Die vergessenen Goldgruben: Unbeliebte, aber lukrative Berufe in Deutschland
Einleitung
Der Traum vom gut bezahlten Job ist allgegenwärtig. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich dabei zumeist auf die klassischen Kandidaten: Ärztinnen und Ärzte, Ingenieure, Wirtschaftsprüfer oder Juristen. Doch abseits des Rampenlichts existiert eine Klasse von Berufen, die finanziell überaus attraktiv sind, aber dennoch chronisch unterbesetzt bleiben. Sie werden gemieden – nicht wegen schlechter Bezahlung, sondern aufgrund von emotionaler Belastung, körperlicher Härte, gesellschaftlichen Vorurteilen oder unkonventionellen Arbeitsbedingungen.
Die Bundesagentur für Arbeit weist in ihrer Fachkräfteengpassanalyse 2025 insgesamt 163 Engpassberufe aus. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) bezifferte den Fachkräftemangel im Juni 2025 auf rund 391.000 unbesetzte Stellen. Diese Zahl umfasst nicht nur schlecht bezahlte Helfertätigkeiten, sondern auch Berufe mit beachtlichen Verdienstmöglichkeiten. Wer bereit ist, abseits der ausgetretenen Pfade zu gehen, findet hier eine Chance auf ein hohes Einkommen bei vergleichsweise geringer Konkurrenz.
Dieser Artikel beleuchtet die unbeliebtesten, aber dennoch gut bezahlten Berufe in Deutschland – differenziert nach Angestelltenverhältnis versus selbstständiger/freiberuflicher Tätigkeit sowie nach Homeoffice versus Außer-Haus-Arbeit. Eine Einordnung, die in der öffentlichen Diskussion oft zu kurz kommt.
Angestellte Berufe mit Außenarbeit: Körperliche Härte und emotionale Belastung
Die größte Gruppe der unbeliebten, aber gut bezahlten Berufe findet sich im Bereich der körperlich anspruchsvollen oder psychisch belastenden Außenarbeit. Diese Tätigkeiten lassen sich nicht ins Homeoffice verlagern – sie finden auf Baustellen, in Werkstätten, auf der Straße oder an Orten statt, die viele Menschen lieber meiden.
Bestatter und Tatortreiniger
Der Umgang mit Tod und Trauer schreckt viele ab. Bestatterinnen und Bestatter organisieren Trauerfeiern, koordinieren Formalitäten und begleiten Angehörige in Ausnahmesituationen. Gefordert sind psychische Stabilität, Diskretion und hohes Einfühlungsvermögen.
Die Gehälter für Angestellte im Bestattungswesen erreichen laut Auswertungen von Gehaltsportalen bis zu 44.400 Euro brutto jährlich. In kleineren Bestattungsinstituten sind es bis zu 43.900 Euro. Das Einstiegsgehalt liegt bei etwa 29.200 Euro, erfahrene Fachkräfte kommen auf rund 42.200 Euro.
Ähnlich verhält es sich in der Tatortreinigung: körperlich und psychisch anspruchsvolle Einsätze, dafür überdurchschnittliche Bezahlung und vergleichsweise wenig Konkurrenz. Die Gehaltsspanne liegt hier zwischen 41.362 und 51.758 Euro pro Jahr, abhängig von Region, Erfahrung und Spezialisierung.
Metzger und Fleischverarbeiter
Die Arbeit in Metzgereien ist körperlich fordernd: schwere Lasten, Arbeit in kühlen Räumen, täglicher Umgang mit Tierkörpern. Hinzu kommt das gesellschaftliche Imageproblem: Viele Menschen lehnen Fleischkonsum aus ethischen Gründen ab, was den Beruf zusätzlich unattraktiv erscheinen lässt.
Dennoch sind die Verdienstmöglichkeiten beachtlich. Angestellte Metzgerinnen und Metzger können bis zu 49.400 Euro jährlich verdienen. Die Spanne reicht von durchschnittlich etwa 32.700 Euro bis zu Spitzenwerten von 46.300 Euro.
Müllabfuhr und Abfallwirtschaft
Müllentsorger haben oft mit einem negativen Image zu kämpfen – obwohl ohne sie keine Stadt funktionieren würde. Die Arbeit ist körperlich anstrengend, findet bei jedem Wetter statt und wird gesellschaftlich wenig wertgeschätzt.
Doch die Bezahlung kann sich sehen lassen: Müllkraftfahrer kommen auf ein Jahresgehalt von rund 39.600 Euro. In Führungspositionen sind bei kommunalen Betrieben wie der Berliner Stadtreinigung sogar bis zu 91.300 Euro möglich. Der Durchschnitt liegt bei etwa 35.000 Euro jährlich.
Abschleppdienst
Unregelmäßige Einsatzzeiten, nächtliche Einsätze und die Arbeit an Unfallstellen machen diesen Beruf unattraktiv. Erfahrene Abschlepper können jedoch mit bis zu 49.600 Euro jährlich rechnen. Voraussetzung ist in der Regel ein Führerschein für schwere Fahrzeuge, technisches Verständnis und die Bereitschaft zu unregelmäßigen Einsatzzeiten.
Handwerksberufe im Bau und der Gebäudetechnik
Besonders betroffen vom Fachkräftemangel sind Berufe in der Bauelektrik, im Gleisbau, in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, im Tiefbau sowie im Straßen- und Asphaltbau. Diese Tätigkeiten finden fast ausschließlich auf Baustellen statt, sind körperlich fordernd und oft witterungsabhängig.
Die Vergütung ist dennoch attraktiv: Das Bruttomediangehalt im Handwerk lag 2026 bei 48.750 Euro pro Jahr. Zwischen 2023 und 2025 stiegen die Durchschnittsgehälter im Handwerk um etwa 6 bis 6,5 Prozent – von rund 40.300 Euro auf etwa 42.900 Euro. Fachkräfte für regenerative Energietechnik erzielten in Hamburg im April 2025 sogar durchschnittlich 6.102 Euro monatlich.
Angestellte Berufe mit (teilweisem) Homeoffice: Büroarbeit mit Makel
Nicht alle unbeliebten Berufe sind körperliche Arbeiten. Auch einige Schreibtischjobs sind chronisch unterbesetzt – trotz hoher Gehälter. Die Gründe liegen hier oft in emotionaler Belastung, gesellschaftlichen Vorurteilen oder unsicherer Branchenzukunft.
Pfarrer und Pastor
Geistliche Berufe werden üblicherweise aus Berufung und Überzeugung ergriffen, nicht wegen des Geldes. Doch das Gehalt kann sich sehen lassen: Evangelische Pastorinnen und Pastoren sowie katholische Pfarrer verdienen im Durchschnitt etwa 53.800 Euro, in Spitzenpositionen sogar bis zu 85.400 Euro. Dennoch haben sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche große Probleme, Stellen zu besetzen.
Die Tätigkeit umfasst Seelsorge, Gottesdienste, Gemeindearbeit und Verwaltung. Homeoffice ist nur eingeschränkt möglich – für Predigtvorbereitung oder Verwaltungstätigkeiten durchaus, für die seelsorgerische Präsenz vor Ort jedoch nicht.
Fernsehplaner / TV-Designer / Sendeleiter
Diese Berufe sorgen für die reibungslose Organisation im Fernsehbetrieb. Trotz eines möglichen Jahresgehalts von bis zu 78.400 Euro sind sie wenig begehrt. Die ungewisse Zukunft der klassischen Fernsehbranche und der hohe Druck während der Arbeit tragen zur Unbeliebtheit bei.
Die Tätigkeit findet überwiegend im Büro oder im Sendezentrum statt – Homeoffice ist hier nur für planerische und administrative Anteile denkbar.
Selbstständigkeit und Freiberuflichkeit: Das ungebundene Einkommenspotenzial
Die Trennung zwischen Angestellten und Selbstständigen ist entscheidend, denn das Einkommenspotenzial unterscheidet sich teils erheblich. Selbstständige tragen jedoch ein höheres unternehmerisches Risiko, haben keine garantierte Vergütung und müssen für eigene Sozialversicherung, Altersvorsorge und Krankenversicherung sorgen. Dies relativiert die höheren Bruttoeinnahmen erheblich.
Selbstständige Bestatter
Die Branche ist lukrativ: In Deutschland gibt es über 5.000 Bestattungsunternehmen, die Umsätze von deutlich über 15 Milliarden Euro erwirtschaften. Ein selbstständiger Bestatter kann nach eigener Aussage etwa 90.000 Euro Reingewinn pro Jahr erzielen. Dem stehen jedoch hohe Investitionen, laufende Betriebskosten und eine erhebliche unternehmerische Verantwortung gegenüber.
Freiberufliche IT-Experten und Ingenieure
Die IT-Branche verzeichnet ein beeindruckendes Wachstum an selbstständigen Experten. Der durchschnittliche Stundensatz von Freelancern lag 2026 bei etwa 101,70 Euro. Selbstständige IT-Fachkräfte, Berater und Ingenieure gehören mit durchschnittlich 83.584 Euro Jahresumsatz zu den einkommensstärksten Gruppen unter Deutschlands Selbstständigen. Hochqualifizierte Fachkräfte erreichen durchschnittliche Stundensätze von nahezu 100 Euro. SAP-Berater erzielen Honorare, die deutlich über denen von Festangestellten liegen.
Der Vorteil für selbstständige IT-Experten: Diese Tätigkeiten sind nahezu vollständig ortsunabhängig und können im Homeoffice ausgeübt werden. Der Mangel an IT-Personal ist enorm – 85 Prozent der Unternehmen klagen darüber, 79 Prozent erwarten eine weitere Verschärfung.
Freiberufliche Pflegekräfte
Im Gesundheitswesen ist der Fachkräftemangel besonders akut: Mit über 46.000 rechnerisch nicht besetzbaren Stellen steht das Gesundheitswesen an der Spitze. Freiberuflich tätige Pflegefachkräfte können Stundensätze von 25 bis 35 Euro, mit Spezialisierung oder OP-Erfahrung sogar bis zu 50 Euro pro Stunde erzielen.
Allerdings sind Pflegeberufe kaum für Homeoffice geeignet – die Arbeit findet am Patienten statt. Auch als Freiberufler bleibt die Pflegekraft an den Einsatzort gebunden.
Selbstständige Handwerker
Wer im Handwerk den Meistertitel erwirbt und sich selbstständig macht, kann sein Einkommen deutlich steigern. Elektriker, Heizungsinstallateure und Dachdecker gehören zu den bestbezahlten Handwerksberufen. Der Schritt in die Selbstständigkeit ermöglicht unbegrenztes Verdienstpotenzial – im Gegensatz zu festen Gehaltsgrenzen im Angestelltenverhältnis.
Die Arbeit findet jedoch ausschließlich vor Ort beim Kunden statt – Homeoffice ist hier keine Option.
Systematische Übersicht
| Beruf | Angestellt (Jahresgehalt) | Selbstständig/Freiberuflich | Homeoffice möglich? |
|---|---|---|---|
| Bestatter | bis 44.400 € | bis 90.000 € Reingewinn | nein |
| Tatortreiniger | 41.000–52.000 € | variabel | nein |
| Metzger | bis 49.400 € | variabel | nein |
| Müllabfuhr | 35.000–91.000 € | selten | nein |
| Abschleppdienst | bis 49.600 € | variabel | nein |
| Handwerk (Elektro, SHK, Bau) | ~48.750 € | unbegrenzt | nein |
| Pfarrer/Pastor | bis 85.400 € | nicht üblich | teilweise |
| Fernsehplaner | bis 78.400 € | möglich | teilweise |
| IT-Freelancer | 46.000–52.000 € Einstieg | ~84.000 € Umsatz | ja |
| Freiberufl. Pflegekraft | ~42.000–48.000 € | bis 50 €/Std. | nein |
Quellen: Zusammengestellt aus Kununu, Stepstone, Gehalt.de, Bundesagentur für Arbeit
Fazit und Ausblick
Die unbeliebtesten Berufe Deutschlands sind keineswegs die schlechtbezahltesten. Im Gegenteil: Viele der chronisch unterbesetzten Tätigkeiten bieten Einkommen, die mit denen klassischer Akademikerberufe durchaus konkurrieren können. Bestatter, Metzger, Müllentsorger, Handwerker – sie alle verdienen oft besser als ihr gesellschaftliches Image vermuten lässt.
Dennoch bleibt die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage bestehen. Die Gründe sind vielschichtig:
- Emotionale Belastung: Der tägliche Umgang mit Tod, Trauer oder Leid ist nicht für jeden tragbar.
- Körperliche Härte: Schwere Lasten, Kälte, Nässe, Schichtarbeit – diese Faktoren schrecken ab.
- Gesellschaftliches Image: Berufe mit niedrigem sozialem Prestige werden gemieden, selbst wenn das Gehalt stimmt.
- Fehlende Sichtbarkeit: Viele dieser Berufe sind in der öffentlichen Wahrnehmung schlicht unsichtbar.
Die Unterscheidung zwischen Angestellten und Selbstständigen ist dabei von zentraler Bedeutung. Während Angestellte in diesen Berufen oft solide, aber nicht exorbitante Gehälter erzielen, können Selbstständige ihr Einkommen teils vervielfachen – bei gleichzeitig erheblich höherem unternehmerischem Risiko. Die Frage nach Homeoffice stellt sich für die meisten dieser Berufe kaum: Wer auf Baustellen, in Werkstätten oder bei Trauerfeiern arbeitet, kann dies nicht vom heimischen Schreibtisch aus tun. Eine Ausnahme bilden die IT-Berufe, die sowohl als Angestellte als auch als Freiberufler hohe Einkommen bei vollständiger Ortsunabhängigkeit ermöglichen – und dennoch unter chronischem Fachkräftemangel leiden.
Für Arbeitsuchende, die bereit sind, unkonventionelle Wege zu gehen, eröffnet sich hier ein Markt mit geringer Konkurrenz und hohem Einkommenspotenzial. Die Bundesagentur für Arbeit weist 163 Engpassberufe aus – viele davon bieten nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz, sondern auch ein überdurchschnittliches Gehalt. Die Herausforderung besteht darin, gesellschaftliche Vorurteile zu überwinden und die eigene Berufswahl nicht allein am Prestige, sondern auch an den realen Chancen zu messen.
Quellen
- Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfteengpassanalyse 2025
- Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln): Fachkräftemangel 2025
- Kununu Gehaltsdaten: Bestatter, Tatortreinigung, Gastronomie, Abschleppdienst, Metzger
- Stepstone Gehaltsreport: Bestatter, Müllabfuhr, IT-Berufe
- Gehalt.de: Tatortreiniger, Müllfahrer
- Freelance.de: Freelancer Stundensätze 2026
- Accountable: Selbstständige IT-Fachkräfte Umsatz
- Stepstone Gehaltsreport Handwerk 2026
- Statistikamt Nord: Engpassberufe Gehälter 2025
- FR.de / Merkur.de: Berichterstattung zu unbeliebten Berufen
Kommentar abschicken