Vom Kieler Sonar-Pionier zur Weltspitze der Akustik: Die hundertjährige Klangreise der ELAC Electroacustic GmbH

Wenn man die Geschichte der deutschen Industrie im 20. Jahrhundert nachhören möchte, tut man gut daran, sich nach Kiel zu begeben. Dort, an der Förde, wo einst die Schnellboote und U-Boote der Kaiserlichen Marine und der Kriegsmarine vertäut lagen, begann die Geschichte eines Unternehmens, das heute zu den angesehensten Adressen der globalen High-End-Audiowelt gehört: ELAC. Der Name, ein Akronym für ELECTROACUSTIC GmbH, ist Programm und Versprechen zugleich. Er verweist auf die Wurzeln in der angewandten Physik und den unermüdlichen Anspruch, dem Klang seine letzten Geheimnisse zu entreißen .

Auf den ersten Blick mag die Transformation eines Zulieferers für U-Boot-Sonaranlagen zum Hersteller von Lautsprechern, die in Wohnzimmern auf der ganzen Welt Musikliebhaber in ihren Bann ziehen, wie eine dieser erstaunlichen Metamorphosen der Nachkriegszeit erscheinen. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein roter Faden, der sich durch ein Jahrhundert voller Umbrüche, Neuerfindungen und technischer Meisterschaft zieht. Dieser Artikel zeichnet den Werdegang von ELAC nach – von den düsteren Kapiteln der Rüstungsproduktion über das Wirtschaftswunder und die Ära des Plattenspielers bis hin zur heutigen Rolle als Innovator für höchste Ansprüche in der Luft, im Auto und im heimischen Hörraum. Es ist eine deutsche Industriegeschichte, die von Kontinuität und Wandel, von Schuld und Neuanfang, von Ingenieurskunst und kompromissloser Leidenschaft für das ultimative Ziel erzählt: den perfekten Klang.

I. Die Ursuppe des Klangs: Hydroakustik und Krieg (1908-1945)

Die Gründungsgeschichte von ELAC beginnt nicht mit Musik, sondern mit dem Versuch, im trüben Wasser der Ostsee Orientierung zu finden. Die Pioniere waren Wissenschaftler wie Dr. Heinrich Hecht, Dr. Wilhelm Rudolph und Gerhard Schmidt, die ab 1908 in Kiel die Grundlagen der Hydroakustik erforschten . Am 1. September 1926 schließlich wurde die ELECTROACUSTIC GmbH ins Leben gerufen, mit dem Ziel, die gewonnenen Erkenntnisse über die Ausbreitung des Schalls in Wasser und Luft in industrielle Anwendungen zu überführen . In den folgenden Jahren entwickelte sich das Unternehmen zu einem führenden Spezialisten für Echo- und Horchgeräte. Die zivile Schifffahrt nutzte die neuen Echolotsysteme, doch der wahre Wachstumsmotor der 1930er-Jahre war die Aufrüstung der deutschen Marine .

Diese Zeit ist der problematische Grundstein des heutigen Erfolgs. Die Firma profitierte massiv von den Rüstungsanstrengungen des NS-Regimes. Die Werke in Kiel, Neumünster und anderen Standorten produzierten Unterwasserschalltechnik für U-Boote und Zünder für Minen . Die „U-Boot-Waffe“ des Zweiten Weltkriegs, die im „Atlantik“ Jagd auf alliierte Geleitzüge machte, war mit Sonargeräten von ELAC ausgestattet . Die technologische Basis, die hier gelegt wurde – das präzise Senden und Empfangen von Schallwellen und deren Interpretation – war dieselbe, die später die High-Fidelity-Welt erobern sollte. Doch der Preis war hoch: Der Betrieb setzte in großem Umfang Zwangsarbeiter ein. Allein am Standort Neumünster waren 939 Männer und Frauen aus ganz Europa unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen, von denen einige bei Bombenangriffen ums Leben kamen . Dieses Kapitel, lange Zeit ein blinder Fleck in der Unternehmenshistorie, ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer ehrlichen Betrachtung der Firmenbiografie.

II. Vom Untergang zur Auferstehung: Die Ära des Plattenspielers (1945-1978)

Mit der bedingungslosen Kapitulation 1945 brach das Rüstungsgeschäft zusammen. Die Zukunft des Unternehmens stand auf Messers Schneide. In einer beeindruckenden Überlebensleistung stellte sich ELAC neu auf. Das physikalische Know-how blieb, die Anwendung wurde eine komplett andere. Das Werk begann mit der Herstellung von Fahrradluftpumpen, Nähmaschinen und Autoteilen – ein Überlebenskampf, den viele deutsche Firmen dieser Zeit führten . Doch das eigentliche Comeback begann 1948. In diesem Jahr fertigte ELAC seinen ersten Plattenspieler, den legendären PW1, zunächst noch als Zulieferer für Siemens . Zeitgleich entwickelte man mit dem Kristall-Tonabnehmer KST 1 einen Tonabnehmer, der mit einer Auflagekraft von nur zwei Gramm arbeitete und damit die damalige Konkurrenz um ein Vielfaches übertraf .

Dies war die Geburtsstunde von ELAC als HiFi-Marke. Das Unternehmen traf den Nerv der Zeit. Im Wirtschaftswunder-Deutschland wuchs der Wunsch nach Unterhaltung und Konsum. 1956, nur acht Jahre nach dem Start der Phonosparte, zählte ELAC neben Dual und Perpetuum Ebner zu den drei großen Plattenspielerherstellern der Welt, die zeitweise 90 Prozent des globalen Marktes bedienten . Namen wie „Miracord“ wurden zum Inbegriff für hochwertige Laufwerke. Ein Meilenstein war die Erfindung des ersten Magnettonabnehmers (Moving Magnet) im Jahr 1957, dessen Prinzip bis heute die Grundlage der meisten MM-Systeme bildet . Produkte wie der tragbare „Miraphon 10“ von 1955 machten Musik mobil und erschlossen neue Käuferschichten . In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde ELAC zum Großunternehmen der Unterhaltungselektronik mit Tausenden von Mitarbeitern, das neben Plattenspielern auch Radios, Verstärker und sogar Uhrenradios fertigte und den Vertrieb für Marken wie Sony in Deutschland übernahm .

Doch der Erfolg trug den Keim der nächsten Krise in sich. Ab Ende der 1970er-Järe traf der zunehmende Konkurrenzdruck aus Fernost die gesamte deutsche Unterhaltungselektronik-Branche hart. 1978 kam es zum großen Bruch: ELAC musste Insolvenz anmelden . Die traditionsreiche Firma wurde zerschlagen. Der Nautik-Bereich, der sich mit Hydroakustik beschäftigte, wurde verkauft und existiert bis heute als eigenständiges Unternehmen unter dem Namen ELAC Sonar . Die Ära des Massenherstellers war vorbei.

III. Die Neuerfindung: Fokussierung auf den Lautsprecher (ab 1981)

Aus der Konkursmasse formierte sich die ELAC Ingenieurtechnik GmbH, die sich nun auf zwei Beine konzentrieren sollte: Industrierobotik und HiFi. Doch bereits 1981 folgte die nächste Pleite . Die rettende Idee kam von einer Vertriebsfirma: John & Partner, geführt von dem Österreicher Wolfgang John, einem ehemaligen AKG-Manager, übernahm die Vermarktung der HiFi-Produkte und später das Unternehmen selbst . John erkannte, dass ELACs Zukunft nicht in der Breite, sondern in der Nische liegen musste – und zwar im hochwertigen Lautsprecherbau.

Dies war die Weichenstellung für das heutige ELAC. 1984 begann die Entwicklung eigener Lautsprecher, und bereits ein Jahr später präsentierte man eine Innovation, die den Grundstein für den neuen Ruf legen sollte: den 4Pi-Hochtöner . Dieser revolutionäre Hochtöner strahlte dank einer gefalteten Bändchenmembran omnidirektional ab und schuf ein völlig neues Klangbild mit außergewöhnlicher Räumlichkeit. ELAC hatte sich mit einem Schlag als ernstzunehmender Innovator im High-End-Segment etabliert.

IV. Innovation als Markenkern: Die Ära der Hochtöner und Membranen

Der 4Pi war jedoch nur der Auftakt einer atemberaubenden Innovationsoffensive, die bis heute anhält. 1993 erwarb ELAC die Rechte an der sogenannten海尔-(Heil)-Technologie, einem von Oskar Heil erfundenen Prinzip, und entwickelte daraus den JET-Hochtöner . Anstatt wie eine herkömmliche Kalotte zu pumpen, faltet sich eine hauchdünne, gefaltete Membran wie eine Ziehharmonika zusammen und presst die Luft regelrecht aus den Falten heraus – daher der Name „Jet“. Die Vorteile sind eine enorme Impulstreue, ein weiter Frequenzgang bis weit über 50 kHz und eine hohe Belastbarkeit. Der JET-Hochtöner, mittlerweile in der fünften Generation (JET 5), ist zum Markenzeichen von ELAC geworden und findet sich in fast allen Serien .

Doch ELAC ruhte sich nicht auf diesem Erfolg aus. Die Ingenieure in Kiel trieben die Materialforschung voran. 2008 wurde die AS-XR (Aluminium Sandwich Crystal) Membran vorgestellt. Dieses „Kristall“-Design, eine komplexe Verbundstruktur aus Aluminium und Papier, sorgt für extreme Steifigkeit bei geringem Gewicht und unterdrückt unerwünschte Verfärbungen . Die Weiterentwicklung zur AS-XR Black Crystal Membran, bei der die Oberfläche durch eine spezielle oxidative Behandlung nochmals gehärtet wird, steigerte die Präzision weiter . Mit der Einführung des X-JET, einer Koaxial-Konstruktion, bei der der JET-Hochtöner in der Mitte eines speziellen Mitteltöners sitzt, gelang 2005 die perfekte Annäherung an das Ideal der Punktschallquelle, was die Ortbarkeit von Instrumenten und Stimmen dramatisch verbessert .

Parallel zur Technologie verfeinerte sich auch die Designsprache. Vom eher funktionalen Look der 1980er und 1990er Jahre hat sich ELAC hin zu einer klaren, zeitlosen Ästhetik entwickelt, die oft dem Bauhaus-Ideal nahekommt. Die Verwendung von hochglanzlackierten Gehäusen, massiven Aluminiumfronten und die Reduktion auf das Wesentliche unterstreichen den Anspruch, ein technisches und zugleich elegantes Möbelstück zu schaffen.

V. ELAC heute: Global Player mit Kieler Wurzeln

Seit 1998 firmiert das Unternehmen als ELAC Electroacustic GmbH in ihrer heutigen Form . Noch immer ist die Zentrale in Kiel ansässig, in unmittelbarer Nähe zum Ursprungsort . Von hier aus wird die Entwicklung gesteuert, und hier erfolgt auch die Endmontage der hochwertigsten Serien in aufwendiger Handarbeit. Die Fertigung von Treibern und die Produktion der Einstiegsserien finden aus wirtschaftlichen Gründen größtenteils in China statt, jedoch unter strenger Qualitätskontrolle und nach den Konstruktionsvorgaben der Kieler Entwicklungsabteilung . Mit der Übernahme der deutschen Vertriebsrechte für den amerikanischen High-End-Hersteller Magico und strategischen Kooperationen beweist ELAC zudem ein feines Gespür für den Markt.

Die Produktpalette spannt heute einen weiten Bogen: von der erschwinglichen Debut-Serie über die innovative 200er- und 400er-Reihe mit JET- und X-JET-Technologie bis hin zur atemberaubenden Flagschiff-Serie Concentro. Die Concentro S 509, ein fast zwei Meter hoher Koloss von 170 kg Gewicht, bündelt das gesamte Know-how des Hauses: X-JET-Modul, AS-XR-Tiefmitteltöner und vier seitlich angebrachte, paarweise gegenschwingig (Push-Push/Pull-Pull) arbeitende 10-Zoll-Tieftöner in einem aufwendig versteiften Gehäuse . Sie ist der materialgewordene Beweis für den Anspruch, das bestmögliche Schallereignis zu schaffen. Doch ELAC ist nicht mehr nur eine Lautsprechermarke. Mit einem fulminanten Comeback kehrte man 2016 zum Ursprung der HiFi-Ära zurück und präsentierte den Miracord 90, einen high-end Plattenspieler, der an die glorreiche Vergangenheit anknüpft. Auch eigene Elektronik, wie Streaming-Verstärker, gehören heute wieder zum Programm und runden das Portfolio ab . Zudem ist ELAC ein gefragter Partner für die Automobilindustrie: So sind etwa im Bugatti Veyron oder im Porsche Panamera die Hochtöner von ELAC entwickelt und gefertigt .

VI. Ehrliche Bilanz: Die Schatten der Vergangenheit und die Zwangslagen der Gegenwart

Eine differenzierte Betrachtung der ELAC-Geschichte darf nicht bei den technischen Glanzleistungen stehen bleiben. Die Verstrickung in das Rüstungsgeschäft des Dritten Reiches und insbesondere der nachgewiesene Einsatz von Zwangsarbeitern ist ein Makel, der zum Erbe des Unternehmens gehört . Die offizielle Unternehmenskommunikation betont heute die Gründung 1926 und die Pionierarbeit in der Sonartechnologie . Die dunklen Jahre zwischen 1933 und 1945 werden dabei oft in allgemeine Formulierungen wie „in den Anfängen“ oder „während des Krieges“ verpackt. Eine umfassende, schonungslose Aufarbeitung dieser Phase durch das Unternehmen selbst, etwa in Form einer unabhängigen historischen Studie, steht bislang aus.

Auch die Gegenwart ist nicht frei von Widersprüchen. Die Produktion von Lautsprechern in China ist ein ökonomisches Muss, birgt aber die Gefahr von Imageverlusten in einer Branche, die „Made in Germany“ als zentrales Verkaufsargument hochhält. ELAC balanciert hier geschickt, indem es die Entwicklung, die Qualitätssicherung und die Montage der High-End-Produkte in Kiel belässt. Man bekennt sich zum Standort, muss aber gleichzeitig den globalen Wettbewerb anerkennen.

VII. Ausblick: Hundert Jahre und kein bisschen leise

Im Jahr 2026 feiert ELAC sein 100-jähriges Bestehen . Dass das Unternehmen diesen beeindruckenden Geburtstag begehen kann, verdankt es seiner außergewöhnlichen Fähigkeit zur Transformation. Aus den Ruinen des Krieges und den Trümmern der Pleiten entstand stets etwas Neues, ohne die technische Kernkompetenz zu verlieren. Der tiefenentspannte Sonar-Experte der 1920er-Jahre wurde zum Hektik produzierenden Massenhersteller der Wirtschaftswunderzeit und schließlich zum besonnenen High-End-Spezialisten, der mit scheinbar unerschöpflicher Kreativität neue Wege in der Material- und Wandlertechnik beschreitet.

Die Zukunft wird zeigen, ob es ELAC gelingt, seine Unabhängigkeit in einem von Global Playern dominierten Markt zu bewahren. Die Herausforderungen sind groß: Streaming, kabellose Übertragung und smarte Lautsprecher verändern die Hörgewohnheiten. Doch wenn ein Unternehmen die Wandlungsfähigkeit besitzt, um aus der Sonartechnik der 1920er-Jahre die Klangwunder von heute zu formen, dann ist es dieses. ELAC bleibt ein spannendes Kapitel der deutschen Industriegeschichte – eines, das mit dem nächsten Ton, der aus einem seiner JET-Hochtöner strömt, weitergeschrieben wird. Das Ziel, „The Life of Sound“, ist für die Kieler eben kein abgeschlossenes Projekt, sondern eine ewige Aufgabe .


Quellen

: ELAC. (o.D.). Über uns. Offizielle Website. Abgerufen am 3. März 2026.
: Baidu Baike. (2025). ELAC (意力). Abgerufen am 3. März 2026.
: Deutsche Digitale Bibliothek. (2024). Tragbarer Plattenspieler, Elac Miraphon 10 (1955). Abgerufen am 3. März 2026.
: ELAC. (o.D.). 100th Anniversary Timeline. Offizielle Website. Abgerufen am 3. März 2026.
: Feuerwehr Sasbach (Archiv). (o.D.). Wikipedia: Elac. Abgerufen am 3. März 2026.
: 影音新生活. (2020). 新品 | “Hi-End扬声器的新挑战”ELAC Concentro旗舰扬声器. Abgerufen am 3. März 2026.
: U-Audio. (2010). Elac原廠採訪報導(一). Abgerufen am 3. März 2026.
: ELAC. (o.D.). About Us. Offizielle Website. Abgerufen am 3. März 2026.
: museum-digital: rheinland-pfalz. (2021). Tragbarer Plattenspieler, Elac Miraphon 10 (1955). Abgerufen am 3. März 2026.

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