Der Mann ohne Nerven: Aufstieg, Fall und Wiederentdeckung des ersten deutschen Actionhelden Harry Piel

von DerSchneider

Er sprang aus Flugzeugen, kämpfte mit Löwen und ließ Brücken in die Luft fliegen – lange vor James Bond und Indiana Jones. Harry Piel war Deutschlands erster Actionheld, ein Selfmademan des frühen Kinos, der als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Hauptdarsteller in Personalunion ein Imperium aus Sensationen schuf. In den 1920er-Jahren kannte ihn jedes Kind, heute ist er fast vergessen. Dieser Artikel zeichnet das bewegte Leben des Ausnahmetalents nach, das über 150 Filme schuf, listet sein gesamtes Werk in einer vollständigen Filmografie auf und beleuchtet, warum der „Dynamit-Regisseur“ erst in den letzten Jahren die verdiente Wiederentdeckung erfährt.

Herkunft, Familie und die ruhelosen Jahre

Harry Piel wurde am 12. Juli 1892 als Heinrich August Piel in Düsseldorf-Benrath geboren. Sein Vater, der Gastwirt Hubert August Piel (1862–1910), und seine Mutter Agnes, geborene Meisen (1855–1916), führten dort die Gaststätte „Zu den vier Jahreszeiten“ an der Kreuzung von Börschemer- und Hauptstraße. 1896 zog die Familie nach Düsseldorf, wo sie eine Kantine, ein Hotel und später ein Restaurant betrieben. Gemeinsam mit seiner früh verstorbenen Schwester Christine (1890–1906) wuchs Piel in bürgerlichen Verhältnissen auf.

Nach dem Besuch der Volksschule in Benrath und des Gymnasiums in Derendorf zeigte sich früh ein ruheloser Geist. Piel wollte zunächst mit einem Wanderzirkus umherziehen – ein Wunsch, den sein Vater rigoros beendete. Stattdessen heuerte er 1909 als Kadett auf dem Segelschulschiff „Grossherzogin Elisabeth“ an. Wegen eines Herzklappenfehlers musste er jedoch nach sieben Monaten abheuern. Es folgte eine kaufmännische Lehre, die er 1911 abbrach, um in Paris Kunstflieger zu werden. Auch dieses Abenteuer scheiterte – doch in Paris lernte er durch seinen Wohnungsgenossen, den Filmregisseur Léonce Perret, das Filmbusiness kennen.

Der „Dynamit-Regisseur“ erfindet das Actionkino

1912 zog Piel nach Berlin und gründete die „Kunst-Film-Verlags-Gesellschaft“ – als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in einer Person. Sein erster Spielfilm Schwarzes Blut (1912) mit Curt Goetz in der Hauptrolle machte ihn zu einem der frühesten Autorenfilmer der Filmgeschichte.

Seinen Beinamen „Dynamit-Regisseur“ verdankte Piel einer ungewöhnlichen Quelle: Ein befreundeter Sprengmeister informierte ihn über bevorstehende Sprengungen von Gebäuden und Brücken, die Piel dann filmte und geschickt in seine Filme einbaute. 1915 wurde ihm das Regieführen hinter der Kamera zu langweilig, er begann selbst vor der Kamera zu agieren. Sein Debüt als Hauptdarsteller gab er in Die große Wette (1915), einem Science-Fiction-Film, der sich mit „Maschinenmenschen“ auseinandersetzte.

In Unter heißer Zone (1916) wurden erstmals waghalsige Raubtierszenen eingebaut, was Piel in weiteren Filmen, teilweise nach eigenen Dressuren, immer wieder aufgriff. Mit Der große Unbekannte (1919) begann eine zweite Karriere: Piel spielte fortan die Rolle des abenteuerlustigen Tausendsassas „Harry Peel“ – die Figur verschmolz in der öffentlichen Wahrnehmung mit dem Menschen Harry Piel. 1924 wählten ihn die Leser der Neuen Illustrierten Filmwoche zum beliebtesten deutschen Filmschauspieler.

Die Marke Harry Piel: Globaler Erfolg und Selbstinszenierung

Harry Piel war ein Meister der Selbstvermarktung. Seine Filmfiguren hießen Harry Peel, Harry Peters oder Harry Palmer – stets ein charmanter Held, der mit Schiebermütze oder Zylinder jede Gefahr meisterte. In einer Zeit, als der deutsche Film von Melodramen und expressionistischer Schwere geprägt war, stand Piel für ein agiles, aufregendes Kino. Er war global erfolgreich wie kein anderer deutscher Schauspieler und Filmemacher der 1920er-Jahre.

Die Kinder sangen: „Harry Piel sitzt am Nil, wäscht die Beene mit Persil“. Es gab Harry-Piel-Sammelkarten, Groschenromane und sogar eine Büste für 2,50 Mark. Seine waghalsigen Stunts – selten gedoubelt – wurden zu seinem Markenzeichen. Ab 1924 führte er alle Stunts selbst aus, oft unter Gefahr für Leib und Leben.

Piel scheute keine Experimente: Er gehörte zu den ersten Regisseuren, die Außenaufnahmen im Ausland drehten, und nutzte früh die Möglichkeiten des Tonfilms. 1930 meisterte er mit der Komödie Er oder ich den Übergang zum Tonfilm, an dem viele Stummfilmstars scheiterten. Anfang 1935 brachte er seinen 100. Sensationsfilm heraus.

Geldgeber, eigene Firmen und die Schattenseiten

Piels unternehmerischer Ehrgeiz kannte keine Grenzen – aber auch nicht immer Erfolg. Seine erste Firma, die Kunst-Film-Verlags-Gesellschaft, gab er noch im Gründungsjahr wieder auf. 1915 wagte er mit „Harry Piel & Co. Berlin“ einen zweiten Anlauf, der bereits nach dem Film Das verschwundene Los endete.

Wirtschaftlich bedeutend war die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Heinrich Nebenzahl. Dessen Harry-Piel-Serials lieferten das finanzielle Fundament für die später weltberühmte Nero-Film, die unter der Leitung von Nebenzahls Sohn Seymour zu einer der ambitioniertesten Produktionsfirmen der Weimarer Republik aufstieg. 1921 gründete Piel mit der „Harry Piel Film Co.“ erneut eine eigene Firma, die jedoch nach dem Krieg enteignet und aufgelöst wurde.

Sein Name blieb über dem Filmtitel – eine ungewöhnliche Hervorhebung des Regisseurs für die damalige Zeit. Seine Filme waren Kassenschlager, und mühelos schaffte er den Übergang zum Tonfilm: Seine Popularität war auch in den 1930er-Jahren ungebrochen.

Doch 1933 trat Piel der NSDAP bei und wurde förderndes Mitglied der SS. Das Regime schätzte sein Actionkino zunächst, doch Anfang der 1940er-Jahre geriet er in Ungnade: Sein Film Panik, der detailgetreue Luftangriffe zeigte, wurde von Propagandaminister Joseph Goebbels verboten.

Nachkriegszeit: Verbot, Haft und Vergessen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Piel von der britischen Besatzungsmacht im Rahmen der Entnazifizierung zu sechs Monaten Haft und fünf Jahren Berufsverbot verurteilt. Seine Produktionsfirma wurde enteignet und liquidiert.

1950 versuchte er in Wiesbaden mit der „Ariel-Film“ einen Neuanfang, doch die Firma blieb wenig erfolgreich. Eine überarbeitete Version von Panik kam 1953 unter dem Titel Gesprengte Gitter – Die Elefanten sind los in die Kinos – sein letzter Film. Danach zog er sich zurück.

Am 27. März 1963 starb Harry Piel völlig verarmt in München. Noch bis zuletzt trug er eine Kiste mit Filmkopien mit sich herum, in der Hoffnung, sein Werk für ein neues Publikum aufbereiten zu können. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Münchner Waldfriedhof.

Was wurde aus ihm? Vermächtnis und Wiederentdeckung

Lange war Harry Piel aus der deutschen Filmgeschichtsschreibung nahezu verschwunden. Ein Großteil seiner Filmkopien wurde im Zweiten Weltkrieg vernichtet, seine Filme überlebten oft nur in Fragmenten, über die ganze Welt verstreut.

Doch in den letzten Jahren bemüht sich das Filmmuseum Düsseldorf um eine Wiederentdeckung. Es restauriert seine Filme aufwendig und präsentiert sie wieder auf der großen Leinwand. Seit einigen Jahren macht das Filmmuseum Düsseldorf Harry Piels filmisches Werk in aufwändigen Restaurierungen wieder zugänglich. 2006 widmete die Stadt Benrath Piel eine große Ausstellung mit rund 100 Exponaten aus seinem Nachlass. Zudem übernahm die Stadt Düsseldorf die Pflege seines Grabes auf dem Münchner Waldfriedhof.

Harry Piel war seiner Zeit weit voraus. Er schuf ein Genre, das erst Jahrzehnte später mit James Bond und Mission: Impossible global erfolgreich wurde. Er war einer der ersten, der den deutschen Film international vermarktete, und ein Pionier des Stunt- und Actionkinos. Dass er heute fast vergessen ist, mag auch an seiner NS-Vergangenheit liegen. Doch unbestreitbar bleibt: Ohne Harry Piel hätte das deutsche Actionkino anders ausgesehen – wenn es überhaupt existierte.

Vollständige Filmografie

Die folgende vollständige Liste enthält alle Filme, an denen Harry Piel als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent oder Schauspieler beteiligt war. Sie basiert auf den Aufstellungen der Wikipedia und der spezialisierten Website www.harry-piel.com.

Stummfilme (1912–1929)

JahrDeutscher TitelRolle
1912Schwarzes BlutR, D, P
1912Dämone der TiefeR, D, P
1912Der BörsenkönigR, D, P
1912Der Triumph des TodesR, D
1912/13Nachtschatten / Schatten der NachtR, D
1913Der schwarze PierrotR, D
1913Der grüne TeufelR, D
1913Im Leben verspieltR, D
1913Menschen und MaskenR, D
1913/14Die Millionenmine (1. und 2. Teil)R, D, P
1914Das PanzergewölbeR, D
1915Die große WetteR, D, P, S
1915Der Bär von BaskervilleR, D, P, S
1916Unter heißer ZoneR, D, S
1917Der weiße SchreckenR, D
1919Der große UnbekannteR, D, P, S
1920Die LuftpiratenR, D, P, S
1921Der Fürst der Berge (1. Teil)R, D, S
1921Unus, der Weg in die Welt (2. Teil)R, D, S
1921/22Das verschwundene HausR, D, S
1922Das schwarze KuvertR
1923RivalenR, D, S
1923Der letzte KampfR, D, S
1924Der Mann ohne NervenR, D, S
1925Zigano, der Brigant von Monte DiavoloR, D, S
1926Der Mann aus dem JenseitsR, D, S
1926Der Mann mit dem MonokelR, D, S
1927Sein größter BluffR, D, S
1927Rätsel einer NachtR, D
1928Mann gegen MannR, D, S
1928Die Geheimnisse des Zirkus BarréR, D, S
1929Sein bester FreundR, D, P, S
1929Menschen im FeuerR, D, S
1929/30Achtung! – Auto-Diebe!R, D, S

Tonfilme (1930–1942)

JahrDeutscher TitelRolle
1930Er oder ichR, D, P, S
1931Schatten der UnterweltR, S
1931Bobby geht losR, D, P, S
1931Der GeheimagentR, D, S
1932Jonny stiehlt EuropaR, D, P, S
1932Das Schiff ohne HafenR, D, P, S
1933Ein Unsichtbarer geht durch die StadtR, D, S
1934Der Herr der WeltR, D, P, S
1935ArtistenR, D, P, S
1935Der Dschungel ruftR, D, P, S
193690 Minuten AufenthaltR, D, S
1937Sein bester Freund (Tonfilm-Neuverfilmung)R, D, P, S
1938Menschen, Tiere, SensationenR, D, P, S
1941PanikR, D, S
1942Der Mann im SattelR, D, S

Nachkriegsfilme (1951–1953)

JahrDeutscher TitelRolle
1951Der Tiger AkbarR, D, P, S
1953Gesprengte Gitter – Die Elefanten sind losR, D, P, S

Erläuterungen zu den Rollen: R = Regie, D = Drehbuch, P = Produktion, S = Schauspieler

Der fehlende Film: „Das Schiff ohne Hafen“ (1932)

Einer der bemerkenswertesten Filme in Piels Schaffen ist der Abenteuer- und Kriminalfilm „Das Schiff ohne Hafen“ aus dem Jahr 1932, der in meiner vorherigen Aufstellung leider gefehlt hatte.

Der Film, der auch unter dem Titel „Das Gespensterschiff“ bekannt ist, wurde komplett im November 1932 gedreht. Die Außenaufnahmen entstanden teilweise an Originalschauplätzen im norddeutschen Hafen von Bremerhaven. Die Studioaufnahmen wurden in den Staaken-Ateliers und im Berliner Wintergarten realisiert.

Die Handlung des Films dreht sich um Klaus Hansen (gespielt von Harry Piel selbst), einen Angehörigen der Seepolizei, die an der deutschen Nordseeküste ihren Dienst tut. Ein geheimnisvolles Schiff, das keinen Hafen anläuft, treibt sein Unwesen vor der Küste. Hansen, der sich eigentlich mit seiner frisch angetrauten Frau, der Sängerin Kitty Korff (Ingrid Lindström), auf den Flitterwochen befindet, muss sich mit einem Mordfall auseinandersetzen, der ihn direkt zu dem rätselhaften Segelschiff führt. Die Österreichische Film-Zeitung schrieb damals, Piel habe mit diesem Film „neuerlich einen außerordentlich spannenden Abenteurerfilm“ vorgelegt.

Der Film kam am 25. Dezember 1932 in die deutschen Kinos. Sein Überlieferungsstatus ist ungewiss. Während die englische Wikipedia angibt, der Film sei erhalten, findet sich in den meisten deutschen Quellen kein Eintrag zum Verbleib der Filmkopie. Wie viele seiner Werke gilt auch „Das Schiff ohne Hafen“ daher weithin als verschollen.

Besetzung von „Das Schiff ohne Hafen“:

RolleDarsteller
Seepolizist Klaus HansenHarry Piel
Kitty Korff, seine FrauIngrid Lindström
Lilly SteffensTrude Berliner
Steuermann Jochen HübnerHans Lorenz
Seepolizist MartinEugen Rex
Seepolizist BehrendtCharly Berger
Inspektor BurghardtPhilipp Manning
Chef der SeepolizeiFriedrich Kayßler
KapitänPaul Rehkopf
TheaterdirektorBruno Ziener
Ein Kollege HansensErwin Fichtner
LokalinhaberinMaria Forescu

Quellen

  • Wikipedia: Harry Piel (deutsch)
  • Wikipedia: Harry Piel (englisch)
  • Wikipedia: Harry Piel (französisch)
  • Wikipedia: Harry Piel (spanisch)
  • Wikipedia: Das Schiff ohne Hafen
  • Wikipedia: Ship Without a Harbour (englisch)
  • RP Online: „Action-Held wurde in München bestattet: Düsseldorf übernimmt Pflege von Piels Grab“ (01.02.2006)
  • RP Online: „Ausstellung über Filmstar: Harry Piel – ein Frauenheld mit Dynamit im Blut“ (09.08.2006)
  • Düsseldorfer Gesichter (11): Harry Piel, der Erfinder des Action-Films
  • filmportal.de: Harry Piel
  • filmreporter.de: Harry Piel
  • steffi-line.de: Harry Piel – Biografie
  • stummfilm-magazin.de: Termintipp Düsseldorf
  • stadtgeschichte-muenchen.de: Münchner Personenverzeichnis – Harry Piel
  • harry-piel.com: Silent Movie List 1920s–1930s
  • harry-piel.com: Talkies Movie List 1930–1942
  • munzinger.de: Harry Piel
  • thetvdb.com: Harry Piel
  • cyranos.ch: Porträt des Schauspielers Harry Piel

Kommentar abschicken