Die Zerstörung des Baukastens – Warum das modulare Handy (k)eine Chance hat
Prolog – Die Schublade
Es ist Dienstagabend. Dein Smartphone zeigt 15 Prozent Akku. Du suchst das Ladegerät – und findest es nicht. Du kramst in der Schublade. Und plötzlich hast du sie in der Hand: diese Kiste voller Kabel, Stecker und alter Handys. Ein Nokia mit Tasten, bei dem der Akku noch rausspringt, wenn es auf den Boden fällt. Ein Samsung, dessen Display gesprungen ist, das du aber nicht reparieren konntest, weil es mit Industriekleber zugekleistert war wie ein Panzerglasfenster. Und dann, ganz unten, dieses eine Teil. Ein Modul. Ein Lautsprecher, den du mal für ein Fairphone gekauft hattest. Du hattest vorgehabt, ihn einzubauen. Aber dann hast du den Mini-Schraubenzieher nicht gefunden, die Anleitung war auf Englisch, und irgendwann hast du das Handy dann doch verkauft – als defekt.
Dieser Moment in der Schublade, das ist der Moment der „Modularen“. Der Moment, in dem Theorie und Praxis aufeinanderprallen. Denn die Idee ist so genial, so einleuchtend, so deutsch-ingeneursmäßig, dass man sich fragt: Warum hat sich das nicht durchgesetzt? Warum kleben wir immer noch auf unseren Hochglanz-Schiefertafeln herum, statt endlich wieder mit Baukästen zu spielen?
Der Mensch – Der Träumer und die Industrie
Um das zu verstehen, müssen wir nach Eindhoven schauen, aber auch nach Kalifornien. Der Mensch, der hier im Schatten steht, ist kein einzelner Erfinder in einer verrauchten Werkstatt, sondern eine Bewegung. Der sichtbarste Kopf ist David Hakkens, ein niederländischer Designer. 2013 veröffentlichte er ein Video-Konzept namens „Phonebloks“ . Es war eine Wutrede gegen die Wegwerfgesellschaft. Er zeigte einen Baukasten: Eine Grundplatte, in die man wie Lego-Steine den Prozessor, die Kamera, den Akku steckt. Ist der Akku schwach? Kaufst du einen neuen Block. Kommt eine bessere Kamera? Raus den alten, rein den neuen.
Das Video ging viral. Und dann passierte etwas, das die Schönheit und die Tragik dieses Traums zeigt: Google stieg ein. Die hauseigene Advanced Technology and Projects Group (ATAP) startete „Project Ara“ . Das war 2013/14. Hier trafen der Idealist und der Konzern aufeinander. Die Ingenieure von Google waren begeistert. Sie tüftelten an elektro-permanenten Magneten, die die Module im „Endo“ (dem Skelett) halten sollten, an kontaktlosen Datenverbindungen, an Modulen, die man tauschen kann, während das Handy läuft (Hot-Swapping) . In den Entwickler-Dokumentationen (den MDKs) wimmelte es von technischen Meisterleistungen.
Doch hier liegt der erste Bruch. Der Mensch, der Tüftler Hakkens, wollte den Nutzer ermächtigen. Google, der Konzern, wollte eine neue Plattform schaffen, auf der man verdienen kann. Zwei Seelen, eine Idee. Und wie das endet, wissen wir.
Das Problem – Der Fluch der sechs Schrauben
Das technische Problem ist ein physikalisches und ein wirtschaftliches. Ein modernes Smartphone ist ein Wunder der Integration. Der Bildschirm ist nicht nur Bildschirm, er ist gleichzeitig das Gehäuse. Der Akku ist nicht nur rund, er ist in einer perfekt ausgefrästen Alu-Mulde verklebt, um jedes Milligramm Platz zu sparen. Die Antenne ist nicht mehr ein Draht, sondern eine Leiterbahn auf der Gehäuseinnenseite.
Ein modulares Telefon muss das Gegenteil tun. Es muss Schnittstellen schaffen. Jedes Modul braucht einen eigenen Steckverbinder. Diese Stecker brauchen Platz, sie sind anfällig für Wackelkontakte und sie kosten Geld. In einer Branche, in der über jeden zehntel Millimeter Gehäusedicke und jeden Cent Materialkosten verhandelt wird, ist das ein Problem.
Schauen wir auf das erste ernsthafte modulare Telefon, das es tatsächlich in den Handel schaffte: das Fairphone 2 von 2015 . Die Amsterdamer zerlegten das Telefon in sieben Module :
- Das Display-Modul – der Bildschirm.
- Das Kern-Modul – das Mainboard mit CPU, GPU, Speicher und den SIM-Slots. Das Gehirn.
- Das Kamera-Modul – die rückwärtige Linse.
- Das Empfänger-Modul (Top) – das die Frontkamera, den Hörer und die Sensoren beherbergte.
- Das Lautsprecher-Modul (Bottom) – mit USB-Buchse, Hauptlautsprecher und Vibrationsmotor.
- Das Akku-Modul.
- Die Rückenabdeckung, die gleichzeitig als Antenne diente.
Auf dem Papier eine Offenbarung. In der Praxis ein Kraftakt. Die Verbindungen zwischen den Modulen waren filigrane Steckleisten. Um an das Kern-Modul zu kommen, musstest du nicht nur die Schrauben der Abdeckung lösen (farbcodiert, immerhin!), sondern auch vorsichtig die Flachbandkabel der Kameras lösen. Das ist kein Hexenwerk, aber es ist auch nicht „einfach so“. Die Ingenieure bei Apple oder Samsung haben ein Jahrzehnt gebraucht, um diese Steckverbinder durch Lötstellen zu ersetzen – weil Lötstellen eben nie wackeln und keinen Platz brauchen.
Das Herzstück – Der Magnetschalter und die verpasste Revolution
Das eigentliche Herzstück der modularen Idee war aber nicht das Fairphone. Es war Project Ara. In den Laboren von Google ATAP entwickelten sie etwas, das ich bis heute faszinierend finde: elektro-permanente Magnete .
Stell dir vor: Du hast ein Modul, das du auf ein Skelett steckst. Es wird nicht durch eine Schnappverbindung gehalten, sondern durch Magnetkraft. Um es zu lösen, schickst du einen kurzen Stromimpuls durch die Magnete, der ihr Feld kurzzeitig neutralisiert – und das Modul lässt sich mühelos abnehmen. Keine Verschleißteile, keine filzigen Schienen, nur glatte Oberflächen. Die Datenübertragung sollte bei späteren Versionen (Spiral 3) sogar kontaktlos über induktive Signale laufen, um die Pins zu schützen .
Das war die eine Idee: Das Modul als perfekte, abstrahierte Einheit. Der Nutzer sollte nicht mehr sehen, ob da ein Marvell- oder ein NVIDIA-Prozessor drinsteckt – er kauft einfach das Modul „Leistung“ oder „Energiesparen“. Das war der Versuch, das Smartphone so zu bauen wie einen Desktop-PC. Nur tausendmal komplexer, weil es in die Hosentasche muss und Vibrationen, Stürze und Feuchtigkeit aushalten soll.
Aber es ist gescheitert. Es scheiterte nicht an der Technik – die Prototypen (Spiral 2) funktionierten, machten 3G-Anrufe . Es scheiterte an der Frage: Wer baut die Module? Google wollte einen Marktplatz eröffnen, auf dem jeder Anbieter seine Module verkauft. Aber warum sollte Samsung ein geniales Kameramodul bauen, das auch in einem Konkurrenz-Gehäuse von LG steckt? Warum sollte ein Hersteller seine teure Forschung in einen standardisierten Baukasten stecken, wenn er damit sein eigenes, geschlossenes Ökosystem schwächt?
Das Ende – Vom Modul zum „Outfit“
Was wurde daraus? Project Ara wurde 2016 still und heimlich begraben. Die LG G5 kam 2016 auf den Markt – ein Trauerspiel. Man konnte ihr ein „Hi-Fi“-Modul oder einen Kameragriff verpassen, indem man das untere Stück des Telefons herauszieht. Die Mechanik war klapprig, die Module teuer, der Akku saß im abnehmbaren Teil – wenn du das Modul wechseltest, ging dir der Saft aus. Es war ein Kompromiss, der niemanden glücklich machte .
Die Idee starb nicht, sie mutierte. Heute, im Jahr 2025, erleben wir eine Renaissance, aber eine, die sich von den Träumern von 2013 verabschiedet hat. Schau dir die HMD Fusion an. Sie hat keine austauschbare CPU. Sie hat „Outfits“ . Eine Hülle mit Gamepad. Eine Hülle mit Ringlicht. Eine Hülle mit stärkerem Lautsprecher. Das sind Module für die Hülle, nicht fürs Herz. Die CMF Phone 1 von Nothing macht es ähnlich – du kannst die Rückschraube lösen und eine Halterung für einen Lanyard oder eine Kreditkarte anbringen . Es ist hübsch, es ist clever, aber es ist Kosmetik. Es ist die Kapitulation vor der Komplexität des Innenlebens.
Und das Fairphone? Das Fairphone 5 ist heute das, was man einen „Reparaturfreundlichen“ nennt, nicht mehr einen „Modularen“. Du kannst alles tauschen, aber du musst schrauben. Du musst wissen, was du tust. Und das ist gut so. Aber es ist kein Baukasten für die breite Masse. Es ist ein Spezialwerkzeug für den bewussten Nutzer. Die Verbraucher, so die traurige Erkenntnis der Industrie, wollen keine sechs losen Teile in der Schublade. Sie wollen ein nahtloses Glas-Sandwich, das wasserdicht ist und sich anfühlt wie ein Barren aus der Schmiede .
Epilog – Der Geruch von Lötzinn
Ich schließe die Schublade wieder. Das Lautsprecher-Modul bleibt drin. Vielleicht kaufe ich mir irgendwann ein Fairphone 5. Oder ich repariere mein altes mit einem Klebstoff, den ich mit UV-Licht aushärte – eine Technik, die so undurchsichtig ist wie die Industrie selbst.
Die Geschichte der modularen Handys ist eine Geschichte der Niederlage des Ingenieurs gegen den Designer. Des Handwerks gegen die Ästhetik. Des Willens zur Reparatur gegen die Bequemlichkeit des Neukaufs. Vielleicht ist der größte Fehler der Modularen gewesen, dass sie vergessen haben: Ein Handy ist heute kein Werkzeug mehr. Es ist ein Statussymbol. Ein Schmuckstück. Und wer trägt schon einen Baukasten am Handgelenk?
Aber wenn du diesen Artikel liest, gehörst du wahrscheinlich zu der Sorte Mensch, die den Baukasten spannender findet als den Barren. Die den Geruch von Lötzinn lieber riecht als den von Parfüm in einer Handytasche. Für uns ist die Botschaft klar: Die Idee lebt. Nicht im Mainstream, aber in der Schublade. In der Werkstatt. In dem Moment, wenn wir die sechs Schrauben lösen und denken: „Das hätten sie auch einfacher haben können.“ Ja, hätten sie. Aber einfacher ist nicht immer besser.
Die Patentschrift zu den elektro-permanenten Magneten von Google ATAP ist heute noch eine der faszinierendsten Lektüren für jeden, der verstehen will, wie nah Genie und Wahnsinn beieinanderliegen. Man findet sie in den Archiven des US-Patentamts – falls es die in hundert Jahren noch gibt.
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