Der unsichtbare Lebensretter: Eine umfassende Betrachtung des Fehlerstrom-Schutzschalters (FI-Schalter)

Einleitung

Er ist nur eine unscheinbare Komponente im Sicherungskasten, etwa so groß wie eine Packung Spielkarten, und doch hat er seit seiner Erfindung unzähligen Menschen das Leben gerettet: der Fehlerstrom-Schutzschalter, kurz FI-Schalter. Kaum eine andere Erfindung in der Elektrotechnik hat einen so direkten und messbaren Beitrag zur Sicherheit von Menschen und Sachwerten geleistet.

Die Geschichte des FI-Schalters ist eine faszinierende Reise von den Anfängen der Elektrifizierung über mutige Selbstversuche bis hin zu hochkomplexen, mikroprozessorgesteuerten Schutzeinrichtungen. Sie zeigt, wie das Verständnis für die Gefahren des elektrischen Stroms gewachsen ist und wie die Technik stets danach strebt, diese Gefahren zu bannen. Heute ist der FI-Schalter aus modernen Gebäuden, Industrieanlagen und selbst dem heimischen Badezimmer nicht mehr wegzudenken. Seine Entwicklung spiegelt den technologischen Wandel der letzten hundert Jahre wider – von einfachen mechanischen Konstruktionen hin zu intelligenten Systemen, die mit den Herausforderungen moderner Elektronik Schritt halten.

Dieser Artikel zeichnet ein umfassendes Bild dieser Schutzvorrichtung. Wir beleuchten die historische Entwicklung, erklären die physikalischen Grundlagen, analysieren die rechtlichen Rahmenbedingungen und geben einen detaillierten Überblick über die verschiedenen Typen, die heute für die unterschiedlichsten Einsatzbereiche zur Verfügung stehen.

1. Historische Entwicklung: Der Weg zur Sicherheit

Die Geschichte des FI-Schalters ist keine gerade Linie, sondern ein kurvenreicher Weg voller Ideen, Rückschläge und bahnbrechender Erkenntnisse.

1.1 Die ersten Ideen und Patente

Die grundlegende Idee, Stromkreise auf „verlorenen“ Strom zu überwachen, ist älter, als man vermuten würde. Bereits 1903 meldete die Firma Schuckert ein Patent für eine „Summenstromschaltung zur Erdschlusserfassung“ an . Dabei ging es zunächst nicht um Personenschutz, sondern um die technische Überwachung von Netzen. Auch bei AEG gab es frühe Methoden zur Messung von Erdschlussströmen .

Der erste Meilenstein in Richtung Personenschutz gelang jedoch Herrn Bütow, einem Mitarbeiter des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks (RWE). Ihm wurde am 8. April 1928 das Patent (Deutsches Reichspatent Nr. 552 678) für eine „Schutzschaltung zur Sicherung von Menschen und Tieren gegen Schäden durch Berührung eines spannungsführenden Leiters eines Niederspannungsnetzes“ erteilt . Dies war die Geburtsstunde des Gedankens, einen technischen Apparat zu nutzen, um Lebewesen vor den Gefahren der Elektrizität zu schützen.

1.2 Die Ära der spannungsabhängigen Schutzschalter (ELCB)

Bevor sich das heutige Prinzip durchsetzte, waren sogenannte spannungsabhängige Fehlerstrom-Schutzschalter (engl. ELCB für Earth Leakage Circuit Breaker) verbreitet. Diese Geräte maßen die Spannung, die am Schutzleiter (Erde) gegen das Erdpotential entstehen konnte. Stieg diese Spannung an – ein Zeichen dafür, dass Strom über einen ungewollten Pfad zur Erde abfloss – lösten sie aus.

Dieses Prinzip hatte jedoch einen entscheidenden Konstruktionsfehler: Es benötigte zwingend einen funktionierenden Schutzleiter und eine einwandfreie Erdung, um überhaupt arbeiten zu können . Zudem erkannte es nur Fehler, die einen Rückfluss über die Erder ermöglichten. War die Erdung mangelhaft oder unterbrochen – was in der Praxis leider häufig vorkam –, versagte der Schutz. Diese Technik war daher nur eine begrenzte Verbesserung gegenüber älteren, oft unzulänglichen Schutzmaßnahmen wie der „Nullung“.

1.3 Der Durchbruch: Gottfried Biegelmeier und der stromabhängige FI-Schalter

Der wahre Durchbruch gelang einem österreichischen Physiker: Gottfried Biegelmeier. Im Jahr 1957 präsentierte er einen ausgereiften, serienreifen Fehlerstrom-Schutzschalter, der auf einem völlig anderen Prinzip basierte: dem stromabhängigen Vergleich . Sein Dienstgeber, die Firma Felten & Guilleaume in Schrems (Niederösterreich), brachte das Gerät 1960 auf den Markt – mit durchschlagendem Erfolg. Der Umsatz des Unternehmens schnellte in die Höhe .

Biegelmeiers Geniestreich war die Erkenntnis, dass man nicht die Spannung zur Erde, sondern die Differenz zwischen hin- und rückfließendem Strom messen muss. Sein Funktionsprinzip ist simpel und genial zugleich: Im fehlerfreien Zustand sind der Strom, der in ein Gerät hineinfließt (über den Außenleiter), und der Strom, der zurückfließt (über den Neutralleiter), exakt gleich groß. Entsteht ein Fehler – etwa weil ein Mensch einen stromführenden Teil berührt und ein Teil des Stroms über seinen Körper zur Erde abfließt –, stimmen die beiden Ströme nicht mehr überein. Diese Differenz (ΔIΔI) wird vom FI-Schalter erkannt, und er unterbricht den Stromkreis innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde.

Biegelmeier begnügte sich nicht mit der Erfindung. Um die Wirksamkeit und die notwendigen Grenzwerte zu erforschen, führte er aufwendige, oft gefährliche Experimente durch – bis hin zu Selbstversuchen, bei denen er sich bewusst einem elektrischen Schlag aussetzte, um die Gefahrengrenzen für Herzkammerflimmern zu ermitteln . Seine Forschungsergebnisse flossen in internationale Standards (IEC 60479) ein und legten die Grundlage für die heute gültigen Schutzgrenzwerte . 1996 gründete er die „Gemeinnützige Stiftung Elektroschutz“ in Wien .

EntwicklungsschrittZeitraum/ JahrBeschreibung
Erste Idee1903Patent für Summenstromschaltung zur Erdschlusserfassung (Schuckert)
Patent für Personenschutz1928Patent (Nr. 552 678) für eine Schutzschaltung für Menschen und Tiere (Bütow/RWE)
Zeit der ELCBsca. 1930-1960Ära der spannungsabhängigen Schutzschalter (ELCBs) mit systembedingten Schwächen
Erfindung des modernen FI1957Gottfried Biegelmeier präsentiert den serienreifen, stromabhängigen FI-Schalter
Markteinführung1960Felten & Guilleaume bringt Biegelmeiers Erfindung auf den Markt
Forschung zu Grenzwerten1960er+Biegelmeier erforscht in Selbstversuchen die Gefahrengrenzen des Stroms
Vorschrift für Feuchträume198430-mA-FI wird für Badezimmer-Neuanlagen (VDE 0100 Teil 701) vorgeschrieben
Vorschrift für Neubauten2007/2009DIN VDE 0100-410 schreibt FI (≤30 mA) für fast alle Steckdosen im Neubau vor
Moderne Typenvielfalt2010+Einführung der Typen F, B, B+ für Frequenzumrichter, PV-Anlagen, E-Mobilität

1.4 Ein Zwischenspiel: Die Badewannen-Potentialausgleichsleitung

Ein tragisches Ereignis beeinflusste die Entwicklung der Schutzmaßnahmen nachhaltig. Am 3. August 1954 verunglückte der 8-jährige Robert Ireland in Dachau tödlich in der Badewanne . Als Reaktion darauf wurde in relativ kurzer Zeit die Badewannen-Potentialausgleichsleitung – eine Drahtverbindung zwischen Wasserleitung und Badewanne – für Neuanlagen vorgeschrieben (VDE 0100 / 11.58).

Diese Maßnahme sollte zwar den Unfall verhindern, war aus heutiger Sicht aber nicht unproblematisch. Spätere Messungen zeigten, dass Badewannen oft einen sehr hohen Isolationswiderstand haben. Wird dieser künstliche Erdungsweg geschaffen, kann eine in der Wanne befindliche Person im Fehlerfall Teil eines Stromkreises werden, was ohne diese Verbindung vielleicht nicht der Fall gewesen wäre. Die Lehre daraus: Erst die Einführung des 30-mA-FI-Schalters für Badezimmer im Jahr 1984 (VDE 0100 Teil 701) bot einen wirklich umfassenden Schutz, indem er den Strom im Fehlerfall sofort abschaltet .

2. Physikalische Grundlagen und Funktionsweise

Um die Bedeutung des FI-Schalters zu verstehen, muss man sich die Wirkung des elektrischen Stroms auf den menschlichen Körper vor Augen führen.

2.1 Die Gefahr des elektrischen Stroms

Der menschliche Körper ist ein elektrischer Leiter. Bei einer Berührung mit spannungsführenden Teilen kann Strom durch den Körper fließen. Die Schwere der Verletzung hängt vor allem von der Stromstärke, der Einwirkdauer und dem Stromweg ab.

  • Ab ca. 10 mA: Wahrnehmbare, aber in der Regel ungefährliche Schwellen. Es kommt zu Kribbeln oder Muskelreizungen.
  • Ab ca. 30 mA: Die Muskeln können verkrampfen (Loslassschwelle überschritten), was dazu führen kann, dass die stromführenden Teile nicht mehr losgelassen werden können.
  • Ab ca. 50 mA (Herzkammerflimmer-Schwelle): Der Strom kann das empfindliche Erregungsleitungssystem des Herzens stören. Es kommt zu einer unkoordinierten, schnappenden Bewegung der Herzmuskelfasern (Herzkammerflimmern). Das Herz pumpt kein Blut mehr. Ohne sofortige Hilfe (Defibrillation) tritt innerhalb weniger Minuten der Tod ein.
  • Ab mehreren 100 mA: Atemstillstand durch Verkrampfung der Atemmuskulatur oder schwere Verbrennungen.

Die Höhe des Stroms (II), der durch den Körper fließt, ergibt sich aus dem Ohmschen Gesetz: I=U/RI=U/R. Bei einer Netzspannung von 230 V und einem typischen Körperwiderstand (z. B. von der Hand über den Körper zum Fuß) von etwa 1000 bis 2000 Ω, kann ein Strom von 115 bis 230 mA fließen – ein Vielfaches der tödlichen Schwelle. Die entscheidende Größe ist daher die Zeit: Je schneller der Strom unterbrochen wird, desto geringer ist die Energie, die auf den Körper einwirkt, und desto höher sind die Überlebenschancen.

2.2 Das Prinzip der Differenzstrommessung

Genau hier setzt der FI-Schalter an. Er ist ein Differenzstrom-Schutzschalter, der die Summe der Ströme in den überwachten Leitern misst.

Das Herzstück eines jeden FI-Schalters ist ein Summenstromwandler, ein Ringkern aus hochpermeablem Magnetmaterial, durch den alle aktiven Leiter des Stromkreises (Außenleiter L1, L2, L3 und der Neutralleiter N) als Primärwicklung geführt werden. Im Normalbetrieb fließt in den Außenleitern Strom zum Verbraucher und im Neutralleiter mit gleicher Stärke zurück. Die magnetischen Felder, die diese Ströme im Ringkern erzeugen, heben sich gegenseitig auf. Die resultierende magnetische Flussdichte ist Null.

Im Fehlerfall – ein Teil des Stroms (IΔIΔ​) fließt über einen defekten Isolationspfad oder einen Menschen zur Erde ab – stimmen die Ströme nicht mehr überein. Der Rückfluss im Neutralleiter ist um genau diesen Fehlerstrom geringer. Die Summe der Ströme ist nicht mehr Null, und im Ringkern entsteht ein magnetisches Wechselfeld. Dieses Feld induziert in einer sekundärseitig auf den Ringkern gewickelten Spule eine Spannung.

Diese Spannung wird einem empfindlichen Auslöserelais zugeführt. Überschreitet die induzierte Spannung einen bestimmten Schwellwert (entsprechend dem Bemessungsdifferenzstrom IΔnIΔn​), löst das Relais aus und der FI-Schalter trennt den Stromkreis. Dies geschieht extrem schnell, typischerweise in weniger als 30 Millisekunden. Die zum Auslösen benötigte Energie wird bei den meisten modernen FI-Schaltern (RCCBs) direkt aus dem Fehlerstrom selbst gewonnen – sie sind netzspannungsunabhängig. Das ist ein entscheidender Sicherheitsvorteil, da sie auch dann funktionieren, wenn die Spannung im Netz bereits zusammengebrochen ist oder Fehler im Neutralleiter vorliegen .

3. Notwendigkeit, rechtliche und technische Voraussetzungen

Die Einführung des FI-Schalters war nicht nur eine technische, sondern auch eine normative und rechtliche Meisterleistung.

3.1 Warum ein FI-Schalter? Schutz vor Tod und Brand

Herkömmliche Sicherungen (Leitungsschutzschalter, LS-Schalter) sind für einen ganz anderen Zweck ausgelegt. Sie schützen die elektrische Leitung vor Überlast (zu hoher Strom) und Kurzschluss, indem sie bei Strömen auslösen, die weit über der tödlichen Schwelle liegen. Gegen einen Stromunfall, bei dem vielleicht nur 100 mA fließen, sind sie völlig blind.

Der FI-Schalter schließt genau diese Sicherheitslücke. Seine primäre Aufgabe ist der Personenschutz. Ein FI-Schalter mit einem Bemessungsdifferenzstrom von 30 mA (IΔn30mAIΔn​≤30mA) erkennt bereits gefährliche Körperströme und unterbricht den Stromkreis, bevor es zu Herzkammerflimmern kommen kann . Zusätzlich bietet er einen vorbeugenden Brandschutz. Kriechströme über Isolationsstrecken, die oft mit Funkenbildung und Glimmentladungen einhergehen, können einen Schwellbrand auslösen. FI-Schalter mit 300 mA oder 500 mA (oft als „selektiv“ oder „brandschutz“ ausgelegt) können solche Ströme erkennen und abschalten, bevor sich ein Brand entwickeln kann .

3.2 Rechtliche Rahmenbedingungen (Deutschland, Österreich)

Die Erkenntnis, dass der FI-Schalter Leben rettet, hat sich auch in den Vorschriften niedergeschlagen.

Deutschland:
Die maßgebliche Norm ist die DIN VDE 0100-410 („Errichten von Niederspannungsanlagen – Schutzmaßnahmen – Schutz gegen elektrischen Schlag“). Sie legt die Anforderungen für den Schutz gegen elektrischen Schlag fest .

  • Ein entscheidender Meilenstein war die Fassung vom Juni 2007 (wirksam ab 1. Februar 2009). Sie schrieb erstmals vor, dass in Neubauten und bei Modernisierungen alle Steckdosenstromkreise bis 20 A, die für Laien zugänglich sind, mit einer Fehlerstrom-Schutzeinrichtung (RCD) mit einem Bemessungsdifferenzstrom von nicht mehr als 30 mA abzusichern sind .
  • Die aktuelle Fassung von 2018 hat diesen Schutz weiter ausgedehnt. Nun sind auch Beleuchtungsstromkreise in Wohnungen mit einem FI-Schalter (≤30 mA) zu schützen . Zudem gelten die Abschaltzeiten jetzt für Steckdosen bis 63 A und die Anforderungen für Außenbereiche wurden auf Steckdosen bis 32 A erweitert .
  • Wichtig: In Deutschland sind FI-Schalter vom Typ AC für Neuanlagen nicht mehr zugelassen .

Österreich:
Hier schreibt die Norm ÖVE E8001 vor, dass für alle Steckdosenstromkreise mit einem Nennstrom bis 16 A ein FI-Schalter mit einem maximalen Bemessungsdifferenzstrom von 30 mA vorzusehen ist.

3.3 Technische Voraussetzung: Das richtige Netzsystem

Der FI-Schalter funktioniert nicht in jedem Stromnetz. Voraussetzung ist ein System, in dem Neutralleiter (N) und Schutzleider (PE) getrennt sind (TN-S- oder TT-System). In älteren Gebäuden findet man manchmal noch das TN-C-System, bei dem Schutz- und Neutralleiter in einem einzigen Leiter, dem PEN-Leiter (PEN = Protection Earth and Neutral), zusammengefasst sind. In einem solchen Stromkreis kann ein FI-Schalter nicht eingesetzt werden, da der PEN-Leiter sowohl den Rückstrom als auch den Schutzleiterstrom führt und eine Differenzmessung unmöglich ist. Bei der Hauseinführung wird der PEN-Leiter jedoch im Hausanschlusskasten in getrennte PE- und N-Leiter aufgeteilt, sodass ab diesem Punkt (TN-S-System) der FI-Einsatz möglich ist .

4. Die verschiedenen Modelle und ihre Einsatzbereiche

Die moderne Elektrowelt ist komplex geworden. Geräte mit Frequenzumrichtern, Schaltnetzteilen, Dimmern oder Gleichstromkomponenten erzeugen nicht mehr nur einfache sinusförmige Wechselfehlerströme. Um auch hier einen sicheren Schutz zu gewährleisten, wurden verschiedene FI-Typen entwickelt, die auf die unterschiedlichen Fehlerstromformen abgestimmt sind .

4.1 Übersicht der FI-Typen

TypErfasste Fehlerstrom-FormenTypische Einsatzbereiche
Typ ACSinusförmige Wechselfehlerströme.In Deutschland für Neuanlagen nicht mehr zugelassen.
Typ ASinusförmige Wechselfehlerströme und pulsierende Gleichfehlerströme (wie sie z. B. von einfachen Gleichrichtern erzeugt werden).Standard in Haushalten und Gewerbe. Für die meisten Geräte wie Kühlschränke, Fernseher, Beleuchtung, Bürogeräte .
Typ FAlles wie Typ A, plus Fehlerströme mit gemischten Frequenzen (bis 1 kHz). Zudem höhere Gleichstromfestigkeit (bis 10 mA).Geräte mit einphasigen Frequenzumrichtern: Moderne Waschmaschinen, Wärmepumpen, Klimaanlagen, Lüfter, bestimmte Pumpen .
Typ B (allstromsensitiv)Alle Fehlerströme: Wechselstrom, pulsierende Gleichströme und glatte Gleichfehlerströme. Zudem Wechselfehlerströme bis mind. 2 kHz.Industrie, Gewerbe und spezielle Anwendungen. Drehstrom-Frequenzumrichter, Photovoltaik-Anlagen (Wechselrichter), USV-Anlagen, Aufzüge, Rolltreppen, Ladestationen für E-Mobilität, Baustromverteiler .
Typ B+Wie Typ B, aber der Auslösewert wird bis zu einer Frequenz von 20 kHz zuverlässig auf unter 420 mA begrenzt.Gehobener vorbeugender Brandschutz in feuergefährdeten Betriebsstätten (z. B. Holzwirtschaft, Landwirtschaft mit viel Staub, Rechenzentren). Wird oft von Versicherungen gefordert .

4.2 Nischen, Spezialmodule und Bauformen

Neben der Unterteilung nach Fehlerstromtypen gibt es weitere wichtige Kategorien und Bauformen .

Nach Funktion und Bauform:

  • RCCB (Residual Current Circuit Breaker): Der klassische FI-Schutzschalter ohne eingebaute Überstromschutzeinrichtung. Er schützt nur vor Fehlerströmen, nicht vor Überlast oder Kurzschluss. Dafür ist ein separates Vorsicherung (LS-Schalter) nötig .
  • RCBO (Residual Current Circuit Breaker with Overcurrent protection): Auch bekannt als FI/LS-Schalter. Eine Kombination aus FI- und LS-Schalter in einem Gerät. Er bietet kompletten Schutz (Fehlerstrom, Überlast, Kurzschluss) auf nur einer Baubreite und ist besonders platzsparend .
  • FI-Blöcke (RC Units): Module, die die Fehlerstromerfassung enthalten, aber keine eigenen Schaltkontakte. Sie werden auf handelsübliche Leitungsschutzschalter (LS-Schalter) aufgesteckt und bilden mit diesem eine Einheit, die wie ein RCBO funktioniert. Dies bietet Flexibilität bei der Auswahl des LS-Schalters .
  • CBR (Circuit Breaker with Residual current protection): Leistungsschalter mit integriertem oder fest angebautem Fehlerstromschutz nach DIN EN 60947-2. Sie werden vor allem in der Industrie für hohe Ströme (>125 A) eingesetzt .
  • MRCD (Modular Residual Current Device): Modulare Systeme, bei denen der Fehlerstromwandler, die Auswerteelektronik und das Schaltgerät (meist ein Leistungsschalter) getrennt voneinander installiert werden. Ermöglicht Fehlerstromschutz auch für große Anlagen .
  • PRCD (Portable Residual Current Device): Ortsveränderliche Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen, die z. B. in Steckdosenleisten, Verlängerungskabel oder direkt in Gerätestecker integriert sind. Bieten einen zusätzlichen Schutz, wenn die feste Installation keinen FI-Schalter hat .
  • SRCD (Socket-outlet Residual Current Device): Ortsfeste Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen, die in eine Steckdose eingebaut sind. Sie ersetzen eine normale Steckdose und schützen alle daran angeschlossenen Geräte.

Nach speziellen Eigenschaften:

  • Selektiv-Typ „S“: Diese FI-Schalter sind kurzzeitverzögert (ca. 30-40 ms). Sie werden als vorgeschaltete Hauptschalter eingesetzt, um im Fehlerfall nur den betroffenen nachgelagerten Stromkreis (z. B. in einer Unterverteilung) abzuschalten, während die Hauptversorgung für die anderen Kreise erhalten bleibt. Dies nennt man Selektivität .
  • Kurzzeitverzögerte Typen „K“ (superresistent): Diese Modelle sind unempfindlicher gegen kurzzeitige, betriebsmäßig bedingte Ableitströme (Einschaltströme von Kondensatoren, Geräten mit Schaltnetzteilen) und verhindern so unnötige Fehlauslösungen .
  • Kondensationsfeste Ausführungen (z. B. „HD“ für „High Durability“): Diese FI-Schalter sind speziell beschichtet oder vergossen, um gegen aggressive Umgebungen wie Feuchtigkeit, Chlorgas in Hallenbädern, Ammoniak in der Landwirtschaft oder Kondensat in Kühlhäusern beständig zu sein .

5. Prüfung und Wartung

Ein FI-Schalter ist ein mechanisches Gerät mit empfindlicher Elektronik. Um seine dauerhafte Funktionsfähigkeit sicherzustellen, sind regelmäßige Prüfungen unerlässlich.

  • Funktionsprüfung durch den Benutzer: Jeder FI-Schalter verfügt über einen „T“-Knopf (Testknopf). Durch Drücken dieses Knopfes wird ein definierter Fehlerstrom künstlich erzeugt, und der FI-Schalter muss sofort auslösen. Experten empfehlen, diese Prüfung mindestens einmal halbjährlich, idealerweise bei der Zeitumstellung, durchzuführen . So wird sichergestellt, dass die Mechanik nicht verklebt ist und der Auslösemechanismus funktioniert.
  • Prüfung durch die Elektrofachkraft: Im Rahmen der wiederkehrenden Prüfung (z. B. nach DGUV Vorschrift 3) muss eine Elektrofachkraft den FI-Schalter umfassender prüfen. Dazu gehört die Messung der Auslösezeit und des genauen Auslösestroms mit speziellen Messgeräten.
  • Aktuelle Änderungen in der Prüfnorm: Die britische Norm BS 7671:2018+A2:2022 hat die Anforderungen an die FI-Prüfung vereinfacht. Während früher Tests mit einfachem, fünffachem und halbem Bemessungsdifferenzstrom üblich waren, genügt heute für die Konformitätsprüfung ein einziger Test mit dem einfachen Bemessungsdifferenzstrom (IΔnIΔn​) im Wechselstrom-Modus, der eine maximale Abschaltzeit von 300 ms für Standard-FIs bestätigt. Dies soll die Prüfung vor Ort vereinfachen und standardisieren. Es wird jedoch betont, dass dieser Test nur die grundsätzliche Funktionalität beweist, nicht aber die Typenklassifizierung (A, F, B) überprüft .

6. Fazit und Ausblick

Der Fehlerstrom-Schutzschalter hat sich von einer genialen Idee zu einem unverzichtbaren Standard der Elektrosicherheit entwickelt. Die Pionierarbeit von Gottfried Biegelmeier, der mit seinen Selbstversuchen die Grundlagen für den Personenschutz legte, hat unzähligen Menschen das Leben gerettet. Seine Erfindung des stromabhängigen Differenzstromprinzips war der Schlüssel zu einem zuverlässigen Schutz, der unabhängig von der Güte der Erdung funktioniert.

Die Reise ist jedoch nicht zu Ende. Die Technik entwickelt sich ständig weiter, um mit den Herausforderungen der modernen Elektronik Schritt zu halten. Der einfache Typ AC ist Geschichte. Typ A ist heute der Standard, wird aber in vielen Bereichen bereits von Typ F abgelöst. Die Zukunft gehört den allstromsensitiven Typen B und B+, die in einer Welt voller Frequenzumrichter, Schaltnetzteile, Photovoltaik und Elektromobilität den einzig umfassenden Schutz bieten können. Die Normen (DIN VDE 0100-410, IEC 62423) tragen dieser Entwicklung Rechnung und schreiben den Einsatz der richtigen Typen für die entsprechenden Anwendungen vor .

Der unscheinbare „FI“ im Sicherungskasten ist und bleibt ein hochkomplexes Hightech-Bauteil, dessen Bedeutung für unsere Sicherheit kaum zu überschätzen ist. Er ist ein stiller Wächter, der im Bruchteil einer Sekunde Leben rettet – ein wahres Meisterstück der Elektrotechnik.


Quellenverzeichnis

 ElektroWirtschaft (2022). Das ist der Erfinder des FI-Schutzschalters. [online] Verfügbar unter: https://www.elektrowirtschaft.de/das-ist-der-erfinder-des-fi-schutzschalters/.
 Voltimum (2016). Zuverlässiger Personenschutz – Stromunfälle verhindern. [online] Verfügbar unter: https://www.voltimum.de/news/zuverlaessiger-personenschutz.
 Elektronikpraxis (2010). Zur Geschichte des Fehlerstrom-Schutzschalters. [online] Verfügbar unter: https://www.elektronikpraxis.de/zur-geschichte-des-fehlerstrom-schutzschalters-a-257901/.
 Europäisches Patentamt (2003). Patentschrift EP1005709B1. [online] Verfügbar unter: http://data.epo.org/publication-server/rest/v1.2/patents/EP1005709NWB1/document.xml.
 IET Electrical (2022). *Changes to RCD testing in BS 7671:2018+A2:2022*. [online] Verfügbar unter: https://electrical.theiet.org/wiring-matters/years/2022/91-july-2022/changes-to-rcd-testing-in-bs-76712018plusa22022/.
 DiePresse.com (2007). Made in Austria: Der Vater des „FI-Schalters“ ist tot. [online] Verfügbar unter: https://www.diepresse.com/320545/made-in-austria-der-vater-des-fi-schalters-ist-tot.
 Voltimum (2017). Typen und Einteilung von Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen. [online] Verfügbar unter: https://www.voltimum.de/news/typen-und-einteilung-fehlerstrom.
 VDE Verlag (2018). *DIN VDE 0100-410 VDE 0100-410:2018-10*. [online] Verfügbar unter: https://www.vde-verlag.de/normen/0100481/din-vde-0100-410-vde-0100-410-2018-10.html.
 Zajadacz (o.J.). *DOEP Fi-Schutzschalter DFS4-063-4/0,03-A*. [online] Verfügbar unter: https://www.zajadacz.de/DOEP-Fi-Schutzschalter-DFS4-063-4-0-03-A.html.
 Eesti Standardikeskus (2009). IEC 62423:2009. [online] Verfügbar unter: https://www.evs.ee/et/iec-62423-2009.

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