Das Fräulein vom Amt
Hallo, du süße Klingelfee – Vom Sterben einer Stimme
Bern, 1916. Eine Telefonzentrale im Fernamt. Der Raum ist hoch, die Fenster sind geschlossen, damit der Lärm der Straße draußen bleibt. Aber drinnen ist es nie still. Ein leises, stetiges Klickern und Surren erfüllt die Luft, vermischt mit dem Flüstern von Frauenstimmen. Vor einer der großen, schwarzen Klötze, den Vermittlungspulten, sitzt Fräulein Borter. Sie trägt ein gestärktes Kleid, die Haare sind streng nach hinten gesteckt. Vor ihr erstreckt sich ein Feld aus glänzenden Messingbuchsen, ein Labyrinth aus tausend Löchern, jedes der Eingang in eine andere Wohnung, eine andere Firma, ein anderes Leben. In jeder Hand hält sie einen Stöpsel, der an einem dünnen Kabel baumelt. Sie spricht leise ins Brustmikrofon, während ihre Hände wie von selbst über das Pult fliegen.
„Schnelldienst, Bern. Welche Nummer, bitte?“ Ein Stöpsel verschwindet in einer Buchse. Ein Lämpchen erlischt. Ein Gespräch beginnt. Zehn Sekunden später, der nächste Anruf. „Fernamt, Bern. Einen Moment, ich verbinde sie mit Biel.“ Ihre Hände greifen ein anderes Kabel, stecken es in ein anderes Loch. Dabei hört sie bereits den nächsten Ruf, sieht das nächste Lämpchen aufblinken. Unter ihrem Pult tritt sie unermüdlich Pedale, um die Verbindungen zu stabilisieren. Sie wirkt wie eine Organistin in einer Kathedrale der Moderne, nur dass ihre Musik aus tausend gleichzeitigen Gesprächen besteht. Die wenigsten Anrufer wissen, dass zwischen ihnen und ihrem Gegenüber nicht nur ein Draht lag, sondern ein Mensch. Eine junge Frau mit einem schwarzen Stirnband, die um 1916 mehrere Minuten brauchte, um ein Gespräch von Biel in den Berner Jura zu vermitteln. Und die genau in diesem Moment dachte: „Hoffentlich ist das heute nicht der Bestatter, der schon wieder seinen Konkurrenten erreichen will.“
Dieser Mensch war die Telefonistin. Und ihre Geschichte ist eine von stiller Professionalität, unsichtbaren Nervenkostümen und einem Ende, das ein amerikanischer Bestatter eingeläutet hat.
Der Mensch hinter der Buchse
Ihren Namen kennen wir meist nicht. In den Archiven der Post- und Fernmeldeverwaltungen, die heute im Schweizerischen PTT-Archiv oder dem Museum für Kommunikation in Bern lagern, stapeln sich die Personalakten. Liest man sie, entsteht das Bild eines eigenen, weiblichen Kosmos. Die Telefonistin war fast immer jung, fast immer unverheiratet, fast immer überdurchschnittlich gebildet für ihre Zeit .
Die Anforderungen, die in den Stelleninseraten um 1900 standen, waren hoch. In den Aufnahmeprüfungen, von denen ich in den Personalakten im Bundesarchiv las, wurden nicht nur tadelloses Deutsch, sondern auch Kenntnisse in einer zweiten Landessprache und oft Englisch verlangt. Dazu kamen mathematische Fähigkeiten, um die komplizierten, entfernungsabhängigen Gesprächsgebühren im Kopf zu berechnen. Vor allem aber brauchte es ein fotografisches Gedächtnis für Geografie. Die Telefonnummern waren nicht nach Namen sortiert, sondern nach Ortschaften und Regionen. Wenn jemand in Bern den Bäcker in Thun verlangte, musste Fräulein Borter nicht nur wissen, wo Thun lag, sondern auch, welcher Strang im großen Bündel hinter ihrem Pult nach Thun führte.
Die Telefonämter erkundigten sich diskret beim Pfarrer oder Posthalter des Heimatdorfes nach dem Leumund der Bewerberin. Man suchte keine Intellektuellen, man suchte verlässliche, belastbare und vor allem diskrete junge Frauen. Einmal eingestellt, durchliefen sie eine einjährige Lehrzeit – ein Privileg, denn die „Lehrtöchter“ erhielten bereits einen kleinen Lohn. Sie büffelten ellenlange Dienstvorschriften (das Wort „Hallo“ war strengstens verboten), übten das melodische Wiederholen der Nummern und saßen stundenweise neben einer erfahrenen Kollegin, bis die Abläufe in Fleisch und Blut übergingen .
Das Problem – Die wachsende Sintflut
Das Problem war simpel: Es gab zu viele von uns. Das Telefonnetz wuchs exponentiell. Was um 1880 mit ein paar hundert Abonnenten in den großen Städten begann, war um 1920 eine Sintflut. In einer Großstadtzentrale wie jener in der Berliner Körnerstraße, von der ein Foto im Archiv der Siemens-Stiftung existiert, saßen Dutzende Frauen aneinandergereiht, jede für hunderte, teils tausende Leitungen zuständig .
Die psychische und physische Belastung war enorm. In den Stoßzeiten musste eine Telefonistin bis zu 300 Gespräche pro Stunde vermitteln. Dreihundert Mal den richtigen Stöpsel im Bruchteil einer Sekunde finden, dreihundert Mal freundlich sein, dreihundert Mal zuhören, dreihundert Mal den nächsten Ruf annehmen, während das vorherige Gespräch noch nicht beendet war. Ein ständiges „Pardon, habe ich Sie unterbrochen?“ gehörte zum Alltag. In der zeitgenössischen Fachliteratur, etwa den VDI-Nachrichten der 20er-Jahre, wird immer wieder von „Telefonistinnenkrankheiten“ berichtet – Nervenzusammenbrüche, Magengeschwüre, Taubheitsgefühle in den Fingern. Viele hielten nur wenige Jahre durch .
Hinzu kam die Nachtarbeit. Während die Stadt schlief, saßen ein oder zwei Frauen allein in der Zentrale und bewachten das Netz. Sie waren es, die die Weckrufe für die Frühschicht in der Fabrik auslösten. Sie waren es vor allem, die die Notrufe entgegennahmen. Wenn es brannte, wenn ein Kind krank wurde, wenn ein Verbrechen geschah – die erste Stimme, die ein verzweifelter Mensch in der Dunkelheit hörte, war die einer Telefonistin. Sie trug eine Verantwortung, die in keinem Dienstplan stand .
Der Bau – Anatomie einer Schaltzentrale
Schauen wir uns diesen Arbeitsplatz genauer an. Das Herzstück war das Klappenschrankpult. Eine senkrechte Wand aus schwarzem Hartgummi oder poliertem Holz, in die hunderte kleine, runde Metallbuchsen eingelassen waren. Jede Buchse war der Endpunkt einer Teilnehmerleitung. Darüber befand sich ein ebenso kleines Lämpchen und eine Klappe mit einer Nummer. Nahm jemand den Hörer ab, fiel die Klappe mit einem hörbaren „Klick“ herunter, und das Lämpchen leuchtete auf.
Vor diesem Klappenfeld lag die horizontale Arbeitsfläche, bestückt mit Dutzenden von Schnurpaaren – den „Stöpseln“. Die Stöpsel waren konisch geformt und an einem flexiblen, geflochtenen Kabel befestigt. Der Ablauf: Lämpchen leuchtet, Klappe fällt. Die Telefonistin steckt den Schnur-Stöpsel in die zugehörige Buchse. Ein Schalter unter ihrem Pult (oft mit dem Fuß betätigt) verbindet sie mit dem Anrufer. „Hier Amt, was beliebt?“ Der Anrufer nennt die Nummer. Die Telefonistin greift zum zweiten Stöpsel desselben Schnurpaares und sucht die Buchse des gewünschten Teilnehmers. Bevor sie einsteckt, prüft sie mit einer Taste, ob die Leitung frei ist (kein Besetztzeichen). Ist sie frei, steckt sie den zweiten Stöpsel ein. Klingelstrom wird ausgelöst, der andere Apparat schellt. Sobald der Teilnehmer abhebt, erlischt ein weiteres Lämpchen, die Telefonistin schaltet sich mit einem Fußtritt aus der Leitung, und das Gespräch kann beginnen. Ein drittes Lämpchen signalisiert ihr später das Ende des Gesprächs, sie zieht beide Stöpsel, und die Leitung ist wieder frei .
Das klingt simpel. Aber stellen Sie sich vor, Sie haben drei, vier, fünf solcher Gespräche gleichzeitig in der Vermittlung, alle in unterschiedlichen Phasen. Sie müssen im Kopf behalten, welches Gespräch gerade beginnt, welches endet. Sie müssen in einer städtischen Zentrale mit Tausenden von Buchsen den richtigen Anschluss in Sekundenbruchteilen finden. Die Mädchen vom Amt entwickelten dafür ein fast mythisches räumliches Gedächtnis und eine Handfertigkeit, die Klavierspielern alle Ehre gemacht hätte.
Das Herzstück – Der Stöpsel, der einen Bestatter ruinierte
Und doch, so präzise dieses System war, es hatte eine Schwachstelle: die Vermittlerin war nur ein Mensch. Sie konnte Fehler machen, sie konnte jemanden vergessen – und sie konnte, so der Verdacht, absichtlich die falsche Verbindung stecken. Genau hier setzt die Legende von Almon Brown Strowger an.
Strowger war Bestatter in Kansas City. Um 1890 bemerkte er, dass sein Geschäft merkwürdig schlecht lief. Immer wenn jemand starb und telefonisch einen Besteller suchte, landete der Auftrag angeblich bei seinem Konkurrenten. Strowger war überzeugt, dass die Telefonistinnen am Ort, vielleicht die Frau seines Rivalen oder einfach nur bestechlich, die Anrufe bewusst falsch verbanden. Ob das stimmt, ist nicht überliefert. Aber Strowger handelte. Als Tüftler und Erfinder begann er, an einer Maschine zu arbeiten, die die Telefonistin überflüssig machen sollte. Eine Maschine, die nicht neidisch war, nicht müde und nicht bestechlich.
In seiner Werkstatt, so erzählt man sich, nahm er eine runde Kragenschachtel, ein paar Bleistifte – oder, wie eine andere Version des im Museum für Kommunikation in Bern aufbewahrten Patents besagt, Stricknadeln – und begann zu konstruieren. Das Prinzip war genial einfach: Ein beweglicher Kontaktarm (der „Wähler“) sollte über eine von Impulsen gesteuerte Mechanik auf einer runden Anordnung von Kontakten die gewünschte Nummer selbst finden. Der Anrufer musste dazu nur eine Taste drücken, später eine Scheibe drehen, um die nötigen Impulse zu senden .
Am 10. März 1891 erhielt Strowger das US-Patent Nr. 447.918 für ein „automatic telephone exchange“. Sein Hebdrehwähler, wie die Technik später genannt wurde, war geboren. Es war der Anfang vom Ende des „Fräuleins vom Amt“. Strowger hatte aus Wut und Geschäftssinn nicht weniger erfunden als die erste praktikable Automatisierung eines menschlichen Dienstleistungsberufs. Die Maschine, die den Menschen ersetzte, war ein Kind menschlichen Misstrauens.
Das Ende – Das letzte Klick
Doch so schnell, wie Strowger es sich erhofft haben mochte, ging es nicht. Die ersten automatischen Zentralen wurden ab den 1910er-Jahren installiert, in der Schweiz zum Beispiel ab 1923 in Lausanne. Sie waren teuer und komplex. Auf dem Land, wo die Telefonistin oft noch den Posthalter spielte und nicht ausgelastet war, rechneten sie sich schneller. In den Städten dauerte es.
Die Telefonistinnen verschwanden nicht über Nacht. Sie wurden umgeschult, übernahmen neue Aufgaben. Sie vermittelten nun die Auslandsgespräche, die zu komplex für die Automatik waren. Sie saßen an den Auskunftsplätzen. Sie blieben die menschliche Schnittstelle, wenn die Maschine versagte. Die Schweizer PTT war sogar weltweit führend mit ihren modernen digitalen Handvermittlungsplätzen noch in den 80er- und 90er-Jahren, wo hunderte von Beamtinnen in Zürich und Genf einen sekretariatsähnlichen Service für Diplomatie und Industrie anboten . Ein letztes Aufbäumen vor der finalen Digitalisierung.
Doch 1959 war es in der Schweiz so weit: Die letzte manuelle Zentrale wurde auf automatischen Betrieb umgestellt. Die Schweiz war eines der ersten Länder mit einem vollständig automatisierten Telefonnetz. Ein Triumph der Technik. Eine Pioniertat, wie die PTT stolz verkündete.
Der Epilog – Was bleibt?
Was bleibt, ist das Geräusch. Das Klicken der Klappen, das Surren der ersten Wähler, das gedämpfte Stimmengewirr in den hellhörigen Zentralen. Und es bleibt die ambivalente Erinnerung.
Das „Fräulein vom Amt“ war eine der ersten großen Berufsgruppen, die von der Automatisierung verdrängt wurden. Strowgers Erfindung war effizienter, billiger und – zumindest technisch – fehlerfreier. Aber sie war auch anonymer. Der Bestatter hatte sein Misstrauen in die Maschine gegossen, aber was er bekam, war eine Welt ohne die „Klingelfee“, von der Robert Stolz 1919 so sehnsüchtig sang. Eine Welt, in der niemand mehr die vertraute Stimme hatte, die man in der Einsamkeit der Nacht erreichen konnte. Das Gesprächsgeheimnis war gewahrt – niemand lauschte mehr, offiziell –, aber auch die menschliche Wärme, das kleine „Einen schönen Gruß ausrichten, soll ich?“, war verschwunden .
Heute, wo wir mit unseren Smartphones in der Hand durch die Welt laufen und keiner menschlichen Stimme mehr bedürfen, um eine Verbindung herzustellen, sollten wir uns manchmal an Fräulein Borter erinnern. An ihre ruhigen Hände, die aus einem Meer von Löchern den richtigen Weg fanden. An ihre Geduld mit ungeduldigen Anrufern. An ihre Verantwortung in der Nacht.
Die Technik hat gesiegt. Die Maschine ist schneller. Aber die Geschichten, die sie hörte, die Geheimnisse, die sie bewahrte, die Einsamkeit, die sie für einen Moment vertrieb – das hat sie mitgenommen, als sie zum letzten Mal den Stöpsel zog. Und manchmal, wenn die automatische Ansage mich im Kreis schickt, wünsche ich sie mir zurück. Die eine, echte Stimme, die sagt: „Einen Moment, ich verbinde Sie.“
Kommentar abschicken