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Die IEC 61076-2-117: Der neue Standard für hybride Rundsteckverbinder in der industriellen Automatisierung

Von DerSchneider

Einleitung

In der industriellen Automatisierung wächst der Druck, Maschinen kompakter, modularer und effizienter zu gestalten. Ein oft übersehener Engpass dabei ist die Verkabelung: Leistung, Signale und Daten werden traditionell über getrennte Leitungen und Steckverbinder übertragen. Das kostet Bauraum, erhöht die Komplexität und erschwert die Instandhaltung. Mit der IEC 61076-2-117:2026 liegt nun erstmals eine internationale Norm vor, die geschirmte und ungeschirmte Rundsteckverbinder der Baugrößen M12 bis M40 für die kombinierte Übertragung von Leistung, Signal und Daten standardisiert – bei Spannungen bis 600 V AC/DC, Strömen bis 70 A und Frequenzen bis 600 MHz . Dieser Artikel erläutert, was die Norm technisch festlegt, warum sie für die Branche relevant ist und wo ihre praktischen Grenzen liegen.

Der technische Geltungsbereich: Was die Norm regelt

Die IEC 61076-2-117 ist eine Detailnorm innerhalb der IEC-61076-2-Familie. Ihr Gegenstand sind geschirmte und ungeschirmte, freie und feste Rundsteckverbinder ohne Schaltvermögen (COC) für die Leistungs-, Signal- und Datenübertragung . Die Norm legt gemeinsame Abmessungen, mechanische, elektrische und übertragungstechnische Eigenschaften sowie Umweltanforderungen und die zugehörigen Prüfspezifikationen fest .

Die Steckverbinder sind mit Schraubverriegelungen der Größen M12, M17, M23 oder M40 ausgestattet oder mit Schnellverriegelungen, deren Abmessungen von diesen Größen abgeleitet sind . Ein zentrales Konstruktionsmerkmal ist das Kodierungskonzept: Die Norm definiert mehrere Steckschnittstellen, die jeweils mit einer Kodierung versehen sind, welche das Stecken inkompatibler Stecker und Buchsen mechanisch verhindert. Diese Kodierungen unterscheiden sich in Polzahl, Kontaktanordnung und Dicke und damit in ihren Leistungs- und Datenübertragungsfähigkeiten. Sie werden als „Typ x“ bezeichnet, wobei x für eine arabische Ziffer steht .

Die elektrischen und übertragungstechnischen Kenndaten

ParameterSpezifikation
BaugrößenM12, M17, M23, M40
VerriegelungSchraub- oder Schnellverriegelung
Spannung (Leistung)bis 600 V AC/DC
Strom (Leistung)bis 70 A
Datenfrequenzbis 600 MHz
Kodierung„Typ x“ (arabische Ziffer), mechanischer Fehlsteckungsschutz
AnwendungsbereichEin-Kabel-Automatisierungslösungen

Die Norm stellt ausdrücklich fest, dass die beschriebenen Steckverbinder die Datenübertragung über folgende IEEE-802.3-Ethernet-Systeme ermöglichen: Single-Pair Ethernet (10BASE-T1, 100BASE-T1, 1000BASE-T1), Fast Ethernet (100BASE-TX), Gigabit Ethernet (1000BASE-T) und 10-Gigabit Ethernet (10GBASE-T) . Damit ist die Norm anschlussfähig an die aktuellen und absehbaren Bandbreitenanforderungen industrieller Netzwerke.

Warum diese Norm wichtig ist

Ende der proprietären Abhängigkeit

Vor der Normung war Hybridverkabelung für hohe Leistungen eine Domäne herstellerspezifischer Lösungen. Wer solche Systeme einsetzte, band sich an einen Anbieter – mit den bekannten Risiken bei Ersatzteilversorgung, Preisgestaltung und langfristiger Verfügbarkeit. Die IEC 61076-2-117 schafft einen definierten Referenzrahmen, auf den sich mehrere Hersteller beziehen können. Das DIN-Institut formuliert den Nutzen präzise: Die Norm „erhöht durch ihre Anwendung die Investitionssicherheit für Hersteller und Anwender und gibt Prüflaboren und Herstellern definierte Angaben zur Prüfung und sichert Kompatibilität über Herstellergrenzen hinweg“ . Für Maschinenbauer bedeutet das planbare Schnittstellen über Anbieterwechsel hinweg.

Reduzierte Komplexität und Platzersparnis

Die klassische Trennung von Leistung und Daten erfordert zwei Kabel, zwei Stecker und zwei Ports pro Gerät. In kompakten Maschinen und dezentralen Antriebseinheiten ist das ein zunehmender Engpass. Die Einkabellösung, die die Norm ermöglicht, reduziert den Platzbedarf auf den Geräten und vereinfacht die Systemarchitektur. Ein konkretes Beispiel liefert Phoenix Contact mit dem M17 PRO Hybrid: Durch die gewinkelte Bauform reduziert sich die Bauhöhe gegenüber Standard-M17-Steckverbindern, was das Produkt für „platz kritische, modulare Designs“ qualifiziert . Der Hersteller gibt zudem eine Zeitersparnis von bis zu 70 Prozent bei der Montage durch das patentierte Oneclick-Schnellverriegelungssystem an .

Sicherheit durch standardisierte Kodierung

Die mechanische Kodierung ist kein Nebenaspekt, sondern ein zentrales Sicherheitsmerkmal. Phoenix Contact unterscheidet bei seinem normkonformen Produkt explizit zwischen einer 50-V-Version und einer 630-V-Version . Die Kodierung verhindert, dass ein für Niederspannung ausgelegter Stecker versehentlich an eine Hochleistungsquelle angeschlossen wird – ein Szenario, das nicht nur Datenverlust, sondern potenziell einen Lichtbogen und Personenschaden zur Folge hätte. Die Norm erzwingt durch ihre Typ-x-Kodierung eine bewusste Auswahl der passenden Schnittstelle für die jeweilige Anwendung.

Anwendungsbeispiele

Die Norm nennt als primären Einsatzzweck „Ein-Kabel-Automatisierungsanwendungen“ . Konkret lassen sich folgende Szenarien identifizieren:

Dezentrale Antriebstechnik. Servomotoren benötigen Leistung für den Antrieb, Signale für Bremsen und Temperatursensoren sowie Daten für die Encoder-Rückmeldung. Der M17 PRO Hybrid von Phoenix Contact überträgt laut Hersteller bis zu 16 A pro Leistungskontakt bei einem Querschnitt von 1,5 mm², ergänzt durch Signal- und Datenkontakte . Das deckt viele mittlere Antriebsaufgaben ab.

Robotik und kompakte Maschinen. In Roboterarmen und modularen Maschinenkonzepten ist Bauraum knapp. Jede zusätzliche Kabeldurchführung ist ein mechanischer und elektromagnetischer Störfaktor. Die Norm adressiert dieses Problem durch die definierten Übertragungsparameter, die sicherstellen, dass die Leistungsübertragung die Datensignale nicht unzulässig beeinträchtigt.

Mobile Maschinen und AGVs. Fahrantriebe automatisierter Flurförderzeuge benötigen Leistung für den Radantrieb und Daten für die Navigation. Die Vibrationsfestigkeit der Schnellverriegelung und die definierten Schock- und Rüttelprüfungen machen normkonforme Stecker für diese Umgebung geeignet. Phoenix Contact nennt explizit „Robotik bis Motorsteuerung“ als Zielanwendungen .

Daisy-Chain-Verkabelung. Der Berührschutz der Leistungskontakte, den die Norm ermöglicht, erlaubt es, Geräte in Reihe zu verschalten, ohne dass spannungsführende Teile freiliegen. Phoenix Contact bezeichnet sein Produkt als „Daisy-Chain-fähige 3-in-1-Lösung“ . In der Praxis bedeutet das: Statt jede Einheit sternförmig zum Schaltschrank zu verkabeln, lassen sich mehrere Geräte hintereinander schalten – ein Material- und Zeitvorteil bei der Installation.

Differenzierung und Grenzen

Keine Luftfahrtnorm

Die IEC 61076-2-117 gilt ausdrücklich für industrielle Automatisierungsanwendungen, nicht für Luftfahrt- oder Militärtechnik. Aviation-Steckverbinder unterliegen eigenen Standards (etwa MIL-DTL-38999 oder EN 3645) mit abweichenden Abmessungen, Verriegelungsmechanismen und deutlich extremeren Temperatur- und Vibrationsanforderungen. Wer normkonforme M12- oder M17-Stecker sucht, findet Industrieprodukte – keine luftfahrtzugelassenen Bauteile.

Normkonformität ist keine Interoperabilitätsgarantie

Die Norm definiert die Schnittstelle, doch die konkrete Ausführung von Details – insbesondere des Schnellverriegelungsmechanismus – bleibt den Herstellern überlassen. Phoenix Contact nutzt diese Flexibilität für sein patentiertes Oneclick-System . Das bedeutet: Ein Stecker von Hersteller A passt mechanisch auf eine Buchse von Hersteller B, aber die Verriegelungssysteme können sich unterscheiden. Normkonformität ist die Eintrittskarte für mechanische Kompatibilität, nicht die Garantie für reibungsloses Zusammenspiel in jedem denkbaren Fall.

Die 70-A-Angabe ist eine Obergrenze der Normenfamilie

Die Norm legt 70 A als maximale Strombelastbarkeit für die gesamte Schnittstellenfamilie fest . Das bedeutet nicht, dass jedes einzelne Produkt diese Grenze erreicht. Das derzeit verfügbare M17-Produkt von Phoenix Contact ist für 16 A spezifiziert . Höhere Ströme erfordern größere Baugrößen (M23, M40) oder eine andere Kontaktbelegung. Hier ist eine klare Unterscheidung zwischen Normobergrenze und produktspezifischem Wert erforderlich.

Veröffentlichungsstatus

Die internationale Norm IEC 61076-2-117:2026 ist veröffentlicht; die europäische Übernahme EN IEC 61076-2-117:2026 ist seit Oktober 2026 in Kraft . Die deutsche Fassung liegt demgegenüber noch als Entwurf (prEN IEC 61076-2-117:2025, DIN EN IEC 61076-2-117; VDE 0687-2-117:2026-06) vor . Für die Praxis bedeutet das: Die englischsprachige Norm ist verbindlich verfügbar, die deutsche Übersetzung befindet sich in der Finalisierung.

Fazit und Ausblick

Die IEC 61076-2-117 ist kein spektakulärer technologischer Durchbruch, sondern eine Kodifizierung dessen, was technisch bereits möglich war – mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie herstellerübergreifende Verbindlichkeit schafft. Für Maschinenbauer bedeutet das planbare Schnittstellen und geringere Abhängigkeitsrisiken. Für Betreiber bedeutet es Wahlfreiheit bei der Komponentenauswahl. Für die Branche insgesamt ist es ein weiterer Schritt von der individualisierten Sonderlösung zur standardisierten, skalierbaren Architektur.

Ob sich die Norm durchsetzt, hängt weniger von ihrer technischen Qualität ab – die ist solide – als von der Bereitschaft der Hersteller, sie zu implementieren, und der Nachfrage der Anwender. Der Trend zur Dezentralisierung, zur Miniaturisierung und zur Einkabelverkabelung ist eindeutig. Die Norm gibt diesem Trend einen Rahmen. Es liegt an der Industrie, ihn zu füllen.

Quellen

  1. Eesti Standardikeskus: EVS-EN IEC 61076-2-117:2026 – Connectors for electrical and electronic equipment – Product requirements – Part 2-117. Gültig ab 15.10.2026.
  2. NEN (Nederlands Normalisatie-instituut): NEN-EN-IEC 61076-2-117:2026 en. Veröffentlichungsdatum 01.10.2026.
  3. DIN Deutsches Institut für Normung: DIN EN IEC 61076-2-117 ; VDE 0687-2-117:2026-06 – Einführungsbeitrag. Entwurfsfassung prEN IEC 61076-2-117:2025.
  4. Phoenix Contact: M17 PRO hybrid connectors in accordance with the IEC standard. 01.10.2025.
  5. Phoenix Contact (Produktseite): Hybridní konektor M17 podle normy IEC – Řešení 3 v 1 s rychlospojkou ONECLICK.
  6. Singapore Standards: IEC 61076-2-117:2026 – Overview.
  7. BSB EDGE: IEC 61076-2-117:2026 – General Information.
  8. DIN Deutsches Institut für Normung: Connectors for electrical and electronic equipment – Part 2-117 (Abstract).

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