Tachiyomi, Mihon und die digitale Bewahrung von Comics: Ein CBR-Betrachter für Android

Autor: DerSchneider


Einleitung

Was einst nach einem Tippfehler klang – „Tachimori“ – entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Hommage an eine der einflussreichsten Open-Source-Anwendungen der letzten Jahre: Tachiyomi. Wer auf Android-Geräten Comics, Mangas oder Bildbände im bewährten CBR- oder CBZ-Format lesen möchte, kommt an dieser Software und ihrem Nachfolger Mihon kaum vorbei. Doch hinter dem schlichten Etikett „CBR-Betrachter“ verbirgt sich eine komplexe Technik-, Rechts- und Kulturgeschichte. Dieser Artikel beleuchtet, wie ein von Freiwilligen entwickeltes Werkzeug zum Sammelbecken digitaler Bildgeschichten wurde, warum die ursprüngliche Entwicklung eingestellt werden musste und welche Alternativen heute bestehen. Dabei geht es nicht nur um Dateiformate und Codecs, sondern auch um die Frage, wie offene Technikkultur mit urheberrechtlichen Realitäten kollidiert – und was das für Leser und Sammler bedeutet.


Hauptteil

1. Das CBR-Format – Ein digitaler Container mit Tradition

Bevor wir uns den Betrachtern zuwenden, lohnt ein Blick auf das, was sie anzeigen: CBR (Comic Book RAR) und CBZ (Comic Book ZIP) sind keine eigenständigen Bildformate, sondern schlicht Archive. Eine CBR-Datei ist ein mit dem Kompressionsalgorithmus RAR erstelltes Archiv, das üblicherweise einzelne Bilddateien (JPEG, PNG, GIF) in einer definierten Reihenfolge enthält. CBZ nutzt das quelloffene ZIP-Format. Die Endung signalisiert Comic-Readern, dass sie die Bilder als Seiten eines Buches präsentieren sollen.

FormatKompressionsverfahrenOffenheitTypische Probleme
CBRRAR (meist Version 4)proprietärRAR5 nicht universell unterstützt
CBZZIP (DEFLATE)offenkaum Probleme
CB77z (LZMA)offenselten unterstützt

Historisch setzte sich CBR durch, weil die Fanszene in den 2000er Jahren RAR für die Verteilung von gescannten Comics nutzte. Bis heute ist das Format weit verbreitet, auch wenn es technisch keine Vorteile gegenüber CBZ bietet – eher Nachteile, da die RAR-Komprimierung lizenziert ist und nicht alle Open-Source-Bibliotheken die aktuelle Version RAR5 problemlos entpacken können.

2. Tachiyomi: Der Phönix aus der Open-Source-Szene

Tachiyomi (japanisch für „Blickfang“ oder „stehendes Lesen“) entstand 2015 als Privatprojekt des Entwicklers arkon. Was ursprünglich ein einfacher Manga-Reader werden sollte, wuchs dank einer aktiven Community zu einem Schweizer Taschenmesser für digitale Comics heran. Die App zeichnet sich durch folgende Kernfunktionen aus:

  • Unterstützung lokaler Dateien: CBR, CBZ, ZIP, RAR, EPUB, PDF – nahezu jedes Archiv wird eingelesen.
  • Erweiterbare Quellen (Extensions): Über ein Plugin-System können Nutzer Inhalte aus Online-Bibliotheken (wie MangaDex, Comic-Backups etc.) beziehen – ein Feature, das später zum Verhängnis werden sollte.
  • Anpassbare Bibliothek: Intelligente Ordnerstrukturen, Tagging, automatische Cover-Erkennung.
  • Offline-Lesemodus: Heruntergeladene Kapitel stehen auch ohne Internet zur Verfügung.

Für den lokalen CBR-Betrachter genügt es, die Dateien in den Ordner Tachiyomi/local/ zu legen – die App baut daraus eine lesbare Sammlung auf. Die Leseroberfläche erlaubt vertikales Scrollen, Einzelseitenansicht, Helligkeitsanpassung und sogar Gestensteuerung.

2.1 Technische Tiefe: Wie Tachiyomi CBR verarbeitet

Unter der Haube nutzt Tachiyomi die Bibliotheken junrar (für RAR bis Version 4) und commons-compress für ZIP. Bei RAR5-Dateien, die mit aktueller WinRAR-Version erstellt wurden, kommt es jedoch zu Fehlern – ein häufiger Grund für frustrierte Nutzer, die ihre eigenen Sammlungen archivieren. Die Entwickler empfahlen daher, Comics als CBZ zu speichern, was mit Tools wie ComicTagger oder Mangle einfach möglich ist.

3. Der Fall Tachiyomi: Abmahnung und Entwicklungseinstellung

Am 13. Januar 2024 veröffentlichte das Team die letzte stabile Version 0.15.3 und gab gleichzeitig bekannt, dass die aktive Entwicklung eingestellt wird. Grund: Eine Abmahnung durch Kakao Entertainment, einem südkoreanischen Medienkonzern. Kakao warf Tachiyomi vor, durch seine Erweiterungs-Architektur das Urheberrecht zu verletzen – die App ermögliche den Zugriff auf nicht lizenzierte Inhalte aus Drittquellen.

Die Kontroverse ist vielschichtig:

  • Pro Tachiyomi: Die App selbst enthält keine urheberrechtlich geschützten Inhalte. Sie ist ein reines Werkzeug, ähnlich einem Browser. Die Erweiterungen werden von Dritten entwickelt, nicht vom Kernteam.
  • Contra: Das Design der App zielt erkennbar darauf ab, das Abrufen von Inhalten aus inoffiziellen Quellen zu erleichtern. Gerichte in einigen Ländern sehen darin eine „indirekte Rechtsverletzung“ (z. B. nach dem deutschen Urheberrechtsgesetz §95a i.V.m. EU-Richtlinie 2019/790).

Das Tachiyomi-Team entschied sich aus nachvollziehbaren Gründen für die Einstellung: Rechtsstreitigkeiten mit einem Großkonzern sind für ein unbezahltes Open-Source-Projekt existenzbedrohend. Die Quellen blieben öffentlich, die letzte Version kann weiter genutzt werden – ein klassischer Fall von Techarchäologie.

4. Mihon: Der Nachfolger ohne Altlasten

Aus der Not heraus entstand Mihon (ein Wortspiel: „Mihon“ bedeutet auf Japanisch „Beispiel“ oder „Muster“). Eine Gruppe von Entwicklern forkte das Tachiyomi-Repository, entfernte die umstrittene Erweiterungs-Architektur vollständig und konzentrierte sich auf den reinen lokalen Betrachter. Mihon steht heute für:

  • Keine Online-Quellen mehr: Nur lokale Dateien (CBR, CBZ, PDF, EPUB) und eigene Medienserver (z. B. über WebDAV oder Calibre).
  • Aktive Weiterentwicklung: Regelmäßige Updates, Optimierung für Android 14+.
  • Bessere RAR5-Unterstützung: Durch Integration von sevenzipjbinding können nun auch moderne RAR-Archive gelesen werden.
  • Saubere Codebasis: Keine rechtlichen Grauzonen – ideal für Unternehmen und Schulen.

Für den normalen Nutzer, der lediglich selbst gescannte oder gekaufte Comics im CBR-Format lesen möchte, ist Mihon die eindeutige Empfehlung. Die Bedienung ähnelt Tachiyomi stark, die lokale Bibliothek ist sogar noch übersichtlicher geworden.

MerkmalTachiyomi (0.15.3)Mihon (aktuell)
Aktive EntwicklungNein (eingestellt)Ja
CBR (RAR4)JaJa
CBR (RAR5)Nein (Probleme)Ja (via 7z)
Online-ErweiterungenJa (deaktivierbar)Nein (entfernt)
Empfehlung für NeuanwenderEingeschränktJa

5. Die Praxis: CBR-Dateien auf Android lesen

Die Einrichtung von Mihon ist denkbar einfach:

  1. APK von GitHub oder F-Droid herunterladen (nicht im Google Play Store – aufgrund der strikten Richtlinien zu Drittanbieter-Inhalten).
  2. Ordner erstellen: Auf dem internen Speicher oder der SD-Karte den Pfad Mihon/local/ anlegen.
  3. Comics ablegen: Ordnerstruktur nach Belieben, z. B. Mihon/local/Mein Comic/Issue 01.cbr. Die App erkennt auch Unterordner.
  4. In der App: Unter „Bibliothek“ → „Lokale Dateien“ den Pfad auswählen. Mihon scannt automatisch und generiert Cover.

Alternativ kann man die Dateien auch direkt über den Android-Dateimanager öffnen – Mihon registriert sich für die Endungen .cbr und .cbz.

5.1 Problemlösungen

  • Leere Seiten oder Fehler beim Öffnen: Meist liegt es an RAR5. Konvertieren Sie die Datei mit kostenlosen Tools wie nanazip (Windows) oder keka (macOS) in CBZ um. Dazu einfach das .cbr-Archiv entpacken und als ZIP mit Endung .cbz neu packen.
  • Speicherzugriff verweigert: Android 11+ benötigt die Berechtigung „Zugriff auf alle Dateien“. Diese kann in den App-Einstellungen erteilt werden.
  • Langsames Blättern: Reduzieren Sie die Bildqualität in den Einstellungen oder konvertieren Sie JPEGs mit niedrigerer Auflösung.

6. Ausblick: Was bleibt von Tachiyomi?

Die Geschichte von Tachiyomi ist kein Einzelfall. Von Popcorn Time bis zu YouTube-Downloadern – immer wieder kollidieren benutzerfreundliche Open-Source-Tools mit den Interessen der Rechteinhaber. Die Entwicklung von Mihon zeigt jedoch einen Weg: Indem man sich strikt auf lokale Inhalte beschränkt, entzieht man sich der rechtlichen Angriffsfläche. Gleichzeitig verliert die App einen Teil ihrer Anziehungskraft – viele Nutzer schätzten gerade die Möglichkeit, Webcomics oder Manga-Kapitel bequem herunterzuladen.

Für den CBR-Betrachter ist diese Einschränkung irrelevant. Wer seine Comics legal erwirbt (z. B. als DRM-freie Downloads von Humble Bundle, Google Play oder direkt von Verlagen) oder selbst digitalisiert, findet in Mihon einen würdigen Nachfolger.

In der Techarchäologie wird Tachiyomi als ein Paradebeispiel dafür dienen, wie Community-getriebene Software in der Blütezeit des mobilen Lesens (2015–2024) Maßstäbe setzte – bevor rechtliche und ökonomische Realitäten sie einholten.


Fazit

Die Suche nach einem „Tachimori CBR Android Betrachter“ führt uns zu einem der reifsten Open-Source-Projekte im Bereich digitaler Comics. Tachiyomi hat gezeigt, wie eine App auf Android CBR-Dateien nahezu perfekt darstellen kann – mit Funktionen, von denen kommerzielle Reader nur träumen. Doch die Abhängigkeit von fragwürdigen Online-Quellen wurde dem Projekt zum Verhängnis. Mihon als Nachfolger korrigiert diesen Fehler und bietet einen zukunftssicheren, rechtskonformen Betrachter für alle, die ihre Comics selbst besitzen.

Für den Anwender gilt: Wer heute CBR auf Android lesen möchte, sollte zu Mihon greifen. Die App ist schnell, werbefrei und respektiert die Privatsphäre. Gleichzeitig mahnt die Geschichte von Tachiyomi zur Vorsicht: Auch die beste Technik nützt nichts, wenn sie im Streit um geistiges Eigentum untergeht. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Verlage und Plattformen offene Standards wie CBZ und offene Leser wie Mihon offiziell unterstützen – zum Wohle der Leser und der digitalen Kultur.

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