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Die Rückkehr der Giganten: Wie moderne Segelschiffe die maritime Welt erobern

Von DerSchneider

Einleitung

Es ist ein sonniger Junitag im Jahr 2026, als in Saint-Nazaire an der französischen Atlantikküste ein Schiff aus dem Hafen ausläuft, das die maritime Welt für immer verändern wird. Die OE Corinthian – 220 Meter lang, 26.600 Bruttoregistertonnen schwer – gleitet lautlos durch das Wasser. Ihre drei 100 Meter hohen Masten tragen starre Segel aus Verbundwerkstoff, die sich im Licht der Sonne spiegeln. Dies ist kein Relikt aus vergangenen Zeiten, sondern die Zukunft der Schifffahrt.

Die Geschichte der großen Segelschiffe ist eine Geschichte von Aufstieg, Fall und spektakulärer Wiedergeburt. Vor etwas mehr als einem Jahrhundert verdrängte der Dampfantrieb die stolzen Windjammer von den Weltmeeren. Die Preußen, 1902 als Fünfmast-Vollschiff vom Stapel gelaufen und bis heute das einzige Schiff ihrer Art mit fünf Masten und Rahsegeln an allen Masten, sank 1910 nach einer Kollision im Ärmelkanal – ein Symbol für das Ende einer Ära . Die France II, 1912 gebaut und mit 5.633 Bruttoregistertonnen eines der größten Segelschiffe ihrer Zeit, strandete 1922 vor Neukaledonien. Das Zeitalter der Handelssegler war vorbei.

Doch die Faszination für den Antrieb durch Windkraft ist nie erloschen. Heute erleben wir eine Renaissance: Moderne Großsegler kombinieren jahrhundertealtes Wissen mit Hightech-Materialien und hybriden Antriebssystemen. Sie sind nicht nur schwimmende Luxushotels, sondern auch Testplattformen für die Dekarbonisierung der Schifffahrt. Dieser Artikel beleuchtet die größten Segelschiffe und Motorsegler der Gegenwart, ihre Technik, ihre Geschichte und ihre Bedeutung für eine nachhaltige maritime Zukunft.

Die größten Segelschiffe der Welt im Vergleich

Technische Eckdaten im Überblick

Die folgende Tabelle vergleicht die fünf größten aktiven bzw. im Bau befindlichen Segelschiffe unserer Zeit:

SchiffsnameLänge (m)BRZBaujahrSegelfläche (m²)Besonderheit
OE Corinthian22026.60020264.500Erste SolidSail-Kommerznutzung
Club Med 218214.98319922.500Größter aktiver Motorsegler
Wind Surf18814.74519892.500Schwesterschiff der Club Med 2
Golden Horizon1628.78420176.300Größter Rahsegler aller Zeiten
SY A142,812.55820173.700Technisch eine Yacht, kein Passagierschiff

Quellen: 

Die Technikrevolution: SolidSail und DynaRigg

Die OE Corinthian – Ein Meilenstein der maritimen Innovation

Die OE Corinthian des Orient Express (Eigner: Accor Group, Werft: Chantiers de l‘Atlantique, Saint-Nazaire) ist nicht einfach nur ein weiteres Kreuzfahrtschiff. Sie ist der Prototyp einer neuen Schiffsgeneration. Das Herzstück bildet das SolidSail-System – starre Segel aus Verbundwerkstoff (Glasfaser, Carbon und Epoxidharz), die sich wie ein Fächer zusammenfalten lassen .

Die drei Masten, die eigens für dieses Projekt von Spezialfirmen aus der Lorient-Region gefertigt wurden, sind nicht nur 100 Meter hoch, sondern können sich um 360 Grad drehen und bis zu 70 Grad neigen – um auch unter Brücken durchzufahren . Jedes der drei Hauptsegel bietet 1.050 m² Fläche, hinzu kommen 450 m² weiche Focks pro Mast, insgesamt also 4.500 m² Segelfläche.

„Unter günstigen Windbedingungen kann die OE Corinthian allein unter Segeln fahren und dabei bis zu 17 Knoten erreichen“ .

Doch die Technik geht weit über die Segel hinaus:

  • Hybridantrieb: Vier LNG-Zweitstoff-Dieselmotoren (Wärtsilä 6L25DF) mit 12.236 PS Leistung ermöglichen emissionsarmen Motorbetrieb 
  • Dynamisches Positioniersystem: Das Schiff kann seine Position ohne Anker halten – schützt empfindliche Meeresböden 
  • KI-gestützte Meeressäuger-Erkennung: Minimiert das Risiko von Kollisionen mit Walen und Delfinen 
  • Chemiefreie Ballastwasserbehandlung: UV-Technologie statt chemischer Desinfektion 

Die Club Med 2 – Pionierarbeit der 1990er Jahre

Dass die Idee großer Motorsegler nicht neu ist, beweist die Club Med 2. 1992 auf der Werft Société Nouvelle des Ach in Le Havre gebaut, ist sie seit über 30 Jahren im Einsatz . Mit fünf Masten und einer computergesteuerten Takelage war sie ihrer Zeit weit voraus.

Die Club Med 2 und ihr Schwesterschiff Wind Surf (ursprünglich als Club Med I 1989 vom Stapel gelaufen, später an Windstar Cruises verkauft) teilen sich den Titel der größten aktiven Motorsegler der Welt . Ihre Segel werden vom Steuerhaus aus per Knopfdruck bedient – ein Novum in den 1990er Jahren.

Die Renaissance der Windkraft im Kontext der Klimakrise

Die Rückkehr zu windbetriebenen Schiffen ist kein nostalgischer Trend, sondern eine Reaktion auf die drängendste Frage der maritimen Industrie: Wie kann die Schifffahrt, die für etwa drei Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich ist, ihre Klimaziele erreichen?

Die Internationale Maritime Organisation (IMO) hat sich zum Ziel gesetzt, die Treibhausgasemissionen der Schifffahrt bis 2050 auf Netto-Null zu senken. Vor diesem Hintergrund gewinnen Technologien wie SolidSail enorm an Bedeutung. Die Chantiers de l‘Atlantique, die Werft hinter der OE Corinthian, gibt an, dass die Kombination aus Windunterstützung und LNG-Antrieb den Kraftstoffverbrauch um 30 bis 40 Prozent reduzieren kann .

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass diese Entwicklung zyklisch verläuft:

EpocheAntriebstechnologieCO₂-BilanzHerausforderung
Bis 1900ReinwindNeutralUnzuverlässig
1900-1970Dampf/VerbrennungHochAbhängigkeit von fossilen Brennstoffen
1970-2010SchwerölSehr hochMassive Umweltbelastung
2010-2025LNG/HybridMittelImmer noch fossile Brennstoffe
Ab 2025Wind-Hybrid (LNG/H2)Niedrig bis NullTechnologische Reife

Zwischen Luxus und Nachhaltigkeit – Ein Widerspruch?

Die OE Corinthian bietet Platz für nur 110 Passagiere in 54 Suiten – darunter eine Presidential Suite von fast 1.000 Quadratmetern . Sie verfügt über zwei Pools, fünf Restaurants unter der Leitung von Yannick Alléno, ein Aufnahmestudio, ein Kino und ein Guerlain-Spa .

Kann ein Schiff dieser Größenordnung und dieses Luxusniveaus wirklich „nachhaltig“ sein? Die Antwort ist differenziert.

Pro-Argumente:

  • Die SolidSail-Technologie reduziert den fossilen Brennstoffverbrauch erheblich
  • Das Schiff ist auf zukünftigen Wasserstoffbetrieb vorbereitet
  • Das dynamische Positioniersystem schützt die Meeresumwelt

Kontra-Argumente:

  • Der Bau eines 220-Meter-Stahlschiffs hat einen enormen ökologischen Fußabdruck
  • Die Betriebsemissionen sind zwar niedriger, aber nicht Null
  • Der Luxustourismus an sich steht in der Klimadebatte in der Kritik

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte: Die OE Corinthian ist kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Sie zeigt, was technisch möglich ist, und könnte als Katalysator für breitere Anwendungen der SolidSail-Technologie auf Frachtschiffen dienen.

Historische Perspektive: Die gescheiterten Giganten

Um die Bedeutung der modernen Entwicklungen zu verstehen, lohnt ein Blick auf die gescheiterten Giganten der Vergangenheit.

Die Preußen (1902-1910)

Die Preußen war das einzige Fünfmast-Vollschiff der Welt mit Rahsegeln an allen Masten. Gebaut auf der Werft Joh. C. Tecklenborg in Bremerhaven für die Reederei F. Laeisz, galt sie als das schnellste und effizienteste Segelschiff ihrer Zeit. Ihr Untergang am 6. November 1910 – gerammt von dem kleinen Dampfer Brighton im dichten Nebel des Ärmelkanals – war eine Tragödie, aber auch ein Symbol: Das Zeitalter der großen Handelssegler neigte sich unwiderruflich seinem Ende zu.

Die France II (1912-1922)

Mit 5.633 BRT war die France II eines der größten Segelschiffe, die je gebaut wurden. Sie überlebte den Ersten Weltkrieg, nur um am 12. Juli 1922 vor Neukaledonien auf ein Riff zu laufen – ein Totalverlust.

Die Golden Horizon (2017-heute)

Die Golden Horizon (ursprünglich als Flying Clipper geplant) sollte die Renaissance der großen Rahsegler einläuten. Mit 162 Metern Länge und sechs Masten war sie der größte jemals gebaute Rahsegler – basierend auf den Plänen der legendären France II von 1911, aber um zehn Prozent größer .

Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr: Die Reederei Tradewind Voyages wurde 2022 zahlungsunfähig, das Schiff liegt seitdem in Kroatien aufgelegt. Ein trauriges Beispiel dafür, dass technische Brillanz allein kein erfolgreiches Geschäftsmodell garantiert.

Flaggen, Heimathäfen und politische Verwicklungen

Die Nationalität eines Schiffs ist mehr als eine Formalität – sie bestimmt, welchen rechtlichen und steuerlichen Regelungen es unterliegt. Die hier vorgestellten Schiffe zeigen ein buntes Bild:

SchiffFlaggeHeimathafenHintergrund
OE CorinthianFrankreichSaint-TropezRegistre International Français 
Club Med 2FrankreichMata-Utu (Wallis & Futuna)Französisches Überseegebiet 
Wind SurfBahamasNassauTypische „Billigflagge“ 
SY ABermuda (früher)Hamilton2022 in Italien beschlagnahmt

Besonders brisant: Die SY A, einst die größte Segelyacht der Welt, gebaut für den russischen Oligarchen Andrey Melnichenko auf der deutschen Nobiskrug-Werft in Rendsburg, wurde nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 in Italien beschlagnahmt. Ein drastisches Beispiel dafür, wie geopolitische Ereignisse direkt in die Schifffahrt eingreifen können.

Ausblick: Was kommt nach der OE Corinthian?

Die Chantiers de l‘Atlantique haben bereits den Bau eines Schwesterschiffs angekündigt: Die OE Olympian soll 2027 in Dienst gestellt werden . Zwei weitere Schiffe sind optional bestellt.

Doch das eigentliche Potenzial der SolidSail-Technologie liegt nicht im Luxussegment. Die Werft arbeitet bereits an Anwendungen für Frachtschiffe. Erste Studien zeigen, dass eine Kombination aus SolidSail und konventionellem Antrieb die Emissionen von Containerschiffen um bis zu 30 Prozent senken könnte.

Die Rückkehr des Windes auf die Weltmeere ist keine Nostalgie. Sie ist eine Notwendigkeit.

Fazit

Die größten Segelschiffe der Welt sind heute mehr als nur schwimmende Paläste für die Reichen. Sie sind Labore der Energiewende auf See. Die OE Corinthian zeigt, was möglich ist: 220 Meter Stahl und Verbundwerkstoff, angetrieben von einer Brise – und das mit dem Komfort eines Fünf-Sterne-Hotels.

Gleichzeitig lehrt uns die Geschichte, Vorsicht walten zu lassen. Die Preußen, die France II, selbst die junge Golden Horizon – alle scheiterten nicht an mangelnder Technik, sondern an widrigen Umständen. Ob die Renaissance der Großsegler von Dauer sein wird, hängt nicht allein von der Ingenieurskunst ab, sondern auch von der Wirtschaftlichkeit und dem politischen Willen zu einer nachhaltigeren Schifffahrt.

Eines jedoch ist sicher: Wenn man an einem ruhigen Sommermorgen die OE Corinthian unter vollen Segeln über das Mittelmeer gleiten sieht, versteht man, warum die Menschheit nie aufgehört hat, von diesen Giganten zu träumen.


Kategorisierung

im-rueckspiegel / industriegeschichte

Der Artikel verbindet historische Perspektiven (Preußen, France II, Golden Horizon) mit aktuellen technologischen Entwicklungen (OE Corinthian, SolidSail) und ordnet diese in den Kontext der industriellen wie auch postindustriellen Schifffahrt ein. Er beleuchtet sowohl die technikhistorische Dimension als auch die gegenwärtige Transformation der maritimen Industrie.


Schlagworte

Segelschiffe, Motorsegler, OE Corinthian, SolidSail, Club Med 2, Wind Surf, maritime Dekarbonisierung, Schiffbautechnik, Luxuskreuzfahrt, Windantrieb


Quellen

  1. CruiseMapper: Orient Express Corinthian floats out at Saint-Nazaire (France), 21. Juni 2025 
  2. Wikipedia: Club Med 2, abgerufen März 2026 
  3. Ships of the World: 仏帆走客船「OEコリンシアン」試運転開始, 18. Januar 2026 
  4. Wikipedia: Wind Surf, abgerufen März 2026 
  5. Mer et Marine: Orient Express: l‘OE Corinthian équipé de ses voiles rigides Solid Sail, 7. November 2025 
  6. CruiseMapper: Orient Express Corinthian (Schiffsdatenbank), abgerufen März 2026 
  7. 龙的船人 (imarine.cn): 全球最大混合动力风帆邮轮在法国大西洋船厂下水, 23. Juni 2025 
  8. Alltagsmagazin.de: Tipps für Kreuzfahrten: Die größten Motorsegler der Welt, abgerufen März 2026 
  9. Kreta-Blog: Die beiden größten Motorsegelschiffe der Welt, 15. Juni 2025 

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