Wenn die Jagd auf grüne Drachen zum Überleben wird: Wie Venezolaner 2017 die Spielökonomie von RuneScape eroberten
von DerSchneider
Stellen Sie sich vor, Ihr Monatsgehalt als Ingenieur oder Arzt reicht gerade für eine Handvoll Säcke Reis. Stellen Sie sich vor, die eigene Währung verliert täglich die Hälfte ihres Wertes. Stellen Sie sich vor, Sie finden einen Ausweg – in einem Computerspiel aus dem Jahr 2001. Was wie eine absurde Fiktion klingt, war 2017 für Hunderttausende Venezolaner die bittere Realität. Während die Hyperinflation das Land zerstörte, wurde Old School RuneScape (OSRS) zur letzten Einkommensquelle.
Dieser Artikel beleuchtet das Phänomen des „Gold Farming“ in Venezuela – eine Geschichte von technischer Archäologie, wirtschaftlichem Überlebenskampf und einem beispiellosen digitalen Konflikt.
Die Rahmenbedingungen: Eine Wirtschaft im freien Fall
Um die Tragweite des Phänomens zu verstehen, muss man die wirtschaftliche Lage Venezuelas im Jahr 2017 begreifen. Das Land, einst der größte Ölexporteur Lateinamerikas, befand sich in einer Depression ohne Beispiel.
Für die Bevölkerung bedeutete dies: Erspartes war über Nacht wertlos, und die Suche nach stabilen Einkommensquellen wurde zur Existenzfrage. In dieser Situation entdeckten viele Venezolaner ein ungewöhnliches Zahlungsmittel: das digitale Gold eines altersschwachen MMORPGs.
„Digitales Gold“: Wie RuneScape zur Währung wurde
Old School RuneScape ist ein Ableger des Originalspiels aus dem Jahr 2001, der 2013 von Jagex veröffentlicht wurde . Seine Stärken sind aus heutiger Sicht seine größten Schwächen: Eine veraltete, aber charmante Grafik und ein minimalistisches Design. Genau das machte das Spiel jedoch für Venezolaner attraktiv. Es lief auf jedem noch so alten Computer und benötigte keine schnelle Internetverbindung .
Das Prinzip des „Gold Farming“ ist denkbar einfach:
- Arbeit: Der Spieler verrichtet monotone, sich wiederholende Aufgaben im Spiel. Die beliebteste Methode war die Jagd auf Grüne Drachen (Green Dragons) im PvP-Gebiet der „Wildnis“. Das Töten dieser Kreaturen lieferte wertvolle Drachenhaut und Knochen, die für Gold verkauft werden konnten .
- Verdienst: Das erspielte Gold wurde über Graumarkt-Websites, Foren oder Plattformen wie MercadoLibre an wohlhabendere Spieler aus Nordamerika oder Europa verkauft .
- Auszahlung: Die Bezahlung erfolgte in stabilen Währungen wie US-Dollar oder Kryptowährungen, die vor der Hyperinflation schützten .
Der Stundenlohn war mit 0,50 bis 1,50 US-Dollar mehr als bescheiden . Doch im Kontext der venezolanischen Wirtschaft war das ein Vermögen. Ein Goldfarmer konnte an einem guten Tag das Fache eines örtlichen Professors oder Arztes verdienen . Ein 19-jähriger IT-Entwickler namens Paco erklärte gegenüber VICE: „Mit meinem Gold verdiente ich etwa zwischen 0,70 US-Dollar und 1,50 US-Dollar pro Stunde. Dieser Stundenlohn reicht hierzulande für knapp zwei Säcke Reis, aber am Ende des Monats ist das mehr, als bei einem normalen Job rauskommen würde.“
Die Kehrseite der Medaille: Feindseligkeit und „digitale Apartheid“
Die wachsende Zahl venezolanischer Farmer blieb der globalen Spielgemeinschaft nicht verborgen. Und sie wurde alles andere als wohlwollend aufgenommen. Die etablierten Spieler sahen die Wirtschaft ihres Spiels bedroht – zu Recht, denn das unkontrollierte „Erschaffen“ von Gold durch das Töten von Monstern trieb die virtuelle Inflation im Spiel in die Höhe .
Die Reaktion war ein beispielloser Ausbruch von Hass im digitalen Raum. Im September 2017 veröffentlichte ein Spieler auf Reddit einen detaillierten „Jagdratgeber gegen venezolanische Goldfarmer“ . Der Leitfaden enthielt nicht nur taktische Ratschläge, welche Ausrüstung man für die Attacken nutzen solle, sondern auch eine Liste mit vorformulierten spanischen Beleidigungen, die man den Opern zurufen sollte:
„Tut so, als ob ihr Spanisch sprecht! Es ist egal, was die zu euch sagen, Hauptsache, ihr ruft immer wieder Zeug wie ‚Du Hund!‘, ‚Schlampe‘ und beleidigt ihre Familien. Die hassen das.“
Der Beitrag wurde zwar später aufgrund der offensichtlichen Hassrede gelöscht, doch er zeigte schonungslos, wie schnell wirtschaftliche Not und digitaler Elitismus kollidieren können. Für viele der Jäger waren die Venezolaner nicht mehr als eine „Plage“ oder „digitale Mafia“, die die heilige Spielökonomie zerstörte .
Vom Farmer zur Miliz: Der digitale Krieg um die grünen Drachen
Die Jagd auf die Venezolaner eskalierte schließlich zu einem ausgewachsenen virtuellen Konflikt. Ein englischsprachiger Clan namens „Reign of Terror“ erklärte den Farmern den Krieg. Sie patrouillierten systematisch durch die Gebiete der Grünen Drachen und töteten jeden Spieler, der spanisch sprach oder venezolanische Symbole im Namen trug .
Doch die Venezolaner wehrten sich. Sie organisierten sich in eigenen Clans und kämpften vier Monate lang um die Kontrolle der lukrativsten Jagdgründe . Zeitzeugenberichten zufolge gelang es den venezolanischen „Milizen“ (Milizen) sogar, den mächtigen „Reign of Terror“-Clan zu besiegen und die Gebiete zu halten .
Doch der Sieg war pyrrhisch. Der reale Zusammenbruch Venezuelas holte die digitale Welt endgültig ein.
Der große Blackout: Als die reale Krise die digitale Welt erschütterte
Im März 2019 legte ein landesweiter, mehrtägiger Stromausfall das gesamte Venezuela lahm . Millionen Menschen waren ohne Licht, ohne Wasser – und ohne Zugang zum Internet. Die venezolanischen Goldfarmer verschwanden über Nacht von den Servern.
Die Folge war eine beispiellose virtuelle Wirtschaftskrise. Spiel-interne Gegenstände, die zuvor von den Venezolanern in riesigen Mengen produziert wurden, waren plötzlich nicht mehr verfügbar. Die Preise für Grundgüter in RuneScape schossen in die Höhe – ein digitales Spiegelbild der realen Hyperinflation, die die Menschen zu Hause erlebten . Dieser Vorfall zeigte eindrucksvoll, wie stark eine vermeintlich isolierte Spielökonomie von globalen, realen Faktoren abhängen kann.
Ein fragwürdiges Erbe: Zwischen Überleben und Regelverstoß
Die Frage nach der moralischen Bewertung des Phänomens ist schwierig. Aus Sicht des Entwicklers Jagex sind Goldfarmer Regelbrecher. Das Unternehmen gab an, täglich etwa 10.000 Accounts zu sperren, die im Verdacht des Gold-Handels standen . Sie argumentieren, dass das „Farming“ die Spielerfahrung für die Mehrheit zerstöre.
Doch für die Betroffenen war es schlichtweg eine Frage des Überlebens. Ein Farmer, der mit Kotaku sprach, fasste es treffend zusammen: „Die Wahrheit ist, es gibt Leute, die, wenn sie nicht spielen würden, nicht essen könnten und verhungern würden.“ Ein anderer, genannt Fhynal, sagte: „Ich weiß, dass ich nichts richtig mache gegenüber denen, die hart für ihr Spiel arbeiten. Aber wenn du die Zukunft nicht kennst und um dein Leben und das deiner Liebsten fürchtest, ist dir die Meinung anderer ziemlich egal.“
Fazit und Ausblick: Als die vierte Wand fiel
Das Phänomen des venezolanischen Goldfarmings in Old School RuneScape ist ein Wendepunkt in der Geschichte der digitalen Kultur. Es sprengte die „vierte Wand“ zwischen Spiel und Realität endgültig. Ein Pixel-Drache wurde zur Lebensmittelmarke, eine virtuelle Goldmünze zum Hort gegen die Hyperinflation.
Mit der fortschreitenden Digitalisierung der Arbeit und dem Aufkommen von „Play-to-Earn“-Modellen (wie Axie Infinity während der COVID-19-Pandemie) wirkt der Fall Venezuela heute fast prophetisch. Er war der gewaltsame, ungeschliffene Vorbote einer neuen Arbeitsrealität, in der Spiel und Job verschmelzen.
Die Hasskommentare von damals sind heute zwar leiser geworden, aber nicht verschwunden. Sie sind ein warnendes Beispiel dafür, wie schnell digitale Gemeinschaften toxisch werden können, wenn sie mit extremer menschlicher Not konfrontiert werden. Für die Venezolaner selbst ist die Zeit des großen Goldrauschs vorbei. Die gestiegene Anzahl von Farmern ließ den Goldpreis im Spiel einbrechen, und viele suchten ihr Glück in anderen Spielen . Doch die Erinnerung an eine Zeit, in der ein 20 Jahre altes Spiel die einzige verbliebene Brücke zwischen einem hungrigen Volk und einem Stück Brot war, bleibt – als ein seltsames, trauriges und zutiefst menschliches Kapitel der Technikgeschichte.
Quellen
- VICE Motherboard: „So verhungern unsere Familien nicht“ – Junge Venezolaner jagen Gaming-Gold, um zu überleben (2017)
- Kotaku: The RuneScape Players Who Farm Gold So They Don‘t Starve To Death (2017)
- Caracas Chronicles: The Gold Game: Farming Virtual Money to Fight a Real-Life Crisis (2017)
- GDR-online: La storia dei Venezuelani che sono sopravvissuti alla crisi economica giocando a Old School RuneScape (2024)
- Bloomberg Businessweek / MMORPGBR: Alguns Venezuelanos estão farmando gold em „Tibia“ e „Runescape“ para Sobreviver (2017)
- Infobae: Ahogados por la hiperinflación, muchos venezolanos recurren a las criptomonedas (2017)
- PubPub: RuneScape „Farming“ in Venezuela (2023)
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