Zeitkapseln der Tiefsee – Die faszinierendsten ungehobenen Schiffswracks ab dem 15. Jahrhundert
Autor: DerSchneider
Einleitung
Der Meeresboden birgt unzählige Geheimnisse. Unter den Wellen liegen Schiffswracks, die wie Zeitkapseln ganze Epochen konserviert haben. Viele dieser Wracks sind bis heute ungehoben und werden es wohl auch bleiben – entweder aus technischen Gründen oder weil sie als archäologische Denkmäler geschützt sind. Was sie jedoch alle eint, sind die Geschichten, die sie erzählen: von königlichen Ambitionen, Handelsrouten und Tragödien, die die Welt veränderten. Dieser Artikel nimmt Sie mit auf eine Reise zu den Superlativen unter den ungehobenen und verschollenen Wracks ab dem 15. Jahrhundert.
Die Gribshunden – Das besterhaltene Schiff der Entdeckungsära
Unter den archäologischen Funden des Spätmittelalters nimmt die Gribshunden einen einzigartigen Platz ein . Das dänische Flaggschiff von König Johann I. sank im Jahr 1495 vor der Südküste Schwedens in der Ostsee – und blieb dort bis heute in bemerkenswertem Zustand erhalten.
Warum ist die Gribshunden so besonders?
Die Karacke ist das weltweit am besten erhaltene Schiff aus der Zeit der großen Entdeckungen und kann mit den Schiffen von Christoph Kolumbus oder Vasco da Gama verglichen werden . Mit einer Länge von 30 Metern und einer Breite von mindestens 8 Metern war sie ein beeindruckendes Kriegsschiff . Sie verfügte über über 50 Kleinkaliber-Kanonen und war die schwimmende Festung des Königs, der sie auf seinen Reisen zur Festigung der Nordischen Union nutzte .
Die einzigartigen Erhaltungsbedingungen der Ostsee – niedriger Salzgehalt und niedrige Temperaturen – bewahrten das Wrack vor den typischen Schäden durch Schiffsbohrmuscheln . Archäologen der Universität Lund konnten in den Trümmern nicht nur Kanonen, Armbrüste und Kettenhemden bergen, sondern auch eine vollständige königliche Speisekammer aus dem Jahr 1495 dokumentieren .
Besonders bemerkenswert: Der Safran hatte nach 527 Jahren unter Wasser sein charakteristisches Aroma behalten . Die Vorräte waren Teil einer königlichen Propagandareise. Johann I. wollte mit Luxusgütern und militärischer Macht den schwedischen Rat beeindrucken und die gesamte Nordische Region unter einer Krone vereinen .
Die Lena-Shoal-Dschunke – Ein Handelsimperium auf dem Grund des Meeres
Fast zeitgleich, um 1490, sank im Südchinesischen Meer vor den Philippinen eine große Handels-Dschunke . Entdeckt wurde sie erst 1996 durch Taucher, die auf Keramikscherben stießen – und dann durch den französischen Unterwasserarchäologen Franck Goddio systematisch erforscht .
Das Wrack der Lena-Shoal-Dschunke liegt in 48 Metern Tiefe und ist ein Schlüsselfund für das Verständnis des maritimen Handels im späten 15. Jahrhundert .
Die Fracht – Zeugnis eines globalen Handelsnetzwerks
- Mehr als 7.000 archäologische Funde wurden geborgen
- Überwiegend Porzellan- und Keramikwaren aus China, Thailand, Vietnam und Birma
- Daneben Schmuck-, Metall-, Glas- und Elfenbeinwaren sowie Kanonen
Überraschend war die Erkenntnis der Holzanaylse: Das Schiff wurde aus südostasiatischem Holz (Guttaperchabaum) gebaut, nicht in China . Es war ein echtes Regionalprodukt und bediente die Handelsrouten zwischen Vietnam, Kambodscha, Thailand und der Malaiischen Halbinsel . Der Fund gilt als bedeutendes Beispiel für den Dschunkenhandel des Spätmittelalters und ermöglichte die Rekonstruktion einer damaligen Handelsroute .
Das Newport-Schiff – Ein britisches Rätsel
Ein drittes Juwel aus dem 15. Jahrhundert fand man 2002 ganz unerwartet am Ufer des Flusses Usk in Wales, beim Bau eines Theaters: das Newport-Schiff. Es ist das größte und am besten erhaltene klinkergebautte Handelsschiff seiner Art, das je im Vereinigten Königreich gefunden wurde .
Die Holzfunde datieren das Wrack auf die Regierungszeit von König Edward IV. um 1460 . Experten gehen davon aus, dass das Schiff als Handelsfahrzeug entlang der Atlantikküste eingesetzt wurde . Seine Bauweise deutet auf eine Herkunft aus Südwestfrankreich, dem Baskenland oder Portugal hin, doch wie es nach Newport kam, bleibt bis heute ein Rätsel .
Trotz seiner Bedeutung kämpfte das Wrack lange um seine Zukunft. Die Konservierung erfolgt heute in einem speziellen Lagerhaus, unterstützt von der walisischen Regierung, und die Restaurierung – unter anderem mittels Gefriertrocknung – wird Schritt für Schritt vorangetrieben .
Der Schatz der SS Gairsoppa – Der größte Bergungserfolg
Bei den Superlativen der geborgenen Schätze führt kein Weg an der SS Gairsoppa vorbei. Das britische Frachtschiff wurde am 17. Februar 1941 vor der irischen Küste von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt . An Bord befanden sich sieben Millionen Unzen Silber – damals 600.000 Pfund wert, heute umgerechnet über 150 Millionen Pfund .
Die Bergungsfirma Odyssey Marine Exploration lokalisierte das Wrack 2011 in fast 4.700 Metern Tiefe und barg bis 2013 mehr als 99 Prozent der Silberbarren . Es handelt sich um die größte jemals geborgene Edelmetallfracht von einem Schiffswrack .
Die Endurance – Ein Mythos wird digital
Zu guter Letzt ein Wrack, das nicht geborgen, aber endlich gefunden wurde. Die Endurance von Sir Ernest Shackleton sank 1915 in der Antarktis, nachdem sie vom Packeis zerdrückt worden war . Über ein Jahrhundert galt sie als verschollen.
Im März 2022 wurde das Wrack in 3.000 Metern Tiefe entdeckt – und zwar nur vier Meilen von den Koordinaten entfernt, die Kapitän Frank Worsley damals notiert hatte . Die Bedingungen in der Antarktis konservierten das Schiff auf beeindruckende Weise: Der Schriftzug „Endurance“ ist noch lesbar, und selbst Alltagsgegenstände wie Teller und ein Stiefel wurden an Deck gesichtet .
Ein aus 25.000 Einzelaufnahmen erstelltes dreidimensionales Modell erlaubt heute eine detailgetreue Rekonstruktion des Untergangs . Das Wrack steht jedoch unter dem Schutz des Antarktisvertrags und gilt als Kulturgut der Menschheit, das ungestört auf dem Meeresgrund verbleiben wird .
Fazit: Ungehoben und doch unvergessen
Die hier vorgestellten Wracks sind mehr als nur Überreste vergangener Katastrophen. Sie sind einzigartige Zeitkapseln, die uns direkte Einblicke in das Leben, die Handelsbeziehungen und die Ambitionen der Menschen im 15. und 20. Jahrhundert geben. Ob als digitales Modell, im Museum oder als geschütztes Denkmal in der Tiefe – ihre Geschichten bleiben auch ohne Bergung lebendig.
Quellen:
- Wikipedia: Lena-Shoal-Dschunke
- National Geographic: 500 Jahre alte Aromen
- CBS News: Wreck of WWII ship with $210M in silver found
- ExpertenTesten.de: Die Erforschung des sagenumwobenen Wracks der „Endurance“
- BBC: Newport Medieval Ship / New storage site / New hope
- Wikipedia: Gribshunden
- Galway Advertiser: Odyssey sets record recovering €26 million in silver
- Herder.de / WBGMagazine: Spätmittelalterliche Schiffsartillerie auf der Gribshunden
- gCaptain: The Largest Treasure Find Ever
Post Comment