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Von der Werkstatt zur Weltmarke: Die Geschichte und Technik des Jokari-Kabelmessers

von DerSchneider

Es gibt Werkzeuge, die so nahtlos in den Arbeitsalltag integriert sind, dass sie kaum noch als eigenständige Erfindung wahrgenommen werden. Der „Jokari“ ist ein solches Werkzeug. Für Elektriker weltweit ist der Name nicht nur eine Marke, sondern ein Synonym für das Kabelmesser selbst – ein seltener Vorgang, den man als „Gattungsbegriff“ bezeichnet. Diese umfassende Analyse beleuchtet die faszinierende Geschichte, die durchdachte Technik und die große Bedeutung dieses unscheinbaren, aber unverzichtbaren Werkzeugs für die elektrotechnische Praxis.


Einleitung: Mehr als nur ein Messer

Wenn auf einer Baustelle der Ruf „Gib mir mal den Jokari rüber!“ ertönt, ist sofort klar, welches Werkzeug gemeint ist. Das Kabelmesser des westfälischen Unternehmens JOKARI hat sich über Jahrzehnte hinweg als unverzichtbarer Helfer etabliert. Was 1966 als eine geniale Idee eines Elektromeisters begann, um den eigenen Arbeitsalltag zu erleichtern, entwickelte sich zu einem Weltunternehmen, das die Arbeit von Elektrohandwerkern und Industrietechnikern nachhaltig verändert hat. Der folgende Artikel zeichnet den Weg vom Tüftlerdasein zum Weltmarktführer nach, erklärt die technischen Besonderheiten, die hinter der einfachen Handhabung stecken, und wagt einen Blick in die Zukunft der Kabelbearbeitung.


Hauptteil

Von der Notwendigkeit zur Erfindung: Die Geburtsstunde des Kabelmessers

Die Geschichte von JOKARI beginnt im Jahr 1949, als Josef Krampe in Ascheberg-Herbern im Münsterland ein Elektroinstallationsgeschäft eröffnete. In der Nachkriegszeit war ein solcher Laden nicht nur ein Verkaufsort für Fernseher, Radios und Haushaltsgeräte, sondern oft auch eine Reparaturwerkstatt und ein Installationsbetrieb.

Die eigentliche Innovation wurde jedoch durch einen Wandel in der Kabeltechnologie ausgelöst. Anfang der 1960er-Jahre hielten zunehmend Kabel mit einer Kunststoffummantelung Einzug in die Hausinstallationen. Das Abisolieren dieser neuen Kabel mit einem herkömmlichen Klappmesser war nicht nur mühsam, sondern auch riskant. Wer keine ruhige Hand hatte, beschädigte schnell die inneren Leiter, was zu schlechten Kontakten oder gar Kurzschlüssen führen konnte. Josef Krampe erkannte dieses Problem aus seiner eigenen Praxis heraus und machte sich daran, eine Lösung zu finden.

In seiner kleinen Werkstatt tüftelte er an einem Werkzeug, das die Kabelummantelung sauber durchtrennen sollte, ohne die darunterliegende Ader zu verletzen. Das Ergebnis war ein einfaches, aber revolutionäres Prinzip: Ein federbelasteter Metallbügel fixiert das Kabel, während eine rotierende Handbewegung einen präzisen Rundschnitt ermöglicht. Im Jahr 1966 erhielt Josef Krampe das Patent für das weltweit erste Kabelmesser dieser Art.

Vom Patent zum Unternehmen: Die Firmengründung und der steinige Weg zum Erfolg

Eine geniale Idee und ein Patent sind jedoch nicht alles. Josef Krampe suchte nach Partnern für den Vertrieb, während er sich gleichzeitig der Produktion und Weiterentwicklung widmete. Im Jahr 1969 war es schließlich so weit: Die Firma JOKARI wurde gegründet. Der Name ist ein Kunstwort, das sich aus den Namensbestandteilen des Gründers zusammensetzt: JOsef KAmpe und RI von seiner Tochter Maria.

Der Erfolg stellte sich ein und wuchs beständig. 1974 wandelte sich der ehemalige Elektrohandwerksbetrieb mit einer kleinen Fertigung in der Garage zu einem Industriebetrieb, dem später der Bau einer Produktionshalle am heutigen Standort folgte. Das Unternehmen wird heute in dritter Generation geführt und beschäftigt rund 60 Mitarbeiter, die jährlich über eine Million Werkzeuge produzieren. JOKARI ist seiner Philosophie treu geblieben: „Made in Germany“. Alle Abisolier- und Entmantelungswerkzeuge werden im eigenen Werkzeugbau mit Kunststoffspritzerei am Firmensitz in Ascheberg entwickelt und gefertigt.

Die Technik im Detail: Wie funktioniert ein modernes Jokari-Kabelmesser?

Das ursprüngliche Prinzip des Kabelmessers hat sich bis heute in seiner Grundkonstellation bewährt, wurde aber stetig verfeinert und verbessert. Ein modernes Jokari-Kabelmesser, wie das Flaggschiff „System 4-70“, vereint durchdachte Mechanik mit hochwertigen Materialien.

KomponenteFunktionTechnische Besonderheit
Metallbügel & FederFixiert das Kabel sicher in der Führung und definiert die Schnitttiefe.Ermöglicht einen gleichmäßigen Rundschnitt durch eine rotierende Bewegung.
InnenmesserFührt den präzisen Rundschnitt um die Kabelisolierung durch.Die Schnitttiefe ist über eine Einstellschraube regulierbar. Austauschbar.
HakenklingeDient zum Längsaufschlitzen der Kabelummantelung.Geschützt durch einen patentierten, automatischen Klingenschutzmechanismus.
WechselbügelsystemErmöglicht die Anpassung an verschiedene Kabeldurchmesser.Abdeckung von 4 bis 70 mm Durchmesser durch den Austausch von nur fünf Bügeln.
Material & BeschichtungSorgt für Langlebigkeit und optimale Gleiteigenschaften.Klingen aus Spezialstahl mit einer Titannitrid-Beschichtung (TiN) im PVD-Verfahren.

Der Clou liegt im Zusammenspiel dieser Elemente. Der Bügel wird leicht auf das Kabel gedrückt, wodurch die Klinge in die Isolation eindringt. Eine Umdrehung des Handgelenks erzeugt einen sauberen Rundschnitt. Für den Längsschnitt wird die Hakenklinge verwendet, die im Werkzeug versenkt ist und nur nach Betätigung eines Verriegelungsschalters freigegeben wird.

Sicherheit geht vor: Der patentierte Klingenschutz und seine Bedeutung

Die größte Gefahr beim Arbeiten mit Kabelmessern sind Schnittverletzungen, die durch Abrutschen der Klinge verursacht werden. Genau hier setzt JOKARI mit einem patentierten Schutzmechanismus an, der das Unternehmen zum Vorreiter in Sachen Arbeitssicherheit gemacht hat.

Das System ist einfach und effektiv: Die Hakenklinge ist von einer Schutzkappe umgeben. Für die Benutzung muss ein Verriegelungsschalter mit zwei Piktogrammen (Schloss offen/geschlossen) bewusst in die geöffnete Position geschoben werden. Erst dann wird die Klinge freigegeben und kann genutzt werden. Sobald der Klingenschutz wieder versenkt wird, springt der Verriegelungsschalter automatisch zurück in den Standby-Modus, und die Klinge ist sofort wieder sicher verdeckt. Dieses durchdachte Design minimiert nicht nur das Risiko von Schnittverletzungen, sondern erfüllt auch die Anforderungen moderner Arbeitsschutzkonzepte, wie sie beispielsweise durch die DGUV (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) gefordert werden. Es ist ein Grund, warum Kabelmesser mit offenen Klingen in vielen Industriezweigen verboten sind, das Jokari-System 4-70 jedoch die ideale Lösung darstellt.

Die perfekte Lösung für jedes Kabel: Das Wechselbügelsystem

Ein weiteres technisches Highlight ist das intelligente Wechselbügelsystem, das die enorme Flexibilität des Kabelmessers System 4-70 ausmacht. Statt für jeden Kabeldurchmesser ein eigenes, teures Werkzeug vorhalten zu müssen, genügt ein einziges Jokari-Messer.

Das Werkzeug wird mit fünf verschiedenen Wechselbügeln geliefert, die jeweils für einen bestimmten Durchmesserbereich ausgelegt sind:

WechselbügelAbisolierbereich (Kabel-Ø)
Bügel 14 – 16 mm
Bügel 28 – 28 mm
Bügel 311 – 35 mm
Bügel 415 – 50 mm
Bügel 521 – 70 mm

Der Wechsel eines Bügels ist intuitiv und in wenigen Sekunden erledigt. Ein Sichtfenster im Bügel erlaubt zudem eine Sichtkontrolle des Schnittverlaufs, was die Präzision weiter erhöht. Diese durchdachte Konstruktion macht das Kabelmesser System 4-70 zu einem universellen Problemlöser, der in der Hausinstallation ebenso zu Hause ist wie im industriellen Anlagen- und Maschinenbau.

Jenseits des Kabelmessers: Das breite Produktportfolio

Obwohl das Kabelmesser das bekannteste Produkt ist, hat sich JOKARI längst als Spezialist für alle Arten der Kabelbearbeitung etabliert. Das Portfolio umfasst mehr als 80 verschiedene Werkzeuge, darunter:

  • Entmanteler: Speziell für das schnelle und sichere Abmanteln von Innen- und Außenkabeln, oft mit einer Klinge für Rund- und Längsschnitt.
  • Abisolierzangen: Automatische Zangen, die sich selbstständig an den Leiterquerschnitt anpassen und ideal für die Serienfertigung und den Schaltschrankbau sind.
  • Mikro-Präzisions-Abisolierer: Für extrem feine Drähte in der Elektronik, Netzwerktechnik oder Medizintechnik.
  • Spezialwerkzeuge: Wie die „Sensor Special“ für die Automatisierungstechnik oder Werkzeuge für Koaxial- und Glasfaserkabel.

Eine kritische Einordnung: Vergleich mit Wettbewerbern

Die Welt der Abisolierwerkzeuge ist nicht nur von JOKARI geprägt. Namhafte Wettbewerber wie Knipex, Weidmüller und Wiha bieten ebenfalls hochwertige Produkte an, die in Tests immer wieder Spitzenplätze belegen. Die Frage nach dem „besten“ Werkzeug lässt sich nicht pauschal beantworten, da sie stark vom Anwendungsfall abhängt.

Ein aktueller Test der FAZ aus dem Jahr 2026 kürte beispielsweise die Knipex 12 62 180 zum Testsieger unter den Abisolierzangen, die durch sehr gute Ergebnisse beim Abisolieren und Schneiden überzeugte. Jokari war mit einem baugleichen Modell (Secura 2K) im Testfeld vertreten. Andere Quellen sehen die Weidmüller Stripax als eine der besten automatischen Abisolierzangen für Profis. Diese Vergleiche zeigen, dass JOKARI in einem starken Wettbewerbsumfeld agiert, in dem es auf Spezialisierung und Nischen ankommt. Während Knipex oft für seine robusten, universellen Zangen bekannt ist, hat sich JOKARI mit dem patentierten Klingenschutz und dem Wechselbügelsystem eine starke Position im Bereich der Kabelmesser gesichert.


Fazit und Ausblick

Das Jokari-Kabelmesser ist weit mehr als ein einfaches Handwerkzeug. Es ist das Produkt eines echten „Tüftlers“, der ein alltägliches Problem aus seiner eigenen Praxis heraus lösen wollte. Aus dieser Idee entstand ein weltweit erfolgreiches Familienunternehmen, das heute als Synonym für Qualität, Innovation und Sicherheit in der Kabelbearbeitung steht. Die konsequente Weiterentwicklung des ursprünglichen Patents – vom einfachen Kabelmesser über den patentierten Klingenschutz bis zum flexiblen Wechselbügelsystem – hat JOKARI zu einem unverzichtbaren Partner für Profis in Handwerk und Industrie gemacht.

Mit Blick in die Zukunft wird sich das Unternehmen den Herausforderungen der Digitalisierung und Automatisierung stellen müssen. Intelligente, vernetzte Werkzeuge, die den Abisolierprozess überwachen und dokumentieren, könnten ein nächster Schritt sein. Auch die Weiterentwicklung von Spezialwerkzeugen für neue Kabeltypen, wie sie in der E-Mobilität, der Photovoltaik oder der Hochfrequenztechnik zum Einsatz kommen, bietet großes Potenzial. So wie Josef Krampe einst die Zeichen der Zeit erkannte und die Kunststoffkabel zum Anlass für seine Erfindung nahm, wird auch JOKARI in Zukunft gefordert sein, innovative Antworten auf die technologischen Entwicklungen von morgen zu finden. Eines scheint jedoch sicher: Der Name JOKARI wird auch in Zukunft ein unverzichtbarer Begriff im Werkzeugkasten eines jeden Elektrikers bleiben.


Quellen

  1. JOKARI GmbH & Co. KG: Die Historie JOKARI´s: Der Weg vom Tüftlerdasein zum weltbekannten Experten für Abisolierlösungen. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).
  2. Elektropraktiker: 60 Jahre Kabelmesser. 19.01.2026. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).
  3. Voltimum: Jokari – wer wir sind. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).
  4. Elektropraktiker: Nachgefragt: Am Anfang war ein kleines Elektrogeschäft. ep9/2010.
  5. Wirtschaftsforum: „Auf den Stuhl des Kunden setzen“ – Interview mit Frank Goebbels, JOKARI GmbH & Co. KG. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).
  6. JOKARI GmbH & Co. KG: Companyportrait. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).
  7. building & automation: Kabelmesser-System für mehr Arbeitssicherheit. 23.05.2016. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).
  8. Voltimum: *Arbeitssicherheit im Fokus: Das Kabelmesser System 4-70 von JOKARI*. 13.02.2023. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).
  9. Voltimum: JOKARI Kabelmesser: Millionenfach bewährt. 26.06.2023. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).
  10. F.A.Z. Kaufkompass: Die beste Abisolierzange. 19.02.2026. [Online] (abgerufen am 17.04.2026).

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