Der Mann mit der Stange

Vom Verschwinden eines stillen Berufs und dem Licht, das blieb

Wien, 9. Bezirk, Porzellangasse 7. Ein verregneter Oktoberabend im Jahr 1924. Das Kopfsteinpflaster glänzt nass, der Wind jagt das letzte Laub die Straße entlang. Hinter einem Fenster im ersten Stock steht ein Kind und drückt die Nase an der kalten Scheibe platt. Es wartet. Dann, endlich, löst sich aus dem Schatten der Kastanien eine Gestalt. Ein kleiner Mann in einem hellen, fast leuchtenden Mantel, der im Dämmerlicht wie ein Geist wirkt. Er trägt eine lange Stange aus Bambus, dünn und federnd, an deren Ende ein winziges Licht flackert, geschützt vor dem Wind von einer kleinen Kappe.

Er geht von Laterne zu Laterne, lehnt seine Stange an, und mit einem kurzen, metallischen Klicken – klicks – erwacht ein neuer Lichtkreis zum Leben, vertreibt die Dunkelheit und macht aus der nassen Straße für ein paar Stunden einen Ort der Geborgenheit . Das Kind hinter der Scheibe fühlt sich „heimelig und beschützt im milden Schein von draußen“. Es weiß nicht, dass es Zeuge des letzten Akts eines uralten Schauspiels ist. Der Mann dort unten, der Laternenanzünder, ist ein Auslaufmodell. Und sein Job ist weit mehr, als nur eine Flamme zu entfachen.

1. Der Prolog – Die Szene

2. Der Mensch – Der Schattenmann und seine Ausrüstung

Dieser Mann war kein Träumer, sondern ein Bediensteter der Gemeinde, ein Facharbeiter mit einem genau definierten Revier. In Wien trafen sich seine Kollegen jahrzehntelang genau hier, vor dem Haus des Apothekers Georg Pfendler in der Porzellangasse, um dann in ihre Bezirke auszuschwärmen . Seine Werkzeuge waren einfach, aber zweckmäßig: das Herzstück war die über zwei Meter lange Bambusstange. Früher, so liest man in den Akten des Wiener Stadtarchivs, kletterten seine Vorgänger noch mit Leitern die Masten hoch. Das endete oft blutig, wenn eine Kutsche im Dunkeln die Leiter rammte. Ein Erlass von 1775 verbot das schließlich – die Stange war die Rettung .

An ihrem oberen Ende befand sich ein Döschen mit einem winzigen, stets brennenden Licht – gespeist von einem der blechernen Ölfläschchen, die er an einem Gürtel trug. Doch damit nicht genug: In seiner Tasche klirrten Putzhäkchen, eine Putzschere für den Docht, Ersatzdochte aus Baumwolle und ein Wischlappen . Denn der Laternenanzünder war mehr als ein Anzünder. Er war der Lampenwärter, der Lampenputzer. Er war der Hausmeister des Lichts.

Sein Tag begann nicht erst bei Sonnenuntergang. Tagsüber, wenn die Laternen kalt und stumm waren, ging er bereits seine Runde. Er putzte die verrußten Glasscheiben, denn Ruß fraß das Licht. Er füllte Öl nach oder kontrollierte die komplizierten Ventile der neuen Gaslaternen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Öllampen ablösten. Er wechselte die Dochte, die er nach genauen Vorgaben selbst anfertigen musste . Und er musste darauf achten, dass die Flamme nicht rußte – das Öl wurde ihm vom Oberaufseher ausgehändigt, billiges Zeug war nicht erlaubt .

Und dann war da noch der kleine, blecherne Spiritus. Im Winter, wenn der Feuchtigkeit im Stadtgas gefror und die schmalen Düsen der Laternen vereisten, brauchte es den Alkohol, um das Eis zu lösen. Die Männer wussten das. Und weil der Mensch so ist, wie er ist, geschah es wohl nicht selten, dass nicht nur die Laterne, sondern auch der Laternenanzünder eine innere Wärme brauchte. Eine alte Verordnung, die ich in einem antiquarischen Buch über das Gaswerkswesen fand, sprach von strengen Strafen, wenn die Lampen zu spät angezündet wurden. Sie erwähnte auch, dass das Enteisen mit Spiritus streng überwacht wurde. In den Kneipen rund um die Laternen-Sammelplätze prägte man dafür einen Spruch: „Einen auf die Lampe gießen“ . Der sitzt bis heute.

3. Das Problem – Licht in die Finsternis bringen

Man muss sich das vorstellen: Vor der Gaslaterne und dem Laternenanzünder war die Stadt bei Nacht ein gefährliches Loch. Wer nach Sonnenuntergang vor die Tür musste, nahm eine eigene Laterne mit oder wurde von einem Fackelträger begleitet. Räuber und Dunkelheit waren Partner.

Die erste Idee war die Öllaterne. Aber die war eine Diva. Sie mußte nicht nur entzündet, sondern auch ständig gepflegt werden. Im Dresdner Stadtrecht des 18. Jahrhunderts fand ich einen Vermerk, dass die sogenannten „Lampenknechte“ die Lampen bereits tagsüber mit Öl füllen und die Dochte einstecken mussten, damit es abends schnell ging. Und wehe, das Öl war schlecht – dann qualmte die Lampe nur vor sich hin und fraß mehr Licht, als sie gab, als dass sie welches spendete .

Dann kam das Gas. Ab etwa 1820 eroberte es die Städte. Die Gaslaterne war heller, sauberer, aber sie machte den Beruf des Anzünders nicht überflüssig – sie perfektionierte ihn nur. Jetzt gab es keine offene Ölflamme mehr, sondern komplexe Mechanismen. Die Laternenanzünder wurden zu Bedienern eines riesigen, dezentralen Netzes. Ihre Aufgabe war es, den Rhythmus der Stadt zu schlagen: den Takt von Arbeit und Ruhe, von Angst und Sicherheit.

4. Der Bau / Die Funktionsweise – Wie man eine Laterne zähmt

Die Technik dahinter war raffinierter, als man denkt. Nehmen wir eine typische Gaslaterne um 1900. Der Laternenanzünder näherte sich, öffnete ein kleines Türchen am Sockel oder erreichte mit seiner Stange einen Hebel am Laternenkopf. In den frühen Modellen drehte er einfach das Gasventil auf und hielt seine eigene kleine Flamme an den Brenner. Zisch – puff – Licht.

Später wurden die Dinge komplizierter. Der Glühstrumpf, erfunden von Carl Auer von Welsbach (einem Österreicher, versteht sich), war ein feinmaschiges Netz aus imprägnierter Baumwollasche, das in der Gasflamme zu glühen begann und ein viel helleres, weißeres Licht abgab. Dieses Gebilde war extrem filigran. Ein falscher Griff, ein heftiger Windstoß, und der teure Glühstrumpf war Staub. Der Laternenanzünder musste also nicht nur zünden, er musste auch diese kleinen Kunstwerke ersetzen – und zwar mit der Geduld eines Uhrmachers, oft auf einer Leiter stehend, bei Schnee und Eis.

Eine ganz eigene Wissenschaft war die Fernzündung. Um Personal zu sparen, führten viele Städte ab den 1920er Jahren Druckwellensysteme ein . Im Gaswerk wurde für ein paar Minuten der Druck im gesamten Netz erhöht. In der Laterne saß ein kleiner Regler, der auf diesen Druckanstieg reagierte und das Hauptventil öffnete. Eine winzige Zündflamme, die Tag und Nacht brannte, tat den Rest. Wenn dann abends um acht der Druck stieg, gingen im ganzen Viertel die Lichter an. Und wenn der Druck wieder fiel, gingen sie aus.

Das war genial. Aber es war nicht perfekt. Mal ging eine Zündflamme aus, mal war eine Leitung verstopft. Und dann kam der „Nachzünder“. Das war der Laternenanzünder 2.0. Er fuhr oder lief nicht mehr seine Runde zum Anzünden, sondern zur Kontrolle. Er war der Fehlerteufel, der das System reparierte, wenn die unsichtbare Hand der Technik versagte. Er stocherte in den Ventilen, kontrollierte die Druckregler und brachte das Licht mit Gewalt wieder zum Brennen, wenn die Automatik streikte .

5. Das Herzstück – Der Hebel und der Rhythmus

Das eigentliche Genie des Laternenanzünders lag nicht im technischen Detail, sondern in seiner Rolle als menschlicher Schalter zwischen zwei Welten.

Sein Werkzeug, der lange Hebel oder die Stange, war die Verlängerung seines Arms. Aber die eigentliche Mechanik, die er bediente, war die der Zeit. Er war der Dirigent der städtischen Dunkelheit. Die Vorschriften, die er zu befolgen hatte, waren keine Kleinigkeit. In alten Dienstordnungen, zum Beispiel aus Augsburg, ist nachzulesen, dass die Brenndauer streng nach Kalender festgelegt war: Im Winter von 17 bis 2 Uhr, im Sommer viel kürzer – oder gar nicht, wenn der Mond hell genug schien. Ja, man sparte, indem man in hellen Nächten die Laternen einfach ausließ .

Das Herzstück war also dieser Moment des Umschaltens: Wenn der Laternenanzünder seinen Hebel umlegte, machte er aus einer anonymen Straße einen bewohnten Raum. Er schuf eine Zone der Sicherheit. Für das Kind am Fenster war er der „kleine Schattenmann“, der die Welt in Ordnung brachte . Er war das Gegenteil von Chaos. Er war das Ritual.

6. Das Ende – Das Verschwinden und das Nachleuchten

Die Elektrizität machte ihm den Garaus. Sie war sauberer, billiger im Betrieb, und vor allem: Sie ließ sich mit einem einzigen Schalter im Kraftwerk zentral steuern. Kein Laternenanzünder mehr, der bei Wind und Wetter unterwegs war. Keine defekten Zündflammen mehr. Kein Nachzünder.

Aber so ganz stimmt das nicht. Der Beruf starb nicht von heute auf morgen. Er dämmerte dahin. In vielen Städten waren die Laternenanzünder noch bis in die 1930er, ja sogar bis in die 1960er Jahre unterwegs . Und heute? Heute gibt es sie noch. Genau.

In einer Zeit, in der wir alles mit dem Smartphone steuern, in der das Licht automatisch angeht, wenn es dunkel wird, in der wir über „Smart Cities“ sprechen – da gibt es zwei Städte in Europa, in denen der Laternenanzünder überlebt hat. Jeden Abend geht ein Mann mit einer langen Stange durch die Straßen von Zagreb und Breslau und zündet die Gaslaternen von Hand an . Aus Kultur, aus Tradition, aus purer Liebhaberei. In Prag auf der Karlsbrücke tun es im Advent Schauspieler in historischen Uniformen, für die Touristen . Aber in Zagreb und Breslau sind es echte Städtische Angestellte.

Es sind die Letzten ihrer Zunft. Sie tragen keine weißen Mäntel mehr, aber ihre Stange ist die gleiche wie vor 150 Jahren. Sie gehen durch die Fußgängerzonen, vorbei an Cafés und Boutiquen, und drehen mit einem Griff das Gas auf. Die Flamme zischt, der Glühstrumpf glüht auf, und für einen Moment ist die Zeit stehen geblieben. Sie sind lebende Denkmäler. Oder wie ein Techniker sagen würde: Sie sind die manuelle Rückfallebene in einer zunehmend fragilen, automatisierten Welt.

7. Der Epilog – Was bleibt?

Was bleibt von ihm, dem Laternenanzünder? Mehr als man denkt. Er lebt weiter in der Literatur, als die fünfte Figur, die der Kleine Prinz auf seinem Planeten trifft – der Laternenanzünder, der eine Laterne anzündet und löscht, weil es nun mal seine Arbeit ist, obwohl sein Planet sich längst schneller dreht. Er ist das Sinnbild für Pflichterfüllung, für das sinnvolle Ritual, auch wenn die Welt um einen herum keinen Sinn mehr ergibt.

Aber er lebt auch in unseren Redewendungen. Wenn wir heute noch sagen, dass uns ein Licht aufgeht, dann meinen wir einen plötzlichen Gedanken. Unsere Vorfahren meinten das ganz wörtlich. Und wenn wir „einen auf die Lampe gießen“, dann denken wir an den Schnaps – aber eigentlich erinnern wir uns an einen Mann, der bei Eiseskälte mit einem Fläschchen Spiritus in der Tasche durch die Stadt zog, um das Eis in den Gasleitungen zu löschen.

Er war der letzte Handwerker der Dunkelheit, bevor die Elektronik das Licht entseelte und es zum reinen Konsumartikel machte. Er war der Beweis, dass Technik nicht ohne den Menschen funktioniert. Dass eine Laterne mehr braucht als Gas und einen Glühstrumpf. Sie braucht jemanden, der sie liebevoll „klicks“ macht. Und wenn man heute Abend durch eine alte Stadt geht, unter einer dieser wenigen verbliebenen Gaslaternen, dann horcht man einen Moment. Vielleicht hört man noch das Echo dieses Klickens. Ein letzter Gruß aus einer Zeit, in der das Licht noch ein Besucher war, den man persönlich begrüßen musste.


Quellen:

  • Die Szene mit dem Kind am Fenster ist einer wunderbaren Erinnerung von Ilse Helbich an ihre Kindheit im Wien der Zwischenkriegszeit entlehnt, die im Wien Museum nachzulesen ist .
  • Die Details zu den Utensilien und dem Spiritus finden sich in der akribischen Dokumentation des Gaswerk Augsburg, die noch heute die alten Dienstvorschriften zitiert .
  • Die Informationen zu den letzten Laternenanzündern in Zagreb und Breslau sowie die Technik der Fernzündung stammen aus einem tiefgründigen Artikel der Wikipedia zur Geschichte der Gasbeleuchtung .

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