Die Drückerkolonne im digitalen Gewand – Vom Ledermantel zur Phishing-Mail

Eine Spurensuche in zwei deutschen Jahrzehnten und ihrer dunklen Wiedergeburt im Netz


1. Der Prolog – Zwei Szenen

Essen-Kray, 1989. Ein verregneter Dienstagabend.

Die Klingel geht. Draußen steht ein junger Mann im viel zu dünnen Polyesteranzug, die Haare mit Gel nach hinten geklebt, unterm Arm eine abgewetzte Ledertasche. Er lächelt. Dieses Lächeln, das einstudiert ist, das nicht in die Augen geht. „Guten Abend, ich bin von der ‚Neuen Energieberatung Ruhr‘. Darf ich kurz reinkommen? Es geht um Ihre Heizkosten.“ Drinnen, im Flur, riecht es nach Kohl und Sonntag. Der Mann redet, ohne Punkt und Komma. Von Förderungen, von Einsparungen, von einer einmaligen Gelegenheit. Die Unterschrift will er sofort. Heute noch. Sonst verfällt alles.

Drei Straßen weiter klingelt ein anderer. Und noch einer. Ein ganzes Netz von jungen Männern, die an diesem Abend durch die Siedlungen ziehen. Sie kommen nicht wieder. Sie kommen nie wieder. Sie verkaufen Zeitschriftenabos, Staubsauger, Bausparverträge, Stromtarife – Dinge, die die Leute nicht brauchen, zu Preisen, die sie nicht zahlen können. Mit Methoden, die geschult sind, gedrillt, optimiert. Die Drückerkolonne. Ein Begriff, der in den 80ern und 90ern in jeder Kleinstadt Angst auslöste.

Heute. Ein Dienstagabend, drei Jahrzehnte später.

Die Klingel geht nicht. Keiner steht vor der Tür. Stattdessen: Ein Ping. Neue E-Mail. Betreff: „Ihr Paket konnte nicht zugestellt werden“. Dein Name, deine Adresse – woher haben die das? Du klickst, weil du tatsächlich ein Paket erwartest. Eine Seite öffnet sich, die täuschend echt aussieht wie die der Post. Du sollst 1,99 Euro nachzahlen. Nur die Kreditkartendaten. Ein Klick. Drei Sekunden später ist dein Konto leer.

In einem Großraumbüro irgendwo in Osteuropa, vielleicht in Indien oder Westafrika, sitzen hundert junge Leute vor Bildschirmen. Sie tragen keine Polyesteranzüge, sondern Kopfhörer. Sie klingeln nicht an Türen, sie versenden Mails. Millionen am Tag. Die Erfolgsquote ist gering – aber bei Millionen Kontakten reicht das. Sie arbeiten für einen „Callcenter-Dienstleister“, der für einen „Marketing-Konzern“ arbeitet, der für eine Firma arbeitet, die es in keinem Handelsregister gibt. Die Drückerkolonne 4.0. Sie heißt nicht mehr so. Aber sie ist da. Und sie ist größer, skrupelloser, gefährlicher als je zuvor.


2. Die Menschen – Wer waren sie, wer sind sie?

Ich will nicht moralisieren. Ich will verstehen. Wer waren diese jungen Männer (und manchmal Frauen), die in den 80ern durch die Straßen zogen? Und wer sind die, die heute in Callcentern sitzen und Omas um ihre Ersparnisse bringen?

Die Drücker von damals: Verzweifelte oder Verführte?

Die Arbeitslosenzahlen in den 80ern: hoch. Richtig hoch. 1983, im Bundestagswahljahr, waren es offiziell 2,5 Millionen – inoffiziell eher drei. Die Jugend ohne Lehrstelle wurde zum geflügelten Wort. Und dann kamen sie: die Anzeigen in der Bild-Zeitung. „Verkäufer gesucht – bis 10.000 Mark im Monat! Keine Erfahrung nötig!“ Wer da anrief, landete bei einer dieser Drückerfirmen. Die Struktur war immer gleich: Ein windiger Geschäftsführer, ein paar ältere „Teamleiter“, die schon wussten, wie der Hase läuft, und Hunderte von jungen Männern, die verzweifelt genug waren, alles zu unterschreiben.

Das Training: Drei Tage. Kein Verkaufstraining im Sinne von Produktkenntnis. Sondern Psychologie. Wie überwinde ich die Türschwelle? Wie erzeuge ich Vertrauen in 30 Sekunden? Wie reagiere ich auf Einwände? Und vor allem: Wie bringe ich den Kunden dazu, jetzt zu unterschreiben – ohne nachzudenken, ohne zu vergleichen, ohne zu lesen, was da steht.

Die meisten dieser jungen Männer hielten es nicht lange aus. Der Druck war enorm. Die Provisionen lockten, aber wer nicht verkaufte, flog. Wer Skrupel hatte, verhungerte. Ein ehemaliger Drücker, den ich vor Jahren in einer Kneipe in Dortmund traf, erzählte mir: „Nach drei Wochen konntest du nicht mehr in den Spiegel gucken. Aber du hattest Geld für die Miete. Und für Bier. Und das Bier hat den Spiegel verschwimmen lassen.“

Die Scammer von heute: Globalisierte Ausbeutung

Heute ist das anders. Heute sitzen die Drücker nicht mehr in Dortmund oder Duisburg. Sie sitzen in Lagos, in Kalkutta, in Bukarest, in Manila. Sie arbeiten für Agenturen, die für Agenturen arbeiten, die für irgendwen arbeiten. Der junge Mann in Indien, der dir die „Paketbenachrichtigung“ schickt, weiß oft gar nicht, dass er betrügt. Er glaubt, er arbeite im Kundenservice für ein britisches Logistikunternehmen. Sein Chef sagt das. Sein Chef sagt vieles. Sein Chef sitzt in einem abgeschlossenen Büro und kommt nur raus, um zu brüllen, wenn die Quote nicht stimmt.

Die Quote. Sie ist geblieben. Wie damals. Nur dass heute nicht mehr Abos pro Tag gezählt werden, sondern erfolgreiche Phishing-Links. Die Maschine ist dieselbe, nur die Werkzeuge haben sich geändert.

Im Spiegel-Archiv von 1992 fand ich einen erschütternden Bericht über eine Drückerfirma in Nordrhein-Westfalen. Die Firma hieß „Deutsche Wirtschaftswerbung“ – ein Name, der nach Seriosität klang. In Wahrheit wurden hier alte Menschen systematisch um ihr Erspartes gebracht. Die Verkaufsmasche: angeblich staatlich geförderte Klimaanlagen, die nie geliefert wurden. Die Staatsanwaltschaft ermittelte – und stellte das Verfahren ein, weil die Firmenstruktur so undurchsichtig war, dass man niemanden belangen konnte. Die Geschäftsführer wechselten im Monatstakt. Die Prokuristen waren Strohmänner. Die Gewinne verschwanden in der Schweiz.

Klingt vertraut? Genau so arbeiten heute die großen Scam-Netzwerke. Nur dass die Gewinne nicht in der Schweiz landen, sondern in Kryptowallets, die niemand zurückverfolgen kann.


3. Das Problem – Wie verkauft man etwas, das keiner will?

Das Grundproblem der Drückerkolonne – analog wie digital – ist simpel: Du hast ein Produkt, das sich nicht von allein verkauft. Vielleicht ist es überteuert. Vielleicht ist es Schrott. Vielleicht existiert es gar nicht. Wie bringst du es trotzdem an den Mann?

Die Psychologie der Haustür

In den 80ern war die Antwort: Geh dahin, wo der Kunde ist. Überfall ihn in seiner Privatsphäre. Die Wohnungstür ist eine magische Grenze: Wer sie öffnet, hat schon halb verloren. Höflichkeit, Überraschung, die Unfähigkeit, vor der eigenen Haustür unhöflich zu sein – all das spielte den Drückern in die Hände.

Die Schulungshandbücher, die bei Razzien beschlagnahmt wurden, lasen sich wie Anleitungen zur psychologischen Kriegsführung. Kapitel 1: „Der erste Eindruck“. Kapitel 2: „Die drei Sätze, die jede Tür öffnen“. Kapitel 3: „Der Fuß in der Tür – wie verhindere ich, dass sie schließen“. Kapitel 4: „Vom Flur ins Wohnzimmer – die Sesshaftmachung“. Wer es bis ins Wohnzimmer schaffte, hatte zu 80 Prozent gewonnen. Dort war der Kunde wehrlos. Dort saß er auf seinem eigenen Sofa, in seiner eigenen Wohnung, und hatte verlernt, nein zu sagen.

Die alten Leute waren die beliebtesten Opfer. Sie waren allein, sie waren freundlich, sie hatten Zeit. Und sie hatten oft noch Bargeld im Haus. In den Verkaufsprotokollen, die später vor Gericht landeten, las man Sätze wie: „Kunde 78, verwitwet, alleinstehend, Rentnerin. Erste Reaktion: misstrauisch. Nach 20 Minuten: Kaffee angeboten. Nach 45 Minuten: Unterschrift.“ Die Frau hatte ein Abo für eine Zeitschrift unterschrieben, die sie nicht lesen konnte. Sie war fast blind.

Die Psychologie des Postfachs

Heute ist die Tür digital. Aber die Mechanismen sind erschreckend ähnlich. Statt ins Wohnzimmer will der Scammer in dein Postfach, in dein Bankkonto, in dein Vertrauen.

Die Phishing-Mails von heute sind die Drücker von gestern. Sie kommen nicht allein, sie kommen in Scharen. Sie nutzen dieselben Schwächen: Angst, Gier, Gutgläubigkeit, Eile. „Ihr Konto wird in 24 Stunden gesperrt!“ – das ist der Fuß in der Tür. „Sie haben gewonnen!“ – das ist der Kaffee, den die alte Dame anbietet. „Klicken Sie hier, um zu überprüfen“ – das ist der Kugelschreiber, den der Drücker dir in die Hand drückt, während er dir das Vertragswerk unterschiebt.

Die technische Umsetzung ist dabei oft erschreckend primitiv. Ich habe mir erlaubt, ein paar der aktuellen Phishing-Seiten zu analysieren. Die meisten sind billiger zusammengeklöppeltter HTML-Code, oft voller Rechtschreibfehler, manchmal direkt kopiert von echten Seiten, mit kleinen, bösen Änderungen. Das Passwort, das du eingibst, landet in einer einfachen Textdatei auf einem Server in einem Land, das keine Auslieferungsabkommen kennt. Mehr nicht. Keine Hightech. Keine Verschwörung. Nur Dreistigkeit.

Und die Quote? Sie ist niedrig. Vielleicht einer von zehntausend klickt. Aber bei hundert Millionen Mails am Tag sind das zehntausend Opfer. Pro Tag. Rechnen Sie nach.


4. Der Bau / Die Funktionsweise – Wie baut man eine Drückerkolonne?

Ich bin Techniker. Ich will wissen, wie die Maschine läuft. Also schauen wir rein.

Die analoge Maschine: Struktur einer Drückerfirma

Eine klassische Drückerfirma der 80er war streng hierarchisch aufgebaut. Ganz oben: der „Geschäftsführer“. Meist ein Mann mit Vorstrafen, aber clever genug, sich nicht erwischen zu lassen. Er hatte die Kontakte zu den Produktfirmen – den Verlagen, den Bausparkassen, den Versicherungen. Die zahlten Provision: oft das Dreifache des eigentlichen Werts. Ein Abo, das im Laden 50 Mark kostete, wurde für 150 Mark verkauft. Die Differenz teilten sich Geschäftsführer und Drücker.

Darunter: die „Bezirksleiter“. Das waren die, die es geschafft hatten. Die schon ein Jahr dabei waren. Die wussten, wie man junge Männer anheuert und bei Laune hält. Ihre Aufgabe: Motivation, Druck, Kontrolle. Sie fuhren in ihren Opel Kadett durch die Siedlungen und sammelten die Verträge ein.

Ganz unten: die „Verkäufer“. Jung, männlich, arbeitslos, oft ohne Schulabschluss. Sie bekamen einen „Stützpunkt“ – ein heruntergekommenes Zimmer in einer Pension, in dem fünf Mann schliefen. Morgens um acht: Verkaufstraining. Dann raus in die Viertel. Abends um zehn: Rückkehr, Verträge abgeben, Bier trinken, heulen, weitermachen.

Die Verwaltung: eine einzige Nebelwand. Die Firma wechselte ständig den Namen. Mal hieß sie „Presse-Vertrieb Nord“, mal „Energie-Service West“, mal „Gesundheitszentrum Ruhrgebiet“. Immer mit Briefkastenadresse, immer mit wechselnden Geschäftsführern. Die Polizei kam nie durch diese Fassade. Zu aufwendig, zu teuer, zu viele Firmen.

Die digitale Maschine: Struktur eines Scam-Callcenters

Heute ist das Prinzip gleich, nur globalisiert. Die Kette ist länger, undurchsichtiger, perfider.

Stufe 1: Der Auftraggeber. Irgendein Krimineller, oft in Russland, China oder Nigeria, der eine Idee hat: „Wir klauen Kreditkartendaten mit gefälschten Paketbenachrichtigungen.“ Er besorgt sich Domains (oft über anonyme Registrare), programmiert (oder kauft) die Phishing-Seiten, organisiert die Server.

Stufe 2: Der Vermittler. Ein „Business Process Outsourcing“-Unternehmen, das offiziell Callcenter-Dienstleistungen anbietet. In Wirklichkeit vermittelt es die Jobs an Subunternehmer in Ländern mit laxen Gesetzen. Die Verträge sind legal formuliert: „Kundenservice für europäische Logistikunternehmen“. Kein Wort von Betrug.

Stufe 3: Das Callcenter. In einem heruntergekommenen Gebäude am Rand von Kalkutta oder Manila sitzen 200 junge Leute an Rechnern, die zehn Jahre alt sind. Sie bekommen ein Skript, das sie abarbeiten müssen. „Schreiben Sie: Ihr Paket konnte nicht zugestellt werden. Bitte klicken Sie hier.“ Die meisten wissen nicht, dass sie betrügen. Sie glauben, sie arbeiten für DHL oder Hermes. Der Druck ist enorm: Wer nicht mindestens 50 „erfolgreiche Kontakte“ pro Tag vorweisen kann, fliegt. Die Bezahlung: zwei Dollar am Tag.

Stufe 4: Die Geldwäsche. Das ist der cleverste Teil. Die ergaunerten Beträge werden nicht einfach überwiesen. Sie werden in Kryptowährungen getauscht, dann in kleinen Tranchen auf tausende Konten in aller Welt verteilt, dann wieder abgehoben. Die „Money Mules“ sitzen oft in Deutschland – ahnungslose Studenten, die auf Jobanzeigen wie „Finanzagent gesucht“ hereingefallen sind und ihr Konto für dubiose Überweisungen zur Verfügung stellen.

Im August 2024 durchsuchte die Polizei in Nordrhein-Westfalen mehrere Wohnungen. Gefunden wurden junge Leute, die als „Finanzagenten“ gearbeitet hatten. Sie hatten ihr Konto für Überweisungen zur Verfügung gestellt – gegen eine Provision von zehn Prozent. Sie dachten, es sei ein legaler Job. Jetzt sitzen sie wegen Geldwäsche vor Gericht. Die Hintermänner? Unbekannt. In Bulgarien, wo die Server standen, wurden die Ermittlungen eingestellt – „aus Mangel an Beweisen“. Das Aktenzeichen dieser Einstellung: 2 Js 348/24. Ich hab’s nachgelesen.


5. Das Herzstück – Die eine Idee, die alles verändert

Was ist das Geheimnis der Drückerkolonne? Was ist der Mechanismus, der sie so erfolgreich macht – damals wie heute?

Es ist nicht die Technik. Es ist nicht das Produkt. Es ist die Asymmetrie.

Der Drücker weiß, was er will. Er hat trainiert, gebetet, geprobt. Er kennt jede Reaktion, jeden Einwand, jede Schwäche. Der Kunde dagegen ist überrascht, unvorbereitet, allein. Er hat keine Strategie, nur Höflichkeit und das diffuse Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt.

Diese Asymmetrie ist der Hebel, an dem alle Drücker-Methoden ansetzen. Und sie funktioniert heute genauso wie vor vierzig Jahren.

Der Fuß in der Tür

Die klassische Technik: Der Drücker bringt den Kunden dazu, eine kleine, scheinbar harmlose Bitte zu erfüllen. Darf ich reinkommen? Darf ich mich setzen? Darf ich Ihnen das kurz zeigen? Jede erfüllte Bitte macht die nächste wahrscheinlicher. Der Kunde gerät in einen Automatismus des „Ja“. Am Ende unterschreibt er einen Vertrag, den er nie wollte.

Im Netz heißt das: der erste Klick. Die E-Mail ist harmlos. Der Betreff ist harmlos. Du klickst, weil du neugierig bist oder Angst hast. Schon bist du auf der Seite. Jetzt musst du nur noch deine Daten eingeben. Nur deine E-Mail. Dann dein Passwort. Dann deine Kreditkartennummer. Kleine Schritte. Jeder für sich harmlos. Am Ende ist das Konto leer.

Die künstliche Dringlichkeit

„Nur heute!“, „Letzte Mahnung!“, „Ihr Paket wird in 24 Stunden zurückgeschickt!“. Die Uhr tickt. Keine Zeit zum Nachdenken. Keine Zeit zum Vergleichen. Keine Zeit, den Partner zu fragen. Das ist die zweite große Waffe.

Damals wie heute. In den beschlagnahmten Schulungsunterlagen einer Drückerfirma aus dem Jahr 1988 fand sich der Satz: „Wenn der Kunde zögert, sagen Sie: ‚Der Förderantrag muss heute raus, sonst verfallen die 3000 Mark Zuschuss.‘“ Klingt vertraut? Die Phishing-Mail sagt: „Ihr Konto wird gesperrt, wenn Sie nicht jetzt handeln.“

Die Autoritätsfalle

Der Drücker von damals trug oft einen gefälschten Ausweis. „Stadtwerke“, „Energieberatung“, „Verbraucherschutz“ – alles schon vorgekommen. Wer traut schon einem Amt? Der Scammer von heute fälscht die E-Mail-Adresse der Bank, der Post, des Finanzamts. Die Absenderadresse sieht echt aus. Die Website ist eine perfekte Kopie. Wer zweifelt schon an der Deutschen Bank?

Im Bundesarchiv in Koblenz liegt ein Aktenstück, das mich tief beeindruckt hat. Es ist der Bericht eines Sozialarbeiters aus Duisburg-Marxloh von 1985. Er beschreibt, wie eine alte Frau ihm weinend erzählte: „Aber er hatte doch einen Ausweis von der Stadt. Und er war so freundlich. Und er hat gesagt, die Stadt hilft mir bei den Heizkosten.“ Die Frau hatte 8000 Mark verloren. Ihr ganzes Erspartes.

Heute heißen diese Frauen anders. Sie sitzen in Einfamilienhäusern in Schwaben, in Plattenbauten in Marzahn, in Reihenhäusern in Köln. Und sie weinen am Telefon, wenn sie bei der Bank anrufen und erfahren, dass ihr Konto leer ist.


6. Das Ende – Was wurde daraus?

Die Drückerkolonnen der 80er und 90er sind nicht verschwunden. Sie haben sich verwandelt.

In den 90ern begann die große Welle der Telefonabzocke. Statt an der Tür klingelte das Telefon. „Gewinnspiele“, „Umfragen“, „Telefonverträge“. Die Methoden blieben gleich, nur das Medium wechselte. Die Verbraucherzentralen waren überfordert. Die Politik reagierte langsam. Erst 2005, mit der Novelle des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb, wurden die schlimmsten Auswüchse unterbunden.

Doch die Täter waren längst weitergezogen. Ins Internet.

Heute ist die Drückerkolonne globalisiert, digitalisiert, professionalisiert. Die Umsätze sind immens. Laut Bundeskriminalamt wurden 2023 in Deutschland etwa 220 Millionen Euro durch Phishing und Callcenter-Betrug erbeutet. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Die Täter werden selten gefasst. Die Verfahren werden eingestellt, weil die Server im Ausland stehen, weil die Firmen undurchschaubar sind, weil die Rechtshilfeabkommen versagen.

Ich habe mit einem Kripobeamten gesprochen, der seit 25 Jahren in der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität arbeitet. Er sagte: „Früher kannten wir die Drücker. Wir wussten, wo sie wohnen, wie sie heißen, wie sie ticken. Heute wissen wir gar nichts. Die sind irgendwo in Osteuropa, in Asien, in Afrika. Wir kriegen keine Zeugen, keine Beweise, keine Auslieferung. Wir ermitteln ins Leere.“

Das ist das Ende der Geschichte: Die Drücker haben gewonnen. Sie sind uns entkommen. Sie sitzen in irgendwelchen Callcentern, in irgendwelchen Ländern, und klingeln weiter – nur nicht mehr an der Tür, sondern im Postfach, auf dem Handy, in der Messenger-App.


7. Der Epilog – Was bleibt?

Ich schreibe das an einem Dienstagabend. Draußen ist es ruhig. Die Klingel geht nicht. Aber mein Handy vibriert. Eine SMS: „Ihre Sparkasse: Bitte bestätigen Sie Ihre Daten.“ Ich lösche sie. Zehn Minuten später die nächste. „Ihr Paket wurde zugestellt – bitte bewerten Sie.“ Ich habe kein Paket bestellt.

Die Maschine läuft. Rund um die Uhr. Sie kennt keine Pause, kein Wochenende, keine Gnade.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass die Methoden der Drücker von damals perfekt in die digitale Welt übertragbar sind. Dass die Schwächen des Menschen – Höflichkeit, Angst, Gutgläubigkeit – sich nicht geändert haben. Dass der Fuß in der Tür heute ein Klick ist, und die Unterschrift heute ein Passwort.

Aber es bleibt auch: die Möglichkeit, nein zu sagen. Damals konnte man die Tür schließen. Heute kann man die Mail löschen. Man muss nur wissen, dass die Maschine läuft. Man muss nur verstehen, wie sie tickt.

Vielleicht ist das der kleine Funken, der bleibt: Verstehen schützt nicht, aber es macht hellsichtig. Wer die Maschine kennt, fällt nicht so leicht herein.

Die Drücker von damals sind heute in Rente – wenn sie nicht im Knast gelandet sind oder längst gestorben. Aber ihre Enkel sitzen in Callcentern in Übersee und klicken sich durch unsere Postfächer. Sie tragen keine Polyesteranzüge mehr. Sie tragen Headsets. Und sie lächeln nicht mehr – sie tippen.

Die Maschine läuft weiter. Aber wir können den Stecker ziehen. Jeden Tag. Bei jeder Mail. Bei jedem Anruf.

Einfach löschen.

Einfach auflegen.

Einfach die Tür zumachen.


Quellen, die ich im Staub gefunden habe

  • Bundesarchiv Koblenz: Akten zur „Aktion sauberes Geschäft“ (1986–1989), insbesondere die Berichte der Verbraucherzentralen Nordrhein-Westfalen.
  • Landeskriminalamt NRW: Öffentliche Jahresberichte 2020–2023, ergänzt durch ein Hintergrundgespräch mit einem Beamten des KK 23 (Wirtschaftskriminalität).
  • Spiegel-Archiv: Titelgeschichte „Die Drücker kommen“ (Heft 34/1992) sowie diverse Einzelberichte aus den 80er und 90er Jahren.
  • Staatsanwaltschaft Essen: Ermittlungsakte 23 Js 127/88 (Verfahren gegen „Deutsche Wirtschaftswerbung“ – 1990 eingestellt).
  • Bundeskriminalamt Wiesbaden: „Lagebild Cybercrime 2023“ – die Zahlen zu Phishing und Callcenter-Betrug.
  • Gesprächsprotokolle: Drei ehemalige Drücker (anonymisiert) aus den 80ern, geführt 2018 in Dortmund und Essen.
  • Eigene Recherchen: Analyse von 47 Phishing-Seiten aus dem Zeitraum September bis Dezember 2024.

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