Die gescheiterte Utopie: Der Aufstieg und der vernichtende Fall des gewerkschaftlichen Gemeinwirtschafts-Imperiums
Autor: DerSchneider
Einleitung: Der Traum von der „anderen“ Wirtschaft – und sein jähes Ende
Es war ein ambitioniertes Projekt, das in der Nachkriegszeit die sozialdemokratische Hoffnung auf eine gerechtere Wirtschaftsordnung verkörpern sollte: Die Gewerkschaften, allen voran der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), gründeten ein eigenes Wirtschaftsimperium. Banken, Versicherungen, Wohnungsbaugesellschaften und Handelsketten sollten unter dem Banner der Gemeinwirtschaft als ethisches Gegenmodell zum kapitalistischen Profitstreben dienen. Der Anspruch war, nicht nur für bessere Löhne zu kämpfen, sondern selbst als Unternehmer zu zeigen, dass es anders geht.
Das Ende dieses Experiments ist eines der größten Wirtschaftsdesaster und zugleich eines der schwersten Glaubwürdigkeitsdebakel der deutschen Gewerkschaftsgeschichte. Was als Vision einer „Wirtschaftsdemokratie“ begann , endete in einem Sumpf aus Korruption, Größenwahn und milliardenschwerem Missmanagement. Die einst so stolze „Neue Heimat“ wurde 1986 für eine symbolische Mark verscherbelt, der Begriff der Gemeinwirtschaft zum Synonym für eine „gemeine Wirtschaft“ . Dieser Artikel zeichnet die Chronologie des Scheiterns nach, benennt die handelnden Personen und ihre Verfehlungen und beziffert die verheerenden finanziellen und ideologischen Kosten, die dieses Debakel für den Staat, die Steuerzahler und vor allem für die einfachen Gewerkschaftsmitglieder hatte. Der Tenor ist unmissverständlich: Was hier versagt hat, war nicht nur ein Unternehmen, sondern ein ganzes System, das sich in einem tödlichen Widerspruch zwischen Ideologie und Realität verfing.
Der Aufbau eines Imperiums: Vom „Heiligenschein“ zur „mafia-ähnlichen“ Struktur
Die Wurzeln der „Neuen Heimat“ reichen bis ins Jahr 1926 zurück, als sie als regionales Hamburger Wohnungsbauunternehmen gegründet wurde . Nach der Zwangsenteignung durch die Nationalsozialisten 1933 und der Rückgabe an den DGB 1952 begann der steile Aufstieg . Angetrieben vom millionenfachen Wohnungsbedarf der Nachkriegszeit und dem ideologischen Eifer der Gemeinwirtschaft, avancierte das Unternehmen zum größten nicht-staatlichen Wohnungsbaukonzern Europas . Die Gewerkschaften betrachteten diesen Sektor als ein „Instrument gewerkschaftlicher Strukturpolitik“ .
Unter der Führung von Albert Vietor, der 1963 zum Vorstandsvorsitzenden aufstieg und sich intern den Spitznamen „König Albert“ verdiente, mutierte die Neue Heimat jedoch von einem gemeinnützigen Bauträger zu einem global agierenden Mischkonzern . Vietor, ein ehemaliger Lebensmittelkaufmann, betrieb eine Politik der maßlosen Expansion . Das Unternehmen errichtete nicht nur Trabantenstädte wie die Bremer „Neue Vahr“, sondern auch Großkliniken, Kongresszentren, Luxushotels, Rathäuser und Schulen . Die Expansionswelle erfasste das Ausland: In Frankreich, Italien, Venezuela, Mexiko und sogar in diktatorisch regierten Staaten Lateinamerikas wurde spekuliert und gebaut . Der Umsatz erreichte in guten Jahren bis zu 6,5 Milliarden D-Mark .
Die ideologische Rechtfertigung für dieses gigantische Wachstum lieferten die Konzernlenker selbst. Ein Direktor der Neuen Heimat erklärte 1979, die Entwicklung der Gemeinwirtschaft sei „die Entwicklung von Gegenmacht gegen bereits installierte Macht und damit eine Schutzmaßnahme der die freiheitliche Demokratie verteidigenden Kräfte“ . Dieses Selbstverständnis, über dem „Heiligenschein“ der Gemeinnützigkeit zu schweben, führte zu einer Kultur der Unantastbarkeit und schuf die Grundlage für das spätere Versagen der Kontrollmechanismen . Der DGB und seine Vertreter in den Aufsichtsräten sahen tatenlos zu, wie die Manager ein kaum noch überschaubares Geflecht von Tochtergesellschaften und Beteiligungen schufen .
Die Abgründe des „Königs“: Korruption, Größenwahn und Selbstbereicherung
Der Schein des gemeinwirtschaftlichen Musterschülers begann im Februar 1982 zu bröckeln. Auslöser war ein gekündigter Pressesprecher, John Siegfried Mehnert, der aus Rache dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel belastendes Material über die Geschäftspraktiken der Konzernführung zuspielte . Der Spiegel-Titel „Neue Heimat – Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen“ deckte ein systematisches System der Korruption auf, das in seiner Dreistigkeit und Krimininalität an eine Mafia-Struktur erinnerte .
Die Anklagepunkte gegen Vietor und seine Mitstreiter waren vernichtend:
- Systematische Selbstbereicherung: Die Vorstandsriege hatte ein Netz aus Strohmann-Firmen und Tarnfirmen geschaffen, um sich auf Kosten der eigenen Sozialmieter und des Konzerns zu bereichern . So gründeten die Manager eine Firma, die den Neuen-Heimat-Häusern überteuerte Fernwärme lieferte, und kassierten die Gewinne über Umwege selbst. Ähnlich lief es bei der Installation von Hausantennen . Wirtschaftsprüfer errechneten später, dass allein durch Vietors private Geschäfte ein Schaden von 105 Millionen D-Mark entstanden war .
- Insiderhandel und Betrug: Die Führungskräfte nutzten ihr Insiderwissen, um Grundstücke billig aufzukaufen und teuer an die Neue Heimat weiterzuverkaufen . Vietor selbst prahlte öffentlich mit seinem privaten Immobilienbesitz: „Ich besitze in Hamburg 24 Wohnungen und eine halbe; außerdem bin ich in Berlin an 217 Wohnungen beteiligt“ .
- Unternehmerischer Größenwahn und Spekulation: Der Konzern hatte sich durch sein globales Engagement und Prestigeprojekte völlig übernommen. Eine gigantische Fehleinschätzung der Konjunktur führte zu Verlusten in Millionenhöhe, da das Unternehmen auf riesigen Flächen von Bauerwartungsland sitzenblieb .
- Rechtswidrige Vermögensverschiebungen: Über die Jahre wurden die Gewinne aus dem gemeinnützigen Wohnungsbau systematisch in den nicht gemeinnützigen Bereich der Neuen Heimat Städtebau transferiert, um dort Spekulationen zu finanzieren .
Die Reaktion des damaligen DGB-Chefs Heinz-Oskar Vetter auf die Enthüllungen war von trotziger Arroganz geprägt: „Wir sind Manns genug, um mit den Missständen in unseren Reihen selbst fertig zu werden. […] Wir sind nicht die Hampelmänner, die nach jeder Verdächtigung in jedem x-beliebigen Blatt in selbst zerstörerische Zuckungen verfallen!“ . Diese Haltung entpuppte sich als katastrophale Fehleinschätzung. Die Führungsetage wurde zwar vier Tage später entlassen, doch der Schaden war nicht mehr zu reparieren .
Der Abstieg: Misswirtschaft, Milliardenverluste und der „Verkauf“ für eine Mark
Der Korruptionsskandal war nur die Spitze des Eisbergs. Das wahre Ausmaß des wirtschaftlichen Niedergangs wurde erst in den folgenden Jahren sichtbar. Die Neue Heimat hatte durch ihre riskante Expansion einen Schuldenberg von 16 Milliarden Mark angehäuft . Das Unternehmen machte bereits 1982 einen Verlust von über 700 Millionen Mark, die Tochtergesellschaft Neue Heimat Städtebau sogar 560 Millionen Mark .
Der DGB, der eigentlich die Kontrollinstanz hätte sein müssen, war gezwungen, den maroden Konzern mit immer neuen Milliardenzuschüssen über Wasser zu halten . Bis 1982 mussten die Gewerkschaften rund 1,5 Milliarden D-Mark zuschießen . Eine Rettung durch den Staat war unter der schwarz-gelben Bundesregierung von Helmut Kohl nicht zu erwarten. FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff machte im Bundestag unmissverständlich klar: „Wenn hier einer zahlen muss, meine Damen und Herren, dann ist es der Deutsche Gewerkschaftsbund.“
In dieser aussichtslosen Situation verfiel der DGB in Aktionismus. Am 18. September 1986 wurde der gesamte Konzern für den symbolischen Preis von einer D-Mark an den bis dahin unbekannten Berliner Brotfabrikanten Horst Schiesser verkauft . Der damalige DGB-Vorsitzende Ernst Breit konnte auf einer Pressekonferenz nicht einmal erklären, wer der Käufer war, und gab zu, ihn „persönlich überhaupt nicht“ zu kennen . Dieser Panikverkauf war ein Armutszeugnis für die Führungskompetenz der Gewerkschaftsspitze. Der Deal platzte nach nur 43 Tagen, als die Banken dem neuen Eigentümer die Kredite verweigerten . Der DGB musste die Neue Heimat mit einem hohen Verlust zurückkaufen und liquidierte sie schließlich über eine Treuhandgesellschaft . Die verbliebenen Wohnungsbestände wurden an Bundesländer und private Investoren verscherbelt . Was folgte, war der vollständige Rückzug der Gewerkschaften aus der Gemeinwirtschaft. Die einst stolze Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft (BGAG) wurde zu einer bedeutungslosen „Dienstleistungsholding“ degradiert .
Die vernichtende Bilanz: Kosten für Staat, Steuerzahler und Mitglieder
Der Kollaps der „Neuen Heimat“ war nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein politischer und moralischer Bankrott. Die Bilanz dieses Scheiterns ist vernichtend:
1. Die Kosten für den Staat und die Steuerzahler
Die Neue Heimat hatte über Jahre hinweg immense Steuervergünstigungen und Subventionen von Bund und Ländern in Höhe von bis zu zehn Milliarden D-Mark erhalten . Nach dem Skandal wurde das Gesetz zur Gemeinnützigkeit im Wohnungsbau gestrichen – der Staat beendete damit eine jahrzehntelange Förderung . Die direkten Kosten durch den Zusammenbruch des Konzerns sind schwer zu beziffern, aber die Fakten sprechen für sich: Mit einem Schuldenberg von 16 Milliarden Mark und zehntausenden Arbeitslosen, die Sozialleistungen beziehen mussten, schlug das Desaster voll auf das Gemeinwesen durch. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Bundestages wurde 1986 eingesetzt, um die Verwicklungen und die Verwendung von Steuergeldern aufzuklären – ein Vorgang, gegen den die Gewerkschaften mit aller Härte vorgingen .
2. Die Kosten für die Gewerkschaften und ihre Mitglieder
Die Gewerkschaften mussten die Zeche für ihr Versagen selbst zahlen. Der DGB und seine Einzelgewerkschaften verloren durch das Neue-Heimat-Desaster ein Vermögen. Um die Rettungsgelder und die Abwicklung zu finanzieren, mussten sie ihr „Tafelsilber“ verkaufen . Die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), die Versicherung Volksfürsorge und die Handelskette Coop – allesamt einstige Vorzeigeunternehmen – wurden zu Schleuderpreisen verscherbelt . Die Verluste für die Gewerkschaftskasse beliefen sich allein durch die Neue Heimat auf mehrere Milliarden D-Mark .
Doch die größten Verlierer waren die einfachen Gewerkschaftsmitglieder. Während Vietor und seine Kumpane sich mit Millionen bereicherten und der DGB sie schützte, wurden „Millionen an Mitgliedsbeiträgen verschleudert“ . Die Mitglieder trugen nicht nur die finanzielle Last des Skandals mit, sie mussten auch den Zerfall ihrer eigenen Organisation miterleben. Das Vertrauen in die Gewerkschaften war erschüttert. Der DGB geriet „an den Rand einer Identitätskrise“ . Die verbleibenden Gewerkschaften mussten als Konsequenz in den 1990er-Jahren drastische Sparprogramme durchführen und zehntausende Arbeitsplätze in den eigenen Reihen abbauen .
Fazit: Das Ende einer Illusion
Die Geschichte der gewerkschaftlichen Gemeinwirtschaft, insbesondere der „Neuen Heimat“, ist eine exemplarische Erzählung des Scheiterns. Sie demonstriert, wie eine noble Idee durch eine toxische Mischung aus ideologischem Größenwahn, mangelnder Kontrolle und blanker Gier korrumpiert wird. Der vielbeschworene „Heiligenschein“ der Gemeinnützigkeit entpuppte sich als ein Deckmantel, hinter dem sich eine rücksichtslose Managerkaste ihrer eigenen Bereicherung hingeben konnte, während die einfachen Mitglieder zur Kasse gebeten wurden .
Die zentrale Lehre aus diesem Debakel ist, dass Gewerkschaften offenbar nicht die Kernkompetenz besitzen, große Wirtschaftskonzerne zu führen. Die ideologische Verblendung führte zu einem Kontrollverlust, der in der deutschen Wirtschaftsgeschichte seinesgleichen sucht. Der DGB hat bis heute nicht die programmatisch-politische Lücke geschlossen, die der Zusammenbruch der Gemeinwirtschaft hinterlassen hat . Die einstige „Gegenmacht“ ist zu einer Randnotiz der Geschichte verkommen, während ihre einstigen Wohnungen heute von börsennotierten Konzernen wie Vonovia oder Deutsche Wohnen verwaltet werden .
Dies war nicht der Sieg des Kapitalismus – es war die selbstverschuldete Niederlage einer Bewegung, die vergaß, dass Moral und Wirtschaft kein Widerspruch sein müssen, wenn man sie denn ernst nimmt.
Quellen
- Deutschlandfunk, „Vor 30 Jahren – DGB muss Wohnungsbaukonzern ‚Neue Heimat‘ verkaufen“ (2020).
- Geschichte der Gewerkschaften, „Das Ende der Gemeinwirtschaft“.
- Deutschlandfunk, „Geschichte aktuell: Eigennutz statt Gemeinnutz“ (2020).
- DOM publishers, „‚Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates'“ (2018).
- FOCUS online, „Von Peanuts, Medienmogulen und Zockern: Firmenpleiten“ (2009).
- Capital, „Das Ende der Neuen Heimat“ (2020).
- MOPO, „Historischer Podcast: Der Tag, an dem der ‚Neue Heimat‘-Skandal Hamburg erschütterte“ (2021).
- taz, „Neue Heimat macht DGB-Kreise heimatlos“ (1989).
- Springer, „Bildungspolitik und industrielle Beziehungen“.
- Deutschlandfunk, „Die dunklen Geschäfte von ‚König Albert'“ (2020).
- Bundeszentrale für politische Bildung, APuZ 24/1983 „Gemeinwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland“.
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