Die TRGI 2018 – Das technische Fundament der deutschen Gasinstallation
Autor: DerSchneider
Einleitung
Wer heute einen Gasherd anschließt, eine Etagenheizung wartet oder ein Mehrfamilienhaus mit einer neuen Gasleitung versorgt, arbeitet im Hintergrund mit einem Regelwerk, das auf mehr als ein Jahrhundert technischer Erfahrung zurückblickt: der Technischen Regel für Gasinstallationen (DVGW-TRGI), bekannt als DVGW-Arbeitsblatt G 600. Sie ist das ungeschriebene Gesetz der Gasinstallationsbranche – kein formelles Gesetz, aber in der Praxis kaum weniger verbindlich.
Im Oktober 2018 erschien die bis heute gültige Fassung TRGI 2018. Sie löste die TRGI 2008 ab und markierte einen Einschnitt, der weit über redaktionelle Korrekturen hinausging. Die Novellierung war die Reaktion auf tiefgreifende Veränderungen: europäische Gasgeräteverordnungen, verschärfte Brandschutzanforderungen, neue Berechnungsmethoden und nicht zuletzt die beginnende Wasserstoff-Debatte. Wer die TRGI versteht, versteht, wie Deutschland seine Gasinfrastruktur sicher, normgerecht und zukunftsfähig hält – und wo die Fallstricke für Installateure, Planer und Betreiber liegen.
Historische Entwicklung: Von der Jahrhundertwende zur TRGI 2018
Die Wurzeln der TRGI reichen weiter zurück, als viele vermuten. Seit 1902 erarbeitet der DVGW technische Vorschriften für Gasleitungsanlagen und Gasgeräte in Gebäuden. Was damals mit einfachen Sicherheitsvorkehrungen für die noch junge Stadtgasversorgung begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem immer dichteren Regelwerk.
Die unmittelbare Vorgängerin, die TRGI 2008, war über zehn Jahre das Maß aller Dinge. Doch der technische Wandel blieb nicht stehen: anspruchsvollere Geräte, höhere Standards, europäische Harmonisierung und neue Materialien machten eine Überarbeitung unausweichlich. Die Arbeiten an der TRGI 2018 begannen in den Fachgremien des DVGW, in denen Netzbetreiber, das Installationshandwerk (ZVSHK), das Schornsteinfegerhandwerk (ZIV) sowie Bauteil- und Gasgerätehersteller vertreten sind. Die Fachöffentlichkeit wurde mit einer Entwurfsveröffentlichung im Mai 2017 und Einspruchsberatungen im Januar 2018 eingebunden.
Am 8. Oktober 2018 war es dann so weit: Die TRGI 2018 wurde als Weißdruck veröffentlicht. Zeitgleich erschien der von DVGW und ZVSHK gemeinsam herausgegebene Kommentar, der die Regelsetzung praxisnah interpretiert.
Inhalt und Struktur: Die fünf Säulen der Gasinstallation
Die TRGI 2018 ist klar gegliedert. Sie besteht aus fünf Hauptkapiteln samt zugehörigen Anhängen:
| Kapitel | Bezeichnung | Kerninhalte |
|---|---|---|
| 1 | Allgemeines, Begriffe | Geltungsbereich, Definitionen, SI-Einheiten für Gasdruck |
| 2 | Leitungsanlage | Materialien, Verlegung, Sicherheitseinrichtungen, Prüfverfahren |
| 3 | Bemessung der Leitungsanlage | Berechnungsgrundlagen, Druckverlusttabellen, Dimensionierung |
| 4 | Gasgeräteaufstellung | Aufstellungsregeln, Verbrennungsluftversorgung, Abgasführung |
| 5 | Betrieb und Instandhaltung | Wartung, wiederkehrende Prüfungen, Instandsetzung |
Ihr Geltungsbereich ist präzise definiert: Die TRGI gilt für die Planung, Erstellung, Änderung, Instandhaltung und den Betrieb von Gasinstallationen in Gebäuden und auf Grundstücken, die mit Betriebsdrücken bis 0,1 MPa (1 bar) betrieben werden. Sie beginnt hinter der Hauptabsperreinrichtung (HAE) und endet mit der Abgasabführung ins Freie.
Für Flüssiggas (3. Gasfamilie) gilt übrigens separat die TRF (Technische Regeln Flüssiggas) – ein Detail, das in der Praxis immer wieder für Verwirrung sorgt.
Rechtlicher Status: Kein Gesetz, aber eine Macht
Die TRGI ist kein Gesetz – das betonen ihre Herausgeber immer wieder. Es besteht kein unmittelbarer Zwang, sie anzuwenden. Und doch: Wer sie ignoriert, handelt im wahrsten Sinne des Wortes riskant.
Die TRGI ist eine „allgemein anerkannte Regel der Technik“ für Gasleitungsanlagen und Gasgeräteaufstellung. Gemäß § 49 Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) gilt die Vermutung der Einhaltung der allgemein anerkannten Regeln der Technik, wenn das DVGW-Regelwerk – hier die TRGI – eingehalten wird.
In der Praxis bedeutet das: Wer nach TRGI arbeitet, ist auf der sicheren Seite, was die Verkehrssicherungspflicht angeht. Wer davon abweicht, muss im Schadensfall nachweisen, dass seine Lösung gleichwertig sicher ist – ein Beweis, der vor Gericht kaum zu führen ist. Die Rechtsprechung orientiert sich an der TRGI und urteilt auf ihrer Grundlage.
Das macht die TRGI zu einem faktisch verbindlichen Standard, auch wenn sie formal nur eine „Regel“ ist. Für Installateure, Netzbetreiber, Schornsteinfeger, Planer und Behörden ist sie Pflichtlektüre.
Die Neuerungen der TRGI 2018 im Detail
Die TRGI 2018 brachte weit mehr als kosmetische Korrekturen. Die wichtigsten Änderungen im Überblick:
1. Anpassung an europäisches Recht
Die EU-Gasgeräteverordnung 2016/426 und die Landesfeuerungsverordnungen machten umfangreiche Anpassungen erforderlich. Die TRGI musste die europäischen Vorgaben in nationales Regelwerk übersetzen.
2. Verbrennungsluftversorgung neu gedacht
Die Änderungen der bauaufsichtlichen Rahmenbedingungen erzwangen einen neuen Ansatz zur Verbrennungsluftversorgung. Statt pauschaler Raumvolumen-Regeln wird nun differenzierter vorgegangen – ein Thema, das in der Praxis für erhebliche Diskussionen sorgte.
3. Neue Gasgerätetypen
Europäisch neu eingeführte Arten von Gasgeräten für Mehrfachbelegung im Überdruck wurden aufgenommen.
4. Höhere Temperaturbeständigkeit
Die Anforderungen an Dichtungen und Absperrarmaturen wurden fortgeschrieben, um höheren Temperaturen standzuhalten.
5. Überarbeitetes Bemessungsverfahren
Das Bemessungsverfahren für Leitungsanlagen wurde überarbeitet und vereinfacht.
6. Neue Installationstechniken
Moderne Verlege- und Verbindungstechniken fanden Eingang in das Regelwerk.
7. Präzisierte Prüfvorschriften
Der Abschnitt „Prüfen und Wiederinbetriebnahme“ wurde präzisiert.
8. Digitalisierung
Erstmals wurden digitale Umsetzungshilfen angeboten: online ausfüllbare Prüfprotokolle, Berechnungshilfen zur Bemessung und Mustervorlagen.
Kontroversen und praktische Herausforderungen
So notwendig die Überarbeitung war – sie blieb nicht ohne Reibung. Drei Konfliktfelder stechen besonders hervor:
Die Verbrennungsluft-Debatte
Die neuen Anforderungen zur Verbrennungsluftversorgung führten zu Verunsicherung in der Praxis. Die TRGI 2018 fordert, dass Prüfen und Entlüften von Gasleitungen möglich sein müssen. Gleichzeitig sollen möglichst wenige Öffnungen in der Gebäudehülle vorhanden sein – ein scheinbarer Widerspruch, der in der Branche kontrovers diskutiert wurde.
Die Frage der Verbindlichkeit
Der schwebende Rechtsstatus der TRGI – kein Gesetz, aber faktisch verbindlich – führt immer wieder zu Missverständnissen. Gerade bei älteren Bestandsanlagen stellt sich die Frage: Muss nachgerüstet werden? Die Antwort ist differenziert: Die TRGI gilt für neue Installationen und Änderungen an bestehenden. Für unveränderte Altbestände greift sie nicht rückwirkend – aber bei jeder Modernisierung wird sie relevant.
Die Kostenfalle
Für Fachbetriebe bedeuten die neuen Anforderungen Investitionen in Schulungen, Werkzeuge und Prüftechnik. Die TRGI 2018 ist kein Gratis-Regelwerk – der Erwerb des Arbeitsblattes und des Kommentars ist kostenpflichtig. Für kleinere Betriebe kann das eine spürbare Belastung sein.
Ausblick: Wasserstoff und die Zukunft der TRGI
Die größte Herausforderung für die TRGI steht noch bevor: Wasserstoff. Die Energiewende macht auch vor der Gasinstallation nicht Halt. Die Bundesregierung hat mit der Wasserstoffstrategie und dem Brennstoffhandelsgesetz (seit 1. Januar 2021) die Weichen gestellt.
Die TRGI 2018 hat dieses Thema bereits aufgenommen. „Gasfamilie-Wasserstoff zukünftig in der Gasinstallation“ ist ein fester Bestandteil der aktuellen Fortschreibungsdiskussion. Neue Begriffe, neue Materialien und neue Verbindungstechniken wurden bereits aufgenommen.
Die entscheidende Frage: Wie viel Wasserstoff verträgt die bestehende Gasinstallation? Forschungsergebnisse zeigen, dass Wasserstoffanteile von 10 % ohne Einschränkungen möglich sind. Der klare Anspruch für die Zukunft ist jedoch der Einsatz von 100 Vol.-% Wasserstoff. Hier liegen noch erhebliche Forschungs- und Anpassungsbedarfe – und damit auch die nächste große Novelle der TRGI.
Der DVGW hat bereits reagiert: Die Tauglichkeit von Installationen entsprechend der TRGI wurde in verschiedenen F&E-Vorhaben untersucht. Die Ergebnisse fließen in die kontinuierliche Fortschreibung ein.
Fazit
Die TRGI 2018 ist weit mehr als ein technisches Regelwerk. Sie ist das technische Gedächtnis der deutschen Gasinstallation – ein lebendiges Dokument, das über ein Jahrhundert Erfahrung bündelt und in die Gegenwart übersetzt. Sie ist kein Gesetz, aber eine Instanz. Sie ist nicht verpflichtend, aber unverzichtbar.
Ihre Stärke liegt in der breiten Beteiligung der Branche: Installateure, Netzbetreiber, Hersteller, Schornsteinfeger – alle bringen ihre Erfahrungen ein. Das macht sie praxisnah und akzeptiert. Ihre Herausforderung liegt in der Geschwindigkeit des Wandels: Die Energiewende, die Wasserstoff-Debatte und die digitale Transformation stellen Anforderungen, die ein zehnjähriger Novellierungsrhythmus kaum einholen kann.
Wer die TRGI versteht, versteht die Grammatik der Gasinstallation. Wer sie beherrscht, arbeitet sicher, normgerecht und rechtssicher. Und wer ihre Entwicklung verfolgt, erkennt die Kontinuität und den Wandel einer Branche, die sich neu erfindet – ohne ihre sicherheitstechnischen Grundlagen preiszugeben.
Quellen
- DVGW (Deutscher Verein des Gas- und Wasserfaches e.V.): Presseinformation zur TRGI 2018, 8. Oktober 2018
- DVGW-Regelwerk: Sonderausgabe zur TRGI 2018 – DVGW-Arbeitsblatt G 600
- Schuhmann, Kai-Uwe: „Technische Regel für Gasinstallationen – Die DVGW-TRGI 2018“, in: energie | wasser-praxis 9/2018
- SBZ-online: „An Europa angepasst – Interview mit Andreas Braun zur TRGI 2018“
- SBZ-online: „Neue Regeln für Gasinstallationen – Die DVGW-TRGI 2018“, 5. November 2018
- haustec.de: „TRGI überarbeitet: Das sind die neuen Regeln für Gasinstallationen“, 18. März 2019
- Flüssiggas-Magazin: „Neuauflage der Technischen Regel für Gasinstallationen erschienen“
- DVGW-Veranstaltungen: Seminare und Schulungen zur TRGI 2018
- FIGAWA: Forschungsergebnisse zur Wasserstoff-Tauglichkeit von Gasinstallationen
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