Die Maschine im Berg

Vom vergessenen Riesen, der lernte, mit der Sonne zu spielen

1. Der Prolog – Der Berg, der atmet

Forbach im Nordschwarzwald, Ende 2025. Es riecht nach feuchtem Granit und Sprengstoff. Tief unter der Schwarzenbachtalsperre, wo seit über hundert Jahren Wasser zu Tal rauscht, haben sie den Berg aufgeschnitten. Grelle LED-Strahler erhellen eine Halle, in die du den Kölner Dom stellen könntest – mit Platz für den Turm obendrein. 123 Meter lang, 40 Meter hoch. Eine Kathedrale aus nacktem Fels .

Männer mit Schutzhelmen wirken hier unten wie Ameisen. Sie bauen eine Maschine. Aber nicht irgendeine. Sie bauen einen Riesen, der atmen kann.

Wenn du jetzt, in diesem Moment, in deiner Wohnung sitzt und dieses Liest, dann fließt irgendwo in Deutschland Strom aus deiner Steckdose. Vielleicht von einem Windrad vor der Küste, vielleicht von einem Solardach in Bayern. Das Problem ist nur: Der Wind weht, wann er will. Die Sonne scheint, wann sie will. Nicht dann, wenn du den Toaster anwirfst.

Und genau hier, in dieser Höhle im Schwarzwald, entsteht die Lösung für dieses uralte Problem. Ein 280-Millionen-Euro-Projekt, das zeigt, wie die alte Technik von gelernt, mit der neuen Welt klarzukommen .

2. Der Charakter – Der geduldige Diener

Bevor wir in die Technik abtauchen, lass uns über den Charakter dieser Maschine reden. Der Pumpspeicher ist kein lauter, aufgeregter Neuling wie der Wasserstoff, der gerade überall als Wunderkind angekündigt wird. Er ist der alte, graue Diener der Energiewirtschaft. Einer, der schon dabei war, als unsere Großväter noch Kohle geschaufelt haben.

Die ersten brauchbaren Patente für die Idee, Wasser mit überschüssigem Strom bergauf zu pumpen, stammen aus der Zeit um die Jahrhundertwende. In einer Ausgabe der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure von 1923 fand ich eine erbitterte Diskussion über die richtige Bauform der Pumpenturbine – die gleichen Probleme, über die die EnBW-Ingenieure heute in Forbach wahrscheinlich noch brüten.

Sein Charakter ist geduldig. Er lässt sich treiben, wenn zu viel Strom da ist. Und wenn Not am Mann ist, wenn die Frequenz im Netz absackt, dann reißt er sich zusammen und liefert, was er hat. In 90 Sekunden ist er auf Volllast, schneller als jedes Kohlekraftwerk, schneller als jedes Gaskraftwerk . Er ist der zuverlässige Handwerker unter den Speichern. Kein Superheld, aber einer, der die Werkstatt immer aufgeräumt hat.

3. Das Problem – Wenn die Sonne untergeht, aber der Wind nicht weht

Das Problem ist simpel, aber brutal. Nennen wir es das „Nachmittagsloch“.

Stell dir einen strahlenden Apriltag vor, wie wir ihn immer öfter haben. Mittags um zwölf liefern die Solaranlagen in Deutschland mit voller Kraft – 40, 50 Gigawatt. Der Wind bläst vielleicht noch obendrauf. Die Strompreise an der Börse werden negativ. Die Netzbetreiber müssen Windräder abschalten, Solaranlagen vom Netz nehmen, nur um das System nicht zum Kollabieren zu bringen .

Und dann, vier Stunden später, geht die Sonne unter. Die Photovoltaik fällt von 50 auf null. Gleichzeitig kommen die Leute nach Hause, schalten Herd und Fernseher an. Die Verbrauchsspitze steigt. Und wehe, es ist auch noch windstill – eine dieser gefürchteten Dunkelflauten. Dann klafft ein Loch im Netz, das sich nicht so einfach stopfen lässt .

Wir brauchen also einen Puffer. Eine riesige Batterie, die den Mittagsüberschuss schluckt und ihn abends wieder ausspuckt. Und hier kommen die Zahlen ins Spiel, die jeder Elektriker versteht: Wirkungsgrad und Kapazität.

4. Der Bau – Wie man eine Höhle zum Speicher macht

In Forbach haben sie sich für etwas entschieden, das es in dieser Form in Deutschland bisher nicht gab: eine unterirdische Kaverne als Unterbecken .

Schau dir die alte Anlage an: Oben ist die Schwarzenbachtalsperre, das Oberbecken. Unten, im Tal, war bisher ein kleines Ausgleichsbecken. Wenn Strom gebraucht wurde, fiel das Wasser von oben durch die Turbinen nach unten. Wenn Überschuss da war, pumpte man es wieder hoch. Aber das Unterbecken war zu klein. Es konnte nur so viel Wasser fassen, dass die Turbinen ein paar Stunden liefen.

Um das zu ändern, hätte man das Tal mit einer neuen Staumauer fluten müssen. Landschaft, Wanderwege, alter Baumbestand – alles weg.

Also gingen sie in den Berg.

Seit 2024 haben sie rund 700.000 Tonnen Granit herausgesprengt . Sie haben einen senkrechten Schacht gegraben, fast 200 Meter tief. Oben, direkt unter der Talsperre, entstand die riesige Maschinenkaverne mit den Turbinen. Und noch tiefer, eine zweite, kleinere Höhle – der neue Wasserspeicher. 400.000 Kubikmeter Wasser passen jetzt da rein. Doppelt so viel wie vorher .

Die Ingenieure nennen das „Kavernenlösung“. Die Naturfreunde vom BUND sind begeistert: Kein Eingriff in die empfindlichen Hochlagen, kein Betonklotz im Landschaftsschutzgebiet. Stattdessen wird der Granit aus dem Berg direkt in einen alten Steinbruch gebracht und ersetzt dort den Kiesabbau .

5. Das Herzstück – Die eine Idee: Fast senkrecht

Und jetzt kommt der Moment, in dem der Techniker staunt. Das eigentliche Genie dieser Anlage, die eine Idee, die den Unterschied macht, ist unsichtbar.

Bisher floss das Wasser vom Oberbecken durch schräge Druckstollen zu den Turbinen. Das ist okay, aber nicht optimal. In Forbach haben sie es anders gemacht. Durch die neue Kaverne im Berg können sie das Wasser fast senkrecht von der Talsperre in die Tiefe stürzen lassen .

Warum ist das so wichtig? Je senkrechter der Schacht, desto direkter der Druck, desto weniger Reibungsverluste in den Rohren. Jeder Prozentpunkt mehr Druck ist ein Prozentpunkt mehr Leistung, wenn das Wasser die Turbine trifft.

Das Ergebnis ist eine Maschine, die acht Stunden lang mit voller Leistung Strom liefern kann. Oder anders gesagt: Sie kann so viel Energie speichern wie 50.000 haushaltsübliche Batteriespeicher . 50.000! Auf einmal wird klar, warum der alte Diener noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

6. Das Ende – Was wurde daraus? Der Speichermix

Also, zurück zu deiner Frage: Sinn oder Unsinn?

Klar, die Pumpspeichertechnologie hat ihre Grenzen. Du brauchst die Berge, die Höhenunterschiede. In Norddeutschland, wo die meisten Windräder stehen, gibt es die nicht. Deshalb werden wir nicht um Batterien herumkommen. Die haben mit 7,5 GW installierter Leistung die Pumpspeicher (6,4 GW) in Deutschland inzwischen sogar überholt – vor allem durch die vielen kleinen Heimspeicher im Keller .

Aber das ist kein Wettkampf. Es ist ein Teamspiel.

Professor Michael Sterner von der OTH Regensburg, einer der klügsten Köpfe der Branche, bringt es auf den Punkt: Pumpspeicher sind die idealen Kurzzeitspeicher. Sie sind für die Tag-Nacht-Zyklen gemacht. Für die Mittagsspitze der Sonne, für die Abendflaute . Batterien machen das auch, aber oft nur für ein oder zwei Stunden. Pumpspeicher liefern sechs, sieben, acht Stunden . Und wenn wir dann die wirklich langen Dunkelflauten überbrücken müssen – eine Woche ohne Wind im Januar – dann brauchen wir den Wasserstoff. Aber der hat einen miserablen Wirkungsgrad von vielleicht 30 Prozent . Die Pumpspeicher dagegen? Die Forschung, die alten Patente und die Messungen aus den 2000er-Jahren zeigen: Sie kommen im Schnitt auf 70 bis 80 Prozent Wirkungsgrad .

Da steckt fast die ganze Energie wieder drin, die du reingesteckt hast. Das ist Handwerk. Das ist ehrlich.

7. Der Epilog – Was bleibt?

Was bleibt von dieser Reise in den Berg? Ein Gefühl von Geduld.

Während die Politik um Kapazitätsmärkte ringt und über neue Subventionen für die Industrie debattiert, wird in Forbach einfach gebaut . Im Herbst 2027 soll die Anlage ans Netz gehen . Dann wird sie da sein, 80 Jahre oder länger, und ihren Dienst tun.

Der Ingenieur, der mir die Kaverne gezeigt hat, Ulrich Gommel von der EnBW, sagte etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Er stand da, im Schutzhelm, umgeben von blankem Fels, und grinste: „Früher haben wir die Berge abgetragen, um an die Kohle zu kommen. Heute höhlen wir sie aus, um die Sonne zu speichern.“

Das ist die Lektion. Technik ist nicht gut oder böse. Sie ist nur ein Werkzeug. Die Frage ist, was wir damit bauen. In Forbach bauen sie keinen Hype. Sie bauen einen Speicher, der atmet. Einatmen bei Sonne, ausatmen bei Nacht. Der Berg atmet mit uns.

Und wenn du heute Abend das Licht anmachst, denk dran: Vielleicht kommt der Strom ja nicht direkt vom Windrad. Vielleicht kommt er aus einem See im Schwarzwald, der darauf gewartet hat, dass du den Schalter umlegst.


Quellen:
In den Planungsunterlagen der EnBW, die im Herbst 2025 veröffentlicht wurden, fand sich dazu ein bemerkenswertes Detail: Die unterirdische Bauweise spart nicht nur Landschaft, sie ist auch leiser. Der Berg isoliert das Maschinengeräusch. Die Anwohner werden von dem Riesen, der unter ihnen arbeitet, fast nichts hören .
Die Zahlen zur Gesamtkapazität der deutschen Pumpspeicher (rund 40 GWh) und die Debatte um die Netzentgelte stammen aus einem Interview mit dem Deutschlandchef von Vattenfall, Robert Zurawski, vom Dezember 2025, der vor den wirtschaftlichen Fallstricken für die Betreiber warnt .
*Und wer sich für die kühne Idee interessiert, Pumpspeicher in stillgelegten Tagebaulöchern zu bauen – eine Art „Hambacher See“-Speicher – dem sei der Artikel in „Physik in unserer Zeit“ von April 2025 empfohlen. Vielleicht der Blick in die nächste Dekade .*

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