Lötfreie Steckverbinder im Vergleich: WAGO, JST, Phoenix – wo liegen die Fallstricke?
Autor: DerSchneider
Einleitung
In der industriellen Praxis vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Monteur oder Techniker einen Draht an eine Klemme anschließt. Was auf den ersten Blick trivial erscheint, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als eine der kritischsten Schnittstellen in der gesamten Elektronik. Die Wahl des falschen Steckverbinders kann zu thermischen Problemen, EMV-Störungen oder im schlimmsten Fall zum Totalausfall der Anlage führen.
Die drei großen Namen in diesem Feld – WAGO, JST und Phoenix Contact – repräsentieren unterschiedliche Technologiephilosophien. Während WAGO und Phoenix sich den Federkraftanschluss auf die Fahnen geschrieben haben, steht JST für die japanische Philosophie der hochintegrierten, flachen Steckverbindersysteme für die Leiterplatte. Dieser Artikel nimmt die gängigsten Systeme unter die Lupe, zeigt die technologischen Unterschiede auf und beleuchtet die Fallstricke, die in der Industriepraxis allzu oft übersehen werden.
1. Die Technologie-Dreifaltigkeit: Schraube, Feder, Push-in
Bevor wir die Hersteller vergleichen, ist ein Blick auf die zugrundeliegende Technologie notwendig. Die Schraubklemme ist die älteste und robusteste Methode – sie erzeugt eine kraftschlüssige Verbindung durch mechanischen Druck, ist aber zeitaufwendig in der Montage und anfällig für lose Verbindungen bei Vibrationen.
Die Zugfedertechnik (WAGO und Phoenix) löst dieses Problem, indem eine Feder den konstanten Druck auf den Leiter aufrechterhält. Der entscheidende Vorteil: „Durch die Feder wird ein konstanter Druck auf den Draht ausgeübt. Das heißt, auch wenn es mal vibriert und wackelt, bleibt der Kontakt sicher“ .
Die Push-in-Technik (Phoenix) geht einen Schritt weiter: Hier wird der Leiter ohne Werkzeug einfach in die Öffnung gesteckt. Die Feder klemmt den Draht sofort fest. „Bei der Push-in-Klemme steckt der Monteur den Leiter einfach mit einer Hand rein – ohne Werkzeug. Wenn man mehrere Adern hat und muss die auf engstem Raum verbinden – schneller als mit Stecken geht das nicht“ .
2. Die Hersteller im Detail
A) WAGO – Der Pionier der Federtechnik
WAGO ist der Urvater der federbetätigten Klemmen. Das System ist einfach, robust und seit Jahrzehnten erprobt. Die CAGE CLAMP®-Technologie ist zum Synonym für die Zugfedertechnik geworden.
Stärken:
- Hohe Vibrationsfestigkeit
- Gasdichte Verbindung
- Zeitersparnis gegenüber Schraubklemmen
Fallstricke:
- Bei feindrähtigen Leitern ohne Aderendhülse besteht die Gefahr, dass einzelne Drähte abgespleißt werden und Kurzschlüsse verursachen
- Der Verfahrweg beim Öffnen der Klemme mit dem Schraubendreher ist länger als bei Push-in-Systemen
B) Phoenix Contact – Die Doppelstrategie
Phoenix hat sowohl die Zugfedertechnik (z.B. im bekannten COMBICON-System) als auch die moderne Push-in-Technik im Portfolio. Das Besondere: Die Push-in-Klemme ist mehr als nur ein Federanschluss. „Auch die Push-in-Klemme kann ich als normale Zugfederklemme ohne Aderendhülsen einsetzen. Denn die Klemme hat ja auch einen Drücker, mit dem ich die Feder öffnen kann. Damit hat man eine Klemme für zwei Anwendungen“ .
Stärken:
- Höchste Montagegeschwindigkeit
- Werkzeuglose Montage
- Nur eine Öffnung für den Leiter – dadurch keine Verwechslungsgefahr
- Messung mit Spannungsprüfer möglich, selbst wenn eine Brücke eingesteckt ist
Fallstricke:
- Bei feindrähtigen Leitern ist meist eine Aderendhülse erforderlich (es sei denn, man öffnet über den Drücker)
- Die Kosten der Klemmen sind oft höher als bei reinen Zugfederklemmen
C) JST – Die Japanische Schule der Miniaturisierung
JST (Japan Solderless Terminal) steht für eine andere Welt: hochintegrierte, flache Steckverbinder für Leiterplatten, Crimpverbindungen und Kleinstkontakte. Während WAGO und Phoenix den Schaltschrank bedienen, dominiert JST die Leiterplattenebene – insbesondere in der Consumer-Elektronik und in der Automobilindustrie.
Ein typisches Beispiel ist der JST-XH-Steckverbinder, der in unzähligen Geräten zu finden ist. Das 2,54-mm-Raster und die einfache Crimptechnik machen ihn zum Standard. Hier liegt jedoch die größte Falle: Die Crimpqualität. Ein falsch gecrimpter Kontakt führt zu einem erhöhten Übergangswiderstand, der sich bei Stromfluss in Wärme umsetzt – mit fatalen Folgen .
Stärken:
- Extrem kompakte Bauform
- Hohe Polzahlen auf kleiner Fläche
- Günstig in der Massenfertigung
Fallstricke:
- Die Crimptechnik erfordert teures Spezialwerkzeug und geschultes Personal
- Geringere Stromtragfähigkeit als Schraub- oder Federklemmen (typisch 3–5 A pro Kontakt)
- Geringere Temperaturfestigkeit (typisch bis +85 °C)
3. Die unsichtbare Gefahr: EMV-Eignung
Ein Thema, das in der Diskussion über Steckverbinder oft übersehen wird, ist die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV). In einer zunehmend vernetzten Industrie sind Störungen durch abgestrahlte oder leitungsgeführte Signale ein wachsendes Problem.
Die Fachwelt hat dies erkannt: Der Anwenderkongress Steckverbinder 2025 widmete einen eigenen Schwerpunkt den EMV-Regeln bei Anwendung und Herstellung von Steckverbindern . Die Botschaft ist klar: Ein Steckverbinder ist nicht nur ein mechanisches Bauteil – er ist Teil der elektrischen Übertragungsstrecke und kann zur Antenne werden.
Moderne Hochgeschwindigkeitsstecker bieten daher abgeschirmte Ausführungen. TE Connectivity etwa bietet eine vollständig abgeschirmte „High Speed Link“-Serie für den Automobilbereich, die Datenraten bis zu 1 Gbit/s unterstützt und EMV-optimiert ist . Für die Industrie gilt: „Ein durchdachtes EMV-Design beginnt nicht erst mit der Integration von Ferritkernen oder Abschirmhülsen, sondern bereits bei der physischen Konzeption der Steckverbindung“ .
4. Temperaturfestigkeit – der oft vergessene Grenzfall
In der industriellen Praxis wird die zulässige Betriebstemperatur von Steckverbindern häufig unterschätzt. Gerade in Schaltschränken mit hoher Packungsdichte oder in ungekühlten Umgebungen können Temperaturen von 80 °C und mehr auftreten.
Während Phoenix und WAGO mit glasfaserverstärkten Hochtemperaturkunststoffen arbeiten, die Betriebstemperaturen von -40 bis +100 °C oder sogar +105 °C ermöglichen , stoßen viele Standard-JST-Steckverbinder bereits bei 85 °C an ihre Grenze .
Die Fallgrube: Die Temperaturangabe im Datenblatt bezieht sich oft auf den Dauerbetrieb bei vollem Nennstrom. Bei Überschreitung der Temperatur nimmt der Übergangswiderstand zu, die Verlustleistung steigt – ein Teufelskreis, der im schlimmsten Fall zum thermischen Durchgehen führt.
Fazit & Ausblick
Die Wahl des richtigen lötfreien Steckverbinders ist kein einfacher Katalog-Check, sondern eine systemische Entscheidung. Sie hängt von den Randbedingungen ab: Wie hoch sind die Ströme? Welche Temperaturen herrschen im Betrieb? Wird die Verbindung häufig gesteckt oder ist sie quasi permanent? Wie hoch ist die Vibrationsbelastung?
Die drei Systeme haben ihre klaren Domänen:
- WAGO ist der König der flexiblen Verdrahtung in Schaltschränken – robust, vibrationsfest, aber in der Montage langsamer als Push-in.
- Phoenix hat mit der Push-in-Technik einen Geschwindigkeitsvorteil und punktet mit der Zweinutzungsmöglichkeit der Klemmen.
- JST regiert die Leiterplattenebene, fordert aber eine perfekte Crimpqualität und verträgt weniger Hitze.
Die EMV wird in den nächsten Jahren zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Die steigenden Frequenzen in der Industriekommunikation (Single Pair Ethernet, 10 Gbit/s über Kupfer) werden die Hersteller zwingen, noch bessere Schirmungskonzepte zu entwickeln. Der Anwender ist gut beraten, dieses Thema bereits in der Planungsphase zu berücksichtigen – denn eine nachträgliche EMV-Sanierung von Steckverbindungen ist teuer und oft unmöglich.
Quellen
- Konstruktionspraxis: „Die richtige Klemme für jede Anwendung“, Vogel Communications Group, 2014
- Elektronikpraxis: „Trends und Anforderungen an die Anschlusstechnik“, 2014
- Elektronikpraxis: „Klemme her, aber welche?“, 2015
- TE Connectivity: 0.50 High Speed Link-Steckverbinder (HSL), Produktbeschreibung, 2025
- Elektroniknet: „Zuverlässige Schnittstellen unter Extrembedingungen“, 2025
- Anwenderkongress Steckverbinder 2025 – Tagungsband, Vogel Communications Group, 2025
- binder: M12-Steckverbinder Serien 813 & 823 (repräsentativ für Phoenix/WAGO-Kennwerte), Produktinformation, 2025
- Computer&Automation: „RJ45 – fit für das IIoT“, 2019
- fischer Elektronik: MK 05 Stiftleiste, Produktdatenblatt (repräsentativ für JST-Kennwerte)
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