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Die M113-Familie bei der Bundeswehr: Der Mannschaftstransportwagen im technikhistorischen Rückblick

Von DerSchneider

Kaum ein gepanzertes Fahrzeug hat die Militärgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so sehr geprägt wie die US-amerikanische M113-Familie. Seit ihrer Einführung im Jahr 1960 wurde dieser leichte Ketten-Mannschaftstransporter in über 80.000 Exemplaren produziert und in mehr als 50 Ländern eingesetzt . Die Bundeswehr beschaffte den M113 ab 1962 und nutzte ihn über sechs Jahrzehnte hinweg in rund 40 verschiedenen Varianten – eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht.

Dieser Artikel beleuchtet die technischen Grundlagen, die vielfältigen Einsatzformen bei der Bundeswehr und die internationale Verbreitung dieser bemerkenswerten Fahrzeugfamilie.


1. Herkunft und Entwicklung

1.1 Die Geburtsstunde eines Klassikers

Die Entwicklung des M113 begann Ende der 1950er Jahre bei der Food Machinery Corporation (FMC) in den USA. Die Konstrukteure standen vor der Herausforderung, einen luftverlastbaren, amphibischen Mannschaftstransporter zu schaffen, der gleichzeitig ausreichenden Schutz gegen Kleinwaffen und Splitter bieten sollte . Die Lösung fand sich in der Verwendung einer Aluminiumpanzerung, die gegenüber Stahl eine erhebliche Gewichtsreduktion ermöglichte.

Die ersten Fahrzeuge des Typs M113 wurden 1960 bei der US-Armee eingeführt. Die ursprüngliche Version besaß noch einen Benzinmotor (Benzin-V8), bevor mit dem M113A1 ab 1964 der Umstieg auf den zuverlässigeren und weniger feuergefährlichen Detroit Diesel 6V53 erfolgte .

1.2 Einführung bei der Bundeswehr

Im Mai 1962 wurden die ersten M113 in die Bundeswehr eingeführt . Das Fahrzeug erhielt die Bezeichnung Mannschaftstransportwagen (MTW) M113 und sollte die veralteten M39-Serie ersetzen. Bis 1983 wuchs der Bestand auf 4.607 Fahrzeuge an . Die ersten 1.132 Exemplare entsprachen noch dem US-Modell mit Vergasermotor, erhielten jedoch deutsche Anpassungen: Diehl-Verbindergleiskette Typ 213 B, Beleuchtung nach StVZO, Feuerwarn- und Löschanlage sowie eine Webasto-Heizung. Diese Fahrzeuge wurden als MTW M113 G bezeichnet .

Ab 1965 erfolgte die Umstellung auf Dieselmotoren, wobei die Typenbezeichnung auf M113 A1 G wechselte. Ab 1974 wurden auch die älteren Fahrzeuge auf Diesel umgerüstet .

1.3 Bedeutung für die Bundeswehr

Mit über 4.600 Fahrzeugen war der M113 das zahlenmäßig stärkste Kettenfahrzeug in der Geschichte der Bundeswehr . Der damalige Stückpreis betrug ohne Bewaffnung und Funkausrüstung etwa 380.000 DM (rund 180.000 Euro)  – eine vergleichsweise wirtschaftliche Lösung für ein vielseitiges Transportpanzerkonzept.


2. Technische Grunddaten der Basisversion

Die nachfolgende Tabelle fasst die wesentlichen technischen Parameter der ursprünglichen M113-Basisversion zusammen :

MerkmalTechnische Daten
Besatzung2 (Kommandant, Fahrer) + 11 Infanteristen
Länge über alles4,863 m
Breite über alles2,686 m
Höhe2,5 m
Masse (Gefechtsgewicht)12,3 t
Panzerung (Aluminium)12–38 mm (Front: 38-44 mm, Seiten: 20-32 mm, Dach/Heck: 12-20 mm)
Höchstgeschwindigkeit (Straße)ca. 66 km/h
Fahrbereichca. 480 km
Motor (M113A1)Detroit Diesel 6V53, 6-Zylinder-Zweitakt-Diesel, 5.220 cm³, 154 kW (210 PS)
GetriebeAllison TX-100, 3 Vorwärts-/1 Rückwärtsgang
FederungDrehstabfederung
Watfähigkeitamphibisch (bis 1,40 m ohne Vorbereitung)
Grabenüberschreitfähigkeit1,68 m
Steigfähigkeit60 %
Querneigung30 %

Die Aluminiumpanzerung bestand aus einer Aluminium-Magnesium-Legierung (Typ 5083/5086 H32) und bot Schutz gegen Beschuss aus Infanteriewaffen sowie Splitter . Gegenüber Panzerabwehrwaffen war sie jedoch nicht ausreichend geschützt.


3. Die M113-Varianten der Bundeswehr

Die Bundeswehr nutzte den M113 in einer beeindruckenden Vielfalt von Rollen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die wichtigsten Versionen:

BezeichnungFunktionBesonderheiten
MTW M113 (Basis)Gepanzerter MannschaftstransporterTransport von 11 Infanteristen
MTW M113 A1 GMTW mit DieselmotorAb 1965/ab 1974 Umrüstung
Panzermörser 120 mmMörserträger120-mm-Mörser (Tampella/Rheinmetall), 5 Besatzung 
M577Kommandofahrzeug (Gefechtsstandpanzer)Erhöhter Kastenaufbau, Anbauzelt
MTW FüFuFührungs- und FunkfahrzeugMobiler Gefechtsstand auf Bataillonsebene
MTW San (Sanitätspanzer)Gepanzerter KrankentransporterVerwundetentransport
Trägerfahrzeug RATACArtillerieaufklärungsfahrzeugRadar zur Zielortung
ABRAArtilleriebeobachtungsfahrzeugAufklärungs- und Beobachtungsvarianten
M113 G3 (NDV 2)Modernisierte VarianteNeuer MTU-Motor (300 PS), ZF-Getriebe, ab 62 km/h 

3.1 Der Panzermörser 120 mm

Eine der bedeutendsten Kampfwertvarianten war der Panzermörser 120 mm . Dieses Fahrzeug wurde in den Jahren 1969/73 und 1977/78 beschafft und diente zur Steilfeuerunterstützung gegen leicht gepanzerte Ziele. Die Besonderheit: Der 120-mm-Mörser konnte sowohl vom Fahrzeug aus als auch abgesessen eingesetzt werden. Die Munition umfasste 60 Granaten an Bord.

Die technischen Daten des Panzermörsers verdeutlichen die Modernisierungssprünge :

ParameterM113 A2 (Original)M113 G3 (NDV 2)
MotorDetroit Diesel 6V53, 154 kW (210 PS)MTU 6V 183TC22, 220 kW (300 PS)
GetriebeAllison TX-100 (3-Gang)ZF LSG 1000 (6-Gang)
Höchstgeschwindigkeit30 km/h (mit Mörser)62 km/h (abgeregelt)
Fahrbereich480 km650 km
Hubraum5.220 cm³10.960 cm³

Noch im November 2017 waren Panzermörser M113 bei den „Schweren Kompanien“ von drei Jäger- und Gebirgsjägerbataillonen im Einsatz .

3.2 Modernisierungsprogramme (NDV)

Die Bundeswehr führte umfangreiche Nutzungsdauerverlängerungen (NDV) durch, um die M113-Flotte bis in die 2020er Jahre zu erhalten . Wesentliche Änderungen umfassten:

  • NDV 2: Einbau des MTU-Dieselmotors 6V 183TC22 mit 300 PS, ZF-Sechsgang-Planetengetriebe, verbesserte Bremsen und Lenkung. Die Höchstgeschwindigkeit wurde auf 62 km/h abgeregelt .
  • Modulare Zusatzpanzerung: Verbesserter Splitterschutz für die Besatzung.
  • Externe Treibstofftanks: Erhöhte Sicherheit im Innenraum und mehr Platz.

Die NDV-2-Fahrzeuge erfüllten die Euronorm 2 hinsichtlich Geräuschentwicklung und Schadstoffausstoß .

3.3 Ausmusterung und Nachfolge

Die ursprünglichen MTW-Transportversionen wurden mit der Heeresstruktur 5 vollständig ausgesondert . Einige Fahrzeuge gingen an baltische NATO-Partner oder wurden nach Griechenland verkauft .

Als Nachfolger für den Panzermörser ist der Wiesel 2 mit 120-mm-Mörser in die Fallschirmjäger-, Jäger- und Gebirgsjägerbataillone eingeführt worden, wobei 94 Fahrzeuge beschafft wurden . Langfristig ist ein System auf Basis des GTK Boxer als Mörserträger geplant.


4. Internationale Varianten und Nutzer

4.1 Ursprungsland USA

In den USA entstanden zahlreiche Varianten des M113 :

US-VarianteFunktion
M106Mörserträger mit 107-mm-Mörser
M125Mörserträger mit 81-mm-Mörser
M132Flammenwerferpanzer
M163 „Vulcan“Flakpanzer mit 20-mm-Gatling-Kanone
M548Nachschubtransporter
M577Kommandofahrzeug
M730 „Chaparral“Flugabwehrraketen-Startfahrzeug
M901Raketenjagdpanzer mit TOW-Raketenwerfer
M981 FISTVArtilleriebeobachtungsfahrzeug

4.2 Norwegen: Der NM142

Norwegen entwickelte auf Basis des M113 eine eigene Jagdpanzervariante: den NM142 . Dieses Fahrzeug kombinierte die M113-Wanne mit einem gepanzerten Turm von Kværner Eureka, der zwei TOW-2-Raketenwerfer trug. Von den späten 1980er Jahren bis 2005 wurden 97 Fahrzeuge dieses Typs betrieben . Die Modernisierungsstufen umfassten F1 (Splitterzusatzpanzerung) bis F4 (2017 mit erhöhter Mobilität) .

4.3 Internationale Nutzerländer

Der M113 wurde in über 50 Länder exportiert . Zu den Hauptnutzern zählen:

  • USA (über 20.000 Fahrzeuge, Herstellerland)
  • Israel (über 6.000 Fahrzeuge, zahlreiche eigene Modifikationen)
  • Deutschland (4.607 Fahrzeuge)
  • Südvietnam (ehemals, Vietnamkrieg)
  • Australien (eigene Variante mit 106-mm-Rückstoßfreiem Geschütz)
  • Südkorea, Türkei, Griechenland, Spanien, Kanada, Niederlande, Belgien, Italien (Lizenzfertigung) und viele weitere.

5. Technische Bewertung und Grenzen

5.1 Stärken

  • Luftverlastbarkeit: Die M113 ist mit C-130 Hercules luftverlastbar und in der Grundversion fallschirmabwurffähig .
  • Amphibische Fähigkeiten: Das Fahrzeug ist ohne Vorbereitung schwimmfähig (mit Schwallbrett).
  • Wirtschaftlichkeit: Mit einem Stückpreis von ca. 180.000 Euro (Basisversion) war der M113 vergleichsweise preiswert.
  • Modularität: Über 40 verschiedene Varianten wurden entwickelt.

5.2 Schwächen und Kontroversen

  • Unzureichender Panzerschutz: Die Aluminiumpanzerung bietet nur Schutz gegen Kleinwaffen, nicht gegen Panzerabwehrhandwaffen .
  • Lenk- und Bremsprobleme: Der M113 wurde bei der Bundeswehr als „pauschal gemeingefährlich“ eingestuft, was zu Geschwindigkeitsbegrenzungen führte .
  • Keine ABC-Schutzbelüftung: In der Grundversion fehlte ein umfassender ABC-Schutz.
  • Mangelnde Geländemobilität: Im Vergleich zu Kampfpanzern war die Geländegängigkeit begrenzt.

Die Erfahrungen im Zweiten Golfkrieg zeigten, dass der M113A2 mit dem M1 Abrams nicht mithalten konnte, was zur Entwicklung des M113A3 RISE (Reliability Improvements for Selected Equipment) führte .


6. Fazit und Ausblick

Der M113 ist zweifellos einer der erfolgreichsten gepanzerten Mannschaftstransporter der Militärgeschichte. Bei der Bundeswehr hat er über sechs Jahrzehnte Dienst geleistet – von der Heeresstruktur 1 bis in die Gegenwart. Mit über 4.600 Fahrzeugen und rund 40 Varianten prägte er ganze Generationen von Soldaten.

Die Stärken des Konzepts – einfache Konstruktion, hohe Zuverlässigkeit, amphibische Fähigkeiten und Luftverlastbarkeit – überwogen die offensichtlichen Schwächen wie den mangelnden Panzerschutz. Die kontinuierlichen Modernisierungen (NDV 1-3) zeugen vom Willen, die Fahrzeugflotte am Leben zu erhalten.

Die Zukunft gehört jedoch neuen Plattformen wie dem GTK Boxer und dem Puma (Schützenpanzer). Die letzten Panzermörser M113 werden voraussichtlich im Laufe der 2020er Jahre ausgemustert. Dennoch bleibt der M113 ein faszinierendes Beispiel für gelungenes Technologie-Management: Ein Fahrzeug, das über 60 Jahre im Einsatz war und sich immer wieder an neue Anforderungen anpassen ließ.

In der Rückschau steht der M113 für eine Ära, in der Funktionalität und Wirtschaftlichkeit vor höchstem technologischem Aufwand standen – ein Erbe, das in der heutigen hochkomplexen Panzertechnik manchmal vermisst wird.


Quellen

  1. Wikipedia: M113 Panzermörser 120 mm. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. [online] https://de.m.wikipedia.org/wiki/M113_Bw_120mm 
  2. Wikipedia: M113. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie (Spiegelung über feuerwehr-sasbach.de). [online] https://www.feuerwehr-sasbach.de/wiki/M113 
  3. Armored Warfare: In Entwicklung: NM142. 30. Januar 2018. [online] https://armoredwarfare.com/de/news/general/entwicklung-nm142 
  4. TANKOGRAD Publishing: M113 in the Modern German Army – Part 2. Publ.-ID: Nr. 5033. [online] https://www.tankograd.com/cms/website.php/en/index/publikationen/website.php?id=/en/M-113-in-der-Bundeswehr-Teil-2.htm 
  5. WHQ Forum: Fragen zum M-113. 15. August 2005. [online] http://www.whq-forum.de/invisionboard/lofiversion/index.php?t23425.html 
  6. ESUT – Europäische Sicherheit & Technik: Seit 60 Jahren nutzt die Bundeswehr den US-Mannschaftstransporter M113. Rolf Hilmes, 16. Mai 2022. [online] https://esut.de/2022/05/fachbeitraege/33719/seit-60-jahren-nutzt-die-bundeswehr-den-us-mannschaftstranporter-m113/ 
  7. RCPanzer Forum: M113 upgrade. 16. Juli 2008. [online] http://www.rcpanzer.de/apboard/thread.php?id=16798&start=16&seite=2 

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