Die verlorene Kunst des Gebens und Nehmens: Eine Geschichte der Freundlichkeit von 1914 bis heute
Einleitung: Vom Wir zum Ich
„Wenn Freundlichkeit zur Selbstverständlichkeit wird, dann wird aus einer Gesellschaft eine Gemeinschaft.“ Diese einfache Wahrheit stand lange Zeit im Zentrum des sozialen Miteinanders. Doch die Geschichte der Freundlichkeit ist auch eine Geschichte ihrer Grenzen, ihrer Instrumentalisierung und ihres möglichen Verschwindens. „Wenn diese Freundlichkeit ausgenutzt wird, dann ziehen sich die stillen, guten Menschen zurück und überlassen das Feld den Lauten.“
Dieser Artikel zeichnet den Wandel der Freundlichkeit nach – von den solidarischen Netzwerken der Kriegs- und Zwischenkriegszeit über die staatlich organisierte Fürsorge bis hin zur heutigen Gesellschaft, in der Egoismus und Isolation zunehmend den Ton angeben. Gestützt auf historische Quellen und aktuelle Forschungsergebnisse fragt er: Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der das Geben und Nehmen aus dem Gleichgewicht gerät?
Teil I: 1914–1950 – Solidarität in Zeiten der Not
Die Geburt der organisierten Hilfe
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Freundlichkeit noch keine individuelle Tugend, sondern eine kollektive Notwendigkeit. Die Industrialisierung hatte Millionen von Menschen in die Städte gespült, wo sie entwurzelt und auf sich allein gestellt waren . Aus dieser Not heraus entstanden die Hilfsvereine – Selbsthilfeorganisationen, die auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit beruhten .
„Die auf den Prinzipien Solidarität, Unabhängigkeit und Brüderlichkeit beruhenden Hilfsvereine linderten die Folgen, Übersteigerungen und Missbräuche des Kapitalismus“, schreibt das Historische Lexikon der Schweiz . Arbeiter einer Region oder Branche schlossen sich zusammen, zahlten Beiträge in gemeinsame Kassen und unterstützten sich gegenseitig bei Krankheit, Unfall oder Tod. Hier war Freundlichkeit nicht nur eine Frage der Moral, sondern der blanken Überlebenssicherung.
Der Erste Weltkrieg (1914–1918) verschärfte diese Notwendigkeit noch. Als 1924 in Deutschland der „Fünfte Wohlfahrtsverband“ (später: Der Paritätische) gegründet wurde, standen „pragmatische Motive im Vordergrund. Angesichts des verlorenen Ersten Weltkrieges, von Inflationserfahrungen und der allgemeinen Krisenhaftigkeit der Weimarer Republik gilt es, die materielle Existenz der eigenen Mitgliedsorganisationen sicherzustellen“ .
Die dunkle Seite der Fürsorge
Doch die organisierte Hilfe hatte auch ihre Schattenseiten. Eine historische Fallstudie aus Zürich zeigt, wie staatliche Fürsorge in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu einem Instrument der Disziplinierung und Normierung wurde .
Im Zentrum der staatlichen Intervention stand dabei nicht die Behebung der materiellen Misere, sondern die Einwirkung auf die moralischen Defizite. Fürsorgerinnen drangen unangemeldet in Wohnungen ein, befragten Nachbarn und erstellten minutiöse Protokolle über das Verhalten der „Schutzbefohlenen“. Armut wurde als Abweichung vom „Normalen“ betrachtet, die mit bestimmten Sozialtechniken behoben werden sollte .
Die Protokolle der Fürsorgerin über Frau De Agostini, eine italienisch-schweizerische Mutter, die 1913 ins Visier der Behörden geriet, lesen sich heute wie Zeugnisse einer entwürdigenden Kontrolle: „Frau De Agostini empfängt mich nicht sehr liebevoll. (…) In maßlosen groben Ausdrücken fängt sie an, auf die, die sie verklagt, u. auf die Amtsvormundschaft zu schimpfen. Fast muss man annehmen, dass sie wieder betrunken ist“ .
Hier zeigt sich ein Grundproblem der institutionalisierten Freundlichkeit: Wo Hilfe zur Pflicht wird und mit Kontrolle einhergeht, verliert sie ihre freiwillige, wärmende Qualität. Die „Fürsorge“ wird zur „Überwachung“, das „Geben“ zur „Bevormundung“.
Die Zerstörung der Solidarität im Nationalsozialismus
Die dunkelste Episode in der Geschichte der organisierten Hilfe begann 1933. Die Nationalsozialisten forcierten die „Gleichschaltung“ aller Wohlfahrtsverbände. Jüdische Vorstandsmitglieder wie Leopold Langstein, einer der führenden Kindermediziner der Weimarer Republik, mussten ihre Ämter niederlegen . Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) übernahm die Kontrolle, 1934 löste sich der Paritätische Wohlfahrtsverband selbst auf .
Die Idee der Parität – der Gleichheit aller in Ansehen und Möglichkeiten – war durch die nationalsozialistische Rassenideologie ersetzt worden. Freundlichkeit wurde zur Belohnung für „Volksgenossen“, während Juden, Sinti und Roma, Behinderte und politisch Andersdenkende aus dem solidarischen Netzwerk ausgeschlossen und systematisch verfolgt wurden.
Teil II: 1950–2000 – Der Wiederaufbau und die neuen sozialen Bewegungen
Neubeginn auf Trümmern
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Europa vor gewaltigen Aufgaben. Städte lagen in Trümmern, Millionen waren obdachlos, Flüchtlinge und Vertriebene irrten durch das zerstörte Land. Die Wiederaufnahme der organisierten Wohlfahrtspflege war keine Selbstverständlichkeit, sondern harte Aufbauarbeit.
1949 wurde der Paritätische Wohlfahrtsverband in Frankfurt am Main wiedergegründet – zunächst ohne nennenswerte finanzielle Mittel und mit wenigen Mitgliedern . Die Flüchtlingshilfe stand im Zentrum der Arbeit: 1955 betrieben Mitgliedsorganisationen zwölf „Heime für Heimatvertriebene und Flüchtlinge“ .
In diesen Jahren der Knappheit funktionierte Solidarität noch nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit: Man half, weil man wusste, dass man morgen selbst Hilfe brauchen könnte. Freundlichkeit war keine Frage des Charakters, sondern eine Überlebensstrategie.
Die 68er und die neuen sozialen Bewegungen
Ab den späten 1960er Jahren veränderte sich das Verständnis von Hilfe und Solidarität grundlegend. Die Gesellschaft kam in Bewegung: Eltern von Kindern mit Behinderungen schlossen sich zusammen, erste Kinderläden entstanden, Frauen forderten mehr Handlungsspielräume .
In den 1970er Jahren entstanden Selbsthilfegruppen und Bürgerinitiativen, die sich nicht mehr als Bittsteller sahen, sondern als selbstbewusste Akteure. 1972 wurde die Deutsche ILCO (Selbsthilfe für Menschen mit künstlichem Darmausgang) gegründet, fünf Jahre später war sie Mitglied im Paritätischen . Der Verband verstand sich nun als „Verband der Bürgerinitiativen und Selbsthilfeorganisationen“.
Diese Entwicklung bedeutete eine Demokratisierung der Hilfe. Die Betroffenen selbst bestimmten, welche Unterstützung sie brauchten, und organisierten sich eigenständig. Freundlichkeit wurde hier nicht von oben verordnet, sondern von unten entwickelt.
Der erste Armutsbericht: Ein Weckruf
Am 9. November 1989 – wenige Tage vor dem Fall der Mauer – veröffentlichte der Paritätische seinen ersten Armutsbericht. Der Titel war Programm: „…wessen wir uns schämen müssen in einem reichen Land…“ . 3,1 Millionen Sozialhilfebeziehende in der Bundesrepublik wurden als arm bezeichnet – ein Skandal in der damaligen Zeit.
Erstmals bezog ein Wohlfahrtsverband lobbyistische Positionen, die über das Fachpolitische hinausgingen: für Obdachlose, für Alleinerziehende, für Arbeitslose, für psychisch kranke Menschen. Die Botschaft war klar: In einer solidarischen Gesellschaft darf niemand zurückgelassen werden. Freundlichkeit bedeutet auch, politisch für die Schwachen einzutreten.
Teil III: Die Gegenwart – Egoismus und Isolation
Der Selfcare-Hype und seine Schattenseiten
Heute, im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, hat sich das Verständnis von Freundlichkeit und Solidarität grundlegend gewandelt. Ein Trend beherrscht die sozialen Medien: Selfcare. „Sehr viele junge Menschen sind mit Selbstfürsorge beschäftigt“, schreibt die WELT. „Oft führt das am Ende zu problematischer Einsamkeit. Ein Blick auf die Spirale eines Social-Media-Trends – und warum Egoismus und Isolation gefährlich nah beieinanderliegen“ .
Was als gesunde Abgrenzung beginnt, kann in egozentrischer Isolation enden. Die ständige Beschäftigung mit den eigenen Bedürfnissen, die Optimierung des Selbst, die Pflege der eigenen Grenzen – all das sind wichtige Anliegen. Doch wenn sie absolut gesetzt werden, verlieren wir den Blick für die Bedürfnisse der anderen.
Die Psychologie bestätigt diesen Befund: „Mit Freundlichkeit kommt man weiter“ lautet eine Lebensweisheit, aber „wer dauernd grinst, kommt nicht gut an“ . Freundlichkeit muss der Situation angemessen und vor allem glaubwürdig sein. „Wenn Freundlichkeit nur aus taktischen Gründen eingesetzt wird und nicht zu meiner Stimmung passt, ist sie nicht wirkungsvoll“ .
Die wissenschaftlichen Belege: Einsamkeit macht egoistisch
Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) aus dem Jahr 2021 liefert alarmierende Ergebnisse: Die Erfahrung sozialer Isolierung führt dazu, dass Menschen eher egoistische Entscheidungen treffen .
Die Forscherinnen Sabrina Jeworrek und Joschka Waibel führten zwei Online-Experimente mit mehr als 500 Studierenden durch. Die eine Gruppe wurde gezielt an die Erfahrungen der sozialen Isolation während des Lockdowns erinnert, die andere diente als Kontrollgruppe. Das Ergebnis: „Die Aktivierung von Erinnerungen an soziale Isolation führt zu egoistischeren monetären Allokationsentscheidungen“ .
Besonders bemerkenswert: Knapp 80 Prozent der jungen Menschen nahmen sich trotz intensiver digitaler Kontakte als sozial isoliert wahr . Videotelefonie und soziale Medien sind offenbar kein ausreichender Ersatz für menschliche Nähe. Die Studie enthält aber auch eine gute Nachricht: „Die Probanden legten ein prosozialeres Verhalten an den Tag, nachdem wir sie an geltende Normen erinnert hatten“ . Vorbildliches Verhalten ins Rampenlicht zu rücken, kann ein wichtiges Instrument sein, um die sozialen Negativfolgen der Isolation abzufedern.
Die Anonymität des Internets als Freundlichkeitskiller
Ein weiterer Faktor für die zunehmende Egoisierung der Gesellschaft ist die digitale Kommunikation. „Die Anonymität des Internets“ wird in der FAZ als „stiller Freundlichkeitskiller“ bezeichnet . Dass man es einem anderen nicht ins Gesicht sagen muss, was man so eifrig in die Tastatur haut, erleichtert die Hemmungslosigkeit. Man muss sich nicht mit den Befindlichkeiten der Beschimpften auseinandersetzen und beweist dabei „nur mindere Intelligenz – weil man ja selbst an dem Ast sägt, auf dem wir alle sitzen“ .
Die Entkopplung von Wort und Gesicht, von Äußerung und unmittelbarer Reaktion, von Handlung und sichtbarer Konsequenz – all das erleichtert egoistisches und verletzendes Verhalten. Der andere wird zum abstrakten Gegenüber, zum Profilbild, zum Pseudonym. Freundlichkeit aber braucht den Augenkontakt. „Schließlich ist es ihr Ziel, anderen zu nutzen. Dazu muss man sie und ihre Bedürfnisse aber erst mal überhaupt zur Kenntnis nehmen. Genau das aber geht schlecht, wenn man dauernd sein Handy vor der Nase hat“ .
Die paradoxe Lehre der KI
Eine Ironie der technologischen Entwicklung: Während die Menschen einander zunehmend ausweichen, ist die Künstliche Intelligenz von ausnehmender Freundlichkeit. „Wer jemals ChatGPT genutzt hat, ist überrascht darüber, wie ausnehmend freundlich man dort behandelt wird. Wie der Chatbot sich alles merkt, sich interessiert, sich mit großer Akribie in die Bedürfnisse der User einarbeitet“ .
Die Maschine simuliert, was den Menschen abhandenkommt: Aufmerksamkeit, Interesse, Zuwendung. Während wir uns „genau ausrechnen, ob man vom gemeinschaftlich geteilten Mineralwasser auch wirklich das ganze Glas getrunken hat, für das man beim Verlassen des Restaurants bezahlt hat“ , programmieren wir Computer darauf, freundlich zu uns zu sein.
Die Gegenbewegung: Menschen, die das Nettsein nicht verlernt haben
Doch es gibt sie noch, die stillen Heldinnen und Helden der Freundlichkeit. Die FAZ porträtiert einige von ihnen :
Da ist Marcus Stiehl, Kassierer bei Tegut in Frankfurt, der sich für jeden Kunden ein paar Worte in dessen Muttersprache aneignet. „Ich mag die vielen kleinen Gespräche jeden Tag. Den Kontakt mit den Leuten. Dass sie sich freuen, wenn man auf sie eingeht.“ Er sammelt das Leergut der Arbeitskollegen, kauft von dem Erlös Einkaufsgutscheine und verschenkt sie an Bedürftige. Für einen vereinsamten Senior ging er einkaufen und lud ihn zum Heiligen Abend ein.
Da ist Italo Tarantino vom DRK-Blutspendedienst, der die Spender mit überbordender Herzlichkeit begrüßt und auf seinem Tresen ein kleines Süßwarenparadies aufgebaut hat. „Ich finde es so toll, was die Spender hier leisten“, sagt er. „Das sind die Helden, und ich bin nur jemand, der versucht, es ihnen so angenehm wie möglich zu machen.“
Da ist Kerstin Knittel, Fußpflegerin in Dreieich, für die Freundlichkeit eine Grundhaltung ist, gepaart mit Dankbarkeit dafür, „wie gut dieses Leben ist“. Sie zieht selbst unheimlich viel aus den Gesprächen mit ihren Kunden: „Bei den Studenten erfahre ich, wie es so in einer WG läuft. Von dem emeritierten Professor für Architektur lerne ich viel über die Geschichte des Römerberges.“
Diese Menschen beweisen: Freundlichkeit ist keine Frage des Berufs oder des sozialen Status, sondern eine Haltung. Und sie funktioniert nach dem Prinzip der Win-win-Situation: „Tun wir jemandem etwas Gutes, macht das den Alltag nicht nur für den anderen ein wenig heller. Sondern auch für uns. Im Gehirn werden dabei dieselben Regionen aktiviert, als würden wir gerade Schokolade essen“ .
Teil IV: Analyse – Vom Geben und Nehmen
Die Dialektik der Freundlichkeit
Die Geschichte der Freundlichkeit von 1914 bis heute offenbart eine tiefe Dialektik. Auf der einen Seite steht die selbstverständliche, alltägliche Freundlichkeit, die Gemeinschaften zusammenhält und Vertrauen schafft. „Wenn Freundlichkeit zur Selbstverständlichkeit wird, dann wird Vertrauen zur Grundierung unseres Miteinanders.“
Auf der anderen Seite steht die Gefahr der Ausbeutung: „Wenn diese Freundlichkeit ausgenutzt wird, dann ziehen sich die stillen, guten Menschen zurück und überlassen das Feld den Lauten.“ Die Geschichte der Fürsorge im frühen 20. Jahrhundert zeigt, wie Hilfe zur Kontrolle werden kann. Die Geschichte der Gegenwart zeigt, wie die Verweigerung von Hilfe zur Isolation führt.
Vom Wir zum Ich: Der große Wandel
Der vielleicht tiefgreifendste Wandel der letzten hundert Jahre ist der von der Kollektiv- zur Individualkultur. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Solidarität keine Frage der persönlichen Neigung, sondern der Notwendigkeit. Die Hilfsvereine, die Gewerkschaften, die Genossenschaften – sie alle beruhten auf der Einsicht, dass der Einzelne allein verloren ist.
Heute dominiert das Mantra der Selbstoptimierer: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ . Dieser Satz ist nicht nur falsch, er ist gefährlich. Denn er übersieht, dass menschliches Leben von Anfang an auf Kooperation angelegt ist. Die Freundlichkeitsforschung nimmt an, „dass das Nettsein ein Motor der Evolution sei. Weil es einen klaren Überlebensvorteil darstelle, sich gegenseitig zu unterstützen. Deshalb belohne uns das Gehirn überhaupt nur für ‚prosoziales Verhalten'“ .
Die Kosten der Isolation
Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der Egoismus und Isolation zunehmen? Die Forschung liefert erste Antworten:
Erstens: Isolation führt zu egoistischerem Verhalten. Die Magdeburger Studie belegt, dass Menschen, die soziale Distanzierung erfahren haben, tendenziell weniger bereit sind zu teilen und zu spenden .
Zweitens: Fehlende soziale Kontakte lassen die Normen der Rücksichtnahme verkümmern. Der tägliche Umgang mit anderen Menschen wirkt als „soziales Korrektiv“ . Wo dieses Korrektiv fehlt, verlieren wir das Gespür dafür, was angemessen ist und was nicht.
Drittens: Die digitale Kommunikation kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen. Trotz intensiver Nutzung sozialer Medien fühlten sich 80 Prozent der jungen Menschen im Lockdown isoliert .
Viertens: Die Anonymität des Netzes fördert Enthemmung und Aggression. Was man einem Menschen nicht ins Gesicht sagen würde, tippt man mühelos in die Tastatur .
Die Wiederentdeckung der Freundlichkeit
Doch es gibt auch Hoffnung. Die Magdeburger Studie zeigt, dass der negative Effekt der Isolation abgemildert werden kann, wenn Menschen an geltende Normen erinnert werden . Vorbildliches Verhalten ins Rampenlicht zu rücken, kann ein wichtiges Instrument sein, um die sozialen Negativfolgen abzufedern.
Die Porträts der freundlichen Menschen in der FAZ zeigen, dass Freundlichkeit ansteckend wirkt. Marcus Stiehl berichtet, dass die Kunden seinetwegen lieber zu seiner Kasse gehen. Italo Tarantino hofft, dass seine Freundlichkeit dazu beiträgt, „dass die Leute wiederkommen“. Kerstin Knittel zieht selbst unheimlich viel aus den Gesprächen mit ihren Kunden.
Freundlichkeit ist kein Nullsummenspiel, bei dem der eine verliert, was der andere gewinnt. Freundlichkeit ist ein Positivsummenspiel, bei am Ende alle gewinnen.
Schluss: Für eine neue Kultur des Gebens und Nehmens
Die Geschichte der Freundlichkeit von 1914 bis heute ist eine Geschichte des Wandels – von der solidarischen Notgemeinschaft über die institutionalisierte Fürsorge bis hin zur individualisierten Gesellschaft der Gegenwart. Sie zeigt, dass Freundlichkeit mehr ist als eine private Tugend. Sie ist das Fundament des sozialen Zusammenhalts, der Kitt, der Gesellschaften zusammenhält.
Die Herausforderungen der Gegenwart – wachsende Einsamkeit, zunehmender Egoismus, die Anonymität der digitalen Kommunikation – erfordern eine bewusste Gegenbewegung. Es geht nicht um eine romantische Verklärung der „guten alten Zeit“, in der angeblich alle füreinander da waren. Es geht um die nüchterne Einsicht, dass menschliches Leben auf Kooperation angelegt ist und dass wir alle unter einer Kultur der Rücksichtslosigkeit leiden.
„Wenn die Menschen wieder anfangen würden, einander wahrzunehmen, sich anzulächeln, Interesse füreinander zu bekunden, zu fragen: ‚Was kann ich dir Gutes tun?‘, anstatt sich zu fragen: ‚Und wo bleibe ich?‘, würde letztlich jeder auf seine Kosten kommen“ .
Diese Einsicht ist nicht naiv. Sie ist wissenschaftlich belegt. Sie ist evolutionär verankert. Sie ist praktisch erprobt. Und sie ist dringender denn je.
Denn wenn Freundlichkeit zur Selbstverständlichkeit wird, dann wird aus einer Gesellschaft eine Gemeinschaft. Und wenn wir zulassen, dass Freundlichkeit ausgenutzt wird, dann ziehen sich die stillen, guten Menschen zurück. Die Entscheidung, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, liegt bei uns.
Quellen
- Historisches Lexikon der Schweiz: Hilfsvereine
- Hardegger, Urs: Die Akte der Luisa De Agostini. Zürich: NZZ Libro 2012
- Der Paritätische: Geschichte des Verbandes 1924–2024
- Jeworrek, Sabrina / Waibel, Joschka: Alone at Home: The Impact of Social Distancing on Norm-consistent Behaviour. IWH-Diskussionspapiere 8/2021
- WELT: Selfcare und Einsamkeit
- WELT: Die unerträgliche Freundlichkeit der Dauergrinser
- FAZ: Freundlichkeit im Alltag – Warum Nettsein das Leben besser macht
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