Die verlorene Seele der Nation

Eine Spurensuche nach Freundlichkeit und Demut in der deutschen Geschichte

Wenn ich heute durch die Straßen unserer Städte gehe, durch diese merkwürdig stillen Orte der Betriebsamkeit, in denen Menschen aneinander vorbeieilen wie Schiffe in der Nacht, dann überkommt mich manchmal eine tiefe, schmerzliche Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach etwas, das ich kaum benennen kann, das aber irgendwo in den Tiefen meiner Erinnerung schlummert – oder vielleicht nur in den Erzählungen meiner Großeltern. Es ist die Sehnsucht nach einer Zeit, in der man einander noch in die Augen sah. In der man den Hut zog vor der Nachbarin, dem Pfarrer, ja selbst vor dem einfachen Arbeiter auf dem Feld. In der Demut keine Schwäche war, sondern die selbstverständlichste Haltung der Welt.

Wo ist sie geblieben, diese Freundlichkeit? Diese leise, unaufdringliche Art, einander zu begegnen – gleich ob der andere hochgestellt war oder niedrig? Und wie kam es, dass wir sie verloren haben auf dem langen, dunklen Weg durch das Kaiserreich, durch die zerrissene Weimarer Zeit, durch das Grauen des Nationalsozialismus und hinaus in eine Nachkriegszeit, die alles hätte heilen können – und es vielleicht für einen kurzen, flüchtigen Moment auch tat?

Lassen Sie mich versuchen, diese Fragen zu ergründen. Lassen Sie uns gemeinsam auf eine Reise gehen in die Seele dieses Landes. Es wird eine schmerzhafte Reise werden. Aber vielleicht finden wir am Ende ja doch einen kleinen Schatz, einen Funken dessen, was wir einmal waren – oder hätten sein können.


Die goldene Patina des Kaiserreichs: Als die Welt noch Ordnung hatte

Meine Großmutter sprach immer von „der Zeit, als die Welt noch in Ordnung war“. Damit meinte sie das Deutsche Kaiserreich, jene Jahre zwischen 1871 und 1918, in denen alles seinen festen Platz zu haben schien. Der Kaiser ganz oben, dann die Fürsten, die Generäle, die Beamten, die Bürger, die Handwerker, die Bauern – und jeder wusste, was er dem anderen schuldig war.

Wenn ich ihre Geschichten höre, sehe ich es bildlich vor mir: den Bäcker, der der Frau des Pastors das Brot persönlich vor die Tür brachte, weil sie „die Gicht hatte“. Den Gutsherrn, der zu Weihnachten jedem seiner Knechte einen warmen Mantel schenkte und dafür einen tiefen, ehrfürchtigen Knicks der Bäuerin erhielt. Die Kinder, die auf der Straße stehen blieben, wenn ein Erwachsener vorbeiging, und artig „Guten Tag“ sagten, die Hände gefaltet, den Blick gesenkt. Es war eine Welt der Gesten, der Zeichen, der ungeschriebenen Gesetze.

Aber war es wirklich die Welt der Herzenswärme, als die wir sie heute so gerne erinnern? Die Historiker lehren uns etwas anderes. Sie sprechen von einer Gesellschaft, die in Wahrheit tief gespalten war. Von einem „beredten Schweigen“ zwischen den Klassen. Die Menschen im Kaiserreich, so zeigen es die Forschungen, bewegten sich in ihren eigenen, abgeschotteten Kreisen. Der Bürger sprach nicht mit dem Arbeiter, der Katholik nicht mit dem Protestanten, der Preuße nicht mit dem Bayern. Die Höflichkeit, die man einander erwies, war oft nur eine glänzende Fassade, hinter der sich tiefes Misstrauen verbarg. Man zog den Hut, um ja keine Nähe herstellen zu müssen. Man verneigte sich, um den anderen auf Abstand zu halten.

War diese berühmte Demut also nur eine Maske? Vielleicht. Und doch – und das ist das Tragische – war sie eine wunderschöne Maske. Sie gab dem Leben eine Form, einen Rhythmus, eine ästhetische Ordnung, die uns heute völlig abhandengekommen ist. Der Arbeiter, der vor dem Fabrikbesitzer die Mütze zog, tat dies nicht nur aus Angst. Er tat es auch aus einer tief verwurzelten Überzeugung, dass dies die gottgegebene Ordnung der Dinge sei. Und der Fabrikbesitzer wiederum, der ihm zu Weihnachten einen Taler schenkte, tat dies nicht nur aus Kalkül. Er tat es aus einem Gefühl der Verantwortung, der paternalistischen Fürsorge, die ihn mit „seinen Leuten“ verband.

Es war eine Welt der gegenseitigen Verpflichtung. Und vielleicht ist es genau diese Verpflichtung, die uns heute fehlt. Die leise, aber unumstößliche Gewissheit, dass wir füreinander da sein müssen. Nicht weil der Staat es uns vorschreibt, nicht weil es in irgendeinem Gesetzbuch steht, sondern einfach, weil es sich so gehört. Weil es uns zu Menschen macht.


Die Weimarer Jahre: Als die Welt aus den Fugen geriet

Dann kam der Krieg. Der große, der furchtbare Krieg, der alles zerschlug. Und als er vorbei war, als der Kaiser geflohen und die Soldaten heimgekehrt waren in ein Land, das sie nicht wiedererkannten, da war auch die alte Ordnung für immer dahin.

Die Weimarer Republik – für die einen ein verhasstes Kind der Niederlage, für die anderen eine verheißungsvolle Morgendämmerung – war in Wahrheit vor allem eines: ein einziger, großer Schrei. Ein Schrei nach Orientierung in einer Welt, die keinen Halt mehr bot.

Mein Großonkel, der in den Schützengräben von Verdun gewesen war, erzählte mir einmal von dieser Zeit. Er sprach nicht viel, aber wenn er es tat, dann mit einer Stimme, die ganz weit weg klang, als käme sie aus einem anderen Jahrhundert. „Weißt du“, sagte er, „nach dem Krieg, da war alles anders. Die Leute haben nicht mehr richtig miteinander geredet. Jeder hatte nur noch Angst. Angst vor dem nächsten Tag, Angst vor dem Nachbarn, Angst vor den Kommunisten, Angst vor den Nazis. Und die, die keine Angst hatten, die waren wütend. Wütend auf die, die den Krieg verloren hatten, wütend auf die, die den Frieden diktierten, wütend auf die Juden, wütend auf die Franzosen, einfach wütend auf alles.“

In dieser Atmosphäre aus Angst und Wut war für Freundlichkeit und Demut kein Platz. Zwei Drittel der Deutschen lebten auf dem Land oder in Kleinstädten, abgeschnitten von der pulsierenden Kultur der großen Städte, die sie als bedrohlich und fremd empfanden. Sie sehnten sich nach etwas, das sie „Gemeinschaft“ nannten – nach dem warmen, bergenden Gefühl des Dazugehörens, das ihnen die kalte, anarchische Moderne nicht bieten konnte. Aber diese Sehnsucht war gefährlich. Denn sie suchte sich falsche Propheten.

Es ist eines der großen Dramen der deutschen Geschichte, dass die Menschen in ihrer Not nach etwas griffen, das sie am Ende vernichten sollte. Sie wollten Geborgenheit und bekamen Ausgrenzung. Sie wollten Zusammenhalt und bekamen Gleichschaltung. Sie wollten ein Zuhause und bekamen ein Konzentrationslager.

Die Freundlichkeit, wenn es sie denn noch gab in diesen Jahren, war eine verzweifelte, eine krampfhafte Freundlichkeit. Man lächelte sich an auf der Straße, aber das Lächeln gefror einem auf den Lippen, sobald man den Rücken des anderen sah. Man half dem Nachbarn beim Kartoffeln holen, aber man flüsterte hinter vorgehaltener Hand über seine Politik, seine Herkunft, seine vermeintliche „Andersartigkeit“. Das Band, das die Menschen im Kaiserreich noch zusammengehalten hatte – so dünn und zerbrechlich es auch gewesen sein mochte –, war endgültig zerrissen. Und was an seine Stelle trat, war nicht die Freiheit, sondern die Vereinsamung in der Masse.


Die zwölf Jahre der Finsternis: Als die Menschlichkeit starb

Und dann kamen sie. Die Braunen. Mit ihren Fahnen, ihren Fackelzügen, ihren großen Worten von der „Volksgemeinschaft“. Und viele liefen ihnen zu. Nicht alle aus Überzeugung, gewiss nicht. Viele aus Verzweiflung, aus Hoffnung, aus der schlichten Sehnsucht heraus, endlich wieder dazuzugehören, endlich wieder Teil von etwas Großem, Mächtigem zu sein.

Die Nationalsozialisten verstanden etwas, das die Weimarer Demokraten nie verstanden hatten: dass der Mensch nicht von Brot allein lebt. Dass er mehr braucht als Verstand und Vernunft. Dass er Wärme braucht, Geborgenheit, das Gefühl, gebraucht zu werden. Und sie gaben ihm das alles – zu einem furchtbaren Preis.

Die „Volksgemeinschaft“, von der sie sprachen, war eine Lüge. Eine der größten Lügen der Geschichte. Denn sie schloss alle ein, die „dazugehörten“ – die Blonden, die Blauäugigen, die „Arier“ –, aber sie schloss alle anderen aus mit einer Brutalität, die ihresgleichen sucht. Die Freundlichkeit, die man nun einander erwies, war eine erkaufte Freundlichkeit. Man lächelte den Nachbarn an, aber man wusste, dass dieser Nachbar einen jederzeit denunzieren konnte, wenn man das falsche Wort sagte. Man half der alten Frau über die Straße, aber man sah weg, wenn ihre jüdischen Nachbarn abgeholt wurden. Man sprach vom „deutschen Gruß“ und meinte den Tod.

Ich habe als Kind einmal eine alte Frau gefragt, wie es denn war, damals, im Dritten Reich. Sie sah mich lange an mit ihren wässrigen Augen und sagte dann: „Weißt du, Kind, das Schlimmste war nicht die Angst. Das Schlimmste war, dass man sich daran gewöhnte. Dass es normal wurde, dass die Menschen verschwanden. Dass man nicht mehr hinsah. Dass man die Freundlichkeit nur noch für die Seinen hatte – und für alle anderen nur noch Kälte.“

Diese Kälte, diese abscheuliche, mörderische Kälte – sie war das eigentliche Vermächtnis der Nazi-Zeit. Sie hatte die Herzen der Menschen vergiftet, hatte ihnen die Fähigkeit genommen, den anderen wirklich zu sehen, wirklich zu fühlen, wirklich zu lieben. Die Demut, von der ich eingangs sprach, die Demut vor dem Leben, vor dem Geheimnis des anderen Menschen – sie war gestorben in den Lagern, in den Kellern der Gestapo, in den tausend kleinen Alltäglichkeiten der Gleichgültigkeit.

Und als der Krieg zu Ende war, als die Städte in Schutt und Asche lagen und die Menschen aus den Kellern krochen, da standen sie da, frierend, hungrig, verzweifelt – und sahen sich an. Und wussten nicht mehr, wer sie waren.


Die Nachkriegszeit: Das kurze Aufleuchten der Menschlichkeit

Aber dann, für einen kurzen, strahlenden Moment, schien es, als könnte alles gut werden. Als könnte aus der Asche dieser zwölf finsteren Jahre etwas Neues wachsen, etwas, das reiner war, wahrer, menschlicher als alles, was zuvor gewesen war.

Die Nachkriegszeit – die Jahre zwischen 1945 und dem Beginn des Wirtschaftswunders –, das war die Zeit, von der meine Mutter immer mit einer ganz besonderen Stimme sprach. Einer Stimme, in der Wehmut und Staunen zugleich mitschwang. „Damals“, sagte sie, „damals, in den Trümmern, da haben die Menschen wirklich füreinander gelebt. Da war nichts mehr von dem alten Dünkel, von dem Hochmut der Reichen, dem Neid der Armen. Da waren wir alle gleich. Alle hungrig, alle frierend, alle voller Angst vor dem, was kommen würde. Aber auch alle voller Hoffnung. Und vor allem: alle füreinander da.“

Sie erzählte von den Trümmerfrauen, die in Schutt und Asche nach Ziegeln suchten und dabei sangen. Von den Männern, die heimkehrten aus der Gefangenschaft und von fremden Frauen eine warme Suppe bekamen, einfach so, ohne Gegenleistung, ohne böse Gedanken. Von den Flüchtlingen aus dem Osten, die in den Dörfern ankamen, ausgehungert, ausgemergelt, verzweifelt – und von den Bauern aufgenommen wurden, die selbst kaum genug zu essen hatten. „Da gab es keine Fremden mehr“, sagte meine Mutter. „Da waren wir alle Fremde. Und alle Brüder.“

In dieser Zeit, so scheint es, war die Freundlichkeit wirklich selbstverständlich. Nicht die gestelzte Höflichkeit des Kaiserreichs, nicht die verklemmte Freundlichkeit der Weimarer Jahre, nicht die erkaufte Kameradschaft der Nazis – sondern eine echte, tiefe, von Herzen kommende Zuneigung zum Mitmenschen, einfach weil er ein Mensch war. Man teilte das letzte Stück Brot, man wärmte den Fremden an seinem Ofen, man weinte mit der Witwe, die ihren Mann verloren hatte, und man lachte mit dem Kind, das ein Spielzeug aus Blechdosen gebastelt hatte.

Es war die Stunde der Demut. Der Demut vor dem Leben, das man so knapp überlebt hatte. Der Demut vor dem Schicksal, das einen so tief hatte fallen lassen. Der Demut vor dem anderen, der genauso litt wie man selbst. Die Hierarchien waren für einen Moment aufgehoben. Der Professor stand Schlange für eine Karte Kartoffeln neben dem ehemaligen KZ-Häftling. Die Gräfin wusch sich in demselben eiskalten Wasser wie die Vertriebene aus Schlesien. Der Krieg, das Grauen, die totale Niederlage – sie hatten alle Menschen gleich gemacht. Und in dieser Gleichheit, in dieser radikalen Entblößung von allem Äußeren, allem Überflüssigen, da erblühte für eine kurze, kostbare Zeit die reine Menschlichkeit.


Der Verlust: Als der Wohlstand kam und die Seele nahm

Aber es dauerte nicht lange. Die Währungsreform kam, das Wirtschaftswunder begann, und mit ihm kehrte das Alte zurück – in neuem Gewand.

Plötzlich gab es wieder Unterschiede. Wer eine Westmark hatte, war mehr wert als einer, der sie nicht hatte. Wer ein Auto besaß, war mehr wert als einer, der zu Fuß ging. Wer in einer neuen Wohnung mit fließend Wasser lebte, war mehr wert als einer, der noch in einer Ruine hauste. Der Kampf ums Überleben war vorbei – und an seine Stelle trat der Kampf ums Besserleben.

Ich erinnere mich an die Geschichten meines Vaters, der in den fünfziger Jahren als junger Mann im Ruhrgebiet arbeitete. „Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt“, sagte er. „Auf einmal redeten die Leute nicht mehr miteinander, sie redeten übereinander. Wer hat das neueste Auto? Wer hat den ersten Fernseher? Wer macht schon Urlaub in Italien? Die Solidarität der Nachkriegsjahre war wie weggeblasen. Jeder war sich selbst der Nächste.“

Die Freundlichkeit, die man einander jetzt erwies, war eine Freundlichkeit des Scheins. Man lächelte den Geschäftspartner an, aber man dachte an den nächsten Auftrag. Man half dem Nachbarn beim Tapezieren, aber man erwartete, dass er einem später beim Autowaschen half. Man gab eine Runde aus im Wirtshaus, aber man zählte genau, wer wie viel getrunken hatte. Die große, selbstlose Gebefreudigkeit der Trümmerjahre wich einer kleinlichen, berechnenden Mentalität des „Wie du mir, so ich dir“.

Und mit dem Wohlstand kam die Verdrängung. Die Verdrängung dessen, was gewesen war. Die Verdrängung der Schuld, der Scham, des unermesslichen Leids, das man selbst verursacht oder doch zumindest zugelassen hatte. Man sprach nicht mehr über den Krieg, nicht über die Juden, nicht über die Konzentrationslager. Man sprach über den Wiederaufbau, über die neue Küche, über den Urlaub an der Adria. Die Städte wurden wieder aufgebaut, die Fabriken rauchten, die Konten füllten sich – aber die Seelen blieben leer.

Die Demut, die man in den Trümmern gelernt zu haben schien, war nur eine Übergangshaltung gewesen. Eine Notwendigkeit, die mit dem Ende der Not auch ihr Ende fand. Sobald es wieder etwas zu verteidigen gab, verteidigte man es mit Zähnen und Klauen. Sobald es wieder etwas zu verlieren gab, klammerte man sich daran fest. Die große Stunde der Brüderlichkeit war vorbei. Der Alltag der kleinen, feigen, selbstsüchtigen Menschlichkeit hatte wieder begonnen.


Die Gegenwart: Ein Land ohne Wärme?

Und heute? Heute, wo ich diese Zeilen schreibe, in einer Zeit des Überflusses, der technischen Wunder, der grenzenlosen Kommunikation – wo ist sie geblieben, die Freundlichkeit? Wo ist die Demut?

Ich sehe sie nicht mehr. Ich sehe Menschen, die in U-Bahnen sitzen und in ihr Smartphone starren, anstatt dem Alten nebenan seinen Platz anzubieten. Ich sehe Kassiererinnen, die die Ware über den Scanner ziehen, ohne den Kunden anzusehen. Ich sehe Nachbarn, die jahrelang Tür an Tür wohnen, ohne sich zu kennen. Ich sehe eine Gesellschaft, die reicher ist als je zuvor – und ärmer an Herzenswärme als vielleicht jemals in ihrer Geschichte.

Man sagt, wir seien freier geworden. Freier von den Zwängen der Tradition, von den Fesseln der Moral, von den Ketten der Konvention. Aber was haben wir mit dieser Freiheit gemacht? Haben wir sie genutzt, um bessere Menschen zu werden? Um einander wirklich zu sehen, wirklich zu verstehen, wirklich zu lieben?

Ich fürchte, nein. Wir haben sie genutzt, um uns noch weiter voneinander zu entfernen. Um uns in unsere kleinen, komfortablen Welten zurückzuziehen, aus denen wir nur heraustreten, wenn wir etwas brauchen. Um unsere Individualität zu pflegen wie eine seltene Blume, ohne zu merken, dass diese Blume ohne den Garten der Gemeinschaft verkümmern muss.

Die Demut, von der ich träume, die leise, selbstverständliche Achtung vor dem anderen Menschen – sie ist uns abhandengekommen in diesem rasenden Taumel der Selbstverwirklichung. Wir haben verlernt, den Hut zu ziehen, weil wir keinen Hut mehr tragen. Wir haben verlernt, uns zu verneigen, weil wir uns für zu gut dafür halten. Wir haben verlernt, dankbar zu sein, weil wir glauben, alles verdient zu haben.

Und doch – und das ist das Geheimnis, das mich nicht loslässt – spüre ich manchmal, dass diese Sehnsucht nach der verlorenen Wärme in uns allen noch lebt. Dass wir uns insgeheim danach sehnen, wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der nicht zählt, was man hat, sondern wer man ist. Dass wir uns danach sehnen, einfach so freundlich zu sein, ohne Hintergedanken, ohne Berechnung, ohne die Angst, etwas zu verpassen.

Vielleicht ist diese Sehnsucht das Einzige, was uns noch retten kann. Vielleicht ist sie der kleine Funke, der in all den Trümmern unserer Geschichte nie ganz erloschen ist. Der Funke, der in den Schützengräben von Verdun nicht starb, in den Gaskammern von Auschwitz nicht, in den Trümmern von Dresden nicht. Der Funke, der in der Stunde der tiefsten Not für einen kurzen Moment hell aufleuchtete und uns ahnen ließ, was wir sein könnten.

Vielleicht, so denke ich manchmal, wenn ich durch die kalten Straßen dieser reichen, einsamen Stadt gehe, vielleicht ist es noch nicht zu spät. Vielleicht können wir zurückfinden zu dieser verlorenen Kunst der Demut. Vielleicht können wir wieder lernen, einander in die Augen zu sehen und zu erkennen, dass der andere kein Fremder ist, sondern ein Bruder, eine Schwester. Ein Mensch, der genauso hungert nach Wärme, nach Anerkennung, nach Liebe wie wir selbst.

Es wäre ein langer Weg. Ein Weg voller Erinnerungen, voller Schmerz, voller Schuld. Aber vielleicht ist es der einzige Weg, der uns bleibt. Der Weg zurück zu dem, was wir immer hätten sein sollen: Menschen, die einander freundlich sind – nicht aus Pflicht, nicht aus Konvention, nicht aus Angst, sondern aus der tiefen, unerschütterlichen Gewissheit, dass wir ohne einander nichts sind.


Epilog: Eine kleine Hoffnung

Als ich heute Morgen aus dem Fenster sah, fiel mein Blick auf eine alte Frau, die mühsam ihre Einkaufstasche die Treppe hinaufzog. Ein junger Mann, der vorbeiging, blieb stehen, fragte etwas, nahm ihr dann die Tasche ab und trug sie bis zur Wohnungstür. Die Frau lächelte, der Junge lächelte zurück. Es war nur eine kleine Geste, ein Augenblick nur. Aber in diesem Augenblick, für den Bruchteil einer Sekunde, da war sie wieder: die verlorene Freundlichkeit. Die leise, selbstverständliche Demut.

Vielleicht ist sie doch nicht ganz gestorben. Vielleicht schlummert sie nur in uns allen, wartet darauf, geweckt zu werden. Vielleicht liegt es an uns, sie wieder zum Leben zu erwecken. Jeden Tag, in jeder kleinen Begegnung, mit jedem Lächeln, das wir verschenken.

Es wäre ein Anfang. Ein kleiner, aber ein Anfang. Und manchmal, so glaube ich, ist ein kleiner Anfang mehr wert als alle großen Worte der Welt.

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