Die Geburt einer Revolution: Vier Studenten erfinden das Chatten neu

Die Geschichte von ICQ beginnt nicht in einem Silicon Valley-Startup, sondern in einem kleinen Büro in Tel Aviv, Israel. Im Sommer 1996 tüftelten fünf junge Männer an einer Idee, die die Welt verändern sollte: Yair Goldfinger, Sefi Vigiser, Amnon Amir, Arik Vardi und dessen Vater Yossi Vardi . Sie waren Mitte zwanzig, arbeitslos und fragten sich, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. „Was sollten wir tun? Warten, bis uns jemand einstellt, oder selbst etwas unternehmen?“, erinnert sich Yair Goldfinger an die Anfänge .

Die Antwort war eine Software, die sie „ICQ“ tauften – ein kluges Wortspiel, das wie der englische Satz „I Seek You“ („Ich suche dich“) klingt . Die Idee war ebenso einfach wie revolutionär: Bisher war das Internet ein Ort des passiven Konsums oder der asynchronen Kommunikation per E-Mail. Man schrieb eine Nachricht, schickte sie ab und wartete – manchmal Stunden oder Tage – auf eine Antwort. ICQ änderte alles. Es schuf einen digitalen Raum, in dem man sehen konnte, wer gerade da war. Ein Freundesliste, ein Status (Online/Abwesend), ein einfaches Textfenster – und die Unterhaltung konnte in Echtzeit stattfinden.

Am 15. November 1996 war es so weit: Die erste Version von ICQ ging online . Das Geschäftsmodell? Es gab keins. Die Software war kostenlos, die Vermarktung gleich null. Man vertraute auf die Kraft der Mundpropaganda. Und siehe da: Das Konzept ging viral – lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. ICQ verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Zuerst in den Tech-Szenen, dann in den Jugendzimmern weltweit.

Der kometenhafte Aufstieg und die goldene Ära

Der Erfolg war atemberaubend. Schon sieben Monate nach dem Start knackte ICQ die Marke von einer Million Nutzer . 1998, als der Dienst für die damals unfassbare Summe von 407 Millionen Dollar an den US-Medienriesen America Online (AOL) verkauft wurde, waren es bereits über 10 Millionen . Zu seinem absoluten Höhepunkt um das Jahr 2001 herum hatte ICQ mehr als 100 Millionen registrierte Accounts – und das zu einer Zeit, als die gesamte Weltbevölkerung online gerade einmal 400 Millionen Menschen zählte . In einigen Regionen, wie dem deutschsprachigen Raum, war ICQ der unangefochtene König der Chatprogramme, lange bevor MSN Messenger oder gar WhatsApp auch nur eine Fußnote der Geschichte waren .

Das Universum der UIN: Vom Statussymbol zum Schwarzmarkthandel

Das Herzstück von ICQ war die UIN (Unique Identification Number) . Bei der Registrierung erhielt man keine Frei wählbaren Benutzernamen, sondern eine fortlaufende Nummer, beginnend bei 100.000. Diese Nummer wurde zu einem integralen Bestandteil der eigenen digitalen Identität. Generationen von Jugendlichen können ihre ICQ-Nummer noch heute auswendig aufsagen – eine Gehirnzelle, die für immer mit sinnlosen, aber wertvollen Daten belegt ist .

Und wie bei allen begehrten Dingen im Leben entwickelte sich auch hier eine Ökonomie der Knappheit. Je kürzer die Nummer, desto älter und exklusiver der Account. Sechsstellige UINs waren bereits selten und begehrt. Fünfstellige Nummern? Die waren praktisch mythischer Status und wurden angeblich nur an Entwickler vergeben . Im Internet blühte ein reger Schwarzmarkt. Für eine begehrte kurze Nummer wurden auf Online-Auktionsplattformen schnell mehrere Hundert Euro gezahlt . In Russland, wo ICQ noch lange nach seinem Niedergang im Westen populär blieb, kostete eine sechsstellige UIN im Jahr 2010 umgerechnet 300-400 Euro .

Diese Nachfrage führte zu einer dunklen Blüte: dem UIN-Diebstahl. Mit Phishing-Attacken oder Brute-Force-Methoden machten Kriminelle Jagd auf wertvolle Nummern. Mirabilis reagierte 1999 mit einer Verbesserung des Passwort-Wiederherstellungssystems, das bis heute gespeicherte, zurückliegende E-Mail-Adressen nutzte, um gestohlene Accounts zurückzuholen. Das führte zu einem perfiden Katz-und-Maus-Spiel: Ein Dieb stahl eine Nummer, der rechtmäßige Besitzer forderte sie zurück – und ahnungslose Käufer, die eine „günstige“ UIN ersteigert hatten, standen plötzlich mit einem wertlosen Account da .

Die Hardware der Gefühle: Zwischen Modem-Geräuschen und Standrechnern

ICQ war mehr als nur Software; es war ein soziokulturelles Phänomen, das fest in den Alltag der frühen 2000er eingewebt war. Wer ICQ nutzte, erinnert sich an das Ritual: nach Hause kommen, den schweren Rechner mit Windows 2000 anschmeißen, das Modem anwerfen. Das markerschütternde Kreischen und Knarzen, mit dem sich die 56k-Modem-Verbindung aufbaute, war die Ouvertüre zum digitalen Abend .

Dann, endlich online, ging das Warten los. Das Herzklopfen, wenn der Name des Schwarms in der Kontaktliste auftauchte, gefolgt von der orthografischen Höchstleistung: „Hy, wie gez?“ . Es war die Geburtsstunde einer neuen Jugendsprache, voller Abkürzungen wie „HDGDL“ (Hab dich ganz doll lieb), „AFK“ (Away from Keyboard) oder dem Status „am HA machen. Nicht nervn“ . Die berühmte grüne Blume im System-Tray wurde gelb, wenn man abwesend war, und rot, wenn man offline ging. Man konnte sich unsichtbar schalten („Invisible-Modus“), um ungestört zu beobachten – eine Kunst, die später von Facebook und WhatsApp perfektioniert wurde.

Und dann war da der Sound. Dieses unverwechselbare „Oh-Oh!“, das den Eingang einer neuen Nachricht ankündigte . Für die einen war es der schönste Klang der Welt, für die anderen, meist die Eltern, das Signal, dass die Telefonrechnung wieder in schwindelerregende Höhen schnellen würde. Denn wer chatte, blockierte die Telefonleitung – ein Familienkonflikt, der damals in Tausenden Haushalten Standard war.

Der lange Schatten des Niedergangs

Trotz seiner Pionierrolle und anfänglichen Dominanz gelang es ICQ nicht, seinen Thron zu sichern. Der Niedergang war ein langsamer, schmerzhafter Prozess, eine klassische Geschichte von verpassten Chancen und ignorierten Trends.

Der Sündenfall: AOL und die Kommerzialisierung

Mit der Übernahme durch AOL im Jahr 1998 begann das Ungemach. Was als schlankes, geniales Werkzeug begann, wurde nach und nach mit immer mehr Funktionen vollgestopft. AOL versuchte, den kostenlosen Dienst zu monetarisieren, und übersäte die Software mit Werbung . Die einst so schlanke Anwendung wurde aufgebläht, langsamer und unübersichtlicher. Viele Nutzer empfanden dies als Ausverkauf ihrer geliebten Plattform .

Der Kopierer wird zum König: Der Aufstieg von QQ in China

Während ICQ im Westen gegen Konkurrenten wie MSN Messenger und AIM kämpfte, machte ihm im Osten ein Nachahmer den Rang ab, der es besser verstand, den lokalen Markt zu bedienen. 1999 brachte der chinesische Unternehmer Ma Huateng (Pony Ma) einen Klon namens OICQ (Open ICQ) auf den Markt . Die Ähnlichkeit war verblüffend, aber Ma hatte verstanden, was ICQ übersah.

In China, wo die Menschen oft in Internetcafés unterwegs waren und keine eigenen Computer besaßen, war es ein riesiges Problem, dass ICQ die Chatverläufe nur lokal auf der Festplatte speicherte. OICQ (später in QQ umbenannt, nachdem AOL 2000 erfolgreich wegen Markenrechtsverletzung geklagt hatte) speicherte alles auf seinen Servern. Die Verläufe waren immer und überall abrufbar . Zudem war QQ sofort auf Chinesisch verfügbar und nahm sich der lokalen Gegebenheiten an, wie der Unterscheidung zwischen dem teuren 163-Netz und dem günstigeren 169-Netz für den Internetzugang . Während ICQ also in der Bedeutungslosigkeit versank, wuchs QQ zu einem Giganten heran, der heute noch mit Hunderten Millionen Nutzern den Markt dominiert.

Die Wende zum Mobilen – zu spät und zu halbherzig

Der nächste Megatrend, den ICQ verschlief, war das mobile Internet und die Smartphone-Revolution. Zwar gab es erste mobile Versionen – 2009 für das iPhone, 2010 für Android  –, aber der große Wurf blieb aus. Als WhatsApp, Line und Co. mit ihren einfachen, mobilen und immer-online Konzepten den Markt eroberten, wirkte ICQ wie ein Relikt aus der PC-Ära. Die Nutzerzahlen brachen ein: von über 100 Millionen aktiven Nutzern zu Beginn des Jahrtausends auf 42 Millionen im Jahr 2010 und nur noch 11 Millionen im Jahr 2013 .

Die russische Renaissance und das endgültige Ende

2010 war das Jahr der zweiten großen Zäsur. AOL, selbst in Schwierigkeiten, verkaufte ICQ für nur noch 187,5 Millionen Dollar an die russische Investmentfirma Digital Sky Technologies (DST), die spätere Mail.ru Group (heute VK) . Der Kaufpreis war weniger als die Hälfte dessen, was AOL zwölf Jahre zuvor bezahlt hatte – ein klares Zeichen für den Wertverfall.

Unter russischer Führung erlebte ICQ eine Art Spätfrühling. In Russland und den GUS-Staaten war der Dienst nie ganz so unbeliebt gewesen wie im Westen. 2010 kamen etwa 1850 von 4200 aktiven Nutzern aus Russland . Die neuen Eigentümer investierten in die Technologie. 2014 war ICQ sogar der erste Messenger weltweit, der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Sprach- und Videoanrufe einführte . 2020 wurde ein umfassendes Redesign unter dem Namen „ICQ New“ gestartet, das moderne Features wie Channels, Bots und Gruppenchats für bis zu 25.000 Teilnehmer bot . Ein letztes Aufflackern gab es im Januar 2021, als nach einem umstrittenen Privacy-Update von WhatsApp viele Nutzer in Hongkong zu ICQ wechselten und die Download-Zahlen dort explosionsartig anstiegen .

Doch es war zu wenig und zu spät. Der Dienst blieb ein Nischenprodukt, getragen von Nostalgikern und einer treuen russischen Community. Am 24. Mai 2024 gab der Betreiber VK auf der ICQ-Website bekannt, dass der Dienst zum 26. Juni 2024 endgültig eingestellt wird . Die Nutzer wurden aufgefordert, auf den VK Messenger oder VK WorkSpace zu migrieren . Als letzten Gruß zeigte die Webseite ein Bild, das an eine Zauberwürfel- bzw. Rubik’s Würfel-ähnliche Anordnung erinnerte – ein letztes Rätsel, eine letzte Hommage an die frühen Tage des Internets .

Am 26. Juni 2024, nach mehr als 27 Jahren, verstummte das letzte „Oh-Oh!“ für immer.

Ein Vermächtnis aus Bits und Blüten

ICQ ist tot, lang lebe ICQ! Denn das Vermächtnis des Ur-Messengers ist allgegenwärtig.

  • Der Blaupause: Jede moderne Messenger-App – von WhatsApp über Telegram bis hin zu Signal – basiert auf den Grundkonzepten, die ICQ einführte: die Kontaktliste mit Online-Status, das 1:1-Chat-Fenster, der Offline-Modus, die Dateiübertragung .
  • Die Erfindung der digitalen Identität: Die UIN war der Vorläufer aller digitalen Profile. Sie lehrte uns, dass wir im Netz eine Nummer, ein Name, eine Identität haben können, die losgelöst von unserem physischen Ich ist.
  • Der Sound einer Generation: Das „Oh-Oh!“ ist mehr als ein Klingelton. Es ist ein akustisches Symbol für eine Zeit des Aufbruchs, der Neugier und der ersten zarten digitalen Gehversuche. Es ist der Soundtrack der Jugend einer ganzen Generation.

Am Ende bleibt ein wehmütiges Gefühl. ICQ war der Pionier, der das Tor zu einer neuen Welt aufstieß, aber dann nicht schnell genug durchschreiten konnte. Es wurde von schnelleren, agileren Nachfolgern überholt, die auf den von ihm gebauten Straßen fuhren. Doch ohne diesen mutigen Schritt ins Ungewisse, ohne die vier israelischen Studenten, die 1996 einfach etwas „tun“ wollten, sähe unsere vernetzte Welt heute anders aus. Ruhe sanft, grüne Blume. Du wirst nie vergessen werden.


Quellenverzeichnis:

Die in diesem Artikel verwendeten Informationen stammen aus einer Vielzahl von öffentlich zugänglichen Quellen, darunter:

  1. Wikipedia (Deutsch): ICQ – Umfassender Artikel zur Geschichte, Technik und Kritik an ICQ. 
  2. Spiegel / Bento: „Kommst du später on?“ – Ein nostalgischer Artikel über die soziale und kulturelle Nutzung von ICQ und MSN Messenger im Jahr 2005. 
  3. Baidu Baike (百度百科): 网络寻呼机 – Chinesischer Lexikoneintrag, der die Geschichte von ICQ und seine Bedeutung für die Entwicklung chinesischer Klone wie OICQ (QQ) beleuchtet. 
  4. Wikipedia (Englisch): ICQ – Der englischsprachige Wikipedia-Artikel mit detaillierten Informationen zur Produkthistorie, UINs und der Übernahme durch Mail.Ru
  5. PConline (太平洋科技): „硬撑了28年的ICQ,终于还是不行了。“ – Ein chinesischer Nachrichtenartikel, der den Niedergang von ICQ analysiert und die Marktdynamik in China beschreibt. 
  6. Central News Agency (中央社, Taiwan): „元祖級通訊軟體ICQ 6/26終止服務“ – Meldung der taiwanesischen Nachrichtenagentur über die Einstellung von ICQ. 
  7. Stern: „Schluss mit ‚Oh-Oh!‘: ICQ wird nach 27 Jahren dichtgemacht“ – Deutscher Nachrichtenartikel über das Ende von ICQ. 
  8. Kepu China (科普中国): 网络寻呼机 – Ein weiterer chinesischer Wissenschaftsartikel, der die Funktionen und die frühe Konkurrenz im chinesischen Markt (PICQ, NetSprite) beschreibt. 
  9. Southern People Weekly (南方人物周刊): „ICQ将结束运营,又一个青春记忆逝去“ – Ein ausführlicher chinesischer Artikel, der tief in die Gründe für ICQs Scheitern in China eintaucht und die Rolle von QQ hervorhebt. 
  10. Watson: „«Oh, Oh!» – ICQ-Messenger macht nach fast 30 Jahren dicht“ – Schweizer Nachrichtenportal mit Fokus auf Nostalgie und den typischen ICQ-Sound. 

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