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Die formbare Vergangenheit

Wie Geschichte politisch-medial manipuliert wird und warum wir trotzdem nicht alles glauben müssen

Von DerSchneider


Kaum ein Satz wird in politischen Debatten so häufig zitiert wie George Orwells apodiktische Feststellung aus *1984*: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Was der britische Autor 1949 als düstere Fiktion entwarf, ist im digitalen Zeitalter längst zur alltäglichen Herausforderung geworden. Geschichte ist nicht einfach „das, was geschah“ – sie ist das, woran wir uns erinnern, wie wir es erzählen und wozu wir es nutzen. Und genau hier liegt das Problem: Dieses Erinnern, Erzählen und Nutzen ist niemals neutral.

Die Verunsicherung darüber, was Fakt und was Fiktion ist, hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Politische Diskurse, gezielte Falschinformation und nicht zuletzt der Einsatz Künstlicher Intelligenz verschleiern zunehmend die Grenze zwischen belegbarem Geschehen und gewünschter Erzählung. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen, mit denen Geschichte verformt wird – und fragt, ob wir angesichts dieser Erkenntnis überhaupt noch irgendjemandem vertrauen können.


I. Der Mechanismus der Verformung

Von der Auswahl zur Verzerrung

Der erste und vielleicht wichtigste Mechanismus der Geschichtsmanipulation ist nicht die Fälschung, sondern die Selektion. Jede Geschichtserzählung muss aus der unendlichen Fülle vergangener Ereignisse eine Auswahl treffen. Diese Auswahl ist per se wertend. Die Frage ist nicht ob selektiert wird, sondern nach welchen Kriterien.

Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt diesen Vorgang präzise: Geschichte wird „nicht neutral erinnert“. Sie wird stets mit Blick auf die Bedürfnisse der Gegenwart aufgegriffen. Was in Schulbüchern steht, was in Museen gezeigt und was in den Medien thematisiert wird, bestimmt wesentlich das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft. Wer diese Institutionen kontrolliert oder beeinflusst, formt damit auch das Bild der Nation.

Die Auslassung ist dabei oft wirkmächtiger als die aktive Falschbehauptung. Ein Ereignis, das nicht berichtet wird, existiert für die Öffentlichkeit schlicht nicht. Diese Form der Manipulation ist besonders tückisch, weil sie unsichtbar bleibt. Der Leser oder Zuschauer bemerkt nicht, was fehlt – er merkt nur, dass sein Bild von der Welt ein bestimmtes ist, ohne zu wissen, dass es hätte anders sein können.

Instrumentalisierung und Revisionismus

Die politische Instrumentalisierung der Geschichte hat eine lange Tradition. Sie reicht von der Dämonisierung des Gegners über die Heroisierung der eigenen Seite bis hin zur schlichten einseitigen Interpretation. In autoritären Systemen wird Geschichte nicht selten per Dekret oder Gesetz verordnet – ein „Warnsignal für den Zustand der Demokratie“.

Besonders virulent ist der Geschichtsrevisionismus, der historische Fakten gezielt verfälscht, um politische Positionen zu entlasten. Die Bundeszentrale für politische Bildung weist darauf hin, dass es dem Revisionismus – anders als von seinen Vertretern oft behauptet – gerade nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte geht. Stattdessen werden Dokumente fehlinterpretiert, widersprechende Forschungsergebnisse ignoriert oder Ereignisse komplett geleugnet.

Ein zentrales Beispiel ist die Behauptung, die NSDAP sei eine „linke“ Partei gewesen – eine These, die nicht etwa aus der historischen Forschung kommt, sondern aus dem politischen Kampf der Gegenwart. Der Revisionismus verfolgt damit ein klares Ziel: Er will den Nationalsozialismus moralisch entlasten. Indem er das NS-Regime weniger brutal erscheinen lässt, als es war, entlastet er auch die eigenen politischen Positionen in der Gegenwart.

Im digitalen Raum erleben diese historischen Verzerrungen eine ungeahnte Renaissance. Rechtsextreme Influencer und Parteien verbreiten suggestive Narrative, die gezielt Jugendliche ansprechen – oft mit der einleitenden Frage: „Glaubst Du wirklich alles, was Du im Geschichtsunterricht gelernt hast?!“ Den jungen Menschen fehlt häufig die Medienkompetenz, um diese manipulative Propaganda zu durchschauen.


II. Drei Lehrstücke der Verformung

1. Der Wilde Westen – ein Mythos aus Profit und Propaganda

Kaum ein historisches Bild ist so tief im kollektiven Bewusstsein verankert und gleichzeitig so falsch wie das vom „Wilden Westen“. Revolverhelden, schlagfertige Sheriffs und tägliche Schießereien prägen die Vorstellung vom Amerika des 19. Jahrhunderts. Die historische Realität sah anders aus.

In den berüchtigten Cowboy-Städten wie Dodge City, Abilene und Ellsworth gab es in den Jahren 1870 bis 1885 insgesamt nur 45 dokumentierte Morde. Dodge City hatte in seinem blutigsten Jahr (1878) gerade einmal fünf Tötungsdelikte – bei über 1.000 Einwohnern und Tausenden Durchreisenden. Zum Vergleich: New York City hatte im selben Jahr eine pro Kopf mehr als doppelt so hohe Mordrate.

Entstanden ist der Mythos nicht durch historische Überlieferung, sondern durch drei mächtige Treiber:

TreiberMechanismusWirkung
GroschenromaneBillige Unterhaltung für den OstenVerkaufte Auflagen, keine Faktenprüfung
Buffalo Bills ShowLive-Spektakel in USA und EuropaMillionenfaches Publikum, Inszenierung als Wahrheit
Hollywood-FilmeDramaturgische ZuspitzungGenerationenübergreifende Verfestigung

Die Western-Filme des 20. Jahrhunderts verrieten dabei oft mehr über die Zeit, in der sie gedreht wurden, als über die Zeit, die sie beschreiben sollten. Sie dienten nicht der historischen Aufklärung, sondern der Unterhaltung – und der Unterhaltung eines Publikums, das ein bestimmtes Bild von Amerika sehen wollte: ein Bild von Freiheit, Selbstbestimmung und heroischem Individualismus.

2. Napoleon – der kleine Kaiser, der keiner war

Der „Napoleon-Komplex“ ist bis heute ein fester Begriff in der Populärpsychologie – und ein Paradebeispiel für erfolgreiche Propaganda. Der französische Kaiser soll klein, aggressiv und minderwertigkeitskompensierend gewesen sein. Alles falsch.

Napoleon maß nach den Aufzeichnungen seines Kammerdieners Constant 1,69 Meter. Sein Arzt dokumentierte etwa 1,67 Meter. Die durchschnittliche Körpergröße französischer Männer lag zu seiner Zeit bei etwa 1,62 Metern. Napoleon war für seine Verhältnisse also nicht klein, sondern eher überdurchschnittlich groß.

Wie kam es zu dem hartnäckigen Gerücht? Der Haupttreiber war die britische Kriegspropaganda. Der Illustrator James Gillray verbreitete ab dem späten 18. Jahrhundert Karikaturen, die Napoleon als Kleinkind mit Wutanfall oder als winzige Figur neben körperlich überlegenen Herrschern zeigten. Nach der Schlacht von Waterloo 1815 nahmen diese Darstellungen in England weiter zu. Die Bezeichnung „little Boney“ („kleiner Dürrer“) wurde zum geflügelten Wort.

Was als politische Propaganda begann, wurde zur psychologischen Theorie. 1908 prägte Alfred Adler den „Napoleon-Komplex“ – und verfestigte damit einen Irrglauben, der auf einem Umrechnungsfehler der Maßeinheiten und gezielter Feindpropaganda beruhte.

3. Die Wikinger – ohne Hörner, aber mit Ideologie

Kaum ein Bild ist so falsch und gleichzeitig so populär wie der Wikinger mit dem Hörnerhelm. Archäologisch gibt es keinen einzigen Beleg für einen solchen Helm. Der einzige vollständig erhaltene Wikingerhelm (der Gjermundbu-Helm) hat eine runde Kappe – ohne Hörner.

Die Hörner sind eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, popularisiert durch Richard Wagners Opern um 1870. Sie dienten der Dramatisierung und Exotisierung – nicht der historischen Wahrheit. Die Archäologie befreit heute die Erzählung von den Mythen und Ideologien, die das Bild der Germanen jahrhundertelang verzerrten.


III. Die Grenzen der Regulierung

Angesichts dieser Mechanismen drängt sich die Frage auf: Kann der Gesetzgeber nicht für Abhilfe sorgen? Die Antwort ist komplex.

In Deutschland existiert ein differenzierter Ordnungsrahmen:

  • Art. 5 Grundgesetz: Garantiert die Pressefreiheit als Grundpfeiler der Demokratie.
  • Medienstaatsvertrag (MStV): Schreibt für den Rundfunk Objektivität und Unparteilichkeit vor.
  • Landespressegesetze: Verpflichten zur Sorgfalt bei der Wahrheitsprüfung.
  • Pressekodex: Enthält ethische Regeln, ist aber eine freiwillige Selbstverpflichtung.

Die entscheidende Schwachstelle: Der Pressekodex ist kein Gesetz. Der Presserat verteidigt die Einhaltung ethischer Standards auf Basis freiwilliger Selbstkontrolle. Verstöße haben keine strafrechtlichen Konsequenzen.

Hinzu kommt: Selbst bei bester Absicht bleibt die Auswahlfreiheit der Redaktionen unangetastet. Aus 1.000 Ereignissen am Tag 20 auszuwählen und zu verdichten – das ist keine Pflichtverletzung, sondern journalistische Praxis. Die Grenze zwischen legitimer Auswahl und manipulativer Verzerrung ist fließend.


IV. Was tun? Ein pragmatischer Werkzeugkasten

Die Erkenntnis, dass Geschichte formbar ist, führt schnell in eine Sackgasse: Wenn doch alles manipuliert ist – wem soll ich dann noch trauen?

Die Antwort lautet: Vertrauen Sie keiner einzelnen Quelle – aber nutzen Sie die Kraft der Vervielfältigung.

Die Zwei-Quellen-Regel

Hören oder lesen Sie nicht nur ein Medium, sondern mindestens zwei voneinander unabhängige. Nicht ARD und ZDF (gleiches Ökosystem), sondern etwa Deutschlandfunk und BBC World Service oder Österreichischer Rundfunk. Wenn zwei unabhängige Quellen denselben Kerndatums nennen, ist dieser wahrscheinlich korrekt. Wenn ein Sender etwas gar nicht erwähnt, der andere aber ausführlich – ist das bereits ein Warnhinweis.

Die Rohdaten-Deutungs-Trennung

Achten Sie bei Nachrichten nur auf die ersten Sätze: Wer? Wann? Wo? Was ist passiert? Alles, was danach kommt – „Experten sagen“, „das bedeutet“, „kritisiert wird“ – ist Interpretation. Sie können diese Interpretationsschleife getrost ausblenden. Sie brauchen die Rohdaten, um informiert zu sein. Die Deutung können Sie Ihrem eigenen Urteil überlassen.

Die Fehlerkultur als Qualitätsmerkmal

Ein integres Presseorgan erkennt man nicht daran, dass es nie Fehler macht, sondern daran, dass es offene Korrekturen veröffentlicht. Die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, die NZZ und die Öffentlich-Rechtlichen haben feste Rubriken für Korrekturen. Ein Medium, das niemals Fehler eingesteht, ist unseriös.

Die Toleranz der Unschärfe

Akzeptieren Sie, dass Sie bei komplexen Ereignissen (Wirtschaftskrisen, Kriegsgeschehen) vielleicht nur 70 Prozent der Wahrheit erfassen können. Das ist kein Versagen – das ist die Natur der Sache. Erlauben Sie sich, bei solchen Themen innerlich zu sagen: „Ich habe den Kern verstanden, die feinen Details sind mir nicht zugänglich – und das ist okay.“


Fazit: Die Verantwortung des mündigen Bürgers

Geschichte wird immer manipuliert werden. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine strukturelle Gegebenheit. Jede Erzählung ist Auswahl, jede Auswahl ist Wertung, jede Wertung ist Interesse. Die Frage ist nicht, ob manipuliert wird, sondern wozu und von wem.

Der entscheidende Unterschied zwischen dem historischen Mythos (wie dem vom Wilden Westen) und der Verschwörungstheorie (wie der von der „linken“ NSDAP) liegt in der Absicht und der Struktur. Der Mythos entsteht oft unbewusst aus Profitgier oder schlichter Erzählfaulheit. Die Verschwörungstheorie hingegen ist bewusst konstruiert, sie will ein Feindbild etablieren und lässt sich nicht falsifizieren – jede Gegenargumentation wird sofort als „Teil der Verschwörung“ abgetan.

Die Demokratie lebt von der Fähigkeit ihrer Bürger, Quellen zu hinterfragen, Widersprüche auszuhalten und sich ein eigenes, informiertes Urteil zu bilden. Wer diese Fähigkeit aufgibt, weil „ja doch alles Lüge ist“, macht sich zum willigen Empfänger derjenigen, die am lautesten schreien. Die Alternative ist nicht Naivität, sondern intellektuelle Hygiene: die bewusste, anstrengende, aber unverzichtbare Praxis des kritischen Hinterfragens.

Denn eines gilt heute mehr denn je: Die Vergangenheit ist nicht starr, sondern formbar. Aber sie ist nicht beliebig formbar. Es gibt Fakten, es gibt Quellen, es gibt belegbare Ereignisse. Sie zu finden, ist Arbeit. Aber sie zu ignorieren, ist gefährlich.


Quellen

  • Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Geschichtsrevisionismus digital: Wie rechtsextreme Akteure auf Social Media Geschichte umdeuten, 2026
  • Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Revisionismus, Dossier Rechtsextremismus
  • Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Editorial | Geschichte als Instrument, 2021
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW): Wenn Geschichte zum Politikum wird, Interview mit Ljiljana Radonić, 2025
  • Mediendiskurs: Geschichte(n) erzählen, Claudia Mikat, Ausgabe 111, 2025
  • National Geographic: Warum Napoleon den Ruf hat, klein gewesen zu sein, 2023
  • Wikipedia: Napoleon-Komplex
  • Wikipedia: Wilder Westen

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