VEB Pentacon Dresden: Aufstieg und Fall eines Kameraimperiums
Autor: DerSchneider
Einleitung
Wer heute durch die Dresdner Neustadt streift, findet auf dem Gelände an der Schandauer Straße kaum noch Spuren jener Zeit, in der hier eines der größten Kamerawerke der Welt stand. Der VEB Pentacon Dresden war über vier Jahrzehnte das Rückgrat der sozialistischen Fotoindustrie – und dennoch ist seine Geschichte weit mehr als nur ein Kapitel Planwirtschaft. Es ist die Geschichte von Ingenieuren, die technische Meisterleistungen vollbrachten, von Arbeitern, die unter schwierigen Bedingungen Weltniveau hielten, und letztlich von einer Marktwirtschaft, die mit der Wende kein Pardon kannte.
Dieser Artikel zeichnet die bewegte Geschichte des Kombinats nach – von den glanzvollen Wurzeln in der Weimarer Republik über die sozialistische Ära bis zum abrupten Ende durch die Treuhand. Dabei werden nicht nur die Kameras selbst betrachtet, sondern auch die wirtschaftlichen, politischen und menschlichen Dimensionen dieses einzigartigen Industriebetriebs.
Die Wurzeln: Dresdner Kameratradition seit 1926
Die Geschichte von Pentacon beginnt lange vor der Namensgebung. Ihre Wurzeln liegen in der Ernemann AG, einem der führenden Kamerawerke Dresdens, das 1926 mit anderen Unternehmen zur Zeiss Ikon AG fusionierte – einem der größten Kamerakonzerne der Welt. Der markante Ernemann-Turm, der noch heute das Dresdner Panorama prägt, wurde zum Symbol dieser Ära und später zum Firmenlogo von Pentacon.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Zäsur: Die Zeiss Ikon AG wurde 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht sequestriert, der Volksentscheid in Sachsen 1946 überführte das Unternehmen in Volkseigentum. Der VEB Zeiss Ikon war geboren – der Grundstein für das spätere Kombinat.
Die Gründung des Kombinats (1959-1964)
Die eigentliche Geburtsstunde von Pentacon schlug 1959. Die DDR-Führung forcierte die Konzentration der zersplitterten Kameraindustrie: Der VEB Kamera- und Kinowerke Dresden entstand aus der Zusammenlegung von fünf traditionsreichen Unternehmen:
| Betrieb | Ehemalige Marken | Mitarbeiter (1959) |
|---|---|---|
| VEB Kinowerke Dresden (ex Zeiss Ikon) | Contax | ca. 2.400 |
| VEB Kamera-Werke Niedersedlitz | Praktiflex, Praktica | ca. 1.300 |
| VEB Welta-Kamera-Werk Freital | Reflekta, Weltaflex | ca. 600 |
| VEB Altissa-Camera-Werk Dresden | Altix, Altiflex | ca. 300 |
| VEB Aspecta Dresden | Projektoren | ca. 290 |
Insgesamt rund 4.900 Beschäftigte formten nun einen Großbetrieb der fotografischen Industrie.
Der Name „Pentacon“
1964 erfolgte die Umbenennung in VEB Pentacon Dresden. Der Name ist ein kluges Kunstwort: „Pent“ (griechisch für fünf) symbolisierte den Zusammenschluss der fünf Betriebe, „Contax“ verwies auf die glorreiche Dresdner Marke. In der Betriebszeitung hieß es damals: „In vielen Ländern ist die Bezeichnung ‚Kamera- und Kinowerke Dresden‘ sprachlich schlecht wiederzugeben und stellt werbemäßig kaum einen Begriff dar“. Die Entscheidung war pragmatisch – und weitsichtig.
Die Blütezeit: Weltmarktführer aus der DDR
Die Praktica – Rückgrat der Produktion
Das mit Abstand bekannteste Produkt des Kombinats war die Praktica – eine Kleinbild-Spiegelreflexkamera, die zwischen 1949 und 1990 rund 9 Millionen Mal gefertigt wurde. Ihr Markenzeichen war das M42-Schraubgewinde, das eine schier unendliche Auswahl an Objektiven ermöglichte – von Carl Zeiss Jena, Meyer-Optik Görlitz und später Pentacon selbst.
Die Produktionszahlen der wichtigsten Praktica-Modelle verdeutlichen die Dimension:
| Modellreihe | Produktionszeitraum | Stückzahl (ca.) |
|---|---|---|
| Praktica IV/V | 1956-1969 | 1,1 Mio. |
| Praktica L-Reihe | 1969-1988 | 3,7 Mio. |
| Praktica MTL 3 | 1978-1985 | 870.000 |
| Praktica B-Serie | 1983-1990 | k. A. |
Die Pentacon Six – Mittelformat für Profis
Neben der Praktica entwickelte sich die Pentacon Six zur zweiten Säule des Werks. Diese 6×6 cm Mittelformatkamera war für den professionellen Einsatz konzipiert und wurde von 1966 bis 1990 in mehreren Varianten gebaut. Der von Pentacon entwickelte P6-Bajonettanschluss fand später sogar in sowjetischen Kameras wie der Kiew 60 Verwendung. Besonders begehrt sind heute die Objektive wie das *Carl Zeiss Jena 80 mm f/2.8 Biometar* oder das *180 mm f/2.8 Sonnar*, die zu den besten Mittelformatoptiken überhaupt zählen.
Technische Innovationen
Pentacon war mehr als ein Massenproduzent. Das Werk brachte beachtliche Innovationen hervor:
- 1949: Die Contax S war die weltweit erste Spiegelreflexkamera mit fest eingebautem Pentaprisma – ein Meilenstein, der den Grundstein für alle modernen SLRs legte.
- 1967: Einführung des PL-Systems (Pentacon Loading) für schnelleren Filmeinlegung bei Praktica-Kameras.
- 1968: Die Pentacon Super verfügte über einen neuartigen Lamellenverschluss, Wechselsucher und motorischen Antrieb – und flog sogar an Bord von Sojus 4 ins Weltall. Mit einem Preis von über 2000 Mark war sie jedoch zu teuer für den Massenmarkt und wurde 1972 eingestellt.
Die Schattenseiten: Planwirtschaft und Zwang
Doch die Erfolgsgeschichte hatte ihre Kehrseite. Die zentralistische Planwirtschaft setzte dem Kombinat enge Grenzen: Fehlende Devisen erschwerten den Import moderner Maschinen, politische Vorgaben diktierten Produktionsziele. Hinzu kam ein dunkles Kapitel: Ein Teil der Fertigung von Pentacon-Kameras erfolgte durch Zwangsarbeit in DDR-Hafteinrichtungen. Dieser Aspekt wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft ausgeblendet, gehört aber zur vollständigen Geschichte.
Der Niedergang: Vom Kombinat zur Liquidation
Die strukturellen Probleme
Bereits in den 1980er Jahren zeigten sich Risse. Als 1985 das Kombinat Pentacon dem übergeordneten Kombinat VEB Carl Zeiss Jena angegliedert wurde, sollten Forschung und Entwicklung um 40 % reduziert werden – Ressourcen sollten stattdessen in die Militärproduktion fließen. Die jährliche SLR-Produktion sank, die Exporte in nichtsozialistische Länder wurden von 77 % (1984) auf 50 % gedrosselt. Ein fataler Schritt in einer Zeit, als japanische Hersteller wie Canon und Nikon die Weltmärkte eroberten.
Die Treuhand-Entscheidung
Nach der Wende übernahm am 1. Juli 1990 die Treuhandanstalt das Kombinat. Die Pentacon GmbH wurde mit 5.700 Mitarbeitern gegründet – doch schon wenige Monate später, am 2. Oktober 1990, dem letzten Tag der DDR, wurde die Liquidation beschlossen. Ein verheerender Schlag.
Der Geschäftsführer Gunter Schulzki hatte zuvor gewarnt: „Die Treuhandanstalt läuft bei Versagen der erforderlichen Bürgschaften Gefahr, mit der Pentacon GmbH ihr eigenes Vermögen […] zu vernichten“. Die Warnung verhallte ungehört.
Die Zahlen sind brutal: Am 30. Juni 1991 erhielten 2.867 Beschäftigte ihre Kündigung – über 90 % der Belegschaft. Nur 232 Mitarbeiter blieben, um die Auflösung abzuwickeln. Heinrich Mandermann, Inhaber der Schneider-Gruppe, erwarb die Überreste für 8,85 Millionen DM und gliederte sie als Jos. Schneider Feinwerktechnik GmbH & Co. KG ein.
Das Erbe: Was von Pentacon bleibt
Zwei Nachfolgefirmen
Die Tradition stirbt nicht völlig aus. Zwei Unternehmen führen das Erbe fort:
- Pentacon GmbH Foto- und Feinwerktechnik (heute zur Schneider-Gruppe gehörig) produziert weiterhin optische Systeme und Scannerkameras. Die Marke Praktica wurde bis 2015 für Kompaktkameras genutzt, danach an einen britischen Lizenznehmer verkauft.
- Kamera Werk Dresden (ehemals Kamera-Werke Niedersedlitz) stellt unter der Marke Noblex noch heute hochwertige Panoramakameras her.
Die Herausforderungen der Gegenwart
Selbst die Nachfolgebetriebe bleiben nicht von wirtschaftlichen Turbulenzen verschont. Die Präzisionsteile Dresden GmbH & Co. KG, ein direkter Nachfolger des Pentacon-Werks, musste im Mai 2025 ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung anmelden. Das Unternehmen mit 126 Beschäftigten, das heute hochpräzise Antriebstechnik für die Automobilindustrie produziert, leidet unter der Schwäche der Autobranche. Ein bitterer Beleg dafür, dass selbst die besten Ingenieure externe Marktbedingungen nicht ausgleichen können.
Sammler und digitale Wiedergeburt
Im 21. Jahrhundert erlebt Pentacon eine unerwartete Renaissance – nicht als Produzent, sondern als Kultmarke. Praktica-Kameras und Pentacon-Six-Objektive sind bei Sammlern und analogen Fotografen heiß begehrt. Auf Plattformen wie Kamerastore werden Objektive wie das Pentacon 500 mm f/5.6 Prakticar mit 4,5 kg Gewicht und 18 Blendenlamellen zu dreistelligen Euro-Beträgen gehandelt.
Selbst digital ist Pentacon präsent: Die Scannerkamera Scan 7000, die 2010 auf der photokina vorgestellt wurde, löst mit 20.000 × 20.000 Pixeln auf und nutzt die SilverFast Archive Suite – ein Nischenprodukt für die professionelle Digitalisierung.
Fazit und Ausblick
Die Geschichte des VEB Pentacon Dresden ist eine deutsche Tragödie in mehreren Akten: Aufstieg aus der Asche des Krieges, technische Brillanz unter widrigen Bedingungen, wirtschaftlicher Erfolg gegen die Übermacht des Westens – und schließlich der abrupte Fall durch eine Treuhand, die keine Gnade kannte.
War die Liquidation unvermeidbar? Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Sicher ist: Pentacon war nicht konkurrenzfähig im internationalen Maßstab – zu veraltet die Fertigung, zu planwirtschaftlich die Strukturen. Doch ebenso sicher ist, dass die Treuhand mit einer pauschalen Kreditvergabe (nur 41 % der beantragten Mittel) und der überstürzten Liquidation keine Chance auf Sanierung ließ. Ein Investor wie Mandermann konnte das Werk für einen Bruchteil des Wertes erwerben – ein Muster, das sich bei vielen DDR-Betrieben wiederholte.
Was bleibt, ist ein ambivalentes Erbe: Hunderte von Kameramodellen, die in Sammlern auf der ganzen Welt leben. Tausende von Arbeitsplätzen, die vernichtet wurden. Und eine Marke, die heute nur noch als Lizenzprodukt oder in Nischenmärkten weiterlebt. Der Ernemann-Turm aber steht noch – als stilles Mahnmal für eine vergangene Industrieepoche.
Quellen
- Jehmlich, Gerhard: *Der VEB Pentacon Dresden – Geschichte der Dresdner Kamera- und Kinoindustrie nach 1945*. Sandstein Verlag, Dresden 2009. ISBN 978-3-940319-75-3
- Sächsisches Staatsarchiv: Bestand 11591 – Kombinat VEB PENTACON Dresden (1946-1991)
- Camera-Wiki.org: Pentacon
- Wikipedia: VEB Pentacon Dresden
- Sächsische Zeitung: Pentacon-Nachfolgebetrieb in Dresden leidet unter Schwäche der Autobranche (Mai 2025)
- Kamerastore.com: Produktinformationen zu Pentacon Six und Objektiven
- DDR Museum Blog: Pentacon: Kamera- und Optiktradition aus Sachsen (2016)
Kommentar abschicken