07 – RCDs richtig einsetzen: Typen, Selektivität, Einsatzbereiche
Autor: DerSchneider
Einleitung: Der FI – mehr als nur ein „Knopf zum Testen“
Fast jeder kennt den RCD (Fehlerstrom-Schutzeinrichtung, umgangssprachlich FI-Schalter). Aber nur wenige wissen, dass es verschiedene Typen gibt, dass Selektivität eine Rolle spielt und dass ein falsch gewählter RCD im Fehlerfall versagen kann. Dieser Artikel klärt die wichtigsten praktischen Fragen: Welchen RCD brauche ich für eine Wärmepumpe? Wie baue ich eine RCD-Selektivität auf? Darf ich einen RCD nach einem RCD schalten?
1. Die RCD-Typen – Welcher passt zu welchem Verbraucher?
| Typ | Geeignet für | Nicht geeignet für | Typische Anwendung |
|---|---|---|---|
| Typ AC | Sinusförmige Wechselfehlerströme | Pulsierende Gleichfehlerströme (z. B. aus einpulsigen Gleichrichtern) | Reine Widerstandslasten (Heizungen, Glühlampen) – veraltet, kaum noch zulässig für Neuanlagen |
| Typ A | Sinusförmige und pulsierende Gleichfehlerströme (bis 6 mA glatt) | Glatte Gleichfehlerströme (z. B. aus Drehstromgleichrichtern) | Standard in Wohnungen, Büros, für die meisten Haushaltsgeräte (Waschmaschine, Kühlschrank, Computer) |
| Typ F | Wie Typ A, zusätzlich für hochfrequente Fehlerströme (bis 1 kHz) | Glatte Gleichfehlerströme | Frequenzumrichter ohne PFC (z. B. für Pumpen, Wärmepumpen mit Umrichter) |
| Typ B | Wie Typ F, zusätzlich glatte Gleichfehlerströme | – | Gleichrichter, Drehstromumrichter, PV-Anlagen, Wallboxen mit Gleichstromfehler |
| Typ B+ (Herstellerspezifisch) | Wie Typ B, zusätzlich für besonders hohe Gleichstromanteile | – | Industrielle Antriebe, große PV-Anlagen, Batteriespeicher |
Wichtige Normenfundstellen:
- VDE 0100-530 (Auswahl von Schaltgeräten)
- VDE 0664 (Reihe zu RCDs)
Praxistipp: Für Neuanlagen ist Typ AC praktisch ausgestorben. Verwenden Sie mindestens Typ A. Bei Wärmepumpen mit Umrichter, Wallboxen oder PV-Speichern muss ein Typ B oder eine Kombination aus Typ A + allstromsensitiver Zusatzeinrichtung (z. B. EV-RCD) eingesetzt werden.
2. RCD-Selektivität – Wer löst wann aus?
Selektivität bedeutet: Bei einem Fehler löst nur der dem Fehlerort nächste RCD aus, nicht der vorgelagerte. Das verhindert, dass bei einem Fehler in einer Steckdose das ganze Haus dunkel wird.
Möglichkeiten der Selektivität:
- Zeitselektivität: Verwendung eines kurzzeitverzögerten RCD (Typ S – für „selektiv“) vorgeschaltet. Der S‑Typ hat eine Auslöseverzögerung (mind. 40 ms bei 5× IΔn), während der nachgeschaltete Standard-RCD schnell auslöst.
- Stromselektivität: Unterschiedliche Bemessungsfehlerströme (z. B. 30 mA im Endstromkreis, 300 mA im Hauptverteiler). Der 300‑mA-RCD löst bei einem 30‑mA-Fehler nicht aus. Allerdings: Bei großen Fehlerströmen (z. B. 500 mA) können beide auslösen. Daher ist Stromselektivität nicht immer zuverlässig.
Norm: VDE 0100-530 empfiehlt für RCD-Reihenschaltung die Zeitselektivität (S‑Typ vorgeschaltet).
Beispiel:
- Verteiler Haupt: RCD Typ S, 300 mA, 40 ms Verzögerung
- Unterverteiler (z. B. Bad): RCD Typ A, 30 mA, sofort
→ Bei einem 30‑mA-Fehler im Bad löst nur der 30‑mA-RCD aus, der 300‑mA-RCD bleibt wegen der Verzögerung stabil.
3. Einsatzbereiche und Pflicht nach Norm (Auswahl)
| Bereich | Geforderter RCD nach VDE 0100 | Besonderheit |
|---|---|---|
| Steckdosen in Wohnungen (bis 32 A) | IΔn ≤ 30 mA (nach 0100-410) | Seit 2007 praktisch Standard |
| Bäder (alle Steckdosen und Stromkreise in Schutzbereich 1/2) | IΔn ≤ 30 mA (0100-701) | Auch für Beleuchtung, wenn Leuchten im Schutzbereich 1/2 |
| Außensteckdosen | IΔn ≤ 30 mA (0100-410) | Keine Ausnahme mehr |
| Baustromverteiler | IΔn ≤ 30 mA (0100-704) | Auch für ortsveränderliche Geräte |
| Landwirtschaft (Stall) | IΔn ≤ 30 mA für Steckdosen (0100-705) | Zusätzlich Schutz gegen Tierstromunfälle |
| Medizinische Räume (Gruppe 2) | IΔn ≤ 30 mA, oft 10 mA (0100-710) | IT-System bevorzugt, aber RCD erlaubt |
| Wallboxen (E‑Auto) | IΔn ≤ 30 mA, Typ B oder Typ A + DC-Fehlerstromerkennung (0100-722) | Kein Typ AC! |
| PV-Anlagen (Wechselrichter) | Bei Netzanschluss: RCD Typ B oder Typ A + allstromsensitiv (0100-712) | AC-Seite, Gleichstromfehler möglich |
4. Typische Fehler bei RCD-Installationen
| Fehler | Folge | Korrektur |
|---|---|---|
| Typ AC in Steckdosenkreis mit elektronischen Geräten | RCD löst nicht bei pulsierenden Gleichfehlerströmen aus (z.‒B. defektes Netzteil) | Typ A verwenden |
| Mehrere RCDs in Reihe ohne Selektivität | Bei Fehler löst der vorgelagerte RCD mit aus – ganze Anlage dunkel | S‑Typ vorgeschaltet oder auf getrennte Stromkreise verteilen |
| RCD im TN-C-Bereich (vor PEN-Trennung) | Unzulässig, da RCD den PEN-Leiter nicht schalten darf | RCD erst nach PEN-Trennung in PE und N setzen |
| RCD nach Wechselrichter (PV) ohne Typ B | Bei Gleichstromfehler im Wechselrichter löst Typ A nicht aus | Typ B oder entsprechende DC-Erkennung |
| RCD mit falschem Bemessungsfehlerstrom (z. B. 300 mA für Steckdosen) | Personenschutz nicht gewährleistet (300 mA sind tödlich) | 30 mA für Steckdosen vorschriftsmäßig |
5. Prüfung von RCDs – Was muss ich messen?
Nach VDE 0100-600 (Erstprüfung) und VDE 0105-100 / BetrSichV (wiederkehrende Prüfung) sind folgende Messungen vorgeschrieben:
| Messung | Vorgehen | Grenzwert |
|---|---|---|
| Auslösezeit bei 1× IΔn | Mit RCD-Prüfgerät, mit Nennfehlerstrom (z. B. 30 mA) | ≤ 300 ms (für allgemeine RCDs) |
| Auslösezeit bei 5× IΔn | Mit 5-fachem Nennfehlerstrom (z. B. 150 mA) | ≤ 40 ms (für allgemeine RCDs) |
| Auslösestrom (Rampe) | Langsames Erhöhen des Fehlerstroms, bis RCD auslöst | Auslösung zwischen 0,5× IΔn und 1× IΔn (für Typ A oft auch etwas höher) |
| Kontaktspannung (nur bei TT) | Messung der Spannung zwischen PE und Erde während Fehlerstrom | ≤ 50 V (AC) bei IΔn |
Praxistipp: Die Prüftaste auf dem RCD prüft nur die Mechanik, nicht die Auslösezeit bei realem Fehlerstrom. Sie müssen immer mit einem Prüfgerät messen!
6. Kontroversen und offene Fragen
- RCD-Pflicht für Beleuchtung im Bad?
Nach VDE 0100-701 müssen Leuchten in den Schutzbereichen 1 (über Badewanne) und 2 (60 cm um Wanne) nur dann einen RCD haben, wenn sie nicht die Schutzart IPX4 oder höher haben? Die Norm ist hier nicht ganz klar – die Praxis fordert oft RCD für alle Stromkreise im Bad. Sicherheitshalber: RCD 30 mA für alle Stromkreise im Bad. - Nachrüstung von RCDs in Altbauten – wie weit?
Bei einer reinen Steckdosenneuerung (z. B. eine zusätzliche Steckdose) muss nur dieser neue Stromkreis mit RCD versehen werden. Bei umfangreichen Änderungen (mehr als 50 % der Anlage) kann die ganze Anlage nachzurüsten sein – hier ist die Rechtsprechung uneinheitlich (siehe Artikel 39). - RCD in Serie mit Leitungsschutzschalter – richtige Reihenfolge?
Üblich: LS vor RCD (der RCD wird so vor Überlast geschützt). Normativ ist beides erlaubt, aber der RCD muss kurzschlussfest sein. In der Praxis fast immer LS → RCD.
Checkliste für die Praxis
- Ist der RCD-Typ korrekt für die angeschlossenen Verbraucher (A, F, B)? Kein Typ AC in Neuanlagen?
- Bei Reihenschaltung mehrerer RCDs: Ist Selektivität gewährleistet (S‑Typ vorgeschaltet oder unterschiedliche IΔn)?
- RCD-Prüfung durchgeführt: Auslösezeit bei 1× IΔn und 5× IΔn gemessen?
- RCD-Bemessungsfehlerstrom: Für Personenschutz 30 mA, für Brandschutz 300 mA, niemals 300 mA für Steckdosen?
- Bei TT-System: Erdungswiderstand RA so, dass RA · IΔn ≤ 50 V?
- Sind alle Stromkreise, die einen RCD benötigen (Bad, Außenbereich, Baustelle, Wallbox), tatsächlich mit RCD ausgestattet?
Fazit und Ausblick
RCDs sind die wichtigsten Schutzgeräte für den Fehlerschutz. Doch ihre Wirksamkeit steht und fällt mit der richtigen Typenwahl, der korrekten Selektivität und der regelmäßigen Messung. Typ AC ist tot – es leben Typ A, F und B.
Im nächsten Artikel (08) widmen wir uns einem oft vernachlässigten Thema: „Überspannungsschutz: Was Teil 500 und Teil 443 wirklich fordern“.
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