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Die Kunst des Loslassens – Warum wahres Lernen und Lehren in der Gelassenheit gründen

Autor: DerSchneider


Einleitung

Die Frage, ob Lernen in Losgelassenheit das Ziel des Lernenden oder des Lehrenden sei, ist auf den ersten Blick eine scheinbar einfache Unterscheidung. Bei genauerer Betrachtung jedoch entpuppt sie sich als eine der grundlegendsten Fragen der Pädagogik, ja der Philosophie des Wissens überhaupt. Sie berührt das Selbstverständnis beider Rollen und fordert ein Umdenken in einer Bildungswelt, die zunehmend von Standardisierung, Leistungsdruck und Kontrollierbarkeit geprägt ist.

Die Antwort, die sich im Laufe der Betrachtung herauskristallisiert, ist ebenso einfach wie radikal: Losgelassenheit ist nicht das Ziel einer der beiden Seiten, sondern die notwendige Bedingung für das Gelingen von Bildungsprozessen überhaupt – und sie ist zugleich das höchste Ziel, das beide Seiten erreichen können. Es ist der gemeinsame Fluchtpunkt einer jeden gelingenden Begegnung zwischen Lehrendem und Lernendem.

Die Dialektik von Spannung und Lösung

Um das Phänomen der Losgelassenheit im Bildungskontext zu verstehen, muss man sich zunächst die grundlegende Dialektik von Spannung und Lösung vor Augen führen. Jeder Lernprozess beginnt mit einer Form der Spannung: dem Nichtwissen, der Herausforderung, dem Gefühl des Unverstandenen. Diese Spannung ist produktiv, sie ist der Motor des Fortschritts. Doch sie kann auch lähmend wirken, wenn sie in Angst, Leistungsdruck oder den starren Willen, um jeden Preis verstehen zu müssen, umschlägt.

Genau hier setzt die Losgelassenheit ein. Sie ist nicht Gleichgültigkeit oder Passivität. Im Gegenteil: Sie ist ein aktiver, bewusster Zustand der Offenheit und des Vertrauens. Für den Lernenden bedeutet dies, den inneren Zwang fahrenzulassen, sofort alles begreifen zu müssen. Es ist die Fähigkeit, das eigene Ego und den Leistungsanspruch zurückzustellen, um wirklich aufnehmen zu können. Dies erinnert an die pädagogische Grundhaltung der Reformpädagogik, die das selbstbestimmte Lernen in den Mittelpunkt stellt. Wie es in einem grundlegenden pädagogischen Ansatz heißt, ist Freies Lernen ein Bildungsansatz, der auf Selbstbestimmung, Autonomie und individuelle Entfaltung setzt.

Diese Haltung findet einen starken philosophischen Ausdruck im Begriff der Gelassenheit bei Martin Heidegger. Für Heidegger ist Gelassenheit ein „Loslassen“ im Sinne eines „Sein-Lassens“. Es ist nicht das passive Dahindämmern, sondern ein aktives Offenhalten für das Geheimnis und ein Verweilen beim Sein der Dinge. Auf den Lernprozess übertragen bedeutet dies: Der Lernende lässt den Stoff auf sich wirken, ohne ihn sofort mit den eigenen Kategorien zerteilen und beherrschen zu wollen. Er übt sich in einer Haltung, die man als „thinking in nearness“ bezeichnen könnte – ein Denken in der Nähe zum Gegenstand, das erst durch das Loslassen der eigenen vorschnellen Urteile ermöglicht wird.

Die zwei Seiten einer Medaille: Lernen in Losgelassenheit

Betrachtet man den Lernenden, so wird schnell klar: Losgelassenheit ist nicht das Ziel, das am Ende eines mühsamen Weges steht, sondern sie ist die conditio sine qua non für tiefgreifendes Lernen. Ein Lernender, der verkrampft und unter Druck steht, ist nicht aufnahmefähig. Sein Gehirn ist im Kampf-oder-Flucht-Modus, die kognitiven Ressourcen werden für die Bewältigung der emotionalen Spannung gebraucht, nicht für das Verständnis neuer Inhalte.

Simone Weil, die französische Philosophin, hat diesen Zustand der aufmerksamen, losgelassenen Haltung in den Mittelpunkt ihrer Pädagogik gestellt. In ihrer Bildungsphilosophie sind Aufmerksamkeit (attention), Ablösung (detachment), Stille (silence) und Einsamkeit (solitude) die fundamentalen Tugenden des Lernens. Es ist eine Haltung, die das Subjekt zurücknimmt, um dem Objekt, dem Wissen, Raum zu geben. In der Folge entsteht ein Zustand, den Mihaly Csikszentmihalyi als Flow beschrieben hat – ein Zustand völligen Aufgehens in der Tätigkeit, bei dem das Selbstbewusstsein schwindet und die Zeit zu vergehen scheint. Dieser Flow ist ohne eine grundlegende Losgelassenheit von Leistungsängsten und äußeren Ablenkungen nicht denkbar.

Die Kunst des Lehrens: Kontrolle abgeben, um zu ermächtigen

Wendet man den Blick auf den Lehrenden, so offenbart sich eine noch tiefere Dimension der Losgelassenheit. Das Ziel eines Lehrenden kann unmöglich darin bestehen, den Lernenden zu kontrollieren oder ihn mit Wissen zu „füllen“. Dieses mechanistische Verständnis von Bildung ist längst überholt. Wahres Lehren ist vielmehr die Kunst, eine Umgebung zu schaffen, in der Lernen geschehen kann.

Der Erziehungswissenschaftler Rolf Arnold hat in seinem Konzept „Wie man lehrt, ohne zu belehren“ diesen Paradigmenwechsel eindrücklich beschrieben. Sein Credo: Lernen kann man nicht erzwingen, sondern lediglich anregen, fördern und begleiten. Dies erfordert vom Lehrenden eine tiefe Form der Losgelassenheit: das Loslassen des eigenen Kontrollbedürfnisses, des Drangs, den gesamten Stoff bis ins letzte Detail vermitteln zu müssen, und nicht zuletzt das Loslassen des eigenen Egos, das nach Bestätigung durch „erfolgreiche“ Schüler strebt.

Diese Haltung findet sich auch in der sokratischen Methode wieder, der „Hebammenkunst“. Sokrates lehrte nicht, indem er Wissen präsentierte, sondern indem er durch gezielte Fragen den Lernenden dazu brachte, die Wahrheit selbst zu entdecken. Der Lehrende wird zum Geburtshelfer des Wissens, nicht zu dessen Besitzer. Dies ist die höchste Form der pädagogischen Losgelassenheit: Der Lehrende vertraut darauf, dass der Lernende den Weg zum Wissen finden kann, und begleitet ihn lediglich auf diesem Weg.

Die Praxis des „Loslassens“ im Unterricht wird zunehmend auch empirisch untersucht. Sie ist gekennzeichnet durch Vertrauen in den Lernprozess, die Gewissheit, dass Lernen auch auf unerwartete Weise geschieht, und die Offenheit, selbst als Lehrender mit den Schülern zu lernen. Ein solcher Ansatz erfordert Mut, denn er bedeutet, die eigene Rolle als allwissende Autorität aufzugeben und sich in die Rolle eines Lernbegleiters zu begeben.

Die Wechselwirkung: Ein gemeinsamer, dynamischer Prozess

Die entscheidende Erkenntnis ist nun, dass die Losgelassenheit des Lehrenden und die des Lernenden in einer untrennbaren Wechselwirkung stehen. Sie sind keine isolierten Ziele, sondern zwei Seiten derselben Medaille.

  • Der Lehrende muss loslassen, damit der Lernende loslassen kann. Ein autoritärer, kontrollierender Lehrer erzeugt beim Schüler Anspannung, Angst und Widerstand. Ein losgelassener Lehrer hingegen schafft einen geschützten Raum, in dem sich der Schüler fallen lassen und wirklich öffnen kann.
  • Der Lernende muss loslassen, damit der Lehrende loslassen kann. Ein Schüler, der verzweifelt nach Bestätigung sucht oder sich passiv verhält, zwingt den Lehrer fast dazu, die Kontrolle zu übernehmen und zu „retten“. Ein Schüler, der neugierig und eigenverantwortlich ist, ermächtigt den Lehrer, loszulassen und zu vertrauen.

Dieser Zusammenhang lässt sich in einer einfachen Tabelle veranschaulichen:

RolleLosgelassenheit bedeutet…Was passiert ohne Losgelassenheit?
LernenderOffenheit, Fehlertoleranz, Vertrauen in den eigenen Prozess, Eintauchen in den „Flow“Blockade, Leistungsdruck, oberflächliches Lernen, Angst
LehrenderVertrauen in den Prozess, Kontrollverzicht, Rolle als Begleiter, Akzeptanz von UnvorhersehbarkeitFrontalunterricht, Bevormundung, Frustration, keine echte Lernermächtigung

Die Losgelassenheit ist somit kein statischer Zustand, der einmal erreicht wird, sondern ein dynamischer, sich gegenseitig bedingender Prozess. Sie ist das gemeinsame Ziel einer jeden gelingenden Bildungsbegegnung.

Fazit und Ausblick

Die Frage, ob Lernen in Losgelassenheit das Ziel des Lernenden oder des Lehrenden sei, ist letztlich eine falsche Dichotomie. Sie ist weder das eine noch das andere, sondern das gemeinsame Ziel und die grundlegende Voraussetzung für jeden tiefgreifenden Bildungsprozess.

Die Implikationen dieser Erkenntnis für die Bildungspraxis sind weitreichend. In einer Zeit, die von standardisierten Tests, ständiger Leistungsmessung und einem zunehmenden Ökonomisierungsdruck geprägt ist, mag die Forderung nach mehr Losgelassenheit wie ein Luxus erscheinen. Doch gerade in dieser von Heidegger bereits 1955 diagnostizierten „durchrationalisierten Zeit“ ist sie überlebensnotwendig, um den Kern des Menschseins im Bildungsprozess zu bewahren. Es geht nicht darum, weniger zu lernen oder weniger zu lehren, sondern darum, die Qualität des Lernens und Lehrens zu verändern – hin zu mehr Tiefe, mehr Nachhaltigkeit und mehr Menschlichkeit.

Die Herausforderung für die Zukunft wird darin bestehen, Bildungssysteme zu schaffen, die sowohl Lehrenden als auch Lernenden diesen Zustand der Losgelassenheit ermöglichen – und ihn nicht als Defizit, sondern als entscheidende Kompetenz für das 21. Jahrhundert begreifen. Denn nur wer loslassen kann, kann wirklich lernen. Und nur wer loslassen kann, kann wirklich lehren. Es ist die Kunst, den Griff zu lösen, um das Ziel zu erreichen.


Quellen

  • Arnold, R. (2020). Wie man lehrt, ohne zu belehren. 29 Regeln für eine kluge Lehre – Das LENA-Modell. Carl-Auer Verlag.
  • Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.
  • Heidegger, M. (1959). Gelassenheit. Neske.
  • Niesseler, A. (1995). Vom Ethos der Gelassenheit: zu Heideggers Bedeutung für die Pädagogik. Königshausen & Neumann.
  • Weil, S. (1942). L’Attente de Dieu (engl. Waiting for God).
  • Biesta, G. (2015). „Freeing Teaching from Learning: Opening Up Existential Possibilities in Educational Relationships“. In: Studies in Philosophy and Education.

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