neustes

Kleo – Wenn die Stasi-Killerin zur Pop-Ikone wird

Autor: DerSchneider


Einleitung

„Es ist eine wahre Geschichte, aber nichts davon ist wirklich passiert.“ Mit diesem ebenso lakonischen wie paradoxen Satz eröffnet Netflix seine deutsche Actionserie Kleo – und liefert damit zugleich die perfekte Gebrauchsanweisung für das, was folgt: eine knallbunte, blutrünstige und irrwitzige Achterbahnfahrt durch die letzte Phase der DDR, bei der historische Fakten weniger zählen als die Frage, wie viel Spaß man beim Zuschauen haben darf.

Die Serie um die Stasi-Auftragskillerin Kleo Straub, gespielt von Jella Haase, avancierte 2022 zum internationalen Überraschungserfolg. Die erste Staffel wurde zum weltweiten Publikums- und Kritikerliebling, gewann den Grimme-Preis in der Kategorie „Fiktion“ sowie zwei Deutsche Fernsehpreise – unter anderem für Jella Haase als „Beste Schauspielerin“. Die zweite Staffel folgte im Juli 2024. Was macht diesen Stoff so besonders? Und wie verhält er sich zur historischen Wirklichkeit?


Historischer Hintergrund – Die DDR im Jahr 1987

Die Serie spielt in den Jahren 1987 bis 1990 – einer Zeit des tiefgreifenden Umbruchs. Die DDR befindet sich im Endstadium, wirtschaftlich marode, politisch erstarrt. Die Staatssicherheit, die „Stasi“, ist allgegenwärtig: Mit rund 91.000 hauptamtlichen Mitarbeitern und etwa 174.000 inoffiziellen Mitarbeitern (IM) durchdringt sie nahezu alle Lebensbereiche.

Kleo Straub ist eine solche IM – allerdings mit einer Sonderrolle: Sie ist eine „Tschekistin“, eine Auftragsmörderin, ausgebildet von ihrem eigenen Großvater, einem Stasi-Funktionär. Historisch belegt ist die Existenz von Stasi-Killerinnen nicht; die Serie arbeitet bewusst mit einer fiktiven Überzeichnung. Gleichzeitig greift sie reale Stimmungen und Ängste auf: das Misstrauen gegenüber dem eigenen System, die Willkür der Behörden, die von oben verordnete Ideologie und die zunehmende Erosion des sozialistischen Staates.


Produktion und kreatives Team

Hinter Kleo steht das Showrunner- und Autorenteam HaRiBo – Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad. Produziert wurde die Serie von Zeitsprung Pictures unter der Leitung von Michael Souvignier, Till Derenbach und Jörg Christian Engels.

Für die erste Staffel zeichneten Viviane Andereggen und Jano Ben Chaabane als Regisseure verantwortlich. In der zweiten Staffel übernahmen Isabel Braak und Nina Vukovic die Regie. Die Drehbücher der zweiten Staffel steuerte neben HaRiBo auch Katharina Brauer bei.


Die Hauptdarsteller

DarstellerRolleBekannt aus
Jella HaaseKleo StraubFack ju Göhte-Reihe, Chantal im Märchenland
Dimitrij SchaadSven Petzold (West-Berliner Polizist)diverse Film- und Fernsehrollen
Julius FeldmeierThilo (Kleos Techno-Mitbewohner)Tatort-Episoden, Kino- und TV-Produktionen
Jürgen HeinrichGroßvater Otto Straublangjährige Karriere in Film und Fernsehen
Vladimir Burlakovdiverse Rolleninternationale Produktionen

Jella Haase, die mit ihrer Rolle als Chantal in der Fack ju Göhte-Trilogie bekannt wurde, meistert in Kleo ihre erste Serienhauptrolle. Ihre Darstellung der ebenso naiven wie skrupellosen Killerin wurde von der Kritik nahezu einhellig gefeiert.


Staffel 1 – Die Rache beginnt (8 Folgen)

Die erste Staffel spielt im Jahr 1987: Kleo liquidiert im West-Berliner Club Big Eden einen Geschäftsmann. Zurück in Ost-Berlin wird sie jedoch verraten – von ihrer eigenen Organisation, allen voran von ihrem Großvater. Unter dem Vorwand des Hochverrats wird die schwangere Kleo verhaftet, im Gefängnis brutal misshandelt und verliert ihr ungeborenes Kind.

Drei Jahre später, 1989/90, fällt die Mauer. Kleo wird im Zuge der Generalamnestie für politische Gefangene freigelassen und beginnt einen blutigen Rachefeldzug.

FolgeDeutscher TitelKurze Handlung
1Big EdenAuftragsmord im West-Berliner Club – Kleo wird verraten und verhaftet.
2Das WiedersehenKleo sucht ihre Stasi-Akte und ihren ehemaligen Führungsoffizier.
3Schnee in SóllerAuf der Spur nach Mallorca – die Jagd beginnt.
4Der MinisterEin Giftanschlag auf Erich Mielke im Gefängnis.
5UweEin gefährliches Bündnis mit Sven.
6Objekt ElseKleo wird schwer verletzt – Sven macht eine erschütternde Entdeckung.
7Schnepfe und MiesmuschelDie Verschwörung um den roten Koffer verdichtet sich.
8Die lila HexeShowdown in Chile – Kleo trifft auf ihre Widersacherin Ramona.

Staffel 2 – Die Jagd geht weiter (6 Folgen)

Die zweite Staffel, veröffentlicht am 25. Juli 2024, dreht sich weiter um die Jagd nach dem geheimnisvollen roten Koffer. Nun sind nicht mehr nur Kleo und Sven hinter den Dokumenten her – auch CIA und KGB sind mit von der Partie.

FolgeDeutscher TitelKurze Handlung
1Das SeepferdKleos Mutter taucht auf – die Suche nach dem roten Koffer beginnt neu.
2Objekt MoniEin gewagter Raub auf KGB-Akten – Sven hat denselben Plan.
3Der BärDie Verstrickungen mit KGB und CIA werden komplexer.
4Die LibelleKleo kommt ihrer Vergangenheit auf die Spur.
5Die SpioninEnthüllung: Kleos wahrer Vater ist der KGB-Agent Nikolai.
6HaraldFinale in Moskau – Kleo stellt sich ihrem Vater und dem KGB.

Das Ende von Staffel 2 erklärt

Die finale Folge führt Kleo und Sven nach Moskau. Hier kommt es zur großen Enthüllung:

  1. Kleos wahre Herkunft: Ihr Vater ist nicht, wie angenommen, auf bisher geglaubte Weise gestorben. Ihr leiblicher Vater ist Nikolai, ein skrupelloser KGB-Agent. Er erschoss Kleos Ziehvater Fabian vor ihren Augen – ein Trauma, das sie jahrelang verdrängte.
  2. Der Tod der Mutter: Kleos Mutter wird durch einen Bombenangriff getötet, der auf Nikolais Befehl zurückgeht.
  3. Der finale Showdown: In Moskau dringt Kleo in das KGB-Gebäude ein, telefoniert mit ihrem Vater und kündigt an, ihn zu töten. Sie wird jedoch von ihrer alten Widersacherin Ramona betäubt – die Serie endet mit einem Cliffhanger.

Die zweite Staffel hinterlässt damit bewusst offene Fragen – eine dritte Staffel ist zwar nicht offiziell bestätigt, aber dramaturgisch möglich.


Reale Vorbilder und historische Wahrheit

Die Macher der Serie betonen, dass es kein konkretes reales Vorbild für die Figur der Kleo gibt. Vielmehr sei Kleo eine Art Pop-Phantasma: „Kleo vereint so ein bisschen den Spirit von Katharina Witt und Nina Hagen“, erklärte Kostümbildnerin Ramona Klinikowski.

Auch Jella Haase stellte klar: „Für sie gibt es kein exaktes reales Vorbild. Viele Ereignisse aus der Serie hätten aber tatsächlich der Wahrheit entsprechen können.“

Die Serie versteht sich nicht als historisches Dokument, sondern als stilisiertes Zeitporträt. Sie fängt die Mentalität der Wendezeit ein – die Unsicherheit, den ideologischen Zerfall, die kriminellen Verstrickungen der Geheimdienste –, ohne den Anspruch auf faktische Korrektheit zu erheben.


Historische Anachronismen und bewusste Verfremdung

Die Serie arbeitet mit zahlreichen bewussten Anachronismen:

  • Erich Mielke, der langjährige Stasi-Chef, stirbt in der Serie zehn Jahre früher als im realen Leben (real: 2000).
  • Die historische Kulisse wird als „bunte Tapete“ genutzt – nicht als faktischer Hintergrund.
  • Die Ästhetik ist knallig, überzeichnet, fast comic-haft – ein bewusster Kontrast zur grauen DDR-Nostalgie.

Dieser Ansatz war umstritten, aber erfolgreich: Die erste Staffel wurde für ihre tarantinoeske Erzählweise und ihre schlagfertigen Dialoge gefeiert.


Kritische Rezeption

Die Serie erhielt international überwiegend positive Kritiken. Auf Rotten Tomatoes erzielte sie 92 % Zustimmung. Die New York Times verglich sie mit Killing Eve und befand: „Sie ist leichter und geradliniger in ihrer Erzählung und ihrem Humor, aber genauso bewegend und fesselnd.“

Die zweite Staffel wurde jedoch differenzierter aufgenommen. Kritiker bemängelten, dass sie ernsthafter und schwerfälliger geworden sei – weniger Action-Parodie, mehr Psychogramm. Die taz urteilte: „Die Suche nach ihrer Vergangenheit wird im Wesentlichen über Träume von ihrer Kindheit erzählt. Und das in der gleichen langweiligen Machart wie aus Dutzenden ARD-‚Tatorten‘ bekannt.“

Dennoch bleibt die Serie unterhaltsam und bietet eine gelungene Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit.


Vergleich mit anderen Serien

Kleo wird oft mit Killing Eve verglichen: Beide Serien haben eine weibliche Auftragskillerin als Protagonistin, eine obsessiv-jagende Ermittlerfigur und einen ähnlichen Mix aus Gewalt und schwarzem Humor.

Der entscheidende Unterschied: Während Killing Eve ein weitgehend zeitloses, entrücktes Spionage-Märchen ist, ist Kleo historisch verortet – sie spielt im realen Berlin der Wendezeit und profitiert von dieser konkreten Kulisse.


Fazit und Ausblick

Kleo ist mehr als eine Actionserie. Sie ist ein Spiegel der deutschen Befindlichkeit – ein ironischer, überzeichneter, aber nie respektloser Blick auf das Ende der DDR und die chaotische Zeit danach. Sie zeigt, wie ein totalitäres System seine eigenen Werkzeuge verschlingt, und wie eine Einzelne zur Rächerin ihrer eigenen Desillusionierung wird.

Die Serie lebt von der grandiosen Jella Haase, die Kleo mit einer Mischung aus Naivität, Skrupellosigkeit und verwundbarer Menschlichkeit ausstattet. Die Kostüme, die Musik (ein Soundtrack aus 80er-Jahre-Pop und Techno) und die knallige Bildsprache machen Kleo zu einem unverwechselbaren deutschen Serien-Export.

Ob es eine dritte Staffel geben wird, ist offen. Das offene Ende lässt Raum für Spekulationen – und für die Hoffnung, dass Kleo noch nicht auserzählt ist.


Quellen

  • Wikipedia: Kleo – deutsche Fernsehserie
  • B.Z. Berlin: Jella Haase als rachsüchtige DDR-Agentin in neuer Netflix-Serie „Kleo“
  • Theaterkunst: Interview mit Kostümbildnerin Ramona Klinikowski
  • Netflix Newsroom: KLEO – Am 25. Juli kehrt Kleo endlich mit einer 2. Staffel zurück!
  • taz: Neue Staffel „Kleo“ auf Netflix: „Tatort“-Ästhetik
  • The New York Times: ‘Kleo’ Review: Spy vs. a Lot of Other Spies
  • film.at: „Kleo“: So endet Staffel 2 des Spionage-Spaßes auf Netflix
  • nd-aktuell: Erich Mielke stirbt zehn Jahre früher
  • Volksstimme: Rachethriller mit Galgenhumor: Jella Haase spielt „Kleo“
  • Der Freitag: Netflix-Serie „Kleo“: Kill Erich!

Post Comment

You May Have Missed