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Der Aufstieg, Fall und die Rückkehr des Gautam Adani

Autor: DerSchneider


Einleitung

Es gibt nur wenige Unternehmerpersönlichkeiten, deren Vermögensbiografie in den letzten Jahren so extremen Schwankungen unterworfen war wie die von Gautam Adani. Der indische Milliardär, der im August 2022 noch als drittreichster Mensch der Welt galt, verlor innerhalb weniger Tage nach einem vernichtenden Leerverkaufsbericht über 60 Milliarden Dollar – um sich bis Mitte 2026 wieder an die Spitze Asiens zurückzukämpfen. Seine Geschichte ist eine Achterbahnfahrt aus atemberaubendem Wachstum, schweren Betrugsvorwürfen, jahrelangen Rechtsstreitigkeiten mit seinen Brüdern und einer politisch brisanten Einigung mit US-Behörden, die Fragen nach der Durchsetzbarkeit von Rechtsstaatlichkeit im globalen Kontext aufwirft.


Herkunft und die frühen Jahre

Gautam Shantilal Adani wurde am 24. Juni 1962 in Ahmedabad, Gujarat, geboren. Seine Familie gehörte der Jain-Religion an und betrieb einen Textilhandel; die Eltern hatten insgesamt acht Kinder. Nach einem abgebrochenen Wirtschaftsstudium an der Gujarat University zog er nach Mumbai, wo er im Diamantenhandel arbeitete. 1985 begann er mit dem Import von Primärpolymeren für die Kleinindustrie, bevor er 1988 die Adani Exports Limited gründete – das heutige Flaggschiff Adani Enterprises. Das Unternehmen handelte zunächst mit Agrar- und Energieerzeugnissen.

Die 1990er Jahre markierten den eigentlichen Durchbruch: Adani stieg in den Kohlehandel und Hafenbetrieb ein. Der Konzern wuchs zur dominierenden Kraft in Indiens Infrastruktursektor heran und ist heute der größte Hafenbetreiber, einer der führenden Flughafenbetreiber, größter Kohleproduzent und -händler Indiens.


Das Vermögen – eine Vermögens-Achterbahn

Der steile Aufstieg

Anfang der 2000er Jahre wurde Adanis Vermögen auf lediglich 70 Millionen Dollar geschätzt. Dann begann ein beispielloser Anstieg:

  • August 2022: Mit 146 Milliarden Dollar galt Adani als reichster Milliardär Asiens und drittreichster Mensch der Welt
  • Oktober 2022: Sein Vermögen erreichte laut Schätzungen 150 Milliarden Dollar

Der Absturz 2023

Im Januar 2023 veröffentlichte der US-Leerverkäufer Hindenburg Research einen Bericht, der die Adani Group der „dreisten Kursmanipulation und Bilanzfälschung über Jahrzehnte“ beschuldigte. Die Folge: über 150 Milliarden Dollar an Börsenwert wurden an den Adani-Notierungen vernichtet. Adanis persönliches Vermögen brach um mehr als 60 Milliarden Dollar ein.

Das Comeback 2026

Bis Juni 2026 erholte sich Adanis Vermögen auf 89,2 Milliarden Dollar. Damit überholte er Mukesh Ambani (88 Milliarden Dollar) und Masayoshi Son (87 Milliarden Dollar) und wurde erneut Asiens reichster Mann. Der Bloomberg Billionaires Index schätzte sein Vermögen Anfang Juli 2026 sogar auf 120 Milliarden Dollar.

ZeitpunktVermögen (in Mrd. USD)Rang
Anfang der 2000erca. 0,07–
August 20221463. weltweit
Januar 2023< 90gefallen
Juni 202689,21. Asien
Juli 2026120 (Bloomberg)1. Asien

Die Hindenburg-Affäre und ihre Folgen

Der Hindenburg-Bericht vom Januar 2023 warf der Adani Group schwerwiegende Vergehen vor:

  • Bilanzfälschung und Kursmanipulation
  • Nutzung undurchsichtiger Offshore-Gesellschaften
  • Vinod Adani, der ältere Bruder von Gautam, soll laut Hindenburg ein „weites Labyrinth von Offshore-Shell-Firmen“ in Steueroasen wie Mauritius, Zypern und der Karibik kontrollieren

Die Adani Group wies die Vorwürfe wiederholt zurück. Die indische Börsenaufsicht SEBI stellte in zwei separaten Anordnungen im September 2025 fest, dass keine Beweise für die Vorwürfe der verbundenen Parteitransaktionen vorlägen. Adani selbst erklärte, die „Wolke, die mehr als zwei Jahre über uns gehangen hatte, sei gehoben“.


Die Familie und die Rechtsstreitigkeiten

Die Brüder im Adani-Imperium

Gautam Adani hat mehrere Brüder, die im Konzern eine zentrale Rolle spielen:

  • Vinod Adani (älterer Bruder): Ihm wird vorgeworfen, ein Netzwerk von Offshore-Firmen in Steueroasen zu kontrollieren
  • Rajesh Adani (jüngerer Bruder): ist Managing Director der Adani Group

Der Fall der Serious Fraud Investigation Office (SFIO)

Die indische Serious Fraud Investigation Office reichte 2012 eine Anklage gegen Gautam und Rajesh Adani wegen Betrugs und Urkundenfälschung in Höhe von 388 Crore Rupien ein. Im März 2025 sprach der Bombay High Court die Brüder frei. Das Gericht stellte fest, dass die grundlegenden Merkmale des Betrugs – insbesondere das Element der „Täuschung“ – nicht nachgewiesen werden konnten.

Der Diamantenschmuggel-Vorwurf

Im Zusammenhang mit dem Diamantenschmuggel von 2004-2006 wurde Rajesh Adani laut Hindenburg-Bericht eine zentrale Rolle zugeschrieben – ein Vorwurf, der nie zu einer rechtskräftigen Verurteilung führte.


Die US-Bestechungsaffäre 2024–2026

Die Anklage

Im November 2024 erhob die US-Börsenaufsicht SEC Klage gegen Gautam Adani und seinen Neffen Sagar Adani. Die Vorwürfe:

  • Bestechung indischer Regierungsvertreter mit mehr als 250 Millionen Dollar
  • Ziel: Lukrative Solarprojekte für Adani Green Energy zu sichern
  • Im September 2021 sollen die Angeklagten im Rahmen einer 750-Millionen-Dollar-Anleihe (davon 175 Millionen Dollar von US-Investoren) falsche Aussagen zur Einhaltung von Anti-Korruptionsgesetzen gemacht haben

Die Einigung

Im Mai 2026 einigten sich Gautam und Sagar Adani auf eine Zahlung von 18 Millionen Dollar (Gautam: 6 Mio., Sagar: 12 Mio.), um den Zivilprozess beizulegen – ohne Schuldeingeständnis.

Die umstrittene Einstellung des Strafverfahrens

Parallel dazu beantragte das US-Justizministerium (DOJ) die Einstellung der strafrechtlichen Anklage. Die Begründung: Die Wertpapierbetrugsvorwürfe hätten nie erhoben werden dürfen. Das DOJ argumentierte, dass kein Schaden für US-Investoren entstanden sei und der Fall im Wesentlichen „Inder, die andere Inder bestechen“ betreffe – was das DOJ nicht interessiere.

Besonders brisant: Robert J. Giuffra Jr. , einer der Anwälte von Adani und zugleich persönlicher Rechtsberater von Präsident Donald Trump, hatte zuvor mit DOJ-Vertretern über eine Einstellung des Verfahrens gesprochen und dabei 10 Milliarden Dollar Investitionen in den USA sowie 15.000 neue Arbeitsplätze in Aussicht gestellt. Das DOJ bestritt, dass dieses Angebot Einfluss auf die Entscheidung gehabt habe. Die Senatoren Elizabeth Warren und Richard Blumenthal kritisierten die Entscheidung als „den Anschein erweckend, dass das DOJ ein gleichberechtigter Partner in korruptem Verhalten sei“.


Die politische Nähe zu Narendra Modi

Adani gilt als eng mit Premierminister Narendra Modi verbunden. Diese Nähe brachte ihm immer wieder Vorwürfe des „Cronyism“ (Freunderlwirtschaft) ein – Kritiker werfen ihm vor, von Modis Politik überproportional profitiert zu haben.


Ausblick: Wie geht es weiter?

Die Adani Group hat sich operativ erholt. Im September 2025 berichtete Adani von einem 57-prozentigen Anstieg des Portfolio-EBITDA auf 89.806 Crore Rupien (10,8 Milliarden Dollar) und einer 48-prozentigen Expansion der Bruttoanlagevermögens auf 6,1 Lakh Crore Rupien. Die Aktie von Adani Enterprises hat sich im Jahr 2026 um 39 Prozent erholt. Morgan Stanley prognostiziert ein fast dreifaches EBITDA-Wachstum bis zum Geschäftsjahr 2030.

Dennoch bleiben Fragen:

  • Die US-Strafverfahren sind noch nicht endgültig abgeschlossen – ein Bundesrichter muss der Einstellung noch zustimmen
  • Die Kritik an der politischen Einflussnahme wird nicht verstummen
  • Die Nachhaltigkeit des auf Kohle basierenden Geschäftsmodells steht unter wachsendem Druck

Fazit

Gautam Adanis Geschichte ist die eines Selfmade-Milliardärs, der aus einfachen Verhältnissen ein Weltkonzern aufbaute, zwischenzeitlich zum drittreichsten Menschen der Welt aufstieg, dann durch Betrugsvorwürfe über 60 Milliarden Dollar verlor – und sich doch an die Spitze Asiens zurückkämpfte. Begleitet wird dieser Weg von jahrelangen Rechtsstreitigkeiten mit seinen Brüdern, Bestechungsvorwürfen in den USA und dem Schatten von Offshore-Konstrukten. Ob als visionärer Unternehmer oder skrupelloser Geschäftsmann – Adani bleibt eine der umstrittensten und einflussreichsten Figuren Indiens.


Quellen

  • BBC News: India’s Adanis agree to pay $18m to settle civil fraud case in the US (Mai 2026)
  • Bloomberg: India’s SEBI Clears Adani of Some Allegations Made by Hindenburg (September 2025)
  • Forbes: Billionaire Gautam Adani Is Once Again Asia’s Richest Person (Juni 2026)
  • SEC Litigation Release No. 26554: Gautam Adani and Sagar Adani (Mai 2026)
  • The Hindu: Time to ‚accelerate‘: Adani outlines priorities after SEBI closure (September 2025)
  • The Print: Adani brothers discharged in Rs 388 cr fraud case (März 2025)
  • The Seattle Times: Justice Department defends dropping charges against Indian billionaire (Juli 2026)
  • Wikipedia: Gautam Adani

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