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Der lange Schatten der Transparenz: Was wurde aus WikiLeaks und seinen Protagonisten?

Autor: DerSchneider

Die Geschichte von WikiLeaks gleicht einem modernen Epos über Information, Macht und die Frage, wer die Grenze zwischen Journalismus und Geheimnisverrat ziehen darf. Was als Vision eines freien, unkontrollierten Informationsflusses begann, entwickelte sich zu einem jahrelangen Justizdrama um seinen Gründer Julian Assange und hinterließ bei den Beteiligten tiefe Spuren. Mehr als ein Jahr nach Assanges spektakulärer Freilassung stellt sich die Frage: Wie hat sich das Leben der Protagonisten entwickelt, und wohin steuert die Plattform heute?


Die Rückkehr des Gründers: Julian Assanges Weg in die Freiheit

Der wohl wichtigste Wendepunkt in der jüngeren Geschichte von WikiLeaks war die überraschende Freilassung von Julian Assange im Juni 2024. Nach sieben Jahren im selbstgewählten Exil in der ecuadorianischen Botschaft in London und anschließend fünf Jahren Hochsicherheitsgefängnis in Belmarsh kehrte der 52-jährige Australier in seine Heimat zurück.

Der Ausweg aus dem Rechtsdschungel kam in Form eines Plea Deals mit dem US-Justizministerium. Assange bekannte sich vor einem Gericht auf der Pazifikinsel Saipan in einem Punkt der Verschwörung zum Erhalt und zur Verbreitung von Geheimdokumenten für schuldig. Im Gegenzug wurde er zu der Zeit verurteilt, die er bereits im britischen Gefängnis verbracht hatte – fünf Jahre Haft, die als abgegolten galten.

Der australische Premierminister Anthony Albanese beanspruchte für sich, durch „geduldige und beharrliche Arbeit“ auf diplomatischem Wege diesen Ausgang ermöglicht zu haben. Die australische Regierung hatte sich auf höchster Ebene für Assanges Freilassung eingesetzt.

Erste öffentliche Worte nach der Freilassung

Im Oktober 2024, wenige Monate nach seiner Freilassung, trat Assange erstmals öffentlich vor dem Europarat in Straßburg auf – eine Rede, die weltweit für Aufsehen sorgte. Seine Botschaft war ebenso einfach wie brisant: „Ich bin heute nicht frei, weil das System funktioniert hat. Ich bin heute frei, nach Jahren der Inhaftierung, weil ich mich des Journalismus schuldig bekannt habe.“ Er habe sich letztlich für die Freiheit entschieden, anstatt auf „unerreichbare Gerechtigkeit“ zu hoffen.

Assange warnte in seiner Rede eindringlich vor der Entwicklung der Pressefreiheit: „Die Meinungsfreiheit und alles, was daraus folgt, befindet sich an einem dunklen Scheideweg.“ Mit Blick auf seine eigene Situation fügte er hinzu: „Während meiner Inhaftierung wurde Boden verloren – ich sehe jetzt mehr Straflosigkeit, mehr Geheimhaltung und mehr Vergeltung für das Sagen der Wahrheit.“

Stella Assange, seine Frau, die ihn jahrelang durch den Rechtsstreit begleitete, erklärte nach der Anhörung: „Er ist erst seit ein paar Wochen frei, und wir befinden uns wirklich erst am Anfang, bei null anzufangen – oder bei weniger als null.“

Seit seinem ersten öffentlichen Auftritt hat sich Assange weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Dezember 2025 sorgte er jedoch erneut für Schlagzeilen, als er die Nobel-Stiftung wegen der Verleihung des Friedensnobelpreises an die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado in Schweden anzeigte – ein Schritt, der zeigt, dass der WikiLeaks-Gründer auch in Freiheit seinen kämpferischen Geist nicht verloren hat.


Die Plattform ohne ihren Gründer: WikiLeaks unter neuer Leitung

Während Assange sich nun in Australien auf sein Privatleben und die langsame Erholung von den Strapazen der Haft konzentriert, steht die von ihm gegründete Plattform vor der Herausforderung, ohne ihren charismatischen, aber auch polarisierenden Gründer weiterzubestehen.

Bereits 2018, als Assange noch in der ecuadorianischen Botschaft isoliert war, hatte er die Weichen für die Zukunft gestellt und den isländischen Journalisten Kristinn Hrafnsson zum neuen Chefredakteur von WikiLeaks ernannt. Hrafnsson war zuvor von 2010 bis 2016 als Sprecher der Organisation tätig und später mit juristischen Projekten betraut.

Die operative Verantwortung liegt nun bei Hrafnsson. Allerdings ist die Zukunft von WikiLeaks ungewiss: Im Rahmen des Plea Deals verpflichtete sich Assange, alle unveröffentlichten Informationen in seinem Besitz sowie die von WikiLeaks zu vernichten oder zurückzugeben. Dies hat die Handlungsfähigkeit der Plattform massiv eingeschränkt.

Hrafnsson selbst ist in den letzten Monaten weniger durch Enthüllungen als durch ungewöhnliche politische Aktionen aufgefallen. Im April 2025 veröffentlichte er einen offenen Brief an die isländische Frauen-Handballnationalmannschaft, in dem er die Spielerinnen aufforderte, nicht gegen die israelische Mannschaft anzutreten. Im Januar 2025 äußerte er sich in einem Interview mit der isländischen Zeitung DV pessimistisch: „Die Demokratie ist tot“ – eine Aussage, die er mit der Machtkonzentration bei wenigen Tech-Milliardären begründete.

Die Frage, ob WikiLeaks in ihrer ursprünglichen Form überleben kann, bleibt offen. Assange selbst ist zwar als „Publisher“ (Verleger) im Amt geblieben, doch sein Einfluss auf die redaktionelle Ausrichtung ist unklar. Sein Anwalt Barry Pollack deutete an, dass Assange eine „weiterhin treibende Kraft für Meinungsfreiheit und Transparenz“ bleiben werde.


Getrennte Wege: Die früheren Mitstreiter

Die Geschichte von WikiLeaks ist auch eine Geschichte zerrütteter Beziehungen. Kein Beispiel zeigt dies deutlicher als das Verhältnis zwischen Assange und seinem einstigen Vertrauten Daniel Domscheit-Berg.

Daniel Domscheit-Berg: Der abtrünnige „Nr. 2“

Der deutsche Technologieaktivist, der unter dem Pseudonym Daniel Schmitt als Sprecher und faktischer „Nr. 2“ von WikiLeaks fungierte, verließ die Organisation im September 2010 unter dramatischen Umständen. Der Bruch war das Ergebnis eines tiefgreifenden Zerwürfnisses: Domscheit-Berg warf Assange vor, die Organisation undemokratisch zu führen, politische Neutralität aufzugeben und vor allem durch die ungeschwärzte Veröffentlichung von Dokumenten die Sicherheit von Informanten zu gefährden.

Nach seinem Austritt gründete Domscheit-Berg mit OpenLeaks ein alternatives Projekt, das jedoch nie den Einfluss von WikiLeaks erreichte. 2011 veröffentlichte er das Buch „Inside WikiLeaks: My Time with Julian Assange at the World’s Most Dangerous Website“, das später als Grundlage für den Film „The Fifth Estate“ diente. In dem Buch zeichnet Domscheit-Berg ein schonungsloses Portrait seines einstigen Freundes als „paranoid, arrogant und selbstzentriert“.

Heute ist Domscheit-Berg als IT-Sicherheitsexperte und Netzaktivist aktiv. Im Juli 2025 trat er bei einem Online-Podium der Piratenpartei zum Thema Whistleblowerschutz auf und forderte eine gesetzliche Verankerung des Schutzes für Whistleblower. Er ist zudem regelmäßiger Redner auf Cybersecurity-Konferenzen. Anders als Assange hat Domscheit-Berg den Weg in die etablierte politische und wirtschaftliche Beratung gefunden – ein stiller, aber wirkungsmächtiger Werdegang.

Chelsea Manning: Vom Whistleblower zur Aktivistin

Ein ganz anderer Lebensweg führte Chelsea Manning, die Whistleblowerin, die 2010 die brisanten Dokumente an WikiLeaks übergab. Die ehemalige Armee-Geheimdienstanalystin wurde 2013 wegen Spionage zu 35 Jahren Haft verurteilt – die bis dahin längste Strafe für diesen Tatbestand.

Während ihrer Haftzeit im Männergefängnis von Fort Leavenworth vollzog sie ihre Geschlechtsanpassung und wurde zu einer Ikone der Transgender-Bewegung. Sie verbrachte sieben Jahre unter harschen Bedingungen im Gefängnis, darunter 23 Stunden am Tag in Einzelhaft.

Im Januar 2017 begnadigte der damalige US-Präsident Barack Obama Manning und verkürzte ihre Haftstrafe. Noch im selben Jahr wurde sie aus dem Gefängnis entlassen.

Heute, mit 37 Jahren, ist Manning als digitale Aktivistin, Sicherheitsberaterin und Autorin tätig. Im November 2025 trat sie beim Mozilla Festival in Barcelona auf, wo sie über ihre Erfahrungen und die Entwicklung der digitalen Welt sprach. In einem Interview mit der spanischen Zeitung EL PAÍS sagte sie: „Eine massive Datenleck heute wäre kein Paukenschlag mehr.“ Die Welt sei längst von einer schier überwältigenden Informationsflut erfasst.

Manning äußerte sich auch kritisch zur Macht der Tech-Konzerne: „Internet ist nicht mehr dieser Raum der Freiheit, weil sieben Unternehmen und einige Staaten es kontrollieren.“ Sie warnte vor einem „autoritären Wettbewerb“ in den USA und beschrieb, wie „neo-autoritäre Kräfte gelernt haben, den Finger auf die Waage zu legen, um sie zu ihren Gunsten zu neigen“.

Im Oktober 2025 machte Manning erneut Schlagzeilen, als sie Berichten zufolge einen Selbstmordversuch unternahm – zwei Tage vor einer Gerichtsanhörung wegen ihrer Weigerung, vor einer Grand Jury auszusagen. Sie wurde ins Krankenhaus eingeliefert und erholte sich. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die anhaltenden psychischen Belastungen, denen Whistleblower oft noch Jahre nach ihren Enthüllungen ausgesetzt sind.


Die Spaltung der Öffentlichkeit

Die Geschichte von WikiLeaks hat tiefe Gräben in der öffentlichen Wahrnehmung hinterlassen. Die Frage, ob Assange und Manning Helden oder Schurken sind, wird bis heute kontrovers diskutiert.

PerspektiveSicht auf WikiLeaks & AssangeSicht auf Manning
BefürworterHelden der Pressefreiheit, die Regierungsverbrechen aufdecken und die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen.Whistleblowerin, die für die Wahrheit hohe persönliche Opfer brachte.
KritikerGefährliche Akteure, die durch ungefilterte Veröffentlichung Menschenleben gefährden und nationale Sicherheit bedrohen.Verräterin, die durch ihr Handeln die Sicherheit der USA und ihrer Verbündeten gefährdete.

Amnesty International, das sich jahrelang für Assanges Freilassung eingesetzt hatte, bezeichnete seinen Fall als „zweifellos zu den umstrittensten Verfahren gegen investigative Journalisten und Whistleblower in den vergangenen Jahren“. Die Freilassung sei „ein unheimlich wichtiger Erfolg für die Meinungs- und Pressefreiheit weltweit“.

Doch selbst unter Unterstützern gibt es Kritik: Die Bedingungen des Plea Deals – das Schuldeingeständnis und die Verpflichtung zur Vernichtung unveröffentlichter Dokumente – werfen die Frage auf, ob Assange nicht einen hohen Preis für seine Freiheit gezahlt hat. Hat er „für seine Freiheit die Freiheit der investigativen Presse geopfert?“


Ausblick: Eine ungewisse Zukunft

Die Zukunft von WikiLeaks bleibt ungewiss. Die Plattform operiert unter neuer Führung, steht aber vor erheblichen Herausforderungen:

  • Reputationsverlust: Die jahrelangen Rechtsstreitigkeiten und internen Konflikte haben das Ansehen der Organisation beschädigt.
  • Finanzielle Schwierigkeiten: Die Blockade von Spendenkanälen durch Kreditkartenunternehmen und Banken hat WikiLeaks in wirtschaftliche Not gebracht.
  • Plea-Deal-Auflagen: Die Verpflichtung zur Vernichtung unveröffentlichter Dokumente hat die operative Basis der Plattform geschwächt.
  • Konkurrenz: Andere Plattformen für Whistleblower haben an Bedeutung gewonnen.

Julian Assange selbst scheint nach seiner Freilassung eine Rolle als Symbolfigur einzunehmen. Er ist „committed as ever to the basic principles that he’s always abided by – transparency, justice, quality journalism“, wie sein Chefredakteur Hrafnsson betont. Assange kämpft weiterhin für eine Präsidialbegnadigung für seine Verurteilung nach dem Espionage Act – ein Kampf, der noch Jahre dauern könnte.

Dennoch: Die Geschichte von WikiLeaks ist mehr als nur die Chronik einer Enthüllungsplattform. Sie ist ein Beispiel dafür, wie tiefgreifend Technologie und Informationsfreiheit die Machtverhältnisse im 21. Jahrhundert herausfordern können – und welchen Preis diejenigen zahlen, die an vorderster Front dieser Entwicklung stehen. Die Frage, ob das Erbe von WikiLeaks in einer Zeit wachsender Überwachung und zunehmender Machtkonzentration bei wenigen Tech-Konzernen fortbestehen kann, bleibt vorerst unbeantwortet.

Quellen:

  • Amnesty International: Julian Assange: Der WikiLeaks-Gründer ist wieder in Freiheit! (2025) 
  • Amnesty International: Themenseite zu Julian Assange (2025) 
  • EL PAÍS: Chelsea Manning, exanalista de inteligencia: „Una filtración masiva hoy ya no sería un bombazo“ (2025) 
  • ARA: Chelsea Manning: „Heroína? Traidora? Compleja! Ni soy perfecta ni quiero que me pongan en un pedestal“ (2025) 
  • New Age: Assange says ‚pleaded guilty to journalism‘ to gain freedom (2024) 
  • RP Online: Themenseite zu Julian Assange (2025) 
  • Vísir: Úr inniskónum og yfir í hringiðu heimsmálanna (2025) 
  • Der Standard: Julian Assange gibt Posten als Chefredakteur von Wikileaks ab 
  • IALANA: Erklärung zum Fall Assange: Licht und Schatten 
  • Wikipedia: Eintrag zu WikiLeaks 

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