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Der vergessene Rivale: Wie Play-Big gegen Playmobil den Krieg der Wichtel verlor

Autor: DerSchneider


Einleitung: Ein Spielzeugkrieg in Franken

Es war die große Zeit der bunten Kunststoffmännchen. Während in den Kinderzimmern der 1970er-Jahre Playmobil seinen Siegeszug antrat, lauerte im fränkischen Fürth ein Rivale, der es durchaus in sich hatte – im wahrsten Sinne des Wortes. Wer heute auf Flohmärkten die Augen offenhält, stößt mitunter auf Relikte einer fast vergessenen Spielzeugmarke: leicht grimmig dreinblickende Figuren, etwas größer als die bekannten „Klickies“, mit beweglichen Füßen und detailreicherem Zubehör. Dies sind die Überbleibsel von Play-Big, dem kurzlebigen, aber bemerkenswerten Konkurrenten, der die Spielzeugwelt fast auf den Kopf gestellt hätte.

Die Geschichte dieser Auseinandersetzung ist mehr als eine bloße Fußnote der Industriegeschichte. Sie ist ein Paradebeispiel für die Dynamik des Marktes, die oft unberechenbare Logik kindlicher Spielbedürfnisse und einen juristischen Clinch, der zwar sportlich ausgefochten, aber letztlich doch entschieden wurde – nicht durch Richter, sondern durch die kleine Hand von Millionen Kindern. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Unterschiede, den erbitterten „Krieg der Wichtel“ und die Gründe, warum der vermeintlich unterlegene Rivale trotz aller Vorteile vom Markt verschwand.


Die Geburt der Systemspielzeuge: Zwei Antworten auf eine Krise

Um die Rivalität zu verstehen, muss man die Ausgangslage kennen. Mitte der 1970er-Jahre steckte die Spielzeugindustrie in einer Zwickmühle. Die Produktion großer, voluminöser Kunststoffteile wurde durch die Ölkrise von 1973 schlagartig immens teuer. Die Rohstoffpreise verzehnfachten sich . Hersteller waren gezwungen, kleinere, materialsparendere Produkte zu entwickeln.

In Zirndorf, nahe Nürnberg, hatte Horst Brandstätter von der Firma geobra Brandstätter genau diesen Gedanken bereits aufgegriffen. Entwicklungschef Hans Beck tüftelte seit 1971 an einer Idee: einem universellen Spielsystem, das aus kleinen, standardisierten Figuren und Zubehör bestand . Das Ergebnis war Playmobil, das 1974 auf den Markt kam – mit gemischten Reaktionen. Während der Handel skeptisch war, erkannte ein niederländischer Großhändler das Potenzial .

Nur wenige Kilometer entfernt, in Fürth, produzierte die BIG-Spielwarenfabrik (bekannt für das bis heute erfolgreiche Bobby-Car) unter der Leitung von Ernst A. Bettag ein eigenes Produkt. Bettag, ein skrupelloser Wettbewerber mit Hang zum Knoblauch, erkannte die Marktlücke. 1975, ein Jahr nach Playmobil, präsentierte BIG sein Konkurrenzprodukt Play-Big .

Der folgende Vergleich zeigt die grundlegenden Unterschiede der beiden Systeme auf einen Blick:

MerkmalPlaymobil (ab 1974)Play-Big (1975–1979)
Figurengröße7,5 cmca. 10 cm 
BeweglichkeitArme, Kopf, Hände (keine separate Beinbewegung)Arme, Kopf, Beine und Füße einzeln beweglich 
GesichtsausdruckNeutral-lächelnd, freundlichWechselbar (traurig/wütend) durch Drehen des Kopfes 
ProportionenKindlich, übergroßer KopfErwachsener, athletischer 
ThemenweltenRitter, Indianer, Bauarbeiter (kein modernes Militär)Modernes Militär, Polizei, Wikinger 

Play-Big: Der technisch überlegene Rivale

Aus heutiger ingenieurtechnischer Sicht war Play-Big dem frühen Playmobil in vielerlei Hinsicht überlegen. Die Figuren waren nicht nur größer, sondern auch detaillierter.

Beweglichkeit und Mechanik: Das Alleinstellungsmerkmal von Play-Big war die Beweglichkeit der Beine. Während Playmobil-Figuren starr in ihren Hüftgelenken waren, konnten Play-Big-Figuren laufen, sitzen und stehen – eine technische Meisterleistung für die damalige Zeit .

Mimik und Charakter: Play-Big war mutiger. Wo Playmobil auf eine kindliche, neutrale Freundlichkeit setzte, wagte BIG den Schritt zur Komplexität. Figuren konnten durch Abnehmen des Haarteils und Drehen des Kopfes zwischen einem lächelnden und einem grimmigen bzw. traurigen Gesichtsausdruck wechseln . Dies sollte mehr Realismus und Rollenspieltiefe bieten.

Realismus vs. Stilisierung: Das Zubehör von Play-Big – Autos, Waffen, Pferde – war oft detailgetreuer nach realen Vorbildern modelliert . Die hochwertigen Fahrzeuge hatten zum Teil echte Gummi-Reifen. Playmobil setzte dagegen auf eine reduzierte, fast cartoonhafte Ästhetik, die das Branding und die Wiedererkennbarkeit stärkte .

Warum also ist der „Bessere“ untergegangen? Die Antwort liegt nicht in der Technik, sondern in der Psychologie des Marktes.


Der „Krieg der Wichtel“: Plagiatsvorwurf und Strategie

Die große Ähnlichkeit der Grundidee – kleine Kunststofffiguren in thematischen Welten – war für Playmobil-Chef Horst Brandstätter ein Affront. 1975, kurz nach Markteinführung von Play-Big, klagte er vor Gericht. Der Vorwurf: Plagiat .

Was folgte, war ein erbitterter, jahrelanger Rechtsstreit, der in der Branche als der „Krieg der Wichtel“ bekannt wurde. Die Kontrahenten waren sich ähnlich: beide ehrgeizig, beide aus Franken, beide kompromisslos . Brandstätter fuhr einen Lamborghini, Bettag einen Mercedes; beide gaben monatlich rund 50.000 Mark für Anwälte aus .

Ein entscheidender Schachzug war jedoch die einstweilige Verfügung, die Play-Big in der entscheidenden Anfangsphase den Vertrieb teilweise untersagte . Während die Juristen sich stritten, tobte der Kampf um die Regale. Playmobil nutzte die Zeit, um seine Position auszubauen. Die Produktionskapazitäten wurden hochgefahren, die Marketingmaschine lief auf Hochtouren.


Der Sieg vor Gericht, die Niederlage auf dem Markt

Das Ende dieser Geschichte ist eine jener Ironien der Wirtschaftsgeschichte, die Plagiatsdebatten bis heute prägen: Play-Big gewann den Prozess, verlor aber den Krieg.

Nach drei Jahren und mehreren Instanzen urteilte der Bundesgerichtshof schließlich, dass es sich bei Play-Big nicht um ein Plagiat handele. Die Begründung des Gerichts ist bis heute ein geflügeltes Wort unter Sammlern:

„Playbig-Figuren vermitteln den Eindruck eines selbstbewussten, sportlichen, aggressiven Mannes, wohingegen das Playmobil-Männchen die Wirkung von einem Kind, nett und noch unsicher auf den Beinen hat.“ 

Die Richter sahen also zwei unterschiedliche „Charaktere“. Doch zum Zeitpunkt dieses Urteils war der Markt bereits entschieden. Playmobil hatte sich durchgesetzt, die Kinderzimmer waren voller „Klickies“. Die Marke Play-Big wurde 1978/79 eingestellt .

Warum setzte sich das scheinbar naivere Produkt durch? Zwei Perspektiven helfen bei der Einordnung:

PerspektiveArgumentation
Die kindliche PsycheKinder lieben Symbole. Der runde, übergroße Kopf und das freundliche Lächeln von Playmobil sind universelle Symbole für Kindheit und Geborgenheit. Play-Big war zu erwachsen, zu kantig.
System vs. DetailPlaymobil war ein kohärentes, minimalistisches System, das die Fantasie anregte. Play-Big war detailverliebt, aber unfokussiert. Das moderne Militär widersprach dem Trend zur Friedenserziehung in den 70ern und schreckte Eltern ab .

Fazit: Tech-Archäologie eines fast vergessenen Helden

Die Geschichte von Play-Big ist ein Lehrstück für die Tech-Archäologie. Sie zeigt, dass technische Überlegenheit und Detailverliebtheit allein kein Erfolgsrezept sind. Play-Big scheiterte nicht an mangelnder Qualität, sondern an schlechterem Timing, einem überlegenen Markenmarketing des Gegners und einer Fehleinschätzung der Zielgruppe.

Bis heute existiert eine kleine, aber feine Gemeinde von Sammlern, die die robusten und detailreichen Figuren schätzt. Play-Big ist das perfekte Beispiel für ein „Lost‘s Legacy“ der Spielzeuggeschichte – ein Relikt, das uns daran erinnert, dass der Markt nicht immer den besten Techniker belohnt, sondern den besten Geschichtenerzähler.


Quellen

  • Wikipedia: Play-BIG (abgerufen am 28.04.2025) 
  • Wikipedia: Diskussion:Play-BIG (abgerufen am 28.04.2025) 
  • Catawiki: BIG-Spielwarenfabrik GmbH & Co KG – Playmobil Play Big Collectie (abgerufen am 28.04.2025) 
  • Kurier: Playmobil-Chef Horst Brandstätter gestorben (08.06.2015) 
  • Der Spiegel: Invasion vom General (Ausgabe 49/1976) 
  • FürthWiki: Krieg der Wichtel (abgerufen am 28.04.2025) 
  • WELT: Aus Franken wanderten Playmobil-Figuren in Kinderzimmer rund um die Welt (26.11.2024) 

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