Die Wirtschaftswunder-Häuser – Wie Quelle und Neckermann das Eigenheim in den Katalog brachten

Von DerSchneider

Eine Utopie des 20. Jahrhunderts war die Vorstellung, dass der Sehnsuchtsort der Deutschen – das eigene Haus mit Garten – künftig nicht mehr in mühevoller Einzelarbeit auf der Baustelle entstehen, sondern bequem auf einer Doppelseite eines Katalogs bestellt und nach kurzer Zeit per Lkw angeliefert werden könnte. In den 1960er Jahren beflügelte genau diese Vision die Geschicke zweier der mächtigsten deutschen Versandhäuser: Quelle in Fürth und Neckermann in Frankfurt. Mit beträchtlichem Aufwand stiegen sie in das boomende Fertighausgeschäft ein, blieben ihrem ureigenen Prinzip des Massenvertriebs treu – und scheiterten am Ende doch auf die gleiche Weise.

Die Initialzündung: Das Wirtschaftswunder und der Traum vom Eigenheim

Die deutsche Nachkriegsgesellschaft der frühen 1960er Jahre stand vor einem Widerspruch. Einerseits war der Wille, den oft beengten und zerstörten Wohnraum hinter sich zu lassen und ein eigenes Haus zu besitzen, gesellschaftlicher Konsens. Die schiere Anzahl der Interessenten hätte einen Bauboom auslösen können. Andererseits waren die Baupreise Anfang der 1960er Jahre um rund 40 Prozent gestiegen, was einem „gewöhnlichen Sterblichen“ den Bau eines konventionellen Hauses unerschwinglich machte.

Das Versandhaus Quelle, das zu dieser Zeit mit einer jährlichen Katalogauflage von etwa neun Millionen Exemplaren zu den mächtigsten Medienunternehmen der Republik gehörte, erkannte die Chance. Inspiriert durch den florierenden US-amerikanischen Fertighausbau und getrieben durch die Logik des eigenen Geschäftsmodells, begann ein Planungsteam um den Architekten Edgar Berge mit der Entwicklung eines seriellen Systems. Die Idee war ebenso einfach wie visionär: Ein Haus, das wie eine Waschmaschine aus dem Katalog bestellt, per Lastwagen geliefert und innerhalb weniger Tage von einer kleinen Kolonne aufgebaut werden konnte.

Zwei Giganten, zwei Wege: Quelle setzt auf das Modul, Neckermann auf die Partnerschaft

Trotz einer ähnlichen Ausgangslage verfolgten Quelle und Neckermann strukturell unterschiedliche Strategien.

Quelle: Der Pionier des Stahlrahmen-Bungalows

Quelle brachte sein Produkt als erster der beiden Versandhändler auf den Markt. Das fertige Haus war erstmals im Katalog Herbst/Winter 1962/63 zu finden. Die technische Basis war ein industriell gefertigtes System auf der Grundlage eines Stahlportalrahmens mit einem Raster von vier mal sieben Metern. Darauf wurden vorgefertigte Boden-, Wand- und Deckenelemente gesetzt und verbunden.

Zur Wahl standen drei Hauptmodelle, die sich direkt auf die Fläche bezogen: Typ 60, Typ 80 und Typ 100. Diese Zahlen standen für die Quadratmeterzahl der Grundfläche, die Nettowohnfläche war etwas geringer. Die Werksangabe von 100 m² Grundfläche bedeutete eine Nettowohnfläche von etwa 99 m². Die Typen 60, 80 und 100 im Jahr 1962:

TypGrundfläche (laut Quelle)Ca. Nettowohnfläche
Typ 6060 m²ca. 50–55 m²
Typ 8080 m²ca. 78–85 m²
Typ 100100 m²ca. 99–110 m²

Von 1965 an gab es die Häuser auch in konservativeren Varianten mit Satteldach, sowie eine Erweiterung auf 110 Quadratmeter Grundfläche (Typ 110 D – „D“ für Dach). Ein originales solches Haus kann heute im Freilichtmuseum am Kiekeberg in der Nähe Hamburgs besichtigt werden. Das im Jahr 1966 als Musterhaus errichtete Gebäude zog 1968 eine Familie ein. Im Jahr 2019 wurde es transloziert und für Besucher originalgetreu mit Einrichtung aus den 1960er Jahren zugänglich gemacht. Interessant ist dabei: Kein einziges Möbelstück der Familie Gröll war tatsächlich bei Quelle gekauft worden.

Neckermann: Der Meister des strategischen Lizenziertums

Josef Neckermanns Weg in das Fertighausgeschäft begann charakteristischerweise mit einem spektakulären Vorstoß. Als sich eine anvisierte Kooperation mit dem damaligen Marktführer Kreibaum („Okal“-Häuser) zerschlug, kam es 1964 zu einem nächtlichen Anruf bei einem mittelständischen Unternehmen aus der Eifel: Hans Streif. „Wollen Sie meine Häuser bauen?“ fragte Neckermann.

Neckermann, der 1963 die Neckermann Eigenheim GmbH gegründet hatte, agierte fortan erfolgreich nach einem Prinzip, das ihm bereits in anderen Geschäftsfeldern zum Durchbruch verholfen hatte: Er lizenzierte die Produktion und den Vertrieb an einen starken Partner, während er selbst das Risiko des operativen Geschäfts weitgehend reduzierte. Das Unternehmen baulich nie selbst, das war die Domäne von Streif.

Noch im selben Jahr stellte Streif sein erstes Fertighaus selbst her. Die Partnerschaft war ein Glücksfall für beide Seiten: Neckermann sicherte sich ein hochwertiges, skalierbares Produkt, und Streif entwickelte sich unter der Ägide des Versandhändlers zum führenden deutschen Fertighausbauer. Neckermann selbst beschäftigte sich parallel zu dieser Partnerschaft auch mit eigenen, architektonisch ambitionierten Projekten, wie etwa den zwischen 1963 und 1965 entwickelten „Vorgefertigten Atriumhaustypen“ in Zusammenarbeit mit dem renommierten Architekten Egon Eiermann.

Im Gegensatz zum Quelle-eigenen Stahlrahmen setzte Neckermann im Wesentlichen auf die Systeme seiner Partner. Die Häuser von Streif etwa waren als Holz-Fertigteilkonstruktionen konzipiert.

Der Markt im Vergleich: Preise, Logistik, Erfolg und Scheitern

Beide Versandhändler agierten in einem hart umkämpften Markt, der von den Gesetzen des Wirtschaftswunders geprägt war. Der Vertrieb lief über die mächtigen Kataloge, deren Auflagen in die Millionen gingen. Quelle erreichte mit seinem Hauptkatalog die Massen, Neckermann präsentierte seine Häuser auf ähnlich breiter Basis.

Preise und Kaufkraft im Vergleich

AspektQuelleNeckermann (über Streif)
MarkteintrittHerbst/Winter 1962/631964
Preisspanne (1960er)Ca. DM 34.000 – 49.800, abhängig vom Typ1964: Ab DM 49.875 für ein Komforthaus
Preis eines BeispielsTyp 100: DM 49.800 (1963)Typ Birkenweg: DM 94.000 ab Oberkante Keller (1973)
Heutige Kaufkraft (ca.)DM 49.800 ≈ € 215.000 (inflationsbereinigt)DM 94.000 ≈ € 215.000 (inflationsbereinigt)
LogistikVersprechen: Aufbau in 5–7 TagenLogistik-Präzision: Täglich 22 Einheiten gleichzeitiger Aufbau

Die Preisberechnung in heutiger Kaufkraft (inflationsbereinigt) ist ein ungefährer Wert, basierend auf der Veränderung des Lebenshaltungsindex. Ein Quelle-Haus für DM 49.800 würde heute um die € 215.000 kosten, und Neckermanns Typ Birkenweg (DM 94.000) läge 1973 ebenfalls inflationsbereinigt im Bereich um die € 215.000. Diese Parität zeigt: Beide Unternehmen lagen preislich in einer ähnlichen Größenordnung, aber Neckermann bot tendenziell größere und höherwertige Häuser an. Quelle musste mit kleineren Modellen preislich konkurrieren.

Die schiere Menge des von Neckermann und Streif gemeinsam abgewickelten Volumens war erstaunlich. Die Fertigungskapazitäten für die Baukomponenten waren auf bis zu 22 Einheiten pro Tag ausgelegt. Jeden Werktag trafen frühzeitig die Großkräne, Lastzüge und fünfköpfigen Montagekolonnen auf der Baustelle ein, am Nachmittag folgte ein zweiter Lastzug mit den Innenbauteilen.

Die Wende: Krise in den 1970ern und der schleichende Abstieg

Trotz der spektakulären Startphase und des ersten Erfolgs endete die Ära der Fertighäuser aus dem Katalog in den 1970er Jahren – und zwar aus strukturellen Gründen, die bis in die Gegenwart nachhallen.

Der Sündenfall 1973: Das Jahr markierte einen tiefen Einschnitt für die gesamte Branche. Die Ölkrise und die damit verbundene Rezession ließen die Nachfrage massiv einbrechen. Die Bundesregierung setzte zudem die Steuerbegünstigung für Häuslebauer (den Paragrafen 7b) zeitweise aus – für die Branche ein verheerender Schock. Die Kapazitäten der Fertighaushersteller waren 1974 nur noch zu etwa 60 Prozent ausgelastet.

Quelle: Die Quelle-Fertighaus GmbH erzielte von Beginn an nie Gewinn. Das eigene Fertighausprogramm wurde daher Anfang der 1970er Jahre völlig überarbeitet. Die zweite Generation der Häuser setzte auf eine massivere Bauweise, doch der Zenit war überschritten. Ab 1980 kooperierte Quelle schließlich mit dem Hersteller Zenker – das eigene Programm war Geschichte.

Neckermann: Josef Neckermanns Unternehmen geriet selbst in eine tiefe Schieflage. Neckermann setzte in seinem letzten vollen Geschäftsjahr vor der Übernahme 3,5 Milliarden D-Mark um, die Umsatzrendite lag jedoch bei nur 0,12 Prozent. 1977 wurde Neckermann mehrheitlich von der Karstadt AG übernommen. Die Neckermann Eigenheim GmbH firmierte fortan als reine Vertriebsgesellschaft.

Das Ende einer Branchen-Ikone

Die gesamte Fertighausbranche verlor bis 1974 etwa ein Drittel ihrer Kapazität. Die über Karstadt angeschlagene Neckermann GmbH fusionierte 1999 mit der ebenfalls angezählten Quelle AG – eine Allianz der Geschwächten. Der Konzern KarstadtQuelle (später Arcandor) schaffte es nicht, die beiden Versandtöchter erfolgreich nebeneinander zu positionieren.

2009, fast auf den Tag genau 47 Jahre nach dem ersten Kataloghaus, meldete Arcandor Insolvenz an. Neckermann verschwand als Marke, Quelle wurde abgewickelt.

Fazit: Eine Utopie am Ende einer Ära

Die Fertighäuser von Quelle und Neckermann waren keine Fehlinvestition. Im Gegenteil, sie verkörperten die Hochphase des deutschen Wirtschaftswunders so perfekt wie kaum ein anderes Produkt: seriell hergestellt, über Massenmedien vertrieben und in Rekordzeit aufgebaut – und doch war der Schritt in den kapitalintensiven Häuserbau für Versandhäuser, die mit niedrigen Margen operierten, eine strukturelle Überforderung. Das Scheitern an den Produktionskosten, den logistischen Hürden und der anhaltenden Skepsis der Kundschaft gegenüber dem „Barackenimage“ von Fertighäusern war letztlich vorprogrammiert.

Dennoch bleibt ein Vermächtnis: Ohne den Versuch der Versandhäuser, den Eigenheimtraum zu demokratisieren, wäre die Industrialisierung des deutschen Wohnungsbaus, wie sie heute in der weitgehend standardisierten Massenproduktion von Wohnungen und Häusern selbstverständlich ist, kaum vorstellbar. Die „Häuser aus dem Katalog“ waren eine Avantgarde – eine Avantgarde, die an den harten Realitäten des Marktes zerbrach, aber den Weg für alles ebnete, was heute als moderner Wohnungsbau gilt.

Quellen

  • Allgemeine und historische Übersichten:
    • DW (2009). „Kleine Quelle-Geschichte“. [Online]
    • fotocommunity.de. „Haus aus dem Katalog“. Foto-Kommentare und Bildbeschreibung.
  • Spezifische technische und museale Details:
    • moderne-regional.de (2022). „Interview: ‚Wir würden selbst einziehen!‘ – Quelle-Fertighaus im Freilichtmuseum am Kiekeberg“. [Online]
    • Schäle, Philipp. „Wohnen aus dem Katalog – Translozierung eines Quelle-Fertighauses“. In: Denkmalszentrum 2022/2023 (PDF). [Online]
    • Freilichtmuseum am Kiekeberg. „Quelle-Fertighaus“. Museumsdokumentation. [Online]
    • Tagesspiegel (2005). „Wirtschaft: Fertighäuser per Postkarte bestellen“. [Online]
    • Spiegel (1973). „Land der Burgen“ (Archiv). [Online]
  • Unternehmens- und Unternehmergeschichten:
    • Welt (2009). „Der Fertighaus-König Streif wird 90“. [Online]
    • fertigbau.de (2021). Pressemitteilung: „Streif ist Gründungsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Fertigbau“. [Online]
    • Wikiwand. „Streif (Unternehmen)“. [Online]
    • saai | Archiv für Architektur und Ingenieurbau (KIT). „Vorgefertigte Atriumhaustypen Neckermann Eigenheim GmbH 1963-1965“. [Online]
  • Zeitgenössische Berichte und Nutzererfahrungen:
    • BAU-Forum (2011). „Neckermann Fertighaus Baujahr 1964 Erfahrungen“. [Online]
    • Landeszeitung (2022). „Ein ganzes Haus geht auf die Reise“. [Online]

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