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Der deutsche Walfang: Von der Arktis in die Antarktis und zurück

Autor: DerSchneider

Die Geschichte des deutschen Walfangs ist eine Geschichte zweier Pole – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie reicht von den eisigen Weiten der Arktis, wo hanseatische Kaufleute und friesische Seeleute über Jahrhunderte ein gefährliches Handwerk betrieben, bis in die 1930er Jahre, als Deutschland unter nationalsozialistischer Regie kurzzeitig zur drittgrößten Walfangnation der Welt aufstieg. Es ist ein Kapitel deutscher Wirtschafts- und Technikgeschichte, das von der Jagd nach einem scheinbar unerschöpflichen Rohstoff, von wirtschaftlicher Abhängigkeit, politischer Hybris und den fatalen Folgen für die Natur erzählt.

Die Ära der Arktis: Ein gefährliches Handwerk (17.–19. Jahrhundert)

Der Ursprung des organisierten deutschen Walfangs liegt im 17. Jahrhundert. Angelehnt an die Niederländer, die als erste systematisch Walfang-Expeditionen nach Spitzbergen unternahmen, zogen auch Deutsche von den norddeutschen Küsten ins Nordmeer . Hamburg war eine treibende Kraft. Bereits 1643 schickte die Hansestadt erste Schiffe auf „Grönlandfahrt“ , und Bremen folgte 1653 . In der Hochzeit um 1675 fuhren allein von Hamburg aus 75 Schiffe ins Eismeer.

Die Jagd war archaisch und lebensgefährlich. Jahrhundertelang änderte sich die Technik kaum: Von den Mutterschiffen aus wurden kleine Ruderboote zu Wasser gelassen. Die Harpuniere stießen dem Wal eine Harpune mit Leine in den Körper. „Wenn der Wal erschöpft war, konnte man sich mit der Leinenverbindung heranziehen, und dann wurde das Tier mit etwa zwei Meter langen Lanzen erstochen“, beschreibt der Historiker Klaus Barthelmess den blutigen Akt .

Tausende Männer – viele von den Nordfriesischen Inseln wie Föhr, Borkum oder Amrum – gingen diesem Beruf nach. Historiker schätzen, dass einige tausend Jungen und Männer aus Deutschland zum Arktis-Walfang zogen, manche von ihnen im Alter von nur elf Jahren . Die Reisen waren nicht nur eine Frage der Tradition, sondern des Überlebens in den oft kargen Küstenregionen.

Ziel der Jagd waren vor allem der Grönlandwal und der Nordkaper, zwei Bartenwalarten, die wegen ihres dicken Specks und ihrer langsamen Schwimmweise begehrt waren . Die Ausbeute war vielfältig: Aus dem Speck wurde Tran gewonnen – der wichtigste Rohstoff für Beleuchtung und Schmiermittel, bevor Petroleum aufkam . Die Barten, das sogenannte Fischbein, fanden im 18. und 19. Jahrhundert Verwendung in Korsetts und Regenschirmen .

Doch der Niedergang dieser Ära war bereits im 19. Jahrhundert absehbar. Die Bestände in der Arktis waren dezimiert, und mit der Entdeckung des Petroleums Mitte des Jahrhunderts verlor Waltran als Leuchtmittel und Schmiermittel an wirtschaftlicher Bedeutung . 1872 kehrte das letzte Bremer Walfangschiff aus der Arktis zurück . Ein Kapitel schien für immer geschlossen.

Die „Fettlücke“ und der Aufstieg unter dem Hakenkreuz

Die vermeintliche Endgültigkeit währte nur wenige Jahrzehnte. Die Industrie des Deutschen Reiches, insbesondere die Margarine- und Seifenproduktion, war in den 1920er und 1930er Jahren auf die massive Einfuhr von Walöl angewiesen. Die deutschen Firmen waren die weltweit größten Importeure – allein die Margarine-Industrie hatte einen riesigen Bedarf .

Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik, geprägt vom Vierjahresplan, erklärte die Autarkie zur obersten Maxime. Die Abhängigkeit von Importen, insbesondere von den Norwegern, sollte beendet werden. Die sogenannte „Fettlücke“ – der chronische Mangel an heimisch produzierten Fetten und Ölen – sollte durch einen eigenen Walfang geschlossen werden . 1935 fiel die Entscheidung, als die Norweger den Walölpreis nahezu verdoppelten .

Die Firmen, die dieses Geschäft vorantrieben, waren die namhaften Industriegiganten der Zeit. Die Düsseldorfer Firma Henkel investierte 3,25 Millionen Reichsmark in die „Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft“ (EDWG) . Die Margarinefabrik Walter Rau gründete seine eigene Walfang AG. Auch Unilever, das britisch-niederländische Unternehmen, war über die Unitas Deutsche Walfang-Gesellschaft beteiligt .

Innerhalb kürzester Zeit wurde eine beeindruckende Flotte aufgebaut. Sieben Walfang-Flotten mit über 50 Fangbooten entstanden, betrieben von vier Gesellschaften . Die Schiffe wurden von Werften wie Blohm & Voss in Hamburg oder Deschimag in Bremerhaven gebaut oder zu Walkocherei-Fabrikschiffen umgebaut, wie die berühmte „Jan Wellem“ und die „Walter Rau“ . Deutschland wurde zur drittgrößten Walfangnation der Welt .

UnternehmenKurzbeschreibungFlotte
Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft (EDWG)Gegründet 1935, maßgeblich von Henkel finanziert.Mutterschiff „Jan Wellem“, 8 Fangboote (Treff I–VIII) 
Walter Rau Walfang AGGegründet von Margarinefabrikant Walter Rau.Mutterschiff „Walter Rau“, 8 Fangboote (Rau I–VIII) 
Unitas Deutsche Walfang-GesellschaftAbleger des britisch-niederländischen Unilever-Konzerns.Eigene Flotte 
Hamburger Walfang-Kontor GmbHBereederte Charterschiffe für verschiedene Eigentümer.Insgesamt vier Flotten 

In den drei Jahren von 1936 bis 1939 wurden in der Antarktis mehr als 30.000 Blau- und Finnwale allein von deutschen Schiffen erlegt . Die Jagd war hochindustrialisiert: Flugzeuge fahndeten nach den Walen, dieselbetriebene Fangboote waren schnell, und die Harpunen standen unter Strom, um die Tiere sofort zu betäuben . An Bord der Fabrikschiffe wurde der Wal vollständig verwertet – aus dem Öl wurde Margarine, aus den Knochen Dünger . Ein Zeitzeuge beschrieb das grausige Treiben an Bord: „Der Gestank ist mörderisch zwischen den Bergen von Innereien, die die Matrosen mit Schneeschiebern über die Kante schippen“ .

Das Ende und die Nachkriegszeit: Ein stummer Nachhall

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brach der kommerzielle Walfang im Südpolarmeer abrupt zusammen . Die Walfangflotten wurden von der Kriegsmarine requiriert. Die Fangboote der Treff-Klasse etwa dienten fortan als U-Boot-Jäger (UJ), die „Jan Wellem“ wurde zum Stützpunktschiff . Viele dieser Schiffe gingen im Krieg verloren .

Nach 1945 war es Deutschland verboten, Walfang zu betreiben und Schiffe zu bauen . Die EDWG wurde jedoch nicht liquidiert. Ihr Direktor, Dietrich Menke, suchte nach Wegen, das Geschäft fortzuführen – mit einer List. Er ließ im Auftrag des griechischen Reeders Aristoteles Onassis einen Tanker zum Walfangmutterschiff „Olympic Challenger“ umbauen . Die Flotte fuhr unter panamaischer Flagge, die Bereederung und Organisation erfolgte jedoch von Hamburg aus . Bis 1956 wurden etwa 22.000 Wale von dieser Flotte verarbeitet, bevor sie an Japan verkauft wurde . Die EDWG wurde 1956 aufgelöst . Mit diesem stillen, aber intensiven Nachspiel endete die aktive deutsche Beteiligung am industriellen Walfang.

Fazit und Ausblick: Ein Erbe der Verantwortung

Die Geschichte des deutschen Walfangs ist ein Lehrstück über den Raubbau an der Natur, getrieben von wirtschaftlichem und politischem Kalkül. Was einst als kleinteiliges, gefährliches Handwerk in der Arktis begann, mündete in eine hochtechnisierte, skrupellose Massentötung, die ganze Walbestände an den Rand der Ausrottung brachte.

Heute ist Deutschland in einer ganz anderen Rolle: Es ist eines der Länder, die das Walfang-Moratorium der IWC unterstützen und sich für den Schutz der Meeressäuger einsetzen . Die Fangboote von einst, wie die „Rau IX“, liegen als Museumsstücke im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven – stumme Zeugen einer grausamen Vergangenheit . Die deutsche Geschichte mahnt, dass technischer Fortschritt und wirtschaftlicher Ertrag nicht blind vor den ökologischen Konsequenzen gemacht werden dürfen. Die Bestände der großen Wale haben sich bis heute nicht von den massiven Eingriffen des 20. Jahrhunderts erholt – eine bleibende Verantwortung für den Erhalt dieser faszinierenden Geschöpfe.

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