Das verstimmte Cello neu stimmen – Eine Rezension zu Sjörn Kims »WOWthentic«
Autor: DerSchneider
Einleitung: Vom »Ja, ganz gut« zum echten Leben
Es ist eine jener alltäglichen Lügen, die wir so routiniert beherrschen wie das Zähneputzen: »Hey, wie geht‘s?« – »Ja, ganz gut, und selbst?« Wir sagen es, obwohl wir erschöpft sind. Wir sagen es, obwohl uns ein Streit noch in den Knochen steckt. Wir sagen es, weil wir gelernt haben, dass Wahrhaftigkeit im Alltag als sozialer Fauxpas gilt. Genau hier setzt Sjörn Kims bemerkenswertes Buch »WOWthentic – Authentic Relating & die 10 Truth Skills für mehr Echtheit und Verbindung« an. Es ist kein weiteres Ratgeberbuch, das mit oberflächlichen Hacks um sich wirft, sondern eine tiefgründige, zutiefst persönliche und zugleich universelle Einladung, das eigene Leben vom Kontrollmodus in den Beziehungsmodus zu überführen.
Kim, der im Rhein-Neckar-Raum die unkommerziellen »WOWthentic Game Nights« initiiert hat, schreibt nicht als distanzierter Experte von oben herab, sondern als jemand, der selbst noch mittendrin steckt – stolpernd, lernend und sich immer wieder neu kalibrierend. Diese Authentizität durchzieht das gesamte Werk und macht es zu einem seltenen Fund in der deutschsprachigen Ratgeberliteratur.
Ein Buch, das Brücken baut
Im Kern ist »WOWthentic« eine liebevolle und eigenständige Interpretation der legendären »10 Truth Skills« von Dr. Susan Campbell, die mit ihrem Werk »Getting Real« bereits vor über zwei Jahrzehnten einen Meilenstein der authentischen Kommunikation setzte. Doch Kim geht weit über eine bloße Übersetzung hinaus. Er verbindet Campbells theoretisches Fundament nahtlos mit der gelebten Praxis des »Authentic Relating« (AR) – einer sozialen Technologie, die in den späten 90er Jahren von Persönlichkeiten wie Bryan Bayer, Decker Cunov und Guy Sengstock entwickelt wurde und weltweit eine treue Community gefunden hat.
Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert, die einer inneren Logik folgen: Zunächst die Bestandsaufnahme (»Lost in Time & Space«), dann die Werkzeugkiste (die zehn Abenteuer der Verbindung) und schließlich die Integration in den Alltag. Dieser Aufbau ist klug gewählt, denn er zwingt den Leser nicht sofort in eine neue Verhaltensschablone, sondern lässt Raum für das, was im Zen-Buddhismus »Shoshin« genannt wird – den Anfängergeist.
Die Diagnose: Das verstimmte Cello in uns allen
Der erste Teil des Buches ist eine einzige, große Erleichterung. Kim beschreibt die »Dissonanz«, die viele von uns nur allzu gut kennen: das Gefühl, wie ein Instrument leicht verstimmt zu sein. Man funktioniert, man liefert ab, aber innerlich summt eine unbestimmte Unzufriedenheit. Der Körper weiß längst, was der Kopf noch leugnet – der Kiefer ist angespannt, der Atem flach, die Schultern hochgezogen.
Besonders wertvoll ist Kims differenzierte Betrachtung des »Kontrollmodus«. Er wird nicht verteufelt, sondern als das anerkannt, was er ist: einst ein lebensnotwendiger Schutzmechanismus. Die Filter, die wir als Kinder aufgebaut haben, um uns Zugehörigkeit zu sichern, werden heute oft zu Gefängnissen. Kim gelingt es hier, ohne moralisierenden Zeigefinger auszukommen. Stattdessen lädt er ein, die eigene »Collector‘s Edition« an Anpassungsstrategien – sei es der Harmoniehüter, der Perfektionsjäger oder der Schmerzverwandler – wohlwollend zu betrachten. Der Preis der Verzerrung wird klar benannt: Verlust von Intimität, permanente Erschöpfung und der schleichende Verlust der eigenen Würde.
Das Herzstück: Zehn Skills für den Alltag
Der zweite Teil, der die zehn Truth Skills im Detail beleuchtet, ist das pulsierende Herz des Buches. Hier wird Theorie zur erfahrbaren Praxis. Kim beweist großes Geschick darin, die oft sperrigen Konzepte der Gestalttherapie und der neueren Beziehungspsychologie in verständliche, ja geradezu poetische Bilder zu gießen.
Besonders hervorzuheben ist seine Veranschaulichung des berühmten »Gaps« – jenes Raumes zwischen Reiz und Reaktion, den Viktor Frankl als den Ort unserer Freiheit beschrieb. Kim verbindet diesen Gedanken mit den ersten beiden Skills – »Erleben, was ist« und »Projektionen zurücknehmen« – zu einem kraftvollen Werkzeug. Die Metapher des Surfer, der die Welle nicht kontrolliert, sondern sich von ihr tragen lässt, bleibt lange im Gedächtnis.
Die weiteren Skills – von der Erkenntnis der eigenen versteckten Absichten (eine unbequeme, aber notwendige Selbstprüfung) über das transparente Kommunizieren bis hin zur Kunst, gemischte Emotionen auszuhalten und Feedback zu begrüßen – sind mit einer Fülle von persönlichen Beispielen gespickt. Kim scheut sich nicht, seine eigenen Schwächen bloßzulegen: die Spülmaschine, die er demonstrativ ausräumt, um bei seiner Partnerin ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, oder das Telefonat mit seinem Sohn, das in einer Flut gut gemeinter Ratschläge endet. Diese Verletzlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von größtem Mut. Sie macht das Gelesene greifbar und nimmt dem Leser die Angst vor der eigenen Unvollkommenheit.
Die Praxis: Spiele, die verbinden
Der dritte Teil ist vielleicht der praktischste und gleichzeitig der charmanteste. Kim öffnet seinen »WOWthentic Playground« und stellt eine Vielzahl von Authentic Relating Games vor – strukturierte Formate, die im geschützten Rahmen echte Verbindung ermöglichen. Von dem tief berührenden »Next…«-Spiel, bei dem man dem Partner sagt, was man selbst gerne hören würde, bis hin zu einfachen Familienritualen wie »Rose, Knospe, Dorn« – die Vorschläge sind niedrigschwellig, kreativ und vor allem: sie machen Lust, sie sofort auszuprobieren.
Besonders hervorzuheben ist hier die Betonung der Freiwilligkeit und der sogenannten »Rule Zero«: Wenn etwas dem Kontakt im Weg steht, sprich es an. In einer Zeit, in der soziale Medien uns perfekte Oberflächen vorgaukeln, bieten diese Spiele ein dringend benötigte Gegenmittel: reale, analoge, fehlerbehaftete und doch so lebendige Begegnungen.
Wissenschaftlicher Unterbau und ehrlicher Rahmen
Was »WOWthentic« von esoterischer Schwärmerei abgrenzt, ist sein solider wissenschaftlicher Unterbau. Kim verweist nicht nur auf die Arbeit Campbells, sondern zitiert auch aktuelle neurologische Studien (etwa die Forschungen von van Veen et al. zur kognitiven Dissonanz) sowie den »Einsamkeitsreport 2024« der Techniker Krankenkasse, der belegt, dass 68 Prozent der 18- bis 39-Jährigen unter Einsamkeit leiden.
Diese Verankerung in der realen Welt verleiht dem Buch eine Dringlichkeit, die weit über den typischen Ratgeber-Nischendasein hinausgeht. Es ist ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit in einer zunehmend digital fragmentierten Gesellschaft. Kim versteht das Buch denn auch nicht als einfache Problemlösung, sondern als »Begleiter« und – mit einem Augenzwinkern – als Einladung zu einem holprigen Roadtrip.
Ein kleines Manko am Rande
Wenn man einen Kritikpunkt suchen möchte, dann wäre es die gelegentliche Wiederholung bestimmter Kernaussagen. Das Prinzip »Welcome Everything« etwa wird so oft beschworen, dass es der eine oder andere Leser fast als Mantra empfinden könnte. Allerdings ist dies angesichts der Tiefe und Wichtigkeit des Themas verschmerzbar. Vielmehr wirkt es wie die behutsame Erinnerung eines guten Freundes, der sichergehen will, dass die Botschaft wirklich ankommt.
Fazit: Ein lebensveränderndes Leseerlebnis
»WOWthentic« ist weit mehr als ein Buch. Es ist eine Landkarte zurück zu sich selbst – und eine Einladung, diese Landkarte mit anderen zu teilen. Sjörn Kim gelingt das Kunststück, komplexe psychologische Konzepte so zu vermitteln, dass sie sich nicht wie Arbeit anfühlen, sondern wie Befreiung. Er erhebt keinen Anspruch auf Perfektion, sondern auf Ehrlichkeit. Und genau das macht ihn und sein Buch so sympathisch und wirkmächtig.
Wer sich jemals gefragt hat, warum er sich trotz aller sozialen Erfolge manchmal so fremd im eigenen Leben fühlt, wird hier Antworten finden – nicht in Form von fertigen Patentrezepten, sondern in Form von Fragen und Übungen, die den Weg weisen. Am Ende bleibt der Satz des Autors im Ohr: »Das Leben wird getanzt, nicht kontrolliert.« Es ist eine befreiende Botschaft, die man sich auf die Haut schreiben möchte. Ein Muss für alle, die den Mut haben, sich zu zeigen – und sich darüber zu wundern, wie viel Verbindung dadurch möglich wird.
Quellen
- Campbell, Susan: Getting Real: Ten Truth Skills You Need to Live an Authentic Life. H J Kramer / New World Library, 2001.
- Festinger, Leon: A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford University Press, 1957.
- Techniker Krankenkasse: Einsamkeitsreport 2024. Berlin, Dezember 2024. (Forsa-Umfrage, n = 1.403)
- van Veen, V., Krug, M. K., Schooler, J. W., & Carter, C. S.: Neural activity predicts attitude change in cognitive dissonance. Nature Neuroscience, 12(11), 1469-1474, 2009.
- Kestano, Ryel: Authentic Relating: A Guide to Authentic Communication and Connection. ART International, 2023.
- Ness, Sara: The Authentic Relating Games Manual. Authentic Revolution, 2021.
- Digges, Jason: Conflict = Energy: The Art of Authoring Authentic Relationships. Moncur Press, 2020.
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