neustes

Das Oukitel WP61 Plus und die neue Logik des Robust-Smartphones

von DerSchneider

Einleitung: Wenn das Smartphone zum Werkzeug wird

Es gibt Momente, in denen ein normales Smartphone an seine Grenzen stößt. Nicht weil der Prozessor zu langsam wäre oder der Speicher zu klein – sondern weil die Umgebung nicht mitspielt. Auf einer Baustelle, in einem Bergwerk, bei einem Rettungseinsatz im Funkloch. Genau dort positioniert Oukitel sein WP61 Plus, das im Januar 2026 offiziell vorgestellt wurde und auf der IFA 2026 in Berlin Teil des bislang umfangreichsten Robust-Portfolios des Herstellers war.

Das WP61 Plus ist kein Smartphone, das nebenbei auch robust ist. Es ist ein Kommunikationswerkzeug, das zufällig auch telefonieren kann. Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichen Rugged-Phones: Die integrierte 2-Watt-DMR-Funkanlage (Digital Mobile Radio) macht das Gerät unabhängig vom Mobilfunknetz. Kein Sendemast, keine SIM-Karte, keine Infrastruktur. Nur zwei Geräte, die sich auf derselben Frequenz befinden.

Doch was bedeutet das konkret? Und warum taucht dieses Gerät ausgerechnet jetzt auf – auf einer Messe, die zunehmend von der Frage geprägt ist, wie Technik sich von der permanenten Netzabhängigkeit emanzipieren kann?

Was das WP61 Plus tatsächlich ist

Die Hardware in nüchternen Zahlen

Bevor die Einordnung beginnt, lohnt ein Blick auf das, was auf dem Datenblatt steht – und auf das, was davon in der Praxis übrig bleibt.

MerkmalSpezifikation
ProzessorMediaTek Dimensity 7025 (6 nm), 8 Kerne
GPUIMG BXM-8-256
RAM / Speicher12 GB / 512 GB (erweiterbar)
Display6,8 Zoll IPS, 1080 × 2460, 120 Hz
Akku20.000 mAh, 45 W kabelgebunden
Kameras108 MP Haupt, 8 MP Nachtsicht, 2 MP Makro, 32 MP Front
FunkDMR 2 W (UHF), 5G, Wi-Fi 5
RobustheitIP68, IP69K, MIL-STD-810H
Gewicht~651 g
Dicke27,5 mm
Preis~369 USD

Die Zahlen sind ein Statement: 20.000 mAh sind für ein Smartphone absurd viel. Zum Vergleich: Ein iPhone 17 Pro Max liegt bei etwa 4.800 mAh. Ein Galaxy S26 Ultra bei rund 5.200 mAh. Das WP61 Plus trägt also die vierfache Energiemenge mit sich – und wiegt entsprechend.

Die DMR-Funktion: Das eigentliche Kaufargument

Die entscheidende Frage bei einem Gerät wie diesem lautet nicht, wie gut der Prozessor ist. Sie lautet: Funktioniert die Funkanlage?

Die Antwort ist ein vorsichtiges Ja. TechRadar hat das WP61 Plus getestet und kommt zu dem Schluss, dass die DMR-Funktion „der beste Aspekt dieses Geräts“ sei. Der 2-Watt-Sender erreicht im offenen Gelände theoretisch über 5,5 Kilometer, auf freier Fläche laut Hersteller sogar mehr als 10 Kilometer. In der Stadt, zwischen Gebäuden, schrumpft diese Reichweite naturgemäß. Ein Berg dazwischen – und es ist vorbei.

Das ist keine Kritik, sondern Physik. DMR ist ein professioneller Standard, der in Bau, Sicherheit und Katastrophenschutz seit Jahren verwendet wird. Die Geräte sind untereinander kompatibel, auch mit analogen Funksystemen. Das bedeutet: Wer bereits DMR-Handfunkgeräte im Einsatz hat, kann das WP61 Plus integrieren, ohne die gesamte Kommunikationsinfrastruktur zu wechseln.

In der Praxis funktioniert die Bedienung über eine dedizierte Push-to-Talk-Taste. Das Smartphone kann als Funkgerät dienen, während der Bildschirm ausgeschaltet ist. Man drückt, spricht, lässt los. Genau wie bei einem klassischen Handfunkgerät.

Was das Gerät nicht ist

Hier beginnt die Differenzierung, die in vielen Produktbeschreibungen fehlt.

Das WP61 Plus ist kein Gaming-Smartphone. Der Dimensity 7025 ist ein Mittelklasse-Chip. Die GPU, eine IMG BXM-8-256, unterstützt nicht einmal vollständig die OpenGL- und Vulkan-Funktionen, die moderne 3D-Anwendungen voraussetzen. Benchmark-Tests wie 3DMark brechen teils mit Fehlern ab. Wer mobile Spiele spielen will, ist hier falsch.

Das WP61 Plus ist kein Kamera-Smartphone. Der 108-MP-Sensor von Samsung (ISOCELL HM6) liefert bei Tageslicht brauchbare Ergebnisse. Doch die maximale Videoauflösung liegt bei 1440p, nicht 4K – obwohl der Sensor technisch 8K verkraften würde. Die Begrenzung liegt am Prozessor und an der Softwareanpassung von Oukitel. Für Dokumentationszwecke reicht das. Für filmische Ambitionen nicht.

Das WP61 Plus ist kein Alltagstelefon. Mit 27,5 Millimetern Dicke passt es in keine normale Hosentasche. Mit 651 Gramm zieht es nach einer Stunde in der Hand spürbar. Das ist ein Gerät für den Rucksack, das Handschuhfach, den Werkzeugkoffer – nicht für den Abend in der Stadt.

Die IFA 2026 und die neue Strategie von Oukitel

Mehr als nur ein einzelnes Modell

Auf der IFA 2026 in Berlin zeigte Oukitel, dass das WP61 Plus Teil einer größeren Strategie ist. Der Hersteller präsentierte gleich mehrere Geräte, die unterschiedliche Facetten desselben Grundgedankens beleuchten: Das Smartphone als spezialisiertes Werkzeug für Nischenanforderungen – und nicht als Alleskönner für den Massenmarkt.

Bemerkenswert ist die Bandbreite:

  • WP70 Ultra: Ein Robust-Smartphone mit 16.000-mAh-Akku, das laut Oukitel das dünnste seiner Klasse sein soll. Dazu ein OLED-Display, Dimensity 7200 und ein Wärmebildsensor. Zielgruppe: Wartungstechniker, die Überhitzung an elektrischen Anlagen erkennen müssen.
  • WP600: Ein Gaming-Robust-Phone mit zwei aktiven Lüftern, Dimensity 8300 und bis zu 24 GB RAM. Ein Nischenprodukt für Menschen, die unter widrigen Bedingungen spielen wollen – oder für den Gaming-Markt, der nach neuen Formfaktoren sucht.
  • WP63: Ein Robust-Phone mit eingebautem elektrischem Feuerzeug. 20.000 mAh, Campinglampe, 33-W-Ladung. Die Zielgruppe: Camper, Survival-Szenarien, Outdoor-Enthusiasten.

Diese Produktpalette folgt einer klaren Logik: Oukitel konkurriert nicht mit Apple oder Samsung um den Massenmarkt. Das Unternehmen besetzt Nischen, in denen die großen Hersteller nicht aktiv sind – weil die Stückzahlen zu klein, die Anforderungen zu speziell, die Margen zu unsicher erscheinen.

Der robuste Markt wächst – aber anders als erwartet

Der globale Markt für Rugged-Smartphones wächst seit Jahren. Die treibenden Kräfte sind jedoch nicht Konsumenten, die ein „unkaputtbares“ Telefon suchen. Es sind Unternehmen und öffentliche Einrichtungen, die ihre Feldkräfte ausrüsten müssen: Bauunternehmen, Logistiker, Sicherheitsdienste, Katastrophenschutz, Energieversorger.

Diese Nachfrage hat eine andere Struktur als der Consumer-Markt. Sie ist weniger preissensibel, dafür stärker auf Zuverlässigkeit, Kompatibilität und Support ausgerichtet. Ein Gerät, das im Einsatz versagt, kostet mehr als der Anschaffungspreis. Es kostet Arbeitszeit, Sicherheit, im Extremfall Menschenleben.

Oukitel bedient diesen Markt mit einer Strategie, die sich als funktionale Diversifizierung beschreiben lässt: Eine gemeinsame Hardware-Basis (Robustheit, großer Akku, 5G), kombiniert mit spezialisierten Modulen (DMR, Wärmebild, Feuerzeug). Der Käufer wählt nicht zwischen „gut“ und „besser“, sondern zwischen „welche Funktion brauche ich“.

Die Kontroverse: Braucht es das?

Der Vorwurf der Gimmickisierung

Kritiker könnten argumentieren, dass Oukitel mit einem eingebauten Feuerzeug oder einem Gaming-Robust-Phone mit Lüftern genau das tut, was der Marke langfristig schaden könnte: Gimmicks statt Substanz.

Der Vorwurf ist nicht unberechtigt. Ein Feuerzeug im Smartphone ist eine Lösung für ein Problem, das die meisten Nutzer nicht haben. Wer campen geht, hat in der Regel ein Feuerzeug dabei – oder mehrere. Die Integration in ein 651-Gramm-Gerät, das man ohnehin nicht am Körper trägt, wirkt wenig durchdacht.

Auch das Gaming-Robust-Phone ist eine fragwürdige Kombination. Wer unter extremen Bedingungen arbeitet, spielt dort selten grafisch anspruchsvolle Spiele. Und wer spielt, braucht meist keine IP69K-Zertifizierung.

Die Gegenperspektive: Nischen brauchen Vielfalt

Die andere Lesart ist weniger pessimistisch. Oukitel experimentiert. Nicht jedes Experiment muss ein Massenerfolg werden. Der Wert liegt in der Erkundung von Grenzen: Was ist technisch machbar? Welche Kombinationen ergeben Sinn für bestimmte Berufsgruppen?

Das WP61 Plus ist das beste Beispiel dafür, dass diese Strategie funktionieren kann. Die DMR-Funktion ist kein Gimmick. Sie adressiert ein reales Problem: Kommunikation dort, wo Mobilfunk versagt oder zu teuer ist. Ein Sicherheitsdienst, der ein Gelände überwacht, kann auf DMR umsteigen und gleichzeitig Smartphone-Funktionen nutzen. Ein Bauleiter kann Fotos dokumentieren und per Funk koordinieren, ohne zwei Geräte mitzuführen.

Die Frage ist nicht, ob jeder das braucht. Die Frage ist, ob diejenigen, die es brauchen, es bekommen.

Technische Tiefenanalyse: Was das WP61 Plus kann – und was nicht

Akku und Ladeverhalten

20.000 mAh klingen nach Unendlichkeit. Die Realität ist differenzierter.

Oukitel gibt eine Standby-Zeit von bis zu 2.300 Stunden an – fast 96 Tage. In der Praxis haben Tester jedoch beobachtet, dass das Gerät nach etwa anderthalb Wochen im Leerlauf leer war. Das ist immer noch beeindruckend, aber weit von den Marketingzahlen entfernt. Die Diskrepanz erklärt sich durch die Art der Messung: Herstellerangaben beziehen sich oft auf optimale Bedingungen, ohne Hintergrundaktivität, ohne Netzsuche, ohne DMR-Standby.

Die 45-W-Ladung ist ein Fortschritt gegenüber dem Vorgänger WP60 (33 W). Ein vollständiger Ladevorgang dauert etwa vier Stunden – für einen Akku dieser Größe akzeptabel. Die Rückwärtsladung mit 5 Watt ist allerdings enttäuschend: Der WP60 konnte mit 7 Watt laden. In der Praxis bedeutet das: Ein Smartphone oder Headset lässt sich langsam nachladen, aber nicht schnell aufladen.

Robustheit: Zertifizierungen und ihre Grenzen

IP68, IP69K, MIL-STD-810H. Drei Zertifizierungen, die auf den ersten Blick maximale Widerstandsfähigkeit suggerieren. Die Details sind wichtig:

  • IP68: Staubdicht, wasserdicht bis 1,5 Meter für 30 Minuten.
  • IP69K: Schutz gegen Hochdruck-Wasserstrahl bei hohen Temperaturen. Relevant für die Lebensmittelindustrie und Reinigungsumgebungen.
  • MIL-STD-810H: Eine Reihe von Tests, die Fall, Vibration, extreme Temperaturen und Feuchtigkeit simulieren.

Die Praxis zeigt: Das WP61 Plus überlebt Stürze aus Hüfthöhe auf Beton, Regen, Staub, Schlamm. Es überlebt nicht den Sturz von einer Leiter auf Schotter – jedenfalls nicht garantiert. Kein Smartphone tut das. Die Zertifizierungen definieren einen Rahmen, keine absolute Unzerstörbarkeit.

Die Software: Android 16 mit Anpassungen

Oukitel liefert das WP61 Plus mit Android 16 aus. Die Oberfläche ist nahezu unverändert – ein „halbnacktes“ Android mit einigen zusätzlichen Apps für Camping, Funk und Outdoor-Werkzeuge.

Das ist erfrischend. Viele Hersteller überladen ihre Geräte mit proprietären Oberflächen, die den Speicher füllen und die Update-Geschwindigkeit verlangsamen. Oukitel setzt auf Minimalismus. Die DMR-App, die Campinglampe, der Schrittzähler – das lässt sich verschmerzen.

Die Update-Politik ist allerdings unklar. Oukitel hat sich nicht dazu geäußert, wie lange das WP61 Plus mit Sicherheitsupdates versorgt wird. Für ein Arbeitsgerät, das sensible Unternehmensdaten verarbeitet, ist das ein relevanter Unsicherheitsfaktor.

Einordnung: Was bedeutet das WP61 Plus für den Markt?

Die Emanzipation vom Netz

Das WP61 Plus ist Teil einer größeren Bewegung. Nach Jahren der zunehmenden Netzabhängigkeit – Cloud-Dienste, Streaming, Always-on – wächst das Bewusstsein für die Verwundbarkeit dieser Infrastruktur. Ein Stromausfall legt Mobilfunkmasten lahm. Ein Naturereignis zerstört Sendestationen. In abgelegenen Gebieten gibt es schlicht keine Versorgung.

Die Antwort darauf sind Geräte, die ohne externe Infrastruktur funktionieren. Satellitenkommunikation in iPhones und Samsung-Geräten ist ein Schritt in diese Richtung. Das WP61 Plus geht weiter: Es bietet nicht nur Notfallkommunikation, sondern operative Echtzeitkommunikation für Teams.

Das ist ein qualitativer Unterschied. Ein Notruf über Satellit rettet Leben. Ein DMR-Funksystem organisiert den Arbeitstag.

Die Grenzen des Konzepts

Die größte Schwäche des WP61 Plus ist seine Abhängigkeit von kompatiblen Geräten. Ein DMR-Funkgerät nützt nichts, wenn niemand sonst eines hat. Oukitel verkauft das WP61 Plus nicht als Einzelgerät, das allein funktioniert, sondern als Teil eines Systems. Wer in ein DMR-Ökosystem investiert, muss mehrere Geräte kaufen – oder Kollegen überzeugen, dasselbe zu tun.

Das erklärt den Preis von 369 US-Dollar. Für ein Gerät mit Mittelklasse-Prozessor und ohne 4K-Video ist das viel Geld. Für ein DMR-Handfunkgerät mit integriertem Smartphone ist es ein Schnäppchen. Die Wahrnehmung hängt davon ab, mit welchem Maßstab man misst.

Fazit: Ein Werkzeug, kein Statussymbol

Das Oukitel WP61 Plus ist kein Smartphone für alle. Es ist ein Gerät für die, die es brauchen – und für die, die verstehen, warum sie es brauchen.

Die DMR-Funktion ist der Kern. Sie macht das Gerät einzigartig in einer Zeit, in der fast jedes Smartphone austauschbar wirkt. Die Robustheit und der Akku sind unterstützend, nicht führend. Der Prozessor ist ein Kompromiss, der für Kommunikation, Navigation und Dokumentation ausreicht, aber nicht für Spiele oder kreative Arbeit.

Auf der IFA 2026 hat Oukitel gezeigt, dass das Unternehmen diesen Weg weitergehen will. Das WP70 Ultra mit Wärmebild, das WP63 mit Feuerzeug, das WP600 für Gamer – sie alle folgen derselben Logik: Spezialisierung statt Generalisierung. Nicht jedes Experiment wird aufgehen. Aber die Richtung ist klar.

Wer ein Smartphone sucht, das im Alltag funktioniert, ist hier falsch. Wer ein Kommunikationsgerät sucht, das im Feld funktioniert, sollte das WP61 Plus ernsthaft in Betracht ziehen – vorausgesetzt, die DMR-Reichweite und die Lizenzanforderungen im eigenen Land passen.

Die Frage ist nicht, ob das WP61 Plus das beste Smartphone ist. Die Frage ist, ob es das richtige Werkzeug für die Aufgabe ist. Und für eine wachsende Zahl von Aufgaben lautet die Antwort: ja.

Quellen:

  1. TechRadar / NewsBreak: „My testing of the Oukitel WP61 Plus revealed that while it’s not a daily driver, this rugged walkie-talkie phone could be perfect for operating off-grid“, März 2026.
  2. Notebookcheck: „Oukitel WP61 Plus – Ausstattung / Datenblatt“, Mai 2026.
  3. DGL.RU: „Смартфон Oukitel WP61 Plus: автономка и рация“, März 2026.
  4. iXBT Live: „Агент спецслужб или ловит даже на парковке? Обзор защищённого смартфона-рации Oukitel WP61 Plus“, August 2026.
  5. Hi-Tech Mail: „Oukitel представила ультразащищенный смартфон для экстремалов“, März 2026.
  6. Thị trường hàng hóa: „Mẫu điện thoại Trung Quốc pin 20.000 mAh…“, April 2026.
  7. IT之家: „把双风扇或打火机装进手机,三防硬件厂商 Oukitel 公布 IFA 2026 参展阵容“, September 2026.
  8. Hi-Tech Mail: „Oukitel на IFA 2026: игровой смартфон с вентиляторами и телефон-зажигалка“, September 2026.

Kommentar abschicken

Das hast du vielleicht verpasst