Der Poelzig-Bau in Frankfurt: Monument der Macht, Ort der Verbrechen und Ort des Lernens
Kaum ein Gebäude in Deutschland vereint so gegensätzliche Kapitel deutscher Geschichte unter einem Dach wie das I.G. Farben-Haus in Frankfurt am Main. Was 1931 als modernste Konzernzentrale Europas eröffnet wurde, war zunächst Ausdruck wirtschaftlicher Dominanz, später Schaltzentrale von Kriegsverbrechen, dann Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsmacht und schließlich Sitz der Geisteswissenschaften der Goethe-Universität. Die Mauern dieses 250 Meter langen Kolosses aus Cannstatter Travertin erzählen eine Geschichte von Aufstieg, Schuld, Wandel und dem bis heute schwierigen Umgang mit der eigenen Vergangenheit.
Eine Architektur der Macht: Der Bau des I.G. Farben-Hauses
Die I.G. Farbenindustrie AG, die sich 1925 aus den großen deutschen Chemiefirmen Bayer, BASF, Hoechst und Agfa zusammengeschlossen hatte, war zum Zeitpunkt der Bauplanung das viertgrößte Unternehmen der Welt und der größte Chemiekonzern seiner Zeit. Für ihre neue Zentralverwaltung erwarb sie 1927 ein 14 Hektar großes Gelände im Frankfurter Westend, auf dem zuvor eine städtische Irrenanstalt gestanden hatte. Die Stadt Frankfurt, die unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann eine expansive Baupolitik verfolgte, hatte großes Interesse an diesem Gewerbesteuerzahler und trug durch einen Grundstückstausch zur Erweiterung des Areals bei.
Im August 1928 wurde ein beschränkter Wettbewerb unter fünf ausgewählten Architekten ausgeschrieben, an dem neben Hans Poelzig auch der Frankfurter Stadtbaudezernent Ernst May teilnahm. Poelzig gewann den Wettbewerb und lieferte dem Bauherrn, was dieser sich gewünscht hatte: ein „eisernes und steinernes Sinnbild deutscher kaufmännlicher und wissenschaftlicher Arbeitskraft“.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Bauzeit | 1928–1931 |
| Architekt | Hans Poelzig (1869–1936) |
| Länge | 250 Meter |
| Höhe | 35 Meter (sieben Geschosse) |
| Stockwerke | 7 (mit von unten nach oben abnehmender Geschosshöhe von 4,60 m auf 4,20 m) |
| Querflügel | 6 (symbolisieren die Gründungsfirmen der IG Farben) |
| Verkleidung | 33.000 m² Cannstatter Travertin |
| Bauweise | Stahlskelett mit Ziegelausfachung |
| Fenster | ca. 2.000 |
| Korridorlänge | ca. 2,5 Kilometer |
| Bauvolumen | 280.000 m³ (inkl. Casino und Laborgebäude) |
Die Architektur des Gebäudes ist eine meisterhafte Synthese von Tradition und Moderne. Hinter den monumentalen Travertinfassaden verbirgt sich eine moderne Stahlskelettkonstruktion, die eine Bauzeit von lediglich zwei Jahren ermöglichte. Der leicht geschwungene Grundriss und die sechs Querflügel kaschieren die wahre Größe des Baus, während die durchlaufenden Fensterbänder für eine natürliche Belichtung aller Räume sorgen. Der Innenausbau wurde von Poelzigs zweiter Ehefrau, der Bildhauerin und Innenarchitektin Marlene Moeschke-Poelzig, gestaltet. Die terrassierten Außenanlagen mit Wasserbassin entstanden in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Gartenbaudirektor Max Bromme, dem Gärtner Karl Foerster und Künstlern des Bornimer Kreises.
Das Gebäude galt damals als das modernste Bürogebäude Europas: Es verfügte über sechs Personenaufzüge, acht Umlaufaufzüge (Paternoster), eine zentrale Telefonanlage, Aktenaufzüge und ein modernes Entlüftungssystem. Rund 2.000 Angestellte bezogen das Haus, in dem Farbenverkauf, Zentralbuchhaltung, Fremdmusterfärberei und die Konzernpropaganda untergebracht waren. Die Raumverteilungskarte las sich wie eine Weltkarte: Abteilungen für „Orient“, China, Japan, Südamerika, „Donauländer“ und „Nordische Länder“ dokumentierten die globale Reichweite des Konzerns.
Die dunkle Seite: Die IG Farben im Nationalsozialismus
Bereits in den 1930er Jahren passte sich die IG Farben dem NS-Regime an. Nach der „innerbetrieblichen Arisierung“ – dem Ausschluss jüdischer Vorstandsmitglieder – wurde der Konzern zu einem der wichtigsten Rüstungslieferanten des Dritten Reiches. Im Dezember 1933 schloss die Reichsregierung mit der IG Farben den sogenannten Benzinvertrag, der die Produktion von synthetischem Treibstoff durch staatliche Bürgschaften förderte.
Die entscheidende Zäsur kam mit dem Zweiten Weltkrieg. Im I.G. Farben-Haus selbst, in den Sitzungen des Verwaltungsrats, fielen die wesentlichen Entscheidungen über den Bau der Fabrik I.G. Auschwitz und den Einsatz von KZ-Häftlingen. Von hier aus war der Konzern zwischen 1940 und 1944 planerisch und wirtschaftlich an der Judenvernichtung beteiligt.
Die Verstrickungen der IG Farben in die Verbrechen des NS-Regimes sind vielfältig und tiefgreifend:
Zwangsarbeit und KZ Monowitz: Für die IG Farben wurde 1942 ein eigenes Konzentrationslager errichtet: Monowitz (Auschwitz III). Dort waren mindestens 35.000 Häftlinge mit dem Aufbau von Anlagen zur Kohleverflüssigung beschäftigt; mindestens 23.000 von ihnen kamen ums Leben. Seriöse Hochrechnungen gehen insgesamt von bis zu 400.000 Zwangsarbeitern im Dienste des Konzerns aus und mindestens 80.000 Toten.
Zyklon B: Die IG Farben war über eine 42,5-Prozent-Beteiligung an der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) Mithersteller des Giftes Zyklon B, mit dem in den Vernichtungslagern massenhaft Menschen ermordet wurden.
Menschenversuche: Der Konzern führte Experimente an KZ-Häftlingen durch.
Die Entscheidungen für all diese Verbrechen wurden – das ist eine kaum zu überschätzende historische Tatsache – in den repräsentativen Räumen des Poelzig-Baus getroffen.
Der Nürnberger IG-Farben-Prozess
Nach Kriegsende wurden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Der IG-Farben-Prozess (Fall VI der Nürnberger Nachfolgeprozesse) begann am 27. August 1947 und endete am 30. Juli 1948. Angeklagt waren 23 leitende Angestellte des Konzerns, darunter Vorstandsmitglieder und Aufsichtsräte.
Die Hauptanklagepunkte umfassten die Planung und Vorbereitung von Angriffskriegen, die wirtschaftliche Ausplünderung besetzter Länder, die Versklavung und den planmäßigen Einsatz von Zwangsarbeitern aus dem KZ Auschwitz III Monowitz sowie die Lieferung von Zyklon B an die SS.
Das Urteil fiel zwiespältig aus: 13 der Angeklagten wurden zu Haftstrafen zwischen eineinhalb und acht Jahren verurteilt, zehn wurden freigesprochen. Die Strafen waren milde – ein Umstand, der bis heute kritisch betrachtet wird. Die Angeklagten hatten sich mit Erfolg auf einen Notstand berufen: Sie hätten Vergeltungsmaßnahmen befürchten müssen, wenn sie sich nicht am Zwangsarbeiterprogramm beteiligt hätten. Bereits 1951 wurden die Verurteilten amnestiert; die meisten stiegen rasch wieder in führende Positionen der Nachfolgeunternehmen auf.
Vom Siegerhauptquartier zur Universität
Das I.G. Farben-Haus überstand die schweren Luftangriffe auf Frankfurt fast unversehrt. Am 27. März 1945 übernahm die U.S. Army das Gebäude und richtete dort das „Supreme Headquarter, Allied Expeditionary Forces“ ein.
In den folgenden fünfzig Jahren war das „Farben Building“ – später offiziell „General Creighton W. Abrams Building“ – die europäische Zentrale der US-Streitkräfte. Von hier gingen zentrale Impulse der westdeutschen Nachkriegsgeschichte aus:
| Ereignis | Datum | Bedeutung |
|---|---|---|
| Proklamation Nr. 2 | 19. September 1945 | „Gründungsurkunde“ der Länder Hessen, Württemberg-Baden und Bayern |
| Frankfurter Dokumente | 1948 | Skizzierten die politische Zukunft Westdeutschlands; Auftrag an die Ministerpräsidenten zur Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung |
| Währungsreform | 1948 | Ausarbeitung im Gebäude |
Dwight D. Eisenhower richtete sein Dienstzimmer im ersten Stock des Gebäudes ein. 50 Jahre lang war das Gelände militärische Sonderzone, mit Truppenunterkünften, Sportflächen, einer High School und dem bei Frankfurtern beliebten Jazzclub „Terrace Club“. Nach zwei von der RAF verübten Attentaten 1972 und 1976 mit mehreren Toten und Verletzten wurde das Gelände eingezäunt und der Zugang strikt reglementiert.
Der schwierige Umgang mit der Vergangenheit
1995, nach dem Abzug der amerikanischen Truppen, übernahm das Land Hessen das Gelände. Nach einem Umbau von 1998 bis 2001 bezog die Johann Wolfgang Goethe-Universität den nun nach seinem Architekten benannten Poelzig-Bau. Die geisteswissenschaftlichen Institute mit etwa 8.000 Studierenden und 500 Bediensteten zogen auf den neuen Campus Westend.
Doch mit dem Einzug der Universität begann auch ein schwieriger Prozess der Auseinandersetzung mit der belasteten Geschichte des Ortes. Bis heute wird ein Namensstreit ausgetragen: Die meisten nennen das Gebäude schlicht „IG-Farben-Haus“ oder „IG-Farben-Campus“, andere bevorzugen den neutraleren „Poelzig-Bau“ – womit der Architekt in den Fokus rückt und der Bauherr ungenannt bleibt.
Studierende und Lehrende der Goethe-Universität begannen zu hinterfragen, wie mit der Geschichte des Gebäudes und der eigenen NS-Vergangenheit der Universität umgegangen worden ist. Das interdisziplinäre Projekt „Staging IG Farben Building“ des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft stellte grundlegende Fragen: Was passiert, wenn ein Ort der Wissensproduktion in einem Gebäude angesiedelt wird, in dem Entscheidungen über Massenmorde getroffen wurden? Welche Konsequenzen hat das neu erwachte Interesse der Universität an Erinnerungspolitik nach Jahren der Ignoranz?
Das Norbert-Wollheim-Memorial, eine Dauerausstellung im Foyer des Gebäudes, erinnert an die Zwangsarbeiter des IG Farben-Konzerns und an Norbert Wollheim selbst, der als ehemaliger Zwangsarbeiter gegen den Konzern geklagt hatte.
Ausblick: Eine Architektur der Verantwortung
Der Poelzig-Bau bleibt ein Ort der Ambivalenz. Er ist ein architektonisches Meisterwerk der Klassischen Moderne, ein Denkmal deutscher Industriegeschichte – und zugleich ein Tatort der NS-Verbrechen. Die Goethe-Universität hat sich der Aufgabe gestellt, diesen Ort nicht zu verdrängen, sondern ihn zum Gegenstand von Lehre und Forschung zu machen. Die Geisteswissenschaften, die heute hier beheimatet sind, haben die besondere Verantwortung, die Geschichte des Hauses zu reflektieren.
Ob man das Gebäude „IG-Farben-Haus“ oder „Poelzig-Bau“ nennt, ist keine nebensächliche Frage. Sie entscheidet darüber, ob die Erinnerung an die Verbrechen des Konzerns wachgehalten wird oder ob die Architektur über die Geschichte triumphiert. Vielleicht ist der schwierigste, aber auch der einzig angemessene Weg, beides zu benennen: das IG-Farben-Haus, gebaut von Hans Poelzig – ein Gebäude, das uns lehrt, dass großartige Formen und moralische Katastrophen einander nicht ausschließen.
Quellen
- Wikipedia: I.G. Farben-Gebäude (Version vom 14. Januar 2005)
- Bauhauskooperation: I.G.-Farben-Haus
- Wollheim Memorial: Das I.G. Farben-Haus in Frankfurt am Main
- ERIH: Poelzig Building, former IG-Farbenhaus
- Mitteldeutsche Zeitung: IG-Farben-Haus: Ein geschichtsträchtiges Gebäude wird 75 Jahre alt (29. September 2005)
- Die Welt: Analyse: Unglückliche Konstruktion (11. November 2003)
- Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Versklavung der Zivilbevölkerung in besetzten Ländern“ (10. November 2003)
- Frankfurter Allgemeine Zeitung: Uni Frankfurt 25 Jahre im IG-Farben-Haus (3. April 2026)
- Bundeszentrale für politische Bildung: Staging IG Farben Building (2022)
- Deutschlandfunk Kultur: Die Prozesse gegen Industrielle / IG Farben (17. November 2005)
- Wikipedia: I.G.-Farben-Prozess
- Perlentaucher: Der Poelzig-Bau. Vom IG Farbenhaus zur Goethe-Universität (Hg. Werner Meissner / Dieter Rebentisch / Wilfried Wang, S. Fischer Verlag 1999)
- entwicklungsstadt.de: I.G.-Farben-Haus: Frankfurter Architekturikone am Grüneburgpark (22. September 2025)
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