Die Unsterblichkeit des Vermögens
Autor: DerSchneider
Einleitung
Es ist eine jener Zahlen, die einen innehalten lassen: 0,04. Die Einkommenselastizität zwischen den Florentiner Steuerzahlern von 1427 und ihren mutmaßlichen Nachfahren im Jahr 2011. Zum Vergleich: In den meisten modernen Industrienationen liegt die intergenerationale Einkommenselastizität zwischen Eltern und Kindern bei etwa 0,3 bis 0,5 – ein Wert, der bereits als Ausdruck erheblicher sozialer Unbeweglichkeit gilt. Doch was Barone und Mocetti von der Bank von Italien 2016 veröffentlichten, sprengte selbst diese Maßstäbe: Über sechs Jahrhunderte hinweg, durch Kriege, Seuchen, politische Umstürze und wirtschaftliche Transformationen hindurch, hat sich die sozioökonomische Rangfolge der Florentiner Familien kaum verändert.
Die Ausgangsbasis dieser außergewöhnlichen Studie ist das Catasto von 1427 – eine der detailliertesten und zuverlässigsten quantitativen Quellen des europäischen Mittelalters. Es umfasst 61.123 Haushalte in der Toskana und dokumentiert für die Stadt Florenz rund 10.000 Familien mit ihren Vermögenswerten, Einkünften und Berufen. Dieses Steuerregister, das ursprünglich der gerechteren Erhebung von Abgaben dienen sollte, wurde sechs Jahrhunderte später zur epidemiologischen Karte der sozialen Ungleichheit.
Der historische Befund: Das Catasto von 1427
Die Florentiner Republik führte 1427 eine steuerliche Revolution durch: Erstmals wurde nicht mehr der geschätzte Wert von Besitz besteuert, sondern eine umfassende Selbsterklärung aller Vermögenswerte erhoben – Grundbesitz, Handelsguthaben, Forderungen, sogar Hausrat. Die Bürger mussten ihre wirtschaftliche Existenz bis ins Detail offenlegen. Wer falsche Angaben machte, riskierte drakonische Strafen.
Das Ergebnis war ein beispielloses Abbild der mittelalterlichen Gesellschaft: Die Vermögenskonzentration war bereits damals extrem. Die obersten zehn Prozent der Familien verfügten über den Großteil des gesamten Reichtums. An der Spitze standen Advokaten und Mitglieder der großen Kaufmannsgilden – Tuchhändler, Seidenhändler, Bankiers. Am unteren Ende der Skala fanden sich Tagelöhner, Kleinhandwerker und die wachsende Schicht der städtischen Armen.
Was dieses Verzeichnis so wertvoll für die Forschung macht, ist seine Vollständigkeit: Es erfasst nicht nur die Eliten, sondern die gesamte Bevölkerung – eine Seltenheit für die Vormoderne.
Die Methode: Nachnamen als genetische Fingerabdrücke
Die zentrale Herausforderung der Studie lag in der Verknüpfung zweier Datensätze, die sechs Jahrhunderte trennen. Barone und Mocetti nutzten die Nachnamen als Brücke. Die Annahme: In Italien werden Familiennamen über Generationen hinweg patrilinear weitergegeben und sind zudem stark regional konzentriert. Wer heute in Florenz denselben Nachnamen trägt wie ein Steuerzahler von 1427, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit dessen Nachfahre.
Um dieser Annahme statistische Präzision zu verleihen, wendeten die Ökonomen eine Zwei-Stichproben-Zwei-Stufen-Kleinstquadrate-Methode (TS2SLS) an:
- Erster Schritt: Die Einkommen der Florentiner von 1427 wurden auf eine vollständige Menge von Nachnamen-Dummy-Variablen regressiert (kontrolliert für Alter und Geschlecht). Das Ergebnis: ein „Nachnamen-Effekt“ – der typische sozioökonomische Status, der mit einem bestimmten Namen verbunden war.
- Zweiter Schritt: Die heutigen Steuerzahler (Daten aus dem Jahr 2011) wurden mit den geschätzten Werten ihrer „Ahnen-Nachnamen“ in Verbindung gebracht. Die Regression der heutigen Einkommen auf diese prognostizierten Ahnen-Einkommen lieferte die Elastizität.
Diese Methode umgeht das Problem, dass wir keine direkten Stammbäume über 20 Generationen besitzen. Sie setzt jedoch voraus, dass Nachnamen tatsächlich vererbt werden und dass die Träger eines Namens in Florenz geblieben sind – was die Forscher durch verschiedene Robustheitstests untermauerten.
Die Ergebnisse: Eine erschütternde Kontinuität
Die zentrale Zahl der Studie ist die Einkommenselastizität von 0,04. Was bedeutet das? In der traditionellen intergenerationalen Mobilitätsforschung gilt die Faustregel: Eine Elastizität von 0,4 bedeutet, dass ein Elternteil, der 10 Prozent über dem Durchschnitt verdient, ein Kind hervorbringt, das im Durchschnitt 4 Prozent über dem Durchschnitt liegt. Die Hälfte des Vorteils verpufft also bereits in der nächsten Generation.
Bei einem Wert von 0,04 über 20 Generationen hinweg ist die Aussage noch viel dramatischer: Die relative Position der Familien hat sich über sechs Jahrhunderte kaum verändert. Die Nachfahren der reichsten Florentiner von 1427 gehören auch heute noch zu den Spitzenverdienern. Die Nachfahren der Armen sind es bis heute geblieben.
Noch ausgeprägter ist der Effekt beim Vermögen: Hier fanden die Forscher eine noch stärkere Vererbung als beim Einkommen. Auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Elitenberufen – etwa der Anwaltschaft – erwies sich als bemerkenswert persistent.
| Kennzahl | Ergebnis | Bedeutung |
|---|---|---|
| Einkommenselastizität (1427–2011) | 0,04 | Extrem hohe Persistenz über 20 Generationen |
| Vermögensvererbung | Noch stärker als beim Einkommen | Geld vererbt sich besser als Einkommensposition |
| Berufseliten-Persistenz | Nachweisbar | Bestimmte Familiennamen dominieren über Jahrhunderte bestimmte Berufe |
Die Mechanismen: Warum Vermögen über Jahrhunderte überdauert
Die bloße Feststellung der Persistenz ist ein Befund. Die Erklärung ist eine andere Frage. Barone und Mocetti selbst bieten zwei Hauptargumente an:
1. Die quasi-Immobilität der vorindustriellen Gesellschaft
Im Florenz des 15. Jahrhunderts war soziale Mobilität strukturell begrenzt. Die Gesellschaft war in Stände gegliedert, der Zugang zu den einflussreichen Zünften war reguliert, und Kapitalakkumulation war weitgehend eine Frage des Erbes. Wer in eine reiche Kaufmannsfamilie hineingeboren wurde, hatte nicht nur Geld, sondern auch Netzwerke, Ausbildung, Kreditwürdigkeit und soziales Ansehen – ein Bündel von Vorteilen, das sich selbst verstärkte.
2. Positionale Vorteile beim Zugang zu bestimmten Berufen
Der zweite Mechanismus ist subtiler und reicht bis in die Gegenwart: Bestimmte Berufe – insbesondere solche mit hohem Prestige und Einkommen – sind nicht nur eine Frage der individuellen Leistung, sondern auch des Zugangs. Wer aus einer Familie kommt, die seit Generationen Anwälte oder Bankiers stellt, hat nicht nur das nötige Startkapital für die Ausbildung, sondern auch die Kontakte, die Empfehlungen, das kulturelle Kapital. Diese „positionalen Vorteile“ wirken über die reine Geldvererbung hinaus.
Die historische Perspektive: Was blieb, was sich änderte
Die Studie wirft ein Schlaglicht auf eine erstaunliche Tatsache: Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen der letzten sechs Jahrhunderte – die Medici-Herrschaft, der Niedergang der Republik, die napoleonische Eroberung, die Einigung Italiens, zwei Weltkriege, die faschistische Diktatur, der wirtschaftliche Wandel vom Handelszentrum zur Touristenmetropole – haben die relative Rangfolge der Familien offenbar nicht erschüttert.
Das bedeutet nicht, dass sich nichts verändert hätte. Die absolute Höhe des Vermögens, die Zusammensetzung des Reichtums, die wirtschaftliche Basis – all das hat sich radikal gewandelt. Aber die relative Position der Familien zueinander blieb stabil. Die oberen zehn Prozent von 1427 sind – gemessen an ihren Nachfahren – auch heute noch die oberen zehn Prozent.
Kontroversen und Einwände
Die Studie ist nicht unumstritten. Drei Kritikpunkte verdienen besondere Beachtung:
1. Die Nachnamen-Methode
Die zentrale Annahme – dass gleiche Nachnamen auf gleiche Abstammung schließen lassen – ist nicht unproblematisch. In Italien gibt es zwar eine starke regionale Konzentration von Nachnamen, aber auch Fälle von Namensänderungen, Adoptionen, unehelichen Geburten und Migration. Die Forscher haben diese Probleme durch verschiedene Robustheitstests adressiert, doch ein Restrisiko bleibt.
2. Der Selektionsbias
Wer über sechs Jahrhunderte in derselben Stadt lebt, ist bereits eine selektive Gruppe. Die Familien, die aus Florenz wegzogen, verschwinden aus der Stichprobe. Wenn es einen systematischen Zusammenhang zwischen Wohlstand und Verbleib in der Stadt gibt – und das ist plausibel –, dann könnte die Studie die wahre Mobilität unterschätzen. Auch diesem Problem gingen die Autoren nach.
3. Die Definition von „reich“ und „arm“
Die Steuerlisten von 1427 erfassen nur das deklarierte Vermögen. Es ist bekannt, dass Steuerhinterziehung auch damals ein Phänomen war. Zudem sind die Kategorien von Einkommen und Vermögen über sechs Jahrhunderte hinweg nur bedingt vergleichbar.
Was die Studie nicht sagt
So beeindruckend die Ergebnisse sind – sie erlauben keine direkten Rückschlüsse auf die heutige soziale Mobilität in Deutschland oder anderen Ländern. Florenz war eine spezifische Stadt mit einer spezifischen Geschichte. Die Studie zeigt, dass unter bestimmten Bedingungen soziale Ungleichheit über extrem lange Zeiträume persistieren kann. Sie zeigt nicht, dass dies zwangsläufig so sein muss.
Zudem ist die Studie eine Aggregatbetrachtung auf Nachnamen-Ebene. Sie sagt nichts über die Mobilität einzelner Individuen aus – nur darüber, dass im Durchschnitt die Familien mit reichen Ahnen auch heute noch reicher sind. Es gab zweifellos Aufsteiger und Absteiger. Aber sie waren offenbar nicht zahlreich genug, um das Gesamtbild zu verändern.
Ausblick: Was bleibt, was sich ändern muss
Die Florentiner Studie von Barone und Mocetti ist mehr als eine historische Kuriosität. Sie ist ein Weckruf für alle, die an die Durchlässigkeit von Gesellschaften glauben. Wenn soziale Ungleichheit über sechs Jahrhunderte hinweg so persistent sein kann, dann sind die Kräfte, die sie aufrechterhalten, mächtiger als oft angenommen.
Das wirft grundlegende Fragen auf:
- Bildung: Wenn der Zugang zu prestigeträchtigen Berufen über Jahrhunderte vererbt wird, wie durchlässig sind dann unsere Bildungssysteme wirklich?
- Vermögenssteuer: Die Studie zeigt, dass Vermögen sich noch hartnäckiger vererbt als Einkommen. Welche steuerpolitischen Instrumente könnten dieser Dynamik entgegenwirken?
- Soziale Mobilität: Sind die Mechanismen der Persistenz – Netzwerke, kulturelles Kapital, positionale Vorteile – in modernen Gesellschaften weniger wirksam oder nur anders wirksam?
Die Antworten auf diese Fragen sind nicht in einer historischen Studie zu finden. Aber sie zeigt, wie tief die Wurzeln sozialer Ungleichheit reichen können – und wie naiv es wäre anzunehmen, dass sie sich von selbst auflösen.
Quellen
- Barone, Guglielmo & Mocetti, Sauro (2016): „Intergenerational mobility in the very long run: Florence 1427-2011“. Temi di discussione (Working papers), Banca d’Italia, No. 1060.
- Barone, Guglielmo & Mocetti, Sauro (2021): „Intergenerational Mobility in the Very Long Run: Florence 1427–2011“. Review of Economic Studies, v. 88, 4, pp. 1863–1891.
- Herlihy, David & Klapisch-Zuber, Christiane (1978): „Tuscans and their Families: A Study of the Florentine Catasto of 1427“. Yale University Press.
- n-tv (2016): „Danke für das Geld, Urururururgroßvater“. 25. August 2016.
- The Online Catasto of 1427 – Brown University Library.
- Alfani, Guido (2017): „Long‐term trends in economic inequality: the case of …“ PMC.
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