter Film tut dies nicht. Im Labor behalfen sich die Forscher, indem sie die Folie mit einem Filzstift schwärzten . Für ein marktreifes Produkt war das keine Lösung. Zwar forschte man an ausgeklügelten Methoden, etwa dem Einbringen von Farbstoffen, die sich mit elektrischen Feldern gezielt ausbleichen ließen, doch das war damals „Zukunftsmusik“ .

Ein weiteres Problem war die Schreibgeschwindigkeit und die begrenzte Anzahl der nutzbaren Lagen. Statt der theoretischen 10 Gigabyte ging Dr. Noehte selbst „bei vertretbarem Aufwand“ nur von etwa 20 bespielbaren Lagen mit bis zu drei Gigabyte aus – ein Wert, der unter der Kapazität damaliger Festplatten lag . Hinzu kam die Konkurrenz: Die DVD etablierte sich, und vor allem die ersten USB-Sticks auf Basis von Flash-Speicher läuteten eine neue Ära der wiederbeschreibbaren, schnellen und robusten Datenträger ein.

Im Dezember 2001, fast vier Jahre nach der Entdeckung, wurde schließlich die Firma tesa scribos GmbH mit Sitz in Mannheim gegründet . Die tesa AG steckte über fünf Millionen Euro Startkapital in das Gemeinschaftsunternehmen, das organisatorisch unabhängig vom Klebebandgeschäft agieren sollte . Die Erfinder Noehte und Gerspach hielten 25 Prozent der Anteile . Das Ziel war klar: Aus der spektakulären Erfindung sollte ein ernsthaftes Geschäft werden. Doch nicht die Tesa-ROM für den Endverbraucher, sondern eine andere, zunächst nebensächlich erscheinende Anwendung rückte in den Fokus: der „Holospot“ .

Die Trendwende: Vom Massenspeicher zum Sicherheitsetikett

Bereits in der frühen Forschungsphase am EML erkannten Noehte und Gerspach ein weiteres, enormes Potenzial ihrer Technologie. Sie konnten nicht nur große Datenmengen in der Tiefe einer Rolle speichern, sondern auch winzige, hochkomplexe Hologramme in eine dünne Klebefolie einbrennen. Diese „Holospots“ waren mit bloßem Auge kaum als Muster erkennbar, enthielten aber eine Datenmenge, die tausendmal größer war als die eines herkömmlichen Barcodes . Noch wichtiger: Sie waren praktisch fälschungssicher, da sie sich mit herkömmlichen Druck- oder Holografieverfahren nicht kopieren ließen .

Hier lag der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. Während der Markt für Wechseldatenträger von der Konkurrenz überrollt wurde, explodierte der Bedarf an Produktsicherheit. Die Schäden durch Produkt- und Markenpiraterie stiegen rasant. tesa scribos konzentrierte sich daher konsequent auf diesen Bereich und entwickelte den Holospot zur Marktreife .

tesa scribos wird zu SCRIBOS: Die Ära unter dem KURZ-Dach

Die Strategie ging auf. tesa scribos etablierte sich als führender Anbieter von fälschungssicheren Lösungen für die Pharmabranche, die Automobilindustrie und für Ausweise . Das Unternehmen wuchs und zog schließlich nach Heidelberg um. Der nächste große Schritt erfolgte, als die renommierte Leonhard KURZ Stiftung & Co. KG, ein Weltmarktführer für Präge- und Beschichtungstechnologien, auf das Unternehmen aufmerksam wurde. KURZ übernahm tesa scribos vollständig und gliederte es in seinen Konzern ein. Aus tesa scribos wurde SCRIBOS – a KURZ company .

Unter dem Dach von KURZ konnte SCRIBOS sein Angebot erheblich erweitern. Die Verbindung mit KURZ‘ Expertise in Heißprägefolien und dekorativen Oberflächen eröffnete völlig neue Möglichkeiten. SCRIBOS ist heute ein global agierendes Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern und hat Lösungen für mehr als 500 führende Marken weltweit entwickelt – von Stellantis über Bosch bis hin zu Chloé .

Und was wurde aus den Erfindern? Dr. Steffen Noehte blieb dem Unternehmen treu und war über viele Jahre hinweg eine zentrale Figur in der Geschäftsführung von SCRIBOS, wo er seine Erfindung kontinuierlich weiterentwickelte . Matthias Gerspach wandte sich nach seiner Zeit bei tesa scribos neuen Herausforderungen zu, blieb aber als Mitentdecker einer der Väter dieser Technologie. Ihre Namen sind eng mit einer der kreativsten Erfindungen der deutschen Forschungslandschaft verbunden.

Heutige Anwendungen: Unsichtbare Helfer im Alltag

Die Nachfolgetechnologie des Tesa-Speichers begegnet uns heute täglich, ohne dass wir es merken. SCRIBOS bietet eine ganze Plattform von Sicherheitslösungen an, die auf dem ursprünglichen Prinzip basieren.

1. Der Holospot wird zu VeoMark und ValiGate®

Der direkte Nachfahre des Holospot ist die Produktfamilie VeoMark und ValiGate® . Dabei wird ein mikroskopisch kleines, individuelles Hologramm in ein Etikett oder direkt in die Verpackung eingebracht. Dieses Merkmal kann verschiedene Sicherheitsstufen kombinieren:

  • Offene Merkmale: Für den Kunden sichtbare Hologramme, die als erstes Erkennungszeichen dienen.
  • Verdeckte Merkmale: Nur mit einem speziellen Detektor lesbare Codes für Zoll und Ermittlungsbehörden.
  • Digitale Merkmale: Die Hologramme sind oft mit einem individualisierten QR-Code kombiniert .

2. Vom Label zur digitalen Erlebniswelt

Die Technologie ist heute weit mehr als nur ein Fälschungsschutz. Über die Plattform SCRIBOS 360 werden die physischen Etiketten zum Tor in die digitale Welt. Ein Beispiel ist der Fensterhersteller Galvanni. Jedes Kleidungsstück erhält ein textiles Etikett mit einem VeoMark. Kunden können den QR-Code darauf scannen und gelangen auf eine Seite, wo sie die Echtheit des Produkts überprüfen können .

Noch einen Schritt weiter geht der Mutterkonzern tesa selbst. Für seine hochwertigen Insektenschutzrahmen der Serie „Insect Stop“ nutzt tesa ein ValiGate®-Etikett . Der QR-Code auf dem Rahmen führt den Käufer nicht nur zur Authentifizierung, sondern zu einer individuellen Produkterfahrung: Er kann das Produkt registrieren, um die Garantie zu verlängern, erhält Zugriff auf spezielle Installationsvideos oder wird zu Gewinnspielen eingeladen. Die Inhalte lassen sich jederzeit über die Plattform anpassen, sodass der Kunde auch Jahre nach dem Kauf noch neue Informationen abrufen kann .

3. Kampf gegen Plagiate in der Industrie

In der Automobilindustrie (z.B. bei Stellantis) oder bei Elektrowerkzeugen (Bosch) schützen die SCRIBOS-Labels vor dem Eindringen gefälschter Ersatzteile in den Markt. Jede Zündkerze, jeder Ölfilter oder jedes Ersatzteil für eine Bremsanlage kann so ein individuelles, unkopierbares Siegel erhalten. Dies schützt nicht nur den Umsatz des Herstellers, sondern vor allem die Sicherheit der Verbraucher.

Weitergedacht: Zukünftige Potenziale der Tesa-Techologie

Die Reise der Tesa-Techologie ist noch lange nicht zu Ende. Die Grundprinzipien – die Modulation des Brechungsindex in Polymeren und das multilagige, volumetrische Speichern – sind hochaktuell und könnten in verschiedenen Zukunftsfeldern eine Renaissance erleben.

1. Die Wiedergeburt des volumetrischen Speichers

Die Idee, Daten im Volumen eines Würfels oder einer Folie und nicht nur auf der Oberfläche zu speichern, ist einer der vielversprechendsten Ansätze für die Datenspeicherung der Zukunft. Während die Tesa-ROM an der Alltagstauglichkeit scheiterte, wird an verwandten Prinzipien intensiv geforscht.

Die wissenschaftliche Arbeit „Photosensitive polymers bearing fully aromatic esters for multilayer data storage devices“ vom Joanneum Research aus dem Jahr 2011 zeigt, dass die Forschung genau in diese Richtung geht . Hier werden spezielle Polymere entwickelt, deren Brechungsindex sich durch UV-Licht gezielt verändern lässt. Das Besondere: Durch die Verwendung von zwei verschiedenen Polymerschichten, die auf unterschiedliche Wellenlängen reagieren, ist es möglich, selektiv in jeder Ebene zu schreiben, ohne die benachbarte Schicht zu beeinflussen . Dies löst eines der Kernprobleme der Tesa-ROM – die Selektion der einzelnen Lagen – auf elegante Weise.

Noch einen Schritt weiter geht die Forschung an Zwei-Photonen-Absorption, wie sie bereits 1990 von Parthenopoulos und Rentzepis beschrieben wurde . Dabei wird ein Laserpuls so fokussiert, dass er nur im absoluten Brennpunkt genug Energie hat, um eine Reaktion im Material auszulösen. So lassen sich Datenpunkte in drei Dimensionen mit hoher Präzision setzen.

Denkbare Zukunft: Stellen Sie sich einen durchsichtigen Polymer-Würfel von der Größe eines Zuckerwürfels vor, der mehrere Terabyte an Daten für Jahrtausende speichert – energieeffizient, ohne bewegliche Teile und extrem langlebig. Die Tesa-ROM war der naive Vorfahre solcher Holographic Versatile Disc (HVD)-Nachfolger.

2. Smarte Verpackungen 4.0: Die Verpackung als Interface

Die heutigen Lösungen von SCRIBOS sind erst der Anfang. Wenn jedes Produkt eine unverwechselbare, fälschungssichere Identität hat, ergeben sich völlig neue Geschäftsmodelle.

  • Kreislaufwirtschaft: Ein ValiGate®-Label könnte nicht nur die Echtheit bestätigen, sondern auch ein digitaler Produktpass sein. Eine Scanner-App am Wertstoffhof könnte das Material des Kunststoffs auslesen und es der richtigen Recyclingstraße zuführen. Der Hersteller könnte sehen, wie viele seiner Produkte tatsächlich recycelt werden.
  • Interaktion und Loyalität: Die Produktverpackung wird zum personalisierten Touchpoint. Ein Parfumflakon mit einem integrierten Hologramm könnte, vom Smartphone gescannt, ein personalisiertes Video des Markenbotschafters abspielen oder ein individualisiertes Pflichtspiel freischalten. Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

3. Integration in Banknoten und Ausweise

Die Leonhard KURZ Gruppe ist ein führender Anbieter von Sicherheitsmerkmalen für Banknoten und Ausweise. Die ValiGate®-Technologie hat das Potenzial, noch tiefer in diese Dokumente integriert zu werden. Denkbar ist ein „ValiGate® Zoom“ , ein Sicherheitsmerkmal, das mit dem Smartphone ohne spezielle App überprüft werden kann . Einfach die Banknote mit der Handykamera scannen, und eine App erkennt das unkopierbare Hologramm und bestätigt die Echtheit. Das wäre ein gewaltiger Schlag gegen Geldfälschung.

4. Medizintechnik und IoT

Winzige Hologramme könnten als „optische Barcodes“ auf medizinischen Implantaten oder Laborgeräten dienen. Sie sind biokompatibel, extrem klein und können Informationen wie Chargennummer, Sterilitätsdatum oder Herkunft codieren, ohne dass ein störender Aufkleber nötig ist. Im Internet of Things (IoT) könnten diese Hologramme als optische Tags dienen, die keine Energie benötigen und dennoch eine eindeutige Identifikation von Gegenständen in einer intelligenten Fabrik ermöglichen.

Fazit: Vom Klebeband zur unsichtbaren Sicherheitsarchitektur

Was als verrückte Idee zweier Physiker auf einem Stück Tesafilm begann, hat sich zu einer ernstzunehmenden Sicherheitstechnologie gemausert. Die Vision der Tesa-ROM als Massenspeicher für zu Hause hat sich nicht erfüllt – dafür war die Konkurrenz zu schnell und die technischen Hürden zu hoch. Doch aus dem Scheitern einer Idee erwuchs der Erfolg einer anderen. Dr. Steffen Noehte und Matthias Gerspach legten mit ihrer Entdeckung den Grundstein für ein Unternehmen, das heute Weltmarktführer im Kampf gegen Produktpiraterie ist.

Die Geschichte des Tesa-Speichers ist ein Paradebeispiel für den Wert von Grundlagenforschung und Querdenken. Sie zeigt, dass eine Erfindung, die in einem Bereich scheitert, in einem anderen zur Blüte gelangen kann. Und sie zeigt, wie eine Technologie, die auf simplen physikalischen Prinzipien beruht – der Dehnung von Polypropylen –, durch kluge Weiterentwicklung zu einer hochkomplexen, digitalen Sicherheitslösung wird.

Die Reise ist noch nicht zu Ende. In den Labors wird weiter an volumetrischen Speichern und intelligenten Polymeren geforscht. Die Prinzipien des Tesafilms könnten in Zukunft wiederaufleben – vielleicht nicht als Kleberolle, aber als hochmoderner Kristall, der die Daten der Menschheit für Jahrtausende bewahrt. Bis dahin schützt der kleine, unsichtbare Nachfahre des Tesa-Speichers tagtäglich Marken und Verbraucher auf der ganzen Welt – ein stiller, aber umso wirkungsvollerer Held des Alltags.

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