15 – Leistungsbedarf ermitteln: Teil 100 als Planungsgrundlage

Autor: DerSchneider

Einleitung: Wie viel Strom braucht das Haus wirklich?

Bevor Sie einen Verteiler planen, müssen Sie wissen, welche Ströme fließen werden. Die VDE 0100-100 (Allgemeine Grundsätze) beschreibt, wie der Leistungsbedarf einer Anlage zu ermitteln ist – als Basis für Leitungsdimensionierung, Absicherung und Vorsicherung durch den Netzbetreiber.

Dieser Artikel erklärt die Gleichzeitigkeitsfaktoren, die Berechnung von Endstromkreisen und die Hauptverteilung.

1. Grundsatz: Nennbelastung vs. tatsächlicher Bedarf

Eine Anlage wird nicht mit der Summe aller Einzelleistungen bemessen, denn nicht alle Geräte laufen gleichzeitig.

  • Nennbelastung (installierte Leistung): Summe der Nennleistungen aller Verbraucher (z. B. 20 Steckdosen à 2300 W = 46 kW) – unrealistisch für Dauerbetrieb.
  • Tatsächlicher Bedarf: Mit Gleichzeitigkeitsfaktor (Gleichzeitigkeitsfaktor – je nach Nutzungsart) reduziert.

2. Gleichzeitigkeitsfaktoren nach VDE 0100-100 (Anhang A)

NutzungsartGleichzeitigkeitsfaktor (Beispiel)
Wohnungen (bis 100 m²)0,2 – 0,4 (abhängig von Anzahl der Stromkreise)
Einfamilienhausca. 0,4 – 0,6 (Herd, Heizung, Beleuchtung, Steckdosen)
Büro0,6 – 0,8 (Computer, Beleuchtung, Klima)
Industrie (Einzelmaschinen)0,3 – 0,7 (je nach Prozess)

Praxistipp: Für ein Einfamilienhaus mit Elektroherd, Wärmepumpe und Wallbox kann der tatsächliche Bedarf bei 15–20 kW liegen, die installierte Leistung aber bei 30–40 kW.

3. Berechnung des Hauptstromkreises (Hausanschluss)

Schritte:

  1. Auflistung aller Verbraucher mit Nennleistung (W) oder Nennstrom (A).
  2. Anwendung von Gleichzeitigkeitsfaktoren (nach Erfahrung oder Norm).
  3. Summe der resultierenden Scheinleistung S (kVA) – für einphasige Lasten: S = U × I (230 V), für dreiphasige: S = √3 × U × I (400 V).
  4. Der Netzbetreiber stellt eine Hauptsicherung (NH) bereit, die den errechneten Bedarf deckt (z. B. 35 A, 50 A, 63 A).

Beispiel Einfamilienhaus (ohne Wärmepumpe, ohne Wallbox):

  • Beleuchtung/Steckdosen: 10 Stromkreise à 16 A = 160 A, Gleichzeitigkeitsfaktor 0,2 → 32 A
  • Herd (11 kW): 3×16 A, Faktor 0,8 → ca. 13 A
  • Waschmaschine/Trockner: 2×10 A, Faktor 0,5 → 10 A
    Summe einphasig umgerechnet: ca. 55 A → Hauptsicherung 35 A oder 50 A (je nach EVU).

4. Endstromkreise – Einfachregel

Für Endstromkreise gilt:

  • Steckdosenstromkreise: max. 16 A (bei 1,5 mm² Leitung) oder 20 A (bei 2,5 mm²) – aber in Wohnungen meist 16 A.
  • Beleuchtungsstromkreise: max. 16 A (1,5 mm²).
  • Herde, Wärmepumpen, Wallboxen: eigener Stromkreis mit passendem LS.

Die Anzahl der Steckdosen pro Stromkreis ist nicht begrenzt, solange der Bemessungsstrom des LS nicht überschritten wird (durch gleichzeitige Nutzung). In der Praxis: maximal 10–12 Steckdosen pro B16-Stromkreis.

5. Besonderheiten bei Wärmepumpe und Wallbox

  • Wärmepumpe: Eigener Stromkreis (z. B. 3×16 A, LS C16). Der Netzbetreiber muss informiert werden (EVU-Sperre möglich, um Spitzenlasten zu kappen).
  • Wallbox: Siehe Artikel 12. 11 kW (3×16 A) oder 22 kW (3×32 A). Erfordert Lastmanagement, wenn die Hauptsicherung knapp bemessen ist.

6. Typische Fehler bei der Leistungsermittlung

FehlerFolge
Keine Gleichzeitigkeitsfaktoren verwendet → Überdimensionierung der HauptsicherungHöhere Anschlusskosten (Netzbetreiber bereitet größeren Anschluss vor)
Gleichzeitigkeitsfaktoren zu niedrig angesetzt → Hauptsicherung zu kleinSicherung fliegt bei normaler Nutzung (z. B. Weihnachten, wenn viele Geräte gleichzeitig laufen)
Wallbox nicht berücksichtigt (nachträglicher Einbau)Hauptsicherung überlastet
Herd als 16 A einphasig berechnet (falsch) – Herd ist dreiphasigFehler bei Querschnittsdimensionierung

Checkliste für die Praxis

  • Liste aller Verbraucher (Nennleistung) erstellt?
  • Gleichzeitigkeitsfaktoren nach Norm oder Erfahrung angewendet?
  • Hauptsicherung dimensioniert (35 A, 50 A, 63 A) – beim Netzbetreiber angefragt?
  • Sind besondere Lasten (Wärmepumpe, Wallbox, Sauna) separat berücksichtigt?
  • Endstromkreise sinnvoll aufgeteilt (nicht mehr als 10–12 Steckdosen pro 16-A-Stromkreis)?

Fazit und Ausblick

Die Ermittlung des Leistungsbedarfs ist die Grundlage jeder Planung. Wer zu hoch rechnet, verschenkt Geld. Wer zu niedrig rechnet, riskiert Überlastungen. Der Gleichzeitigkeitsfaktor ist der Schlüssel.

Im nächsten Artikel (16) vertiefen wir die Leitungsdimensionierung: „Leitungsbemessung: Strombelastbarkeit, Spannungsfall, Kurzschlussfestigkeit“.

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