Kevin Mitnick: Die tragische Geschichte des ersten Hackers – Vom meistgesuchten Cyberkriminellen zur Sicherheitslegende
Von DerSchneider
Einleitung: Eine kalte Winternacht in Raleigh
Es ist der 15. Februar 1995, mitten in der Nacht. In einem unscheinbaren Apartmentkomplex in Raleigh, North Carolina, sitzt ein 31-jähriger Mann vor seinem Computer. Er ahnt nicht, dass sein Leben in wenigen Stunden für immer verändert sein wird. Draußen, in der Dunkelheit, wartet ein Van mit drei Männern: ein IT-Sicherheitsforscher in Shorts und Birkenstocks, ein Telekommunikationstechniker und ein Journalist der New York Times. Sie haben die Signale seines Telefons verfolgt, seinen Standort eingekreist. Als die FBI-Beamten schließlich an seine Tür klopfen, behauptet der Mann, nicht Kevin Mitnick zu sein. Doch die Durchsuchung fördert Gegenstände mit seinem Namen zutage. Die Jagd ist vorbei.
Was folgte, war eine der spektakulärsten Verhaftungen der Computergeschichte – und der Beginn eines jahrzehntelangen Kampfes um die Deutungshoheit über einen Mann, der die öffentliche Wahrnehmung von Hackern für immer verändern sollte.
Die frühen Jahre: Ein einsamer Junge findet seine Berufung
Kevin Mitnick wird 1963 in Südkalifornien geboren und wächst im San Fernando Valley auf. Seine Eltern lassen sich scheiden, als er drei Jahre alt ist. Der Vater zieht in einen anderen Bundesstaat, die Mutter arbeitet als Kellnerin – viel und lange. Kevin ist Einzelkind, die Familie zieht oft um. Langfristige Freundschaften sind schwer aufzubauen. Also beschäftigt er sich selbst.
Zwei Leidenschaften prägen diese Jahre: Zaubertricks und Lesen. Er verehrt Harry Houdini, den legendären Entfesselungskünstler, und liebt es, sein Umfeld mit Tricks zu verblüffen. In seinem Buch Ghost in the Wires schreibt er rückblickend, dass er damals vielleicht zum ersten Mal unbewusst verstanden habe, dass Menschen es manchmal tatsächlich genießen, reingelegt zu werden.
Sein zweites Hobby führt ihn in einen kleinen Buchladen in Hollywood: den Survival Bookstore. Dort findet er nicht nur Krimis und Spionagegeschichten, sondern auch Bücher, die eigentlich nicht für einen 13-Jährigen bestimmt sind – Anleitungen zum Aufbau neuer Identitäten mithilfe der Geburtsurkunde Verstorbener, und sein erstes Lockpicking-Set. Die Werkzeuge zum Schlösserknacken.
Social Engineering 1: Die Ablenkung
Was Mitnick hier lernt, ist die Grundlage seiner späteren Karriere: Social Engineering. Es geht darum, in Systeme einzudringen oder an Informationen zu gelangen – nicht mit technischen Mitteln, sondern durch Manipulation und Täuschung von Menschen. Die erste Lektion: Ablenkung. Wie ein Zauberkünstler, der mit einer Hand ausladende Gesten macht, während die andere den Trick ausführt, lenkt der Social Engineer die Aufmerksamkeit seines Opfers auf etwas anderes.
Social Engineering 2: Das Gute im Menschen
Ein Schlüsselerlebnis ist der Busfahrer-Trick. Kevin will umsonst Bus fahren. Er braucht ungenutzte Tickets und die Schaffnerzange. Also fragt er einen Busfahrer – mit einer harmlosen Geschichte über ein Schulprojekt –, wo man eine solche Zange kaufen kann. Der Fahrer verrät es ihm. Die Zange kostet 15 Dollar. Die ungenutzten Tickets findet Kevin in den Mülleimern am Busbahnhof, wo die Fahrer nach Schichtende ihre angebrochenen Hefte wegwerfen.
Die Lektion: Die meisten Menschen begegnen anderen mit einem Vertrauensvorschuss. Besonders, wenn du einen unschuldigen Eindruck machst – wie ein Kind.
Social Engineering 3: Vorbereitung ist alles
In der Highschool trifft Kevin auf einen Mitschüler, der ihm zeigt, wie er mit einem einzigen Anruf bei einem Telekommunikationsanbieter die nicht öffentliche Nummer von Kevins Mutter herausfinden kann. Kevin ist fasziniert. Doch der Mitschüler will lieber beeindrucken als beibringen. Also recherchiert Kevin auf eigene Faust.
Er taucht in die Subkultur der Phone Freaker ein – Freaking mit PH, zusammengesetzt aus Phone und Freak. Diese Gemeinschaft umgeht die damals hohen Gebühren für Ferngespräche und erforscht aus Neugier die Telekommunikationssysteme. Kevin lernt: Nicht nur die Technik, auch die Angestellten der Telekommunikationsunternehmen können manipuliert werden. Die Vorbereitung ist entscheidend: Welche Abteilungen gibt es? Wer hat Zugriff auf welche Informationen? Welche Fachbegriffe werden intern benutzt? Was sind die Standardprozesse?
Social Engineering 4: Studiere deine Rolle ein
Wissen über das Zielsystem reicht nicht. Du musst im Gespräch glaubhaft eine Rolle spielen können. Kevin übt, verfeinert, lernt bei jedem Anruf dazu. Er ruft bei Telekommunikationsanbietern an, gibt sich als Kollege aus, fragt nach internen Abläufen, nach unveröffentlichten Nummern. Zwei Hürden stellen sich ihm: Erstens dürfen unveröffentlichte Nummern nur an autorisierte Kollegen weitergegeben werden. Zweitens braucht er eine interne Nummer für den Rückruf.
Seine Lösung ist ebenso einfach wie genial: Er ruft verschiedene Filialen an, lässt sich zu Managern durchstellen und gibt sich als Kollege aus der Abteilung aus, die die unveröffentlichten Nummern verwaltet. Er behauptet, sie überarbeiteten gerade ihre Liste der Autorisierten – könne der Manager bitte seinen Namen buchstabieren und seine Telefonnummer geben? Schritt 1 geschafft. Jetzt kann Kevin sich als Manager ausgeben, der die notwendige Autorisierung hat. Schritt 2: Er ruft einen Techniker an, gibt sich als Manager aus und beauftragt ihn, seine Geschäftsnummer auf eine andere Nummer weiterzuleiten. Jetzt kann Kevin Anfragen stellen und bekommt seine Informationen per Rückruf auf die weitergeleitete Nummer.
Auf diese Weise besorgt er sich im Laufe der Jahre die Nummern von Stars. „Einfach nur, weil er es kann“, sagt Mitnick. „Wir hatten nichts Böses im Sinn, wir fanden es einfach nur cool.“
Die erste Verhaftung: Ein Teenager vor Gericht
Mit 17 Jahren wird Kevin Mitnick zum ersten Mal verhaftet. Er ist mit Freunden in das Gebäude der Pacific Telephone eingedrungen – nicht um Schaden anzurichten, sondern um die Mülleimer nach interessanten Dokumenten zu durchsuchen. Als das nicht ergiebig ist, schlägt Kevin vor, einfach ins Gebäude zu gehen. An der Pforte sitzt ein junger Wachmann. Kevin sagt, er arbeite hier und wolle seinen Freunden das Büro zeigen. Der Wachmann glaubt ihm, will keinen Ausweis sehen. Sie finden den Kosmos-Computer, eine riesige Datenbank mit Netzknotenpunkten, Logindaten und Handbüchern. Sie nehmen die Handbücher mit – laut Mitnick, um sie zu kopieren und zurückzubringen. Als sie keinen Kopierer finden, behalten sie die Handbücher.
Kurz darauf werden sie verraten. Bei seiner Festnahme weint Kevin. Er ist noch 17, wird nach Jugendstrafrecht angeklagt. Der Richter ist verwirrt: Der Junge verschafft sich Zugang zu allen möglichen Systemen, zieht aber keinen finanziellen Vorteil daraus. Warum macht er es? Mitnick wird auch in den folgenden Jahren immer wieder sagen: aus Neugier. Menschen, die sich finanziell bereichern, indem sie Schwachstellen ausnutzen, hält er für Gauner. Für echte Hacker und Social Engineers wie ihn ist der Zugang zu Informationen der Zweck an sich.
Der Richter verurteilt ihn zu einem Jahr auf Bewährung und Psychotherapie. Kevin kommt vergleichsweise glimpflich davon. Doch wie sein Vorbild Houdini plant er schon den nächsten Trick.
Der Kreislauf: Bewährung, Verhaftung, Bewährung
Es dauert nicht lange, bis Kevin wieder beim Hacken erwischt wird. Diesmal im Computerraum der University of Southern California, wo er und ein Freund versuchen, die Login-Daten aller Studenten zu stehlen. Er verstößt gegen seine Bewährungsauflagen. Die Strafe wird verlängert, sechs Monate Jugendhaft. Der Rest wird erneut auf Bewährung ausgesetzt. Ein Kreislauf beginnt.
1985, mit Anfang 20, scheint sich die Lage zu ändern. Kevin will seine Hacker-Skills für einen ehrlichen Job nutzen und bewirbt sich bei einem Telekommunikationsunternehmen. Dafür besucht er einen Computerkurs. Dort lernt er Bonnie Vitello kennen, die ebenfalls bei einem Telekommunikationsunternehmen arbeitet. Sie werden ein Paar. Nach dem Kurs bekommt Kevin tatsächlich ein Jobangebot – als Programmierer bei dem Unternehmen, bei dem auch Bonnie arbeitet.
Doch wenige Tage nach Arbeitsbeginn wird er entlassen. Offizielle Begründung: Seine Angaben auf dem Lebenslauf stimmen nicht. Ähnliches passiert bei einem anderen Job. Kevin glaubt, dass seine Vergangenheit als Hacker ihm im Weg steht. Wenigstens läuft die Beziehung gut. Er zieht zu Bonnie.
Doch Kevin hat sein Hobby nie wirklich ruhen lassen. Er besucht weiterhin Computerkurse – zumindest erzählt er das Bonnie. In Wahrheit trifft er sich mit einem Freund, um zu hacken. Er schreibt später, dass er quasi süchtig nach Hacken war. Irgendwann zieht er auch Bonnie mit rein. Er wird beim Hacken einer Softwarefirma erwischt und als Erwachsener angeklagt. Bevor es zur Verhandlung kommt, überzeugt er Bonnie, ihn schnell zu heiraten – damit sie als Angehörige nicht gegen ihn aussagen muss und ihn im Gefängnis besuchen kann.
Am Ende kommt Mitnick wieder mit einem blauen Auge davon: Er gesteht, zahlt eine Geldstrafe, bekommt Wiederbewährung.
Der DEC-Hack: Ein Wendepunkt
In den folgenden Jahren hackt Mitnick nachts und hat tagsüber manchmal Jobs, die ihn langweilen. Irgendwann hat er ein größeres Ziel: das Betriebssystem VMS des Computerherstellers DEC. Die Digital Equipment Corporation ist in den 80ern zeitweise der zweiterfolgreichste Computerhersteller der Welt, direkt hinter IBM.
Mitnick und ein Freund wollen an den Quellcode des VMS-Betriebssystems gelangen. Der Freund arbeitet in einem Unternehmen, das VMS nutzt, hat aber keine Entwicklerrechte. Mitnick nutzt seine Social-Engineering-Skills: Er gibt sich als Entwickler aus, ruft bei DEC an und bringt die zuständige Abteilung dazu, seinem Freund einen temporären Login für den Entwicklerbereich zu geben.
Sie sind im System, müssen aber aufpassen, weil ihre Aktivitäten aufgezeichnet werden. Deshalb legen sie keine neuen Nutzer an, sondern kapern bestehende Konten, in die sich lange niemand mehr eingeloggt hat. Sie ändern die Passwörter, verschaffen sich Zugang. Mit einem dieser Accounts laden sie ein Tool hoch, das die Sicherheitsüberprüfungen ausschaltet, und stöbern in den E-Mails hochrangiger Entwickler nach bekannten Sicherheitslücken.
Sie finden die Sicherheitsanalyse zu einem Patch – einer kleinen Software, die eigentlich Fehler beheben soll. Dieser Patch ermöglicht es bestimmten Usern, sich ungesehen in ein VMS-Betriebssystem einzuloggen, ohne dass das System die Admins alarmiert. In den E-Mails finden sie auch die Erfinder des Patches: den deutschen Chaos Computer Club. Mitnick meldet sich beim CCC, führt Gespräche und entwickelt den Patch weiter.
Mit diesem Patch können sie sich jetzt ungesehen in alle möglichen Computer mit VMS-Betriebssystem einloggen. Doch ihr eigentliches Ziel fehlt noch: der gesamte Quellcode des Betriebssystems. Dafür nutzen sie Computer, die mit dem ARPANET verbunden sind – dem Vorläufer des Internets, das vor allem Militär und Universitäten verbindet. Der Quellcode ist riesig, also verteilen sie ihn auf alle möglichen Computer im ARPANET und hinterlassen viele Spuren.
Irgendwann fällt einer Forschungseinheit des US-Militärs auf, dass in ihre Systeme eingebrochen wurde. Sie finden sogar den Patch, mit dem die Angreifer ungesehen in die Systeme gelangen. Doch der Verdacht fällt zunächst nicht auf Mitnick, sondern auf den Chaos Computer Club – die haben schließlich die ursprüngliche Version des Patches entwickelt. Mitnick und sein Freund sind amüsiert, werden aber nervös.
Am Ende wird Mitnick von dem Freund verraten, mit dem er den DEC-Hack durchgezogen hat. Das FBI nimmt ihn fest. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm etliche Vergehen vor: den DEC-Hack, der einen Schaden von 4 Millionen Dollar verursacht haben soll; Datendiebstahl bei der NASA; Hacking von Polizeidatenbanken, um sein Vorstrafenregister zu löschen; Racheakte wie die Kündigung des Telefonanschlusses eines früheren Bewährungshelfers oder die Platzierung einer Falschmeldung über Millionenverluste bei einer Bank, die seine Bewerbung abgelehnt hatte.
Mitnick behauptet, mit den meisten dieser Hacks nichts zu tun zu haben. Die Staatsanwaltschaft soll der Richterin gesagt haben, er sei technisch so begabt, er könne sich per Telefon in das Luftverteidigungskommando einwählen und Nuklearraketen starten lassen. Ob das wirklich so passiert ist, wissen wir nicht – aber dieses Gerücht über Mitnick existierte wirklich. Ein alter Freaker-Freund hat es in die Welt gesetzt.
Die Richterin folgt der Argumentation des Staatsanwalts. Mitnick wird bis zur Gerichtsverhandlung festgehalten, kann nicht auf Kaution freikommen und darf bis zur Verhandlung keine Telefone benutzen. Die Medien stürzen sich darauf. Die New York Times erklärt die Entscheidung so: „Ein Telefon in Kevin Mitnicks Hand sei so gefährlich wie eine Pistole in der Hand eines Auftragskillers.“ In der LA Times kommt der Hacker zu Wort, der ihn verpfiffen hat. Er beschreibt Kevin als „Darkside Hacker“ und „Electronic Terrorist“. Ein Ermittler sagt, Mitnicks Seele sei „per Nabelschnur mit Computern verbunden“.
Mitnick kommt in Einzelhaft. Er hat keinen Kontakt zu anderen Häftlingen, sitzt die meiste Zeit alleine in seiner Zelle. Besuch ist erlaubt, Telefonieren nur mit bestimmten Personen und immer unter Aufsicht. Er beschreibt seine Einzelzelle als „Sarg“ und die Zeit als „grauenvoll und deprimierend“.
Nach acht Monaten in Einzelhaft einigt er sich mit der Staatsanwaltschaft. Er will es nicht auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen, glaubt, dass das FBI genug Beweise hat. Er wird zu einem Jahr Haft verurteilt, danach ein halbes Jahr Resozialisierungszentrum. Die restlichen vier Monate darf er im normalen Gefängnisbereich verbringen. In dem Zentrum soll er an seiner Sucht nach Hacken arbeiten. Gleichzeitig lässt sich seine Frau Bonnie von ihm scheiden. Die Scheidung trifft ihn hart.
Die Flucht: Ein Leben im Untergrund
Anfang der 90er ist Mitnick wieder frei, aber immer noch auf Bewährung. Er meint es ernst mit seinem Lebenswandel. Seine Hacksucht weicht einer Sportsucht. Er verliert das viele Gewicht, das er sich während der Einzelhaft durch Fastfood zugelegt hat. Er schafft es, längere Zeit clean zu bleiben. Doch es fällt ihm schwer, ein normales Leben zu führen. Wieder hat er Probleme, Jobs zu finden – sein Bewährungshelfer spricht bei jedem Jobangebot separat mit dem potenziellen Arbeitgeber, was keinen guten Eindruck macht. Mitnick ist nach eigener Aussage mental unterfordert und deprimiert.
Deshalb kann er nicht widerstehen, als plötzlich eine geheimnisvolle Person seinen Kontakt sucht. Sein Halbbruder Adam ruft ihn an und erzählt, dass eine seiner Ex-Freundinnen einen „Big Super Hacker“ namens Eric Heinz kennt, der unbedingt mit Mitnick sprechen will. Sein Bruder warnt ihn, dass die Ex-Freundin nicht vertrauenswürdig sei. Außerdem darf Mitnick gemäß seiner Auflagen keinen Kontakt zu anderen Hackern haben. Aber er kann der Versuchung nicht widerstehen.
Eric Heinz beeindruckt Mitnick mit sehr spezifischem Wissen über die Systeme der Telekommunikationsunternehmen. Mitnick will unbedingt in Kontakt bleiben und sein Wissen anzapfen, geht aber vorsichtig vor. Er holt seinen ältesten Hackerfreund mit ins Boot. In einem Telefonat erzählt Heinz von einem System des Telekommunikationsunternehmens Pacific Bell namens SAS – Switched Access Service Unit. Das System dient dazu, die Funktion einer Telefonleitung zu testen, aber man kann damit auch jegliche Leitungen abhören. Mitnick ist fasziniert. Jahrelang hat er sich als Freaker mit Telekommunikation beschäftigt, doch von SAS hört er zum ersten Mal.
Mitnick und sein Freund legen sich ins Zeug. Er ruft die ihm bekannten Abteilungen bei Pacific Bell an, gibt sich als Kollege aus, fragt nach Infos über SAS. Er ruft den Hauptentwickler an, gibt sich als Techniker aus, fragt, ob er ihm schnell die Kommunikationsprotokolle von SAS faxen könnte. Schließlich hackt er sich in das System von Pacific Bell. Es klappt beim ersten Versuch. Sie können ab jetzt jede Telefonnummer abhören, die über Pacific Bell läuft.
Nach einigen Telefonaten mit Eric Heinz wollen Mitnick und sein Kumpel herausfinden, wer dieser mysteriöse Hacker wirklich ist. Sie treffen ihn persönlich in einem Burgerladen. Eric Heinz ist dünn, hat lange blonde Haare, trägt ein Seidenhemd mit offenen obersten Knöpfen, Skinny Jeans und Cowboystiefel. Manchmal auch Eyeliner und Lidschatten. Leute, die ihn zum ersten Mal sehen, glauben, einen Rockstar zu treffen.
Mitnick und sein Kumpel trauen Eric Heinz nicht. Sie haben beide einen Scanner dabei, um auszuschließen, dass er das Gespräch heimlich aufzeichnet. Im Gespräch drehen sich die drei im Kreis. Niemand will zu viel sagen. Doch dann erzählen Mitnick und sein Kumpel, dass sie es ins SAS-System geschafft haben. Sie haben eine Diskette dabei und schieben sie in Heinz‘ Laptop. Das Programm startet und Heinz erkennt sofort, dass sie nicht lügen. Er ist verblüfft und gleichzeitig sauer. Er fährt sie an, dass sie das System nicht benutzen sollen. Mitnick und sein Kumpel verstehen nicht, warum er so aggressiv reagiert.
Mitnick hat an diesem Punkt wieder mehrere Grenzen überschritten. Er ist wieder im regelmäßigen Kontakt mit Hackern, seinem alten Kumpel und Eric Heinz, und er hat sich mal wieder in ein System eines Telefonkonzerns gehackt. Er weiß, dass er vorsichtig sein muss, und hat ein schlechtes Gefühl. Mit seinen üblichen Tricks versucht er herauszufinden, ob die Telefonnummern seines Vaters abgehört werden, denn da wohnt Mitnick gerade. Tatsächlich: Jemand hört mit. Doch wer und warum? Hat das vielleicht mit Eric Heinz zu tun?
Er will jetzt noch mehr über ihn wissen. Er findet heraus, wo er wohnt und welche Telefonnummern er benutzt – ein Kinderspiel für Mitnick. Nun prüft er, auf wen seine Mietwohnung und Telefonnummern angemeldet sind. Die Ergebnisse überraschen ihn. Tatsächlich sind sie nicht auf Eric Heinz angemeldet, sondern auf einen Mann namens Joseph Wernley. Er erfährt auch eine Telefonnummer, also ruft er beim Anbieter dieser Nummer an. Mitnick gibt sich als Kunde der Nummer aus und sagt, dass er seine Telefonrechnungen verloren habe, ob man sie ihm faxen könne. Der Kundensupport hilft und schickt ihm die angefragten Rechnungen. Was Mitnick darauf entdeckt, schockiert ihn: Viele der Anrufer gehen auf eine Nummer, von der Mitnick weiß, dass sie zur FBI-Zweigstelle in Los Angeles gehört.
Ist Eric Heinz ein FBI-Ermittler oder nur ein Informant? Eigentlich egal. Mitnick weiß, dass ihm das FBI auf den Fersen ist. Wenn sie ihn während seiner Bewährung auch nur wegen einer Kleinigkeit festnehmen, könnte er lange ins Gefängnis kommen. Mitnick schmiedet einen Plan: Er und sein Freund sind immer noch in Kontakt mit Heinz, also bittet Mitnick seinen Freund, sich mal wieder mit ihm zu treffen. Dabei soll er ganz nebenbei erzählen, dass Mitnick an einem neuen Hack arbeitet – nicht an irgendeinem, sondern am „Hack Jahrtausend“, der ihn endlich reich machen soll. So will sich Mitnick Zeit kaufen. Es sind schließlich nur noch ein paar Monate, bis seine Bewährung vorbei ist. Er hofft, das FBI so lange hinhalten zu können.
Mitnick erfährt von seinem Kumpel, dass Heinz den Köder wohl geschluckt hat und sofort mehr wissen wollte. Doch entscheidet sich das FBI auch wirklich, so lange zu warten? Mitnick beginnt, Heinz zu beschatten. Er klont seinen Pager und benutzt sein neues Wissen über das SAS-System, um die Anrufe von Heinz zu belauschen. Und Mitnick hat Glück. Laut ihm hört er damals zufällig ein Gespräch von Eric Heinz und einem anderen Mann mit. Heinz nennt ihn Ken. Sie besprechen Beweise, die sie gegen Mitnick in der Hand haben, und sprechen über einen Durchsuchungsbefehl.
Jetzt ist für Mitnick alles klar: Das FBI plant bereits seine Festnahme. Er kann nicht darauf warten, dass seine Bewährung endet. Er muss handeln. Er versucht, jegliche Beweise zu vernichten. Das FBI könnte jederzeit an seine Tür klopfen. Und es dauert nicht lange: Ende September 1992 steht das FBI mit einem Durchsuchungsbefehl vor Mitnicks Wohnung. Auch seinem Kumpel statten sie einen Besuch ab. Mitnick glaubt, er komme garantiert ins Gefängnis. Doch sie verhaften ihn nicht, sondern beschlagnahmen nur Beweise. Es sind nur noch knapp drei Monate bis zum Ende seiner Bewährung.
Vielleicht schafft er es doch. Vielleicht haben sie noch nicht genug Beweise gegen ihn, und er hat schließlich alles vernichtet, was er hat. Denkt er zumindest. Um auf Nummer sicher zu gehen, taucht Mitnick in den nächsten Wochen ab. Er fasst einen Entschluss: Wenn sie ihn jetzt festnehmen, dann ist das so. Aber wenn nicht, dann verlässt er Kalifornien und fängt mit einem neuen Namen ein neues Leben an, irgendwo in den USA.
Schließlich kommt der Tag, an dem seine Bewährung endlich ausläuft. Mitnick ist ein freier Mann. Er ist nicht mehr an seine Bewährungsauflagen gebunden. Doch tatsächlich wurde schon vor mehreren Wochen ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, weil er in das Pacific-Bell-System eingebrochen ist und wieder Umgang mit anderen Hackern hatte. Damit hat er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen. Seitdem suchen ihn die Behörden.
Bevor Mitnick LA endgültig verlässt, ruft er die Behörde an, die in Kalifornien die Führerscheine und Nummernschilder ausgibt – das DMV, Department of Motor Vehicles. Eine Sache wurmt Mitnick nämlich: Wer ist Joseph Wernley, auf den Eric Heinz‘ Telefonnummern und Wohnung angemeldet waren? Ist das der richtige Name von Eric Heinz oder ein FBI-Ermittler? Er will sich die Führerscheinbilder von Heinz und Wernley faxen lassen. Dazu gibt er sich mal wieder als einer Mittler aus. Die Mitarbeiterin des DMV wird stutzig, denn die Daten der zwei angefragten Personen sind markiert. Sie kann die Daten nicht einfach rausgeben, sondern muss vorher mit einer anderen Abteilung sprechen. Sie bittet Mitnick zu warten und ruft dort an. Ein interner Sicherheitsbeauftragter antwortet und sagt ihr, sie solle Mitnick sagen, dass sie ihm die Bilder per Fax schickt. Aber in Wahrheit schickt sie irgendwelche Fotos. Davon weiß Mitnick nichts. Er hofft, endlich ein Gesicht zu seinen Verfolgern zu bekommen.
Das Fax lässt er wie immer in einen Copyshop schicken. Er macht seine letzten Erledigungen, um die Stadt endgültig zu verlassen und ein neues Leben anzufangen. Währenddessen stellen die Sicherheitsbeauftragten des DMV Mitnick eine Falle. Sie wissen nicht, dass Mitnick hinter der Anfrage steckt. Sie wissen nur, dass irgendjemand unautorisiert Daten abgreifen möchte. Und diese Person wollen sie schnappen. Deshalb warten sie im Copyshop auf den Verdächtigen. Mitnick hat seine letzten Sachen gepackt und möchte nur noch schnell das Fax abholen. Er muss ein bisschen warten. Im Copyshop ist viel los. Als er dann das Fax in den Händen hält, ist er verwirrt: ein Stapel mit Papieren, aber mit dem Bild einer Frau. Haben Sie beim DMV einen Fehler gemacht? Die Ermittler schlagen zu und sprechen Mitnick an. Er realisiert, dass er in eine Falle getappt ist. Er wirft die Dokumente in die Luft und nutzt den Moment, um wegzurennen. Die Beamten laufen ihm nach, doch er hängt sie ab.
Ab jetzt ist Kevin Mitnick auf der Flucht.
Die Hetzjagd: Vom Flüchtigen zur Legende
Es ist der 4. Juli 1994, Independence Day, der Nationalfeiertag der USA. Amerikaner nutzen den Tag traditionell, um mit ihrer Familie zu grillen oder einer Parade zuzuschauen. Abends gibt es dann im ganzen Land Feuerwerk – ein Tag zum Feiern und Entspannen. Aber für einen US-Amerikaner ist dieser Tag alles andere als entspannt. Kevin Mitnick ist seit eineinhalb Jahren auf der Flucht vor den Behörden und momentan in Seattle untergetaucht. Er schaut ungläubig auf die aktuelle Ausgabe der New York Times. Auf der Titelseite ist ein Artikel über ihn mit einem alten Foto. „Der meistgesuchte Mann im Cyberspace“, „Hacker entkommt dem FBI“, „Kevin Mitnick ist ein Amok laufender Programmierer“, „Er ist einer der meistgesuchten Computerkriminellen“.
Mitnick ist geschockt. Bis zu diesem Morgen war er nur irgendein vom FBI gesuchter Flüchtiger. Aber jetzt ist er einer der meistgesuchten Hacker überhaupt, der mit dem Erscheinen des Artikels landesweit bekannt ist.
Diese Artikel sind bezeichnend für eine Zeit, in der die sogenannte Hackerhysterie die Medienlandschaft stark geprägt hat. Die gesellschaftliche Angst und Dämonisierung von Hackern beginnt in den 80ern, als das Phänomen Hacking langsam auch in der US-amerikanischen Öffentlichkeit bekannt und diskutiert wird. Computer sind für die meisten Menschen in den USA in den 80ern ein eher kryptisches Konzept. Im Gegensatz zu heute sind sie noch nicht Teil ihres Alltags. 1983 erscheint dann der Thriller WarGames, der das Konzept Hacking noch bekannter macht. In den 90ern steht vielleicht in manchen Haushalten bereits ein PC und Computer werden immer mehr Teil des alltäglichen Lebens. Doch nun gibt es auch das Internet. Was genau das ist und wie es funktioniert, verstehen auch damals wieder nur einige wenige Pioniere. Für den Großteil der Bevölkerung bleibt das Netz zunächst ein Mysterium. Behörden und Medien wird vorgeworfen, diese Hackerhysterie immer weiter angefüttert zu haben – vor allem durch Fälle wie Mitnick, bei denen Hackern Schäden in Millionenhöhe vorgeworfen werden.
Trotzdem hat Mitnick zu diesem Zeitpunkt Angst, dass die mediale Aufmerksamkeit das FBI dazu animiert, noch stärker nach ihm zu suchen und ihm immer mehr Verbrechen anzulasten. Bisher konnte er ihnen entwischen. Aber wie lange noch?
Die Jagd: Shimomura und der Fall Mitnick
Es sind die letzten Tage des Jahres 1994. Der IT-Sicherheitsforscher Tsutomu Shimomura ist müde. Die letzten Tage waren chaotisch für ihn. Bevor er schlafen geht, fällt ihm ein, dass er seine Mailbox schon länger nicht mehr abgehört hat. Er geht die Aufnahmen routinemäßig durch, löscht die eine oder andere, doch dann hört er eine Nachricht, die ihn aufhorchen lässt. Die Nachricht auf dem Anrufbeantworter klingt komisch und gekünstelt. Doch als er die Stichworte „Artist“ und „Sandmail“ hört, weiß er: Das ist kein Prank Call. Der Anrufer muss sich mit IT-Sicherheit auskennen, sonst würde er diese Begriffe nicht kennen. Kann es sein, dass ihn der Mann angerufen hat, der vor ein paar Tagen in sein Computernetzwerk eingebrochen ist?
Shimomura ist kein typischer IT-Sicherheitsexperte. Er ist eine Mischung aus kalifornischem Surferdude und Computer. Er arbeitet im kalifornischen San Diego und läuft meistens in kurzen Hosen und Birkenstock durch die Gegend. Er macht gerne Sport und fährt Inliner. Doch am liebsten geht er im Winter Skilanglaufen. Das war auch in diesem Winter sein Plan: Über die Weihnachtsfeiertage und Silvester eine Hütte in den Bergen mieten und jeden Tag raus auf die Piste. Doch dann bekommt er einen Anruf von einem Studenten. Es sehe so aus, als sei jemand in Shimomuras Computernetzwerk an der Universität von San Diego eingedrungen. Shimomura arbeitet dort am San Diego Supercomputer Center und beschäftigt sich mit den physikalischen Grundlagen von Computern, aber in letzter Zeit auch immer öfter mit IT-Sicherheit. Auf seinen Computern an der Uni liegen auch ein paar Tools, mit denen man die Sicherheit von Systemen testen kann, aber auch sensible Infos über wenig bekannte Bugs und Schwachstellen.
So viel zu Shimomuras Plan, die Feiertage mit Skilanglauf in den Bergen zu verbringen. Er und der Student versuchen erstmal, die Schwachstellen in Shimomuras Netzwerk zu finden und zu beheben. Dann erhält er die erste mysteriöse Nachricht auf seinem Anrufbeantworter und kurze Zeit später eine weitere. Shimomura versteht nicht, was das Ganze soll. Doch irgendwann findet er heraus, dass seine E-Mails von dem Angreifer gelesen und Daten von seinem Server gestohlen wurden. Die Sicherheitsvorkehrungen seines Servers wurden dabei mit einer Methode umgangen, die bisher nur in der Theorie beschrieben wurde: IP Spoofing. Dabei emuliert ein Angreifer eine IP-Adresse eines Computers im Netzwerk, um so Zugang zu anderen Computern im Netzwerk zu erhalten. Es handelt sich um eine ganz neue Art des Angriffs.
Er analysiert die Attacke, tauscht sich mit anderen Experten aus und informiert das CERT, das United States Computer Emergency Readiness Team, eine Organisation, die auf IT-Sicherheit spezialisiert ist. Ende Januar 1995, nur einen Monat, nachdem Shimomura der Angriff auf sein System aufgefallen ist, veröffentlicht das CERT eine offizielle Warnung vor der neuen Angriffsmethode. Solche technischen Warnungen werden eigentlich nicht von Laien gelesen, doch diesmal schafft es die Warnung auf die Titelseite der New York Times. Laut des Artikels seien ungefähr 20 Millionen Computer gefährdet, die mit dem Internet verbunden sind. Angreifer könnten in die Systeme schauen und Dateien klauen.
Nur ein paar Tage später erscheint ebenfalls in der New York Times ein Porträt über Shimomura, der die Schwachstelle aufgedeckt hat. In dem Artikel wird er als einer der begabtesten IT-Sicherheitsexperten inszeniert, der diesen Angriff nun persönlich nehme. Seine Ehre sei verletzt worden. Nun gibt es also einen Cyber-Superhelden. Aber wer ist der Cyber-Superschurke?
Shimomura arbeitet in den nächsten Tagen mit dem FBI zusammen. Die Beziehung ist kompliziert. Shimomura ist kein offizieller Ermittler. Ausgehend von den Daten, die in Shimomuras Netzwerk aufgezeichnet wurden, folgt er den Spuren des Angreifers Schritt für Schritt. Und er kriegt einen Tipp. Ein Mitglied der Online-Community The Well, damals ein beliebtes Forum bei Hackern, bekommt in dieser Zeit eine Benachrichtigung vom Support. Anscheinend ist der Speicherplatz von seinem Account voll. Die Nachricht ergibt für ihn keinen Sinn. Er nutzt den Account sehr wenig. Aber als er in sein Datenverzeichnis schaut, findet er Dateien und E-Mails. Die E-Mails sind alle an eine Person adressiert: Tsutomu Shimomura.
Shimomura findet so heraus, dass seine geklauten Dateien und E-Mails auf den Servern von The Well verstreut liegen. Doch nicht nur seine Daten findet er dort. Er findet auch Kreditkartendaten von Kunden des Internetanbieters Netcom, die gehackt wurden. Netcom ist damals ein boomender Internetanbieter in den USA. Netcom arbeitet ab sofort mit Shimomura zusammen, um die Hacks aufzuklären. Er hofft, mit dem Support des Internetanbieters den Angreifer besser finden zu können. Tatsächlich finden sie heraus, dass der Hacker unter anderem einen Netcom-Account für seine Angriffe genutzt hat. Sie gleichen die Zeiten, in denen der Angreifer bei The Well mit den gehackten Accounts online war, mit Daten bei Netcom ab. Sie suchen einen Account des Internetanbieters, der zur gleichen Zeit online ist – und es gibt ein Match. Sie finden einen Account, bei dem die Zeiten genau passen.
Shimomura ist dem Angreifer einen großen Schritt näher gekommen. Sie konnten herausfinden, dass er sich besonders oft über einen Knotenpunkt in Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina, einloggt. Aber sie wissen immer noch nicht, wer dahinter steckt. Doch ein Techniker des Internetanbieters schlägt etwas vor: Sie können ein Tool nutzen, das die Tastatureingaben des Nutzers live auf ihrem Bildschirm ausspielt. Eigentlich ist das Tool für Diagnosezwecke gedacht. Shimomura und die Netcom-Leute können dem Angreifer damit ab jetzt beim Surfen über die Schulter schauen.
Als der Angreifer sich in einem Chatprogramm mit einem anderen Hacker austauscht, wird es interessant. Erst chatten die zwei Hacker über Sicherheitslücken, dann ändern sie das Thema und schreiben über Shimomura – während er live dabei zuguckt. Wissen die Hacker, dass sie beobachtet werden? In der nächsten Nachricht des Angreifers wird klar, dass er ahnungslos ist. Er regt sich über einen Artikel der New York Times auf und dass dort sein Foto auf der Titelseite gedruckt wurde. Jetzt ist sich Shimomura sicher: Der Angreifer, der seinen Server gehackt hat, muss Kevin Mitnick sein.
Shimomura informiert das FBI und macht sich selbst auf den Weg nach Raleigh, von wo aus sich der Angreifer immer einwählt. Es ist der 15. Februar 1995, mitten in der Nacht. Kevin Mitnick sitzt noch spät am Computer. Ein ganz normaler Tag bisher. Er hat sich auf neue Jobs beworben, natürlich mit einer anderen Identität. Abends war er noch kurz im Fitnessstudio. Mitnick ist nun schon seit über zwei Jahren auf der Flucht. Am Computer merkt er, dass ein paar Sicherheitslücken geschlossen wurden, die er in letzter Zeit genutzt hat. Er bekommt ein komisches Gefühl. Sein Kopf sagt ihm, dass er nur paranoid ist, aber sein Bauch sagt ihm, dass irgendwas nicht stimmt.
Sein Bauchgefühl hat recht. Kurze Zeit später klopfen FBI-Beamte an seiner Tür. Er öffnet und gibt sich ahnungslos. Er behauptet, dass er gar nicht Kevin Mitnick sei. Die Beamten durchsuchen daraufhin die Wohnung und finden Gegenstände mit seinem Namen. Sie haben ihn.
Am nächsten Tag, dem 16. Februar, wird Mitnick zum ersten Mal dem Haftrichter vorgeführt. Der Gerichtssaal ist voll von Journalisten. Der Cyber-Superheld Shimomura und der Cyber-Superschurke Mitnick treffen zum ersten Mal aufeinander. Die Anhörung ist kurz. Danach wird Mitnick aus dem Saal geführt. Beim Rausgehen nickt Mitnick Shimomura zu und sagt: „I respect your skills.“ Shimomura nickt zurück.
Die Verhaftung von Kevin Mitnick ist landesweit in den News. Und wieder landet er auf der Titelseite der New York Times mit der Überschrift „Cyberspace Most Wanted“. Ein meistgesuchter Cyberdieb wird in seinem eigenen Netz gefangen. Andere Zeitungen urteilen nicht so schnell über ihn. „Kevin, the Electronic Prankster“. Also für manche ist Kevin Mitnick ein digitaler Terrorist. Andere sagen, dass er nur ein Prankster sei.
Mitnick landet mal wieder in Isolationshaft. Seine erste Erfahrung damit ist über sechs Jahre her, aber sie verfolgt ihn immer noch. Er will dort so schnell wie möglich raus. Deshalb stimmt er einem Deal der Staatsanwaltschaft zu. Er verzichtet auf eine Kautionsanhörung. Das bedeutet, dass er bis zum Urteil nicht auf Kaution entlassen werden kann. Er verzichtet auch auf ein Preliminary Hearing, bei dem geprüft wird, ob überhaupt genug Beweise gegen ihn vorliegen. Und er stimmt der Bedingung zu, dass er nur seine Anwälte und ein paar Familienangehörige anrufen darf. Dafür darf er die Einzelhaft verlassen.
Einen Monat später wird gegen Mitnick Anklage erhoben. Die Staatsanwaltschaft in North Carolina wirft ihm in 23 Anklagepunkten vor, unautorisierte Zugangsgeräte zu Computersystemen hergestellt, besessen und benutzt zu haben. Die Berichterstattung über die Anklage überschlägt sich mit Superlativen. In der New York Times wird die Staatsanwaltschaft zitiert, die von einem Schaden von mindestens einer Million Dollar ausgeht. Andere Medien berichten, dass Mitnick pro Anklagepunkt bis zu 20 Jahre Haft erwarten könnte. Das wäre eine maximale Haftstrafe von 460 Jahren.
In dieser Zeit verändert sich die öffentliche Diskussion über Mitnick langsam. Vor allem eine Person rückt in den Fokus: der New York Times-Journalist John Markoff. Markoff hat Mitnick 1994 in seinem Artikel „Cyberspace Most Wanted“ weiten Teilen des Landes vorgestellt. Außerdem hat er die Jagd auf Mitnick an der Seite von Shimomura verfolgt. Und noch etwas kommt heraus: Mitnick hat sich in ein E-Mail-Postfach von Markoff gehackt. Der New York Times-Journalist war dementsprechend selbst Geschädigter in dem Fall. Markoff und die New York Times entschuldigen sich daraufhin, dass diese persönliche Verstrickung nie in einem Artikel offengelegt wurde. Markoff hilft Shimomura später auch dabei, ein Buch über seine Jagd zu schreiben. Ein Filmstudio sichert sich die Rechte, das Buch zu verfilmen. Es steht der Vorwurf im Raum, dass Markoff bei der Dramatisierung der Story nachgeholfen hätte.
Viele zweifeln auch an Mitnicks Schuld. Da wäre zum Beispiel der Autor Jonathan Littman. Auch er schreibt ein Buch über den Fall und wundert sich: Konnte Mitnick einen technisch so versierten Angriff auf Shimomuras System wirklich alleine durchziehen, oder stecken andere dahinter? Auch bei den Nachrichten auf Shimomuras Mailbox gibt es Unstimmigkeiten, denn Shimomura bekommt am Tag von Mitnicks Verhaftung noch mal zwei Nachrichten.
Das Verfahren gegen Mitnick ist in vollem Gange. Er sitzt in North Carolina für seine dortigen mutmaßlichen Taten auf der Anklagebank. Doch vor seiner Verhaftung hatte er deutlich mehr Zeit in seinem Heimatstaat Kalifornien verbracht, und der will ihn auch verklagen. Mitnick geht wieder einen Deal ein. Er bekennt sich in North Carolina in einem Anklagepunkt und für die Verletzung seiner Bewährungsauflagen schuldig. Die restlichen Punkte werden von der Staatsanwaltschaft fallen gelassen. Damit ist das Verfahren in North Carolina abgeschlossen. Aber er wird auch noch nach Kalifornien überführt und nun dort angeklagt. Immerhin ist er hier näher bei seiner Familie.
Knapp ein Jahr später, im September 1996, wird er in Kalifornien in 25 Punkten angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, dass er die Systeme verschiedener Unternehmen gehackt haben soll, darunter Motorola, Nokia, Fujitsu und weitere. Bei diesen Hacks soll er Software im Wert von mehreren Millionen Dollar gestohlen haben. Im Laufe des Prozesses wird der Schaden, den Mitnick verursacht haben soll, von den Unternehmen auf insgesamt fast 300 Millionen Dollar geschätzt.
In der Hackerszene wächst währenddessen der Widerstand. Die „Free Kevin“-Bewegung entsteht. Die Aktivisten sind der Meinung, dass Mitnick vor Gericht unfair behandelt und das Verfahren künstlich aufgeblasen wird. Hacker greifen Webseiten wie Yahoo oder die New York Times an und hinterlassen dort Nachrichten, in denen sie die Freilassung von Mitnick fordern. Aktivisten protestieren gegen den Spielfilm, der über den Fall produziert wird, und sie organisieren Demos auf der Straße.
Zeitgleich zieht sich die Gerichtsverhandlung in die Länge und die Anklage fällt immer weiter auseinander. Im März 1999 stimmt Mitnick einem weiteren Deal mit der Staatsanwaltschaft zu. Er bekennt sich in sieben von den 25 Anklagepunkten für schuldig. Zusammen mit seiner Verurteilung in North Carolina kommt er auf insgesamt 5 Jahre und 6 Monate Haft. Doch vier Jahre hat er zu diesem Zeitpunkt schon abgesessen in Untersuchungshaft. Aus den angeblich fast 300 Millionen Dollar Schaden der Unternehmen werden am Ende 4.125 Dollar, die er als Wiedergutmachung zahlen muss. Und er darf nach seiner Freilassung für drei Jahre keine Computer und keine drahtlose Kommunikation benutzen.
Das Vermächtnis: Vom Mythos zur Realität
Kurz vor Ende seiner Haft gibt Mitnick dem Nachrichtenmagazin 60 Minutes ein Interview. In dem Interview versucht sich Mitnick vor der US-amerikanischen Öffentlichkeit zu erklären. Mitnick erklärt seine Tricks, wie er am Telefon Mitarbeiter dazu bringen konnte, ihm sensible Informationen zu geben, und wie er innerhalb von Minuten Firewalls umgehen konnte. Der Moderator Ed Bradley ist im Gespräch mit Mitnick verständnisvoll. Er muss bei Mitnicks Schilderung, wie einfach er in Systeme reingekommen ist, oft schmunzeln. Doch bei einer Frage verzweifelt der Moderator sichtlich an den prominenten Hacker: Hacken als Hobby aus Neugierde. Diese eigentlich einfache Erklärung konnten oder wollten Journalisten, Behörden und die Öffentlichkeit in all den Jahren nicht verstehen. Es musste irgendwie noch mehr dahinter stecken. Die Antwort konnte nicht so einfach sein.
Vielleicht hat das den Mythos von Kevin Mitnick als den „Darkside Hacker“ und „Cyberthief“ noch weiter verstärkt. Ein Betrüger, der einfach nur das große Geld machen will, können wir gut einschätzen. Wir können ihn in eine Schublade stecken. Doch eine Schublade für Menschen wie Mitnick gab es damals noch nicht – und nichts macht mehr Angst als das Unbekannte.
Am 21. Januar 2000 wird Kevin Mitnick aus der Haft entlassen. Unser heutiges Bild von Hackern – von jungen Männern in Kapuzenpullis, die vor einem schwarzen Bildschirm mit grünem Code sitzen – stammt aus dieser Zeit. Es ist die Weiterführung des Mythos um Kevin Mitnick und andere Hacker. Und diese Angst vor dem allmächtigen Hacker lenkt noch bis heute von oft viel wichtigeren Fragen ab: Liegt es wirklich an der Genialität von Hackern, dass sie oft mühelos in Systeme von Unternehmen und Behörden eindringen können? Oder liegt es teilweise auch an den gehackten Unternehmen und Behörden selbst, die immer noch nicht gut genug für die Gefahren der Gegenwart gerüstet sind, die zu wenig Zeit und Geld in die Sicherung ihrer Systeme investieren, in Datenschutz?
Kevin Mitnick bekommt mit seiner Freilassung Anfang 2000 mal wieder eine Chance, sein Leben zu ändern. Und diesmal nutzt er sie. Wirklich. Eigentlich darf er drei Jahre nach seiner Freilassung keine Computer nutzen. Doch diese Bewährungsauflagen werden früher gelockert als vorgesehen, und Mitnick wird IT-Sicherheitsexperte. Er wird nun von Unternehmen bezahlt, um ihre Sicherheitslücken aufzudecken. Er tritt im Fernsehen als Experte auf und schreibt mehrere Bücher. In seiner Biografie schreibt er, dass ein einziges Wort sein Leben verändert hat: „Befugnis“. Dieses eine Wort habe ihn auf magische Weise vom meistgesuchten Hacker in den meistgefragten Sicherheitsexperten verwandelt.
Am 16. Juli 2023 stirbt Mitnick mit 59 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. In den Nachrufen wird er als Pionier und legendärer Hacker geehrt.
Fazit: Die Tragödie und die Lehre
Die Geschichte von Kevin Mitnick ist die eines Mannes, der von unbändiger Neugier getrieben wurde – einer Neugier, die ihn in die Tiefen der Telekommunikations- und Computersysteme führte, aber auch in die Fänge eines Justizsystems, das ihn als Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellte. Sie ist die Geschichte einer Medienlandschaft, die einen „Cyber-Superschurken“ brauchte, um die Ängste einer Gesellschaft vor einer neuen, unverständlichen Technologie zu kanalisieren. Und sie ist die Geschichte eines Mannes, der nach Jahren der Verfolgung, der Isolation und der Dämonisierung schließlich einen Weg fand, seine Fähigkeiten für das Gute einzusetzen.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die größte Schwachstelle in der IT-Sicherheit nicht die Technik ist, sondern der Mensch. Mitnicks Sozialengineering-Methoden – das Studium der Systeme, das Einüben der Rolle, das Anspielen auf das Gute im Menschen – sind heute aktueller denn je. Phishing, Pretexting, Vishing: Die Grundlagen, die Mitnick als Teenager in den 1970er Jahren entwickelte, sind die Grundlagen der modernen Cyberkriminalität.
Doch Mitnicks Geschichte lehrt auch, dass die Dämonisierung von Hackern – die Vorstellung vom allmächtigen Cyber-Genie, das mit einem Tastendruck Nuklearraketen starten kann – von den eigentlichen Problemen ablenkt. Unternehmen und Behörden investieren oft zu wenig in Sicherheit, zu wenig in Datenschutz, zu wenig in die Schulung ihrer Mitarbeiter. Die Frage ist nicht, ob es geniale Hacker gibt. Die Frage ist, warum es so einfach ist, in ihre Systeme einzudringen.
Kevin Mitnick war kein Terrorist. Er war kein Dieb. Er war ein neugieriger Junge, der die Welt verstehen wollte – und dabei Grenzen überschritt, die er nicht hätte überschreiten dürfen. Seine Geschichte ist eine Tragödie mit einem versöhnlichen Ende. Und sie ist eine Mahnung, dass die Angst vor dem Unbekannten uns oft blind macht für die realen Gefahren.
Quellen
- Mitnick, Kevin; Simon, William L.: Ghost in the Wires: My Adventures as the World’s Most Wanted Hacker. Little, Brown and Company, 2011.
- Shimomura, Tsutomu; Markoff, John: Takedown: The Pursuit and Capture of Kevin Mitnick, America’s Most Wanted Computer Outlaw – By the Man Who Did It. Hyperion, 1996.
- Littman, Jonathan: The Fugitive Game: Online with Kevin Mitnick. Little, Brown and Company, 1996.
- Markoff, John: „Cyberspace’s Most Wanted“, The New York Times, 4. Juli 1994.
- „Kevin Mitnick, Once the World’s Most Wanted Hacker, Dies at 59“, The New York Times, 20. Juli 2023.
- „Kevin Mitnick: Hacker, Hacker Hunter“, 60 Minutes, CBS, 2000.
- United States Computer Emergency Readiness Team (CERT): Offizielle Warnung vor IP-Spoofing-Angriffen, Januar 1995.
- Simplizissimus: „Die tragische Geschichte des ersten Hackers“, Podcast Unfassbar, 2025.
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