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Gedankensteuerung auf der VivaTech 2026 – eine technische Illusion?

Autor: DerSchneider


Einleitung

Es war einer jener Momente, die auf Technologiemessen für das wohlige Gefühl sorgen, in einer science-fiction-haften Zukunft angekommen zu sein: Ein Besucher der VivaTech 2026 in Paris setzt ein Stirnband auf, konzentriert sich kurz – und ein humanoider Roboter von Unitree zeigt auf die Karte, die der Proband gerade im Kopf hatte. Die Schlagzeilen schrieben von „Telepathie“, von „Gedankenlesen“ und einer „Weltpremiere“.

Doch was, wenn die eigentliche Sensation weniger in der Technologie selbst liegt als vielmehr in der gekonnten Inszenierung ihrer Grenzen? Dieser Artikel nimmt die Vorführung von Innov8 und HABS (Human Augmented Brain Systems) skeptisch unter die Lupe und fragt nach dem, was hinter dem spektakulären Auftritt wirklich steckt.


Die Vorführung: Was tatsächlich geschah

Am 19. Juni 2026, dem dritten Tag der VivaTech in Paris, führten das französische Neurotech-Startup HABS und der europäische Unitree-Distributor Innov8 eine Demonstration durch. Das Szenario war simpel: Ein Proband erhielt ein nicht-invasives EEG-Stirnband. Nach einer kurzen Kalibrierungsphase von etwa einer Minute, die dem System die individuellen „Decodierungsschlüssel“ der Gehirnaktivität liefern sollte, zog der Teilnehmer eine von drei Karten. Die drei Optionen: eine geliebte Person, ein Musikstück oder eine mathematische Rechenaufgabe. Der Proband schloss die Augen, konzentrierte sich intensiv auf das gewählte Thema – und der Roboter zeigte auf die richtige Karte.

Die Fachpresse berichtete übereinstimmend, dass die Vorführung funktionierte. Ein Journalist der Maddyness dachte an ein Lied von Dua Lipa – und der Roboter identifizierte es korrekt.

Doch die eigentliche Frage lautet: Was wurde hier tatsächlich gemessen?


Technische Grundlagen: Was EEG leisten kann – und was nicht

Die verwendete Technologie basiert auf der Elektroenzephalographie (EEG). EEG-Sensoren messen die Summe elektrischer Aktivität von Millionen von Neuronen an der Kopfoberfläche. Sie erfassen Muster, nicht Gedanken. Die räumliche Auflösung ist grob, die Signale sind verrauscht, und die Dekodierung erfordert aufwändige maschinelle Lernverfahren, die aus statistischen Korrelationen Wahrscheinlichkeiten berechnen.

Genau hier liegt der erste entscheidende Punkt: Das System liest keine Gedanken – es erkennt Musterunterschiede zwischen drei klar definierten, einminütig antrainierten Gehirnzuständen. Dass dies unter Laborbedingungen mit wenigen Probanden funktioniert, ist keine Revolution, sondern der aktuelle Stand der BCI-Forschung (Brain-Computer-Interface). Ähnliche Experimente gibt es an der Technischen Universität München und der Universität Trier seit Jahren – nur ohne humanoide Roboter und ohne große Pressebühne.

HABS selbst gibt auf seiner Website an, monatlich 300 Probanden in seinem Labor in Saclay einer einstündigen Übung zu unterziehen, bei der sie „spezifische Emotionen“ reproduzieren sollen. Die gesammelten Daten speisen eine „kognitive Datenbank“. Das ist solide Forschungsarbeit – aber sie beweist lediglich, dass EEG-Signale statistisch mit bestimmten emotionalen oder kognitiven Zuständen korrelieren. Nicht mehr.


Der Marketing-Kontext: Was wirklich beworben wurde

Die VivaTech-Demonstration war in erster Linie eine Marketing-Veranstaltung für zwei Unternehmen, die sich in einem hart umkämpften Markt positionieren müssen.

HABS, oft als „französischer Neuralink“ bezeichnet, bewarb zeitgleich auf der Messe „HABS Insights“ – eine Neuro-AI-Plattform für Marken, um die „kognitive und emotionale Wirkung“ von Inhalten vor deren Veröffentlichung zu messen. Die VivaTech-Demonstration diente der öffentlichen Sichtbarkeit für ein Geschäftsmodell, das sich an Werbungtreibende richtet, nicht an Patienten oder die breite Bevölkerung.

Innov8 wiederum nutzte den Auftritt, um die Partnerschaft mit Unitree Robotics zu bewerben. Stéphane Bohbot, CEO von Innov8, sagte: „Letztes Jahr haben wir gezeigt, wie stabil Roboter sind. Dieses Jahr wollten wir die Intelligenz dieser Roboter durch ihre Fähigkeit zu denken demonstrieren.“ Und weiter: „Letztlich zeigen wir die Menschlichkeit des Roboters.“

Diese Formulierungen sind bemerkenswert. Ein Roboter, der zwischen drei vordefinierten Optionen auswählt, besitzt keine Intelligenz im menschlichen Sinne – er führt eine Mustererkennung durch. Und von Menschlichkeit zu sprechen, wenn ein Algorithmus eine EEG-Signatur mit einer von drei Kategorien abgleicht, ist keine technische Beschreibung, sondern eine rhetorische Figur.


Die eigentliche Herausforderung: Warum der Schritt zur Praxis scheitern wird

Die Vorführung auf der VivaTech war unter kontrollierten Bedingungen erfolgreich. Doch der Weg von dieser Demonstration zu einer praxistauglichen Gedankensteuerung ist weiter, als die Pressemitteilungen suggerieren:

HerausforderungBeschreibung
Individuelle KalibrierungJedes Gehirn ist anders. Die einminütige Kalibrierung reicht für drei Optionen – für komplexere Anwendungen nicht.
StöranfälligkeitEEG-Signale sind extrem empfindlich gegenüber Muskelbewegungen, Augenblinzeln und Umgebungsrauschen.
Skalierbarkeit300 Probanden pro Monat sind für ein KI-Modell wenig. Sprachmodelle werden mit Milliarden Datensätzen trainiert.
InterpretierbarkeitDie Neuro-AI von HABS bleibt eine Black Box. Warum eine bestimmte EEG-Signatur einer Kategorie zugeordnet wird, ist nicht nachvollziehbar.
Eingeschränkter AnwendungsfallDrei Kategorien sind beeindruckend – aber für echte Anwendungen (Prothesensteuerung, Kommunikation) nicht genug.

Hinzu kommt: Die nicht-invasive EEG-Technik hat seit Jahrzehnten mit fundamentalen physikalischen Grenzen zu kämpfen. Die Schädeldecke dämpft und verzerrt die elektrischen Signale des Gehirns erheblich. Die räumliche Auflösung ist so grob, dass keine präzisen Bewegungsabsichten dekodiert werden können. Invasivere Ansätze wie Neuralink mögen ethisch bedenklich sein – aber sie sind technisch überlegen.


Eine historische Perspektive: Die Wiederkehr der Hype-Zyklen

Die Geschichte der Gehirn-Computer-Schnittstellen ist eine Geschichte übertriebener Erwartungen. Bereits in den 1970er Jahren gab es EEG-basierte Steuerungen von Cursorn auf Bildschirmen. In den 1990ern versprachen Forscher, Gelähmten das Tippen mit Gedanken zu ermöglichen – und lieferten mühsame Buchstaben-für-Buchstaben-Eingaben mit hoher Fehlerquote.

Die aktuellen Fortschritte sind real, aber inkrementell. Was auf der VivaTech gezeigt wurde, ist eine technische Spielerei – keine medizinische Durchbruch, keine industrielle Revolution, keine „Telepathie“. Es ist die Fähigkeit, ein maschinelles Lernsystem auf die EEG-Signaturen eines Individuums zu trainieren und es zwischen drei Optionen unterscheiden zu lassen.

Der wahre Fortschritt liegt nicht in der Gedankensteuerung, sondern in der Inszenierung – und darin, dass die Besucher der Messe bereit waren, den Eindruck zu erleben, an der Schwelle zu einer neuen Ära zu stehen.


Fazit: Sehen, was wirklich gezeigt wurde

Die VivaTech- Demonstration von HABS und Innov8 war ein glänzend inszeniertes Spektakel – aber kein technologischer Durchbruch. Sie zeigte, was mit EEG und maschinellem Lernen unter idealen Bedingungen möglich ist: die Unterscheidung zwischen drei klar definierten, antrainierten Gedankenmustern.

Was sie nicht zeigte, war:

  • ein System, das beliebige Gedanken dekodieren kann,
  • eine Technologie, die außerhalb des Labors zuverlässig funktioniert,
  • ein Produkt, das Patienten oder Verbrauchern tatsächlich nutzt,
  • oder gar ein Beweis für robotische Intelligenz oder Menschlichkeit.

Die Unternehmen selbst haben diese Einschränkungen nicht verschwiegen – sie haben sie geschickt umspielt. HABS-CEO Olivier Locufier sagte: „Manche mögen denken, das sei Science-Fiction – aber es ist sehr real!“ Das ist richtig: Es ist real – aber es ist nicht das, was es zu sein vorgibt.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Gedankensteuerung möglich ist. Sie ist es, in engen Grenzen, seit Jahrzehnten. Die eigentliche Frage ist, warum wir immer wieder bereit sind, technische Demonstrationen für technologische Durchbrüche zu halten – und wer davon profitiert.


Quellen

  • DirectIndustry e-Magazine: At VivaTech, a Human Communicated with a Humanoid Robot Through Thought (23. Juni 2026)
  • Maddyness: VivaTech: HABS Delivers a Striking Telepathy Experience with a Unitree Humanoid Robot (17. Juni 2026)
  • Maddyness: VivaTech : HABS propose une expérience de télépathie bluffante avec un robot humanoïde d’Unitree (17. Juni 2026)
  • Boursorama / France 24: Au salon Vivatech à Paris, „un robot a lu dans mes pensées !“ (19. Juni 2026)
  • Vietnam.vn: Humanoid robots and brain-controlled technology caused a sensation at VivaTech 2026 (20. Juni 2026)
  • RMC / BFM TV: C’est déjà demain – Salon Vivatech (17. Juni 2026)
  • Krankenhaus IT: Neurotechnologie: TUM zeigt Fortschritte bei Gehirn-Computer-Verbindungen (29. April 2026)
  • Volksfreund: Universität Trier: Wie Gedanken Roboter lenken sollen (11. Februar 2026)

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