Von einer ungewöhnlichen Allianz: Wie Streunerkatzen hinter Gittern für weniger Gewalt sorgen und Häftlinge resozialisieren

Einleitung

Die Justizvollzugsanstalten der Vereinigten Staaten sind von einer hohen Rückfallquote geprägt, die landesweit bei fast 70 Prozent liegt. In diesem meist kargen und mitunter gewalttätigen Umfeld ist in den letzten Jahren ein ungewöhnliches Projekt gewachsen: Die Zusammenarbeit von Häftlingen mit Streunerkatzen – eine Allianz, die beiden Seiten gleichermaßen zugutekommt. Denn während die Tiere, die oft vor der Tötung stehen, ein neues Zuhause erhalten, erlernen die Insassen Verantwortung, Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenzen. Die Wirkung dieser Begegnung ist dabei nicht nur eine rein emotionale: In einigen Anstalten ist die Zahl der Schlägereien und Gewaltvorfälle nachweislich um fast die Hälfte gesunken. Der folgende Artikel beleuchtet die Ursprünge, Funktionsweise und gesellschaftliche Bedeutung dieser Programme.

Von einer Idee zum landesweiten Erfolgsmodell

Tiere hinter Gittern sind keine vollkommen neue Erfindung. Bereits im Jahr 1975 richtete eine psychiatrische Einrichtung in Lima, Ohio, eine Studie ein, in der Patienten mit einem verletzten Vogel interagieren durften. Die Ergebnisse waren verblüffend: In der Gruppe mit tierischem Kontakt gab es keine einzige dokumentierte Gewalttat, während in der Kontrollgruppe allein acht Selbstmordversuche verzeichnet wurden. Die Wissenschaftler beobachteten zudem einen geringeren Medikamentenbedarf und ein deutlich entspannteres Sozialverhalten. Wurde dieser Ansatz anfangs vor allem mit Hunden erprobt, so weitete er sich in den 2000er Jahren auch auf Katzen aus.

Eines der bekanntesten Programme trägt den Namen „F.O.R.W.A.R.D.“ – die Abkürzung steht für „Felines and Offenders Rehabilitation with Affection, Reformation and Dedication“. 2015 startete es in der Pendleton Correctional Facility im Bundesstaat Indiana. In Zusammenarbeit mit der „Animal Protection League“ (APL) wurde eine leerstehende Büroetage in eine Art Katzenschlaraffe umgewandelt, in der sich heute mehr als zwanzig Samtpfoten tummeln. Die Tiere stammen meist aus überfüllten Tierheimen und wären andernfalls der Euthanasie nicht entgangen. Das Projekt war, wie ein Vertreter der APL festhielt, „die erste Gelegenheit für viele Insassen, sich um etwas Lebendiges zu kümmern und echte Verantwortung zu übernehmen“.

Doch Indiana ist nicht der alleinige Vorreiter. In Washington etwa arbeitet die „Larch Correctional Facility“ mit der Organisation „Cuddly Catz“. Auch hier erhalten die Insassen einen kleinen Lohn dafür, dass sie die Katzen an den Umgang mit Menschen gewöhnen. Im Gegenzug profitieren die Tiere von Liebe, Zuwendung und der Chance, nach ihrer „Sozialisation“ in ein neues Zuhause vermittelt zu werden.

Ein sicherheitspolitischer Nebeneffekt: Weniger Gewalt im Knast

Die bemerkenswerteste Entwicklung dieser Programme ist die Verbesserung der Sicherheitssituation innerhalb der Gefängnisse. Einer Studie zufolge sank die Zahl der gewalttätigen Auseinandersetzungen in einer Einrichtung in Ohio innerhalb von fünf Jahren um bis zu 50 Prozent. Gleichzeitig ergab eine Untersuchung des „Cell Dogs“-Programms, dass die Gewalt in den beteiligten Anstalten um etwa 40 Prozent zurückging. Ein Gefängnisdirektor brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Die Gegenwart der Hunde – und in vergleichbarem Maße auch die der Katzen – hat eine beruhigende Wirkung auf die gesamte Atmosphäre und verbessert die Laune aller.“

Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in der psychologischen Wirkung. Das Team der „Animal Protection League“ vermeldete, dass die Insassen im Umgang mit den Tieren „lernen, Probleme mit gewaltfreien Mitteln zu lösen“. Dass es eine Katze mit einem Fauchen oder einem Kratzer quittiert, wenn ein Mensch zu aufdringlich oder unbedacht mit ihr umgeht, zwingt die Männer zur Selbstreflexion. Ein Insasse aus Indiana bekannte, dass er nicht mehr überreagiere, weil er seine „beste Freundin“ nicht verlieren wolle. Diese Lektionen scheinen tatsächlich zu wirken: In einer bundesweiten Erhebung aus dem Jahr 2006 berichteten 100 Prozent der am Programm teilnehmenden Insassen, dass sie sich durch die Anwesenheit der Tiere glücklicher und ausgeglichener fühlten.

Viele Programme binden die Tierpflege zudem an einen positiven Verhaltenskatalog. Das Füttern, Bürsten und Spielen mit den Katzen ist ein Privileg. Wer sich gewalttätig verhält, verliert dieses Vorrecht. Einige Anstalten, wie die in Washington, erlauben nur Insassen mit tadellosem Benehmen die Teilnahme. Die Konsequenz ist ein gesteigertes Verantwortungsgefühl, von dem auch der Gefängnisalltag profitiert.

Win-Win-Situation für Katzen und Insassen

Die zweite Säule dieser Programme ist die Resozialisierung der Häftlinge. Die tierversierte Psychologin Monica Solinas-Saunders von der Indiana University bezeichnete die Effekte als „fantastisch“. In ihren Forschungen stellte sie fest, dass das Projekt nicht nur die Rückfallquote senkt, sondern auch die sogenannten „Soft Skills“ – wie Empathie, Selbstwirksamkeit und Teamfähigkeit – stärkt.

„Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir erlaubt habe, mich um etwas zu kümmern“, sagte ein ehemaliger Häftling des Larch-Gefängnisses. Diese Aussage offenbart das Herzstück der Programme: Viele Insassen haben nie gelernt, sich bedingungslos um andere zu kümmern oder Mitgefühl zu zeigen. Eine sanfte Katze, die sich an sie schmiegt, macht keinen Unterschied zwischen einer blauen Häftlingsuniform und ziviler Kleidung. Sie verurteilt nicht für die begangenen Taten. Diese bedingungslose Zuneigung ist für viele Häftlinge eine therapeutische Erfahrung, die ihnen hilft, Vertrauen aufzubauen.

Dass die Tiere von diesem Austausch profitieren, ist ein klarer Nebeneffekt. In der „Pendleton Correctional Facility“ und vielen anderen Einrichtungen lernen traumatisierte, ängstliche Tiere, die in den Tierheimen kaum eine Vermittlungschance hatten, wieder zu zutraulichen Gefährten zu werden. Einige der Katzen werden nach ihrer „Gefängniszeit“ sogar von den Angehörigen der Insassen oder vom Personal adoptiert. So erhält jedes Tier, das die Haftanstalt durchläuft, im Idealfall die Chance auf ein neues, artgerechtes Leben.

Grenzen, Kontroversen und Risiken

Dennoch sind diese Gefängnisprojekte nicht ohne Kritik. Wie ein Artikel des „Felony Murder Elimination Project“ anmerkt, war die Forschung anfangs vor allem auf Hunde ausgerichtet. Bei Katzen fehlen bisweilen die umfassenden Langzeitstudien zu Recidivism-Raten. Ein weiterer Punkt ist die Finanzierung: Die Pflege, Tierarztkosten und die Einrichtung eigener Räume verursachen Ausgaben, die nicht jedes Gefängnis stemmen kann. Während die „FORWARD“- und „Cuddly Catz“-Initiativen auf Spenden angewiesen sind und durchaus kosteneffizient arbeiten können, scheitern ähnliche Projekte bisweilen an bürokratischen Hürden oder fehlenden finanziellen Mitteln.

Auch aus ethischer Perspektive gibt es Diskussionen. Ist es angemessen, Tiere in die durch aggressive Straftäter geprägte Umgebung eines Gefängnisses zu bringen? Bisher gibt es keine Belege für eine einzige dokumentierte Tierquälerei in diesen Projekten. Allerdings fordern Experten, dass Programme nur mit ausreichend geschultem Personal und klaren Regeln durchgeführt werden. Einige Gefängnisse, wie das „Monroe Correctional Complex“ im Bundesstaat Washington, gingen daher noch einen Schritt weiter und ließen die Teams von Tierpsychologen begleiten.

Ausblick und Übertragbarkeit auf andere Länder

Die ermutigenden Ergebnisse aus den USA haben bereits Nachahmer in Europa und anderswo gefunden. Die Schweiz etwa unterhält in den Anstalten Saxerriet, Hindelbank und Basel ähnliche Programme. Dort bezahlen die Insassen die Futter- und Tierarztkosten teils aus eigener Tasche, um die Katzen bei sich aufnehmen zu dürfen. Auch in Großbritannien und den Niederlanden gibt es erste Bestrebungen, die tiergestützte Therapie in den Strafvollzug zu integrieren.

Fachleute wie die Psychologin Lily Merklin von der Universität Freiburg sehen darin ein enormes Potenzial: „Tiere wecken verborgene Gefühle – Zuneigung, Fürsorglichkeit und Mitleid“, erklärte sie in einem Interview. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz wäre eine systematischere Implementierung wünschenswert, auch wenn die rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen einen niedrigschwelligen Transfer der US-Modelle nicht ohne Weiteres zulassen.

Fazit

Gefängnisse sind keine heiteren Orte. Doch das Projekt, Streunerkatzen mit Insassen zusammenzubringen, beweist, dass selbst hinter Gittern Heilung möglich ist. Die Tiere erfahren Fürsorge, statt eingeschläfert zu werden, während die Häftlinge durch Empathie und Verantwortung lernen, ein gewaltfreieres Leben zu führen. Die bisherigen Studienergebnisse – von einem Rückgang der Gewalt um bis zu 50 Prozent in einzelnen Anstalten bis hin zu einer verbesserten Rückfallquote – sind vielversprechend.

Die Idee ist kein Allheilmittel und nicht in jedem Gefängnis umsetzbar. Aber sie zeigt, dass die Verbindung von Strafvollzug und Tierschutz weit mehr ist als eine bloße Feel-Good-Erzählung. Sie ist ein innovativer, kosteneffizienter und menschlicher Ansatz zur Resozialisierung von Straftätern, der den Grundstein für eine sicherere und mitfühlendere Gesellschaft legen könnte.


Quellen:

  • Furst, Gennifer: Prison-Based Animal Programs: A National Survey, in: The Prison Journal 86 (4), 2006, S. 407–430.
  • Solinas-Saunders, Monica / Stohr, Mary K.: Prison-Based Animal Programs: An Overview of the Research, in: The Prison Journal 93 (3), 2013, S. 295–316.
  • Johnson, Andrew: Tender Loving Care: Ohio‘s Prison Pet Program, Ohio Department of Rehabilitation and Correction, Columbus 2015.
  • Merklin, Lily: Tiere im Strafvollzug – Möglichkeiten der tiergestützten Intervention, Dissertation, Universität Freiburg, 2020.
  • „Shelter cats transform prisoners’ lives in this jail“, Animal Scene Magazine, September 2019.
  • „Ind. prison gives shelter cats second chance“, Corrections1, 10. April 2015.
  • „Finding Redemption with Prison Cats“, Felony Murder Elimination Project, November 2024.
  • „Mensch – Tiere als Helfer im Gefängnis“, SRF Wissen, 23. April 2013.
  • „Häftlinge in US-Gefängnis kümmern sich um Katzen“, Der Spiegel, 5. Mai 2012.
  • „Katzen hinter Gittern – Wie Straßenkatzen das Leben von Gefängnisinsassen verändern“, Maunzig, Dezember 2024.

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