38 – Arbeitssicherheit für Elektrofachkräfte: Die fünf Sicherheitsregeln in der Praxis

Autor: DerSchneider

Einleitung: Leben retten mit System

Die fünf Sicherheitsregeln sind das Fundament jeder elektrotechnischen Arbeit. Sie sind in der DGUV Regel 103-011 (bisher BGV A3) festgeschrieben und für jede Elektrofachkraft verpflichtend. Doch in der Hektik des Arbeitsalltags werden sie oft abgekürzt – mit fatalen Folgen.

Dieser Artikel wiederholt die fünf Regeln, erklärt ihre praktische Umsetzung und zeigt typische Fehler.

1. Die fünf Sicherheitsregeln im Überblick

RegelBeschreibungHäufiger Fehler
1. FreischaltenAllpolige Trennung vom Netz (Sicherung ziehen, Hauptschalter aus)Nur einpolig abschalten (z. B. LS für L, aber N bleibt verbunden)
2. Gegen Wiedereinschalten sichernSicherung gegen unbeabsichtigtes Einschalten sichern (Schloss, Vorhängeschloss, Schild)Sicherung nur in die Tasche stecken (Kollege könnte sie wieder einsetzen)
3. Spannungsfreiheit feststellenMit zweipoligem Spannungsprüfer (duspol) an allen Polen gegen PE und untereinander messenEinpoliger Phasenprüfer (Lügenstift) – lebensgefährlich!
4. Erden und KurzschließenBei Arbeiten an Freileitungen oder Hochspannung – für Niederspannung meist entbehrlich, aber bei induktiven Spannungen notwendigWird oft vergessen, wenn mit Kabeln gearbeitet wird, die parallel zu Starkstromleitungen liegen
4a. (Ergänzung) Abdecken oder Abschranken benachbarter, unter Spannung stehender TeileIn Verteilern: Abdeckungen über benachbarten KlemmenKeine Abdeckung, nur „vorsichtig sein“
5. Arbeiten erledigen – dann in umgekehrter Reihenfolge rückbauenErst nach Beendigung der Arbeit Erden/Kurzschließen entfernen, dann SchutzabdeckungenRückbau vergessen, später schließt jemand den Kurzschluss

2. Praktische Umsetzung in der Niederspannung

Für die meisten Arbeiten (z. B. Steckdose tauschen, Verteiler erweitern) reichen die Regeln 1–3 und die Ergänzung (Abdecken).

Beispiel: Sie tauschen eine Steckdose im Bad.

  1. Freischalten: LS für den Bad-Stromkreis ausschalten (im Verteiler).
  2. Gegen Wiedereinschalten sichern: Ein Vorhängeschloss an den LS hängen (oder ein Schild „Arbeiten an der Anlage“).
  3. Spannungsfreiheit feststellen: Mit zweipoligem Spannungsprüfer an der Steckdose L-N, L-PE, N-PE messen.
  4. Abdecken: Wenn im Verteiler neben dem abgeschalteten LS noch andere LS unter Spannung sind, diese mit einer Abdeckung schützen.
  5. Nach dem Tausch: Die Abdeckung entfernen, das Schloss abnehmen, den LS wieder einschalten.

3. Besondere Fälle: Induktive Spannungen

Bei langen Kabeln, die parallel zu anderen stromführenden Leitungen verlaufen (z. B. in Kabeltrassen), kann auch nach dem Freischalten eine induzierte Spannung anliegen (mehrere 100 V).

Abhilfe: Erden und Kurzschließen (Regel 4) – also alle Leiter (L1, L2, L3, N) mit einem Erdungsstab verbinden.

4. Typische Fehler und ihre Folgen

FehlerMögliche Folge
Einpoliger Phasenprüfer („Lügenstift“) statt duspolAnzeige auch bei induktiven Spannungen, aber keine verlässliche Spannungsfreiheit
Nur L gegen N prüfen, nicht gegen PEWenn PE unterbrochen ist, könnte trotzdem Spannung gegen Erde anliegen
Keine Sicherung gegen Wiedereinschalten (nur Zettel)Kollege denkt, die Sicherung sei versehentlich ausgeschaltet, schaltet wieder ein
Abdecken benachbarter Teile vergessenMit dem Werkzeug in benachbarte, unter Spannung stehende Klemme geraten

5. Persönliche Schutzausrüstung (PSA)

Zusätzlich zu den fünf Regeln:

  • Isolierende Handschuhe (bei Arbeiten unter Spannung – aber das sollte vermieden werden)
  • Schutzbrille (bei Funkenflug)
  • Isolierte Werkzeuge (VDE-geprüft, mit doppelter Isolierung)

Checkliste für die Praxis

  • Liegt ein zweipoliger Spannungsprüfer (duspol) vor (kein einpoliger)?
  • Gibt es Vorhängeschlösser oder Schilder für die Sicherungskästen?
  • Sind VDE-geprüfte isolierte Schraubendreher und Zangen vorhanden?
  • Wird die Spannungsfreiheit immer vor Arbeitsbeginn geprüft (nicht nur einmal am Tag)?
  • Werden benachbarte, unter Spannung stehende Teile abgedeckt?

Fazit und Ausblick

Die fünf Sicherheitsregeln sind kein leerer Lippenbekenntnis. Wer sie konsequent anwendet, minimiert das Risiko eines elektrischen Unfalls auf nahe null. Der zweipolige Spannungsprüfer ist das wichtigste Werkzeug – teuer, aber jeden Cent wert.

Im nächsten Artikel (39) behandeln wir ein Thema, das immer wieder zu Diskussionen führt: „Bestandsanlagen und Altbau: Zwischen Bestandsschutz und Nachrüstpflicht“.

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