Nord Stream: Eine Chronologie des Scheiterns – Von der Planung bis zur Zerstörung
von DerSchneider
Die Ostseepipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 sind mehr als nur Stahlröhren auf dem Meeresboden. Sie sind Symbole einer gescheiterten Energiepolitik, Spielball geopolitischer Interessen und schließlich Ziel eines spektakulären Sabotageakts. Dieser Artikel zeichnet die Geschichte der Pipelines nach – von den Investitionen und Baujahren über den Turbinenstreit im Sommer 2022 bis hin zu den ungeklärten Anschlägen im September 2022. Er beleuchtet die Verstrickungen der deutschen Bundesregierungen und fragt nach den Verdächtigen und Tätern – soweit dies im Jahr 2026 möglich ist.
Einleitung: Zwei Röhren, zwei Dekaden, eine Katastrophe
Die Nord-Stream-Pipelines waren das größte Infrastrukturprojekt der europäischen Energiegeschichte. Über 1224 Kilometer durch die Ostsee sollten sie russisches Erdgas direkt nach Deutschland bringen – ohne Transitländer, ohne politische Erpressbarkeit durch die Ukraine oder Polen. Was als Meisterwerk der Ingenieurskunst begann, endete am 26. September 2022 mit Detonationen in 70 Metern Tiefe.
Doch der Weg dorthin war gepflastert mit politischen Kontroversen, technischen Streitigkeiten und einer beispiellosen Abhängigkeit. Besonders die Turbinen von Siemens Energy gerieten im Sommer 2022 zum Zankapfel – ein Vorgeschmack auf das, was später kommen sollte.
Hauptteil: Die Geschichte der Nord-Stream-Pipelines
1. Eigentümer, Investitionen und Baujahre
Nord Stream 1 wurde als Gemeinschaftsprojekt gebaut und ist seit 2011 in Betrieb.
| Unternehmen | Anteil an Nord Stream AG |
|---|---|
| Gazprom (Russland) | 51 % |
| Wintershall Dea (Deutschland) | 15,5 % |
| PEGI (E.ON, Deutschland) | 15,5 % |
| Gasunie (Niederlande) | 9 % |
| Engie (Frankreich) | 9 % |
Die Investitionssumme für Nord Stream 1 betrug etwa 7,4 Milliarden Euro. Die Bauarbeiten begannen 2005, die erste der zwei Röhren wurde im November 2011 eingeweiht, die zweite folgte im Oktober 2012.
Nord Stream 2 war eine noch größere Dimension:
| Unternehmen | Anteil an Nord Stream 2 AG |
|---|---|
| Gazprom | 100 % (alleiniger Eigentümer) |
Die Investitionssumme für Nord Stream 2 betrug etwa 9,5 Milliarden Euro. Fünf europäische Energieunternehmen (Uniper, Wintershall Dea, Shell, OMV, Engie) hatten sich mit Finanzierungen in Höhe von zusammen 50 % beteiligt. Die Bauarbeiten liefen von 2018 bis September 2021 – die Pipeline war technisch fertig, erhielt aber nie die Betriebserlaubnis.
Technische Daten im Vergleich:
| Kenngröße | Nord Stream 1 | Nord Stream 2 |
|---|---|---|
| Länge | 1.224 km | 1.234 km |
| Röhren | 2 | 2 |
| Kapazität pro Röhre | 27,5 Mrd. m³/Jahr | 27,5 Mrd. m³/Jahr |
| Gesamtkapazität | 55 Mrd. m³/Jahr | 55 Mrd. m³/Jahr |
| Rohrdurchmesser | 1.220 mm | 1.220 mm |
| Wandstärke | 41 mm | 41 mm |
| Max. Druck | 220 bar | 220 bar |
2. Die Verdichterstation Portowaja und ihre Turbinen
Das Herzstück beider Pipelines ist die Verdichterstation Portowaja nahe Wyborg im äußersten Westen Russlands. Von hier aus wird das Erdgas auf den nötigen Druck gebracht, um die 1224 Kilometer bis nach Greifswald zu überwinden.
Die Station verfügt über acht große Gasturbinen vom Typ SGT-A65 (ehemals Rolls-Royce Trent 60). Sechs davon haben eine Leistung von jeweils 52 Megawatt (MW), zwei weitere leisten 27 MW. Hinzu kommen vier Reserveturbinen vor Ort .
Die Turbinen wurden ursprünglich von Rolls-Royce in Großbritannien gefertigt, bis die Sparte 2014 von Siemens Energy übernommen wurde. Die Produktion und die Möglichkeit zur Generalüberholung liegen jedoch in Kanada – genau das wird später zum Problem .
Für 100 % Gasfluss müssen fünf der sechs großen Turbinen gleichzeitig laufen. Eine kann zur Wartung ausgebaut werden, ohne die Kapazität zu beeinträchtigen .
3. Der Turbinenstreit 2022 – Chronologie einer Eskalation
Im Sommer 2022 wurde die Turbine zum Symbol des sich zuspitzenden Konflikts zwischen Russland und dem Westen. Die folgende Chronologie zeigt die Ereignisse.
Mai/Juni 2022: Die erste Drosselung
Juli 2022: Das Tauziehen um die Turbine
August 2022: Der Streit eskaliert
September 2022: Das Ende der Lieferungen
4. Die deutschen Bundesregierungen: Eine Chronologie der Widersprüche
Die Nord-Stream-Pipelines waren über drei Bundesregierungen hinweg ein Politikum.
Die Ära Schröder (SPD, 1998–2005): Der Grundstein
- Gerhard Schröder war als Bundeskanzler der entscheidende Fürsprecher von Nord Stream 1.
- 2005, nur wenige Wochen vor der Bundestagswahl, garantierte seine Regierung die ersten Kredite für das Projekt.
- Nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt wurde Schröder Aufsichtsratsvorsitzender von Nord Stream AG (später Nord Stream 2) – eine Verflechtung, die bis heute für Kritik sorgt .
Die Ära Merkel (CDU, 2005–2021): Die Verstrickung
- Angela Merkel setzte Nord Stream 1 trotz wachsender Kritik aus Osteuropa und den USA fort.
- 2015, nach der Annexion der Krim, begannen die Planungen für Nord Stream 2 – ein Projekt, das Merkel gegen massiven Widerstand verteidigte.
- Im Sommer 2021 einigten sich die USA und Deutschland im letzten großen Deal der Ära Merkel auf einen Kompromiss: Nord Stream 2 darf fertiggebaut, aber nicht politisch sanktioniert werden. Im Gegenzug verpflichtet sich Deutschland zu Investitionen in die ukrainische Energieinfrastruktur .
Die Ära Scholz (SPD, seit 2021): Die Kehrtwende
- Februar 2022: Russland überfällt die Ukraine. Am 22. Februar stoppt die Bundesregierung das Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2.
- Sommer 2022: Scholz bemüht sich öffentlich um eine Klärung des Turbinenstreits, besichtigt die in Mülheim lagernde Turbine und wirbt für deren Weitertransport. Er signalisiert: Deutschland will weiterhin russisches Gas .
- September 2022: Nach den Anschlägen ist die Diskussion über Bezüge aus Russland endgültig beendet.
Die Haltung der Bundesregierungen war stets von einer grundlegenden Ambivalenz geprägt: Wirtschaftliche Interessen hier, geopolitische Risiken dort.
5. Die Sabotage vom 26. September 2022 – Was wir wissen
Am 26. September 2022 registrieren seismologische Messstationen in Dänemark, Schweden und Deutschland zwei starke Unterwasserexplosionen in der Ostsee. Kurz darauf messen Gasdruckmessungen einen rapiden Abfall in den Pipelines. Satellitenbilder zeigen brodelnde Meeresoberflächen – austretendes Erdgas.
Die Fakten im Überblick:
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Betroffene Röhren | Nord Stream 1 (beide Röhren), Nord Stream 2 (eine Röhre) |
| Explosionspunkte | In der Nähe der dänischen Insel Bornholm, in internationalen Gewässern |
| Sprengkraft | Entspricht mehreren hundert Kilogramm TNT |
| Schäden | Vier von vier Röhren beschädigt, dauerhaft unbrauchbar |
| Gasaustritt | ca. 300.000 Tonnen Methan (größte jemals gemessene einzelne Methanfreisetzung) |
Ermittlungen: Dänemark, Schweden, Deutschland
- Schweden schloss seine Ermittlungen im Februar 2024 ohne Benennung von Tätern ab – mit der Begründung, keine eigene Gerichtsbarkeit zu haben.
- Dänemark beendete die Ermittlungen im Februar 2024 ebenfalls ohne Ergebnis.
- Deutschland ermittelt bis heute (Stand 2026) – die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe führt das Verfahren.
Die Spur der „Andromeda“
Deutsche Ermittler konzentrierten sich früh auf eine Segelyacht namens „Andromeda“. Die Yacht war im September 2022 von einer Rostocker Charterfirma ausgeliehen worden – angeblich von einer polnischen Scheinfirma, die ukrainische Staatsbürger als Geschäftsführer führte.
An Bord wurden Sprengstoffspuren gefunden. Die sechsköpfige Crew sprach nach Zeugenaussagen ukrainisch. Die Route führte von Rostock über die dänischen Gewässer nahe Bornholm und zurück .
6. Verdächtige und Täter – Der Stand der Ermittlungen (2026)
Bis heute gibt es keine offizielle, juristisch abschließende Klärung. Die bekannt gewordenen Spuren und Theorien lassen sich wie folgt kategorisieren:
Theorie 1: Pro-ukrainische Gruppe (Der derzeitige Fokus der Ermittlungen)
Die „Andromeda“-Spur deutet auf eine Gruppe von Ukrainern oder ukrainischstämmigen Tätern hin. Motiv: Sabotage der russischen Energieeinnahmen und Schwächung des deutschen Wirtschaftsmodells, das auf russischem Gas basierte.
- Stärken der Theorie: Forensische Spuren, Zeugenaussagen, nachvollziehbares Motiv.
- Schwächen der Theorie: Warum sollte die Ukraine unter der Regierung Selenskyj eine solche Operation durchführen – mit dem Risiko, die westlichen Unterstützer zu verprellen? Offizielle ukrainische Stellen bestreiten jede Beteiligung.
Theorie 2: Russischer Geheimdienst (Die ursprüngliche Vermutung vieler westlicher Geheimdienste)
Russland hätte ein Interesse an der Destabilisierung Europas und an hohen Energiepreisen gehabt.
- Stärken der Theorie: Russland hatte das technische Know-how und die Kapazitäten für eine solche Tiefseeoperation. Die Sprengung erfolgte in internationalen Gewässern, aber innerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone Dänemarks/Schwedens – eine riskante, aber mögliche Operation.
- Schwächen der Theorie: Russland hätte damit sein eigenes Pipeline-Netzwerk (an dem Gazprom zu 51 % beteiligt ist) zerstört. Die Pipelines waren bereits außer Betrieb – ein politisches Signal hätte auch durch eine „Inszenierung“ gesendet werden können.
Theorie 3: Die USA (Eine im Osten und von Teilen der Linken vertretene These)
Die USA hätten nach dieser Theorie ein Interesse daran, die deutsch-russische Energiepartnerschaft endgültig zu beenden, um Europa von russischem Gas und damit von russischer Erpressbarkeit zu befreien.
- Stärken der Theorie: Die USA hatten das technische Know-how. Präsident Biden hatte im Februar 2022 gesagt: „Wenn Russland einmarschiert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben – wir werden dem ein Ende setzen.“
- Schwächen der Theorie: Es gibt keine öffentlich bekannten Belege. Die Operation wäre ein enormes Risiko für das transatlantische Bündnis gewesen.
Bewertung (Stand 2026): Die glaubwürdigste Spur führt derzeit zu einer ukrainischen Gruppe, möglicherweise mit Verbindungen zu ukrainischen Geheimdienstkreisen, aber nicht unbedingt mit Billigung der Regierung in Kyjiw. Die deutschen Ermittler haben diese Spur nie ganz fallen gelassen.
Unschärfen erkennen: Alle drei Theorien haben Schwächen. Eine definitive Klärung ist ohne Geständnisse oder durchgesickerte Geheimdienstinformationen unwahrscheinlich.
7. Die Folgen: Wirtschaftlich, politisch, ökologisch
| Bereich | Auswirkung |
|---|---|
| Energieversorgung | Deutschland musste kurzfristig teures Flüssiggas (LNG) importieren. Die Abhängigkeit von russischem Gas endete faktisch von einem Tag auf den anderen. |
| Wirtschaft | Hohe Energiepreise trugen zur Rezession bei. Energieintensive Industrien (Chemie, Stahl, Glas) drosselten Produktion oder verlagerten ins Ausland. |
| Politik | Die Anschläge führten zu einer noch engeren Koordinierung der NATO in der Ostsee. Deutschland stockte seine Marinepräsenz auf. |
| Ökologie | Die Methanfreisetzung von ca. 300.000 Tonnen entspricht den jährlichen Emissionen einer mittelgroßen Stadt. Es war die größte jemals gemessene einzelne Freisetzung von Methan, einem extrem wirksamen Treibhausgas. |
Fazit: Ein Jahrhundertbauwerk als geopolitischer Sprengsatz
Die Geschichte der Nord-Stream-Pipelines ist eine Geschichte fataler Fehleinschätzungen. Die deutsche Politik glaubte über zwei Jahrzehnte, Wirtschaft und Geopolitik trennen zu können – bis der Krieg in der Ukraine diese Illusion zerstörte.
Der Turbinenstreit des Sommers 2022 war der letzte Akt dieser Tragödie. Ob Gazprom wirklich technische Probleme hatte oder nur einen Vorwand suchte – beides ist möglich. Klar ist: Der Gasfluss hätte auch mit der in Mülheim lagernden Turbine nicht wiederhergestellt werden müssen, wenn der politische Wille dagegenstand.
Die Sabotage vom September 2022 war dann der Schlusspunkt. Wer auch immer die Sprengungen durchführte – er hat die deutsch-russische Energieachse für immer zerstört. Die Pipelines liegen heute als stählerne Mahnmale auf dem Meeresboden, unrepariert und unreparierbar.
Was bleibt, ist die Erkenntnis: Große Infrastruktur ist niemals nur Technik. Sie ist immer auch Politik.
Quellen
- Bundesnetzagentur: „Gasversorgung im Winter 2022/23 – Lageberichte“, Juni–September 2022
- Generalbundesanwaltschaft beim Bundesgerichtshof: Pressemitteilungen zu den Ermittlungen Nord Stream (2022–2025)
- Nord Stream AG: Technische Dokumentation der Pipeline-Systeme (2011–2021)
- Siemens Energy: Presseerklärungen zum Turbinen-Streit (Juni–September 2022)
- Die Bundesregierung: Pressekonferenzen und Statements von Olaf Scholz, Robert Habeck, Annalena Baerbock (2022)
- Bundestagsdrucksache 20/11234: „Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage zur Sabotage von Nord Stream“ (2024)
- Tagesspiegel: „Kanada erlaubt Turbinen-Lieferung für Nord Stream“ (10. Juli 2022)
- Manager Magazin: „Scholz widerspricht Schröder im Turbinen-Streit“ (2. August 2022)
- RND.de: „Gazprom liefert weniger Gas – Ist die Turbine schuld?“ (15. Juni 2022)
- Energie & Management: „Nordstream: Turbinen-Wartung wirklich nötig?“ (22. August 2022)
- Wiener Zeitung: „Nord Stream 1 – Turbinen spielen zentrale Rolle“ (26. Juli 2022)
- dpa-Afx / Börse Online: „Gazprom beklagt ausbleibende Unterlagen zur Turbine“ (19. Juli 2022)
- Wikipedia (Siemens Energy): Versionsgeschichte zum Nord-Stream-Konflikt (2022–2024)
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