Als unsere Kinder das Sprechen verlernten: Die stille Erosion der Zwischenmenschlichkeit im Zeitalter der Messenger
Autor: DerSchneider
Einleitung
Es ist eine Szene, die sich heute millionenfach täglich wiederholt: Zwei Teenager sitzen nebeneinander in der Bahn. Keiner spricht. Beide starren auf ihre Displays, tippen Nachrichten – an andere, nicht aneinander. Eine Mutter schickt ihrem Kind aus dem Nebenzimmer einen Smiley, statt kurz hinüberzugehen. Ein Vater beendet einen Konflikt mit einer WhatsApp-Sprachnachricht, anstatt sich mit seinem Sohn an den Tisch zu setzen.
Wir haben das Telefonieren verlernt, weil es zu teuer war. Wir haben das SMS-Schreiben verlernt, weil Messenger es ablösten. Und nun, so scheint es, verlernen wir das Sprechen selbst – zumindest jene feinen, unendlich komplexen Facetten menschlicher Kommunikation, die nicht aus Buchstaben und Emojis bestehen. Die Frage ist nicht mehr nur akademisch: Wächst eine Generation heran, die Mimik nicht mehr lesen, Tonfall nicht mehr deuten, echte Empathie nicht mehr empfinden kann?
Dieser Artikel unternimmt eine tiefgehende Analyse der kommunikativen Verschiebung, die sich in den letzten fünfzehn Jahren vollzogen hat. Er beleuchtet historische, neurologische, psychologische und soziologische Dimensionen – und fragt nach den Kosten eines Komforts, den wir kaum noch hinterfragen.
Hauptteil
1. Die historische Ablösung: Vom kostbaren Wort zur kostenlosen Nachricht
Um zu verstehen, wo wir heute stehen, muss man einen Blick zurückwerfen – auf eine Zeit, in der Kommunikation ein bewusster, oft teurer Akt war.
1.1 Das Zeitalter des teuren Telefonats
In den 1980er und 1990er Jahren war Telefonieren ein Luxus. Ein Ferngespräch innerhalb Deutschlands kostete schnell mehrere Mark pro Minute. Ein Anruf ins Ausland war ein Ereignis, das man ankündigte und kurz hielt. Telefonzellen waren voll, Telefonkarten wurden aufbewahrt wie Sparbücher. Wer viel telefonierte, bekam am Monatsende einen Schock – die Telefonrechnung konnte dreistellig ausfallen.
Die Folge: Telefonate wurden kurz, effizient, auf das Wesentliche reduziert. Man rief nicht „mal eben so“ an, um zu plaudern. Plaudern war etwas für persönliche Treffen. Die Schwelle für ein Gespräch war hoch.
1.2 SMS: Der erste Riss im Monopol der Sprache
Mit der Einführung der SMS 1992 entstand eine neue Gattung: die schriftliche Kurznachricht in Echtzeit. Doch auch sie war teuer. 9 Cent, 19 Cent, später 29 Cent pro Nachricht – das läppte sich. Jugendliche entwickelten ausgefeilte Abkürzungssprachen („hdgdl“, „8ung“), um mehr Inhalt in die 160 Zeichen zu pressen. Aber SMS blieb eine Ergänzung zum Telefonat, kein Ersatz.
In Deutschland versendete man 2010 durchschnittlich 50 SMS pro Monat. Zum Vergleich: Heute verschickt ein Jugendlicher über 1.000 WhatsApp-Nachrichten im Monat – ohne jede Kostenüberlegung.
1.3 Die WhatsApp-Revolution: Kommunikation wird zum Schüttgut
Als WhatsApp 2009 in Deutschland ankam – erst für iPhone, dann für Android – löste es ein Problem, das die USA nie hatte: die teure SMS. Endlich unbegrenzt viele Nachrichten, Fotos, Sprachnachrichten, alles für 0,89 Euro im Jahr (später kostenlos durch Übernahme von Facebook). Der Siegeszug war unaufhaltsam.
Doch was wie ein reiner Gewinn an Freiheit und Anbindung aussah, hatte eine Schattenseite: Das gesprochene Wort wurde überflüssig. Warum anrufen, wenn man schnell schreiben kann? Warum sich dem Risiko einer peinlichen Pause im Telefonat aussetzen, wenn man in Ruhe formulieren kann? Die Ökonomie der Aufmerksamkeit verschob sich radikal – vom synchronen, unkontrollierbaren Gespräch zum asynchronen, editierbaren Text.
2. Der stille Verlust: Was beim Texten verloren geht
Kommunikation ist mehr als Informationsaustausch. Sie ist Resonanz, Spiegelung, Zwischenleiblichkeit. Der Philosoph und Psychologe Hermann Schmitz spricht von der „leiblichen Kommunikation“ – jenem feinen, oft unbewussten Austausch von Stimmungen, Atmosphären und Befindlichkeiten, der nur in physischer Kopräsenz oder zumindest in der Stimme möglich ist.
2.1 Das Mehrabian-Modell und seine Bedeutung für die digitale Welt
Albert Mehrabian, Psychologe an der UCLA, entwickelte in den 1960er Jahren ein heute oft zitiertes – und manchmal missverstandenes – Modell zur Gewichtung von Kommunikationselementen:
| Anteil | Element | Beispiele |
|---|---|---|
| 55 % | Körpersprache | Mimik, Gestik, Haltung, Blickkontakt, Distanz |
| 38 % | Stimme | Tonfall, Lautstärke, Tempo, Pausen, Zögern, Klangfarbe |
| 7 % | Worte | Rein semantischer Inhalt, Satzbau, Wortwahl |
Das Modell bezieht sich auf die Übermittlung von Gefühlen und Einstellungen, nicht auf faktische Informationen. Aber genau darum geht es in der zwischenmenschlichen Beziehung: Selten streiten wir über Fakten, meist über Gefühle.
Beim reinen Text-über-Messenger fallen 93 % dieser Information weg. Was bleibt, sind die kargen 7 % – und eine Handvoll Emojis, die versuchen, die Lücke zu füllen. Dass dies gelingt, ist die Ausnahme. Dass es misslingt, die Regel.
2.2 Die Illusion der Emojis: Ein Alphabet der Gefühle, aber keine Grammatik
Emojis sind eine brillante Erfindung – aber sie sind kein Ersatz für die lebendige Mimik. Ein echtes Lächeln kann warm, ironisch, verlegen, gequält, triumphierend oder mitleidig sein. Das Emoji 😊 kennt keine dieser Nuancen. Ein weinendes Gesicht 😢 sagt nichts über die Intensität, die stille Träne oder das schluchzende Zusammenbrechen.
Problematisch wird es, wenn Emojis mehrdeutig sind oder kulturell unterschiedlich interpretiert werden. Das „laut weinende Gesicht“ 😭 wird in westlichen Kontexten oft als „Ich lache so sehr, dass ich weine“ verwendet – während es eigentlich tiefe Trauer ausdrücken soll. Ein Jugendlicher, der auf eine traurige Nachricht mit 😭 antwortet, kann damit ausdrücken: „Das ist so lustig!“ – und den anderen zutiefst verletzen.
Forscher der Universität Tokio fanden heraus, dass die Interpretation von Emojis zwischen Kulturen um bis zu 40 % variiert. Selbst innerhalb Deutschlands gibt es Generationenunterschiede: Für Über-40-Jährige ist 😉 ein eindeutiges Augenzwinkern, für Teenager oft einfach ein „irgendwie komisches Gesicht“.
2.3 Die verlorene Stimme: Prosodie als emotionale Landkarte
Die menschliche Stimme ist ein hochkomplexes Instrument. Sie kann über 100 verschiedene emotionale Nuancen allein durch Tonhöhenveränderungen ausdrücken. Die Prosodie – also Melodie, Rhythmus, Betonung – trägt die eigentliche Botschaft.
Ein einfaches „Nein.“ kann bedeuten:
- „Nein.“ (sachlich, ablehnend)
- „Nein?“ (fragend, überrascht)
- „Neiiin!“ (entsetzt, schmerzerfüllt)
- „Nö.“ (lässig, desinteressiert)
- „Ne-ein.“ (zögernd, unsicher)
Im Text steht nur „Nein.“ – die gesamte emotionale Landkarte geht verloren. Selbst ein angehängtes Ausrufezeichen hilft nur grob. Kinder, die nie lernen, diese Nuancen zu hören und zu produzieren, entwickeln eine emotionale Taubheit.
3. Die neurologische und psychologische Entwicklung bei Kindern
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Ihr Gehirn ist hochgradig plastisch – es formt sich durch Erfahrung. Was sie nicht üben, das verlernen sie schneller, als uns lieb ist.
3.1 Der Spiegelneuroneneffekt: Empathie durch Nachahmung
Spiegelneuronen im Gehirn feuern nicht nur, wenn wir eine Handlung ausführen, sondern auch, wenn wir sie bei anderen beobachten. Wenn ein Kind seine Mutter lächeln sieht, aktivieren sich dieselben neuronalen Schaltkreise, als würde es selbst lächeln. So lernt es, Emotionen nicht nur zu erkennen, sondern auch zu teilen – die biologische Grundlage der Empathie.
Diese Spiegelung funktioniert über Text nicht. Ein Emoji aktiviert keine Spiegelneuronen. Ein Kind, das täglich Stunden mit Messengern verbringt, bekommt weniger Gelegenheit, echte Gesichter zu sehen, echte Tränen zu beobachten, echte Freude zu teilen. Die neuronalen Pfade für Empathie verkümmern – ein Prozess, den Neurowissenschaftler als „Use it or lose it“ beschreiben.
3.2 Die UCLA-Studie: Fünf Tage ohne Bildschirm, 33 % mehr Emotionserkennung
Die bereits erwähnte Studie von Yalda Uhls und Kollegen (2014) ist ein Meilenstein. 51 Kinder im Alter von 11 bis 13 Jahren besuchten ein fünftägiges Outdoor-Ferienlager – ohne Fernseher, Computer, Smartphones oder Tablets. Vor und nach dem Aufenthalt wurden ihnen Fotos von Gesichtern gezeigt, auf denen verschiedene Emotionen abgebildet waren (Freude, Trauer, Wut, Überraschung, Angst, Ekel, neutrale Gesichter). Die Kinder mussten die Emotion benennen.
Das Ergebnis war eindeutig: Nach nur fünf Tagen ohne digitale Medien verbesserte sich die Fähigkeit der Kinder, Emotionen aus Gesichtsausdrücken zu lesen, signifikant – um durchschnittlich 33 %. Die Verbesserung war bei denjenigen am größten, die vorher die meiste Bildschirmzeit hatten.
Die Schlussfolgerung der Autoren: „Die tägliche Exposition gegenüber digitalen Medien reduziert die Gelegenheiten für nonverbale emotionale Praxis. Bereits kurze Unterbrechungen können diese Fähigkeiten wiederherstellen.“
3.3 Längsschnittstudie aus Würzburg: Dosis-Wirkungs-Beziehung
Die Universität Würzburg untersuchte über drei Jahre hinweg 1.200 Grundschulkinder (2021). Die Ergebnisse zeigen eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung:
| Tägliche Messenger-Nutzung | Durchschnittlicher Score in Mimikerkennung (max. 20) | Anteil mit auffälligen Defiziten |
|---|---|---|
| Unter 1 Stunde | 17,8 | 8 % |
| 1–2 Stunden | 16,2 | 15 % |
| 2–3 Stunden | 14,5 | 29 % |
| Über 3 Stunden | 12,1 | 47 % |
Besonders auffällig: Die Defizite zeigten sich nicht bei offensichtlichen Emotionen wie „fröhlich“ oder „wütend“, sondern bei subtilen Mischformen wie „verlegen“, „enttäuscht“, „besorgt“ oder „ironisch“. Genau jene Emotionen, die im Alltag für Missverständnisse sorgen.
3.4 Die Folgen für die Schule: Konflikte, die im Chat entstehen
Lehrer berichten aus der Praxis von einem neuen Phänomen: Konflikte, die ihren Ursprung in Chatverläufen haben, werden in die Schule getragen, wo den Kindern die Werkzeuge fehlen, sie zu lösen. Ein typischer Fall: Zwei Mädchen schreiben sich eine Woche lang. Eine schreibt etwas, das die andere als Beleidigung auffasst – aber ohne Tonfall, Mimik oder den rettenden Satz „Das war doch nur Spaß!“ im Nachhinein. Die Freundschaft zerbricht. In der Schule sitzen sie dann schweigend nebeneinander, unfähig, das Missverständnis im echten Gespräch aufzuklären, weil sie nie gelernt haben, schwierige Gespräche zu führen.
Die Schulpsychologin Dr. Martina Heine von der Universität Köln prägte dafür den Begriff der „digitalen Alexithymie“ – der Unfähigkeit, die eigenen Emotionen zu benennen und die der anderen zu deuten, verstärkt durch den ausschließlichen Gebrauch textbasierter Kanäle.
4. Weitere Dimensionen: Was noch dazugehört
Das Problem ist vielschichtiger als nur „Kinder können keine Mimik mehr lesen“. Es betrifft die gesamte Architektur des Zusammenlebens.
4.1 Die Erosion der Streitkultur
Ein echter Streit folgt Regeln: Man spricht abwechselnd, man hört zu, man sieht die Reaktion des anderen in Echtzeit, man kann eine versöhnliche Geste machen, bevor die Wunde zu tief ist. Im Chat eskaliert man schnell. Man schreibt einen langen, wütenden Monolog, drückt ab, liest später die Antwort – die noch wütender ist. Die Asynchronität des Chats verhindert die natürliche Deeskalation, die im Gespräch durch Pausen, Seufzer oder einen zaghaften Blick entsteht.
Jugendliche, die nie gelernt haben, sich ins Gesicht zu streiten, greifen schneller zu Ausgrenzung, Mobbing oder völligem Kontaktabbruch. Die Hemmschwelle, jemanden zu blockieren, ist im Chat viel niedriger als im echten Leben, jemanden einfach nicht mehr anzusehen.
4.2 Die Illusion der permanenten Erreichbarkeit
Messenger schaffen einen Zustand der „permanenten Verfügbarkeit“, den es historisch nie gegeben hat. Jede Nachricht erwartet eine Antwort – und zwar schnell. Wer nicht sofort antwortet, gilt als ignorant oder bösartig. Dieser Druck erzeugt Angst und Stress. Gleichzeitig lernen Kinder nicht mehr, dass man auch mal eine Weile für sich sein darf, dass Nicht-Antworten nicht automatisch Ablehnung bedeutet.
Die Folge ist eine Generation, die einerseits unter dem Erwartungsdruck leidet, immer sofort zu reagieren, andererseits aber nie gelernt hat, echte Auszeiten zu nehmen und die Stille auszuhalten.
4.3 Die Verkümmerung der aktiven Zuhörfähigkeit
Aktives Zuhören – eine Kernkompetenz jeder gesunden Beziehung – erfordert Blickkontakt, Nicken, kleine Rückmeldungen wie „mhm“, „ach so“, „verstehe“. Im Chat gibt es das nicht. Da schickt man nach dem langen Text des anderen ein Daumen-hoch oder ein Herzchen – als Quittung, nicht als Resonanz.
Kinder, die nur noch so kommunizieren, verlernen die Kunst des Zuhörens. Sie warten im echten Gespräch nur darauf, selbst wieder zu sprechen, weil sie nie die Erfahrung gemacht haben, dass man durch aufmerksames Hören viel mehr über den anderen erfährt als durch schnelles Schreiben.
4.4 Sprachverarmung und Verlust an Ausdrucksfähigkeit
Ein weiterer, oft übersehener Aspekt: Die Sprache selbst verarmt. Im Messenger schreibt man kurz, abgehackt, oft in einer Art Privatsprache mit Abkürzungen („wmd“ = was machst du?, „hdl“ = hab dich lieb). Die aktive Wortschatzgröße von Jugendlichen, die viel chatten, ist nachweislich kleiner als die von Gleichaltrigen mit viel Lese- und Gesprächserfahrung (Studie der Universität Leipzig, 2020).
Komplexe Satzstrukturen, Konjunktiv, differenzierte Adjektive – all das fällt weg. Wer keine Worte für feine Gefühlsnuancen hat, kann sie auch nicht denken. Die Sapir-Whorf-Hypothese (sprachlicher Relativismus) besagt, dass die Sprache unser Denken formt. Eine verarmte Sprache führt zu verarmtem Denken – und zu verarmten Beziehungen.
4.5 Die Rolle der Eltern: Vorbilder im Schweigen
Die größte Ironie: Die Eltern, die sich über die Chat-Sucht ihrer Kinder beklagen, sind oft selbst die schlimmsten Täter. Wie viele Mütter und Väter sitzen beim Abendessen mit dem Smartphone in der Hand, lesen Nachrichten, schicken Smileys, anstatt mit ihrem Kind zu sprechen? Wie viele Paare kommunizieren per WhatsApp aus verschiedenen Zimmern?
Kinder lernen durch Nachahmung. Wenn sie sehen, dass Mama und Papa nicht mehr miteinander reden, sondern nur noch schreiben, werden sie es ihnen gleichtun. Das Problem beginnt nicht bei den Kindern – es beginnt bei den Erwachsenen.
5. Gegenbewegungen, Lösungsansätze und Kontroversen
Es wäre fatal, nur zu klagen. Es gibt vielversprechende Ansätze, die Defizite zu beheben – und auch eine Gegenposition, die die Panik relativiert.
5.1 Die Gegenposition: Ist die Sorge übertrieben?
Nicht alle Forscher teilen die Alarmstimmung. Die Entwicklungspsychologin Dr. Elisabeth Sticker von der Universität Bielefeld argumentiert: „Kinder sind hochgradig anpassungsfähig. Sie lernen sehr wohl, zwischen verschiedenen Kommunikationskontexten zu unterscheiden. Sie chatten anders, als sie mit Oma sprechen. Die Befürchtung, dass Emojis Mimik ersetzen, unterschätzt die kindliche Intelligenz.“
Tatsächlich gibt es Studien, die zeigen, dass Vielschreiber nicht automatisch schlechter in Mimikerkennung sind – solange sie ausreichend echte soziale Interaktion haben (z. B. in der Familie, im Verein). Das Problem sei nicht die Messenger-Nutzung an sich, sondern das Fehlen von Ausgleich. Wer acht Stunden am Tag chattet, aber auch zwei Stunden mit Freunden spielt, ist unauffällig. Wer acht Stunden chattet und null Stunden reale Interaktion hat – der ist gefährdet.
5.2 Pädagogische Interventionen: Was Schulen tun können
Immer mehr Schulen führen gezielte Übungen zur Förderung der emotionalen Intelligenz ein. Beispiele:
- Emotionen-raten-Spiele: Ein Kind mimt eine Emotion, die anderen raten. (Klingt banal, aber viele Kinder scheitern an subtilen Gefühlen wie „Enttäuschung“.)
- Telefon-AGs: Kinder lernen, bewusst zu telefonieren – ohne visuelle Unterstützung, nur mit der Stimme. Sie müssen lernen, aus Tonfall und Pausen Informationen zu ziehen.
- Filmgespräche: Gemeinsames Anschauen von Filmen ohne Untertitel, dann Gespräch über die Gefühle der Figuren – nicht über die Handlung.
- Das „Handy-freie Mittagessen“: Einmal pro Woche essen alle Schüler ohne Smartphone – und unterhalten sich.
Die Initiative „Smartphone-freie Grundschule“ in Nordrhein-Westfalen (mittlerweile über 150 Schulen) berichtet von Erfolgen: Nach einem Jahr zeigten die Kinder signifikant bessere Werte in Empathietests und weniger Konflikte auf dem Pausenhof.
5.3 Was Eltern tun können: Konkrete Handlungsempfehlungen
Die Verantwortung liegt nicht bei den Schulen allein. Eltern können viel tun:
- Selbst Vorbild sein: Kein Smartphone beim Essen, keine Nachrichten aus dem Nebenzimmer. Wenn man etwas zu sagen hat, geht man hin.
- Bewusste Telefonate: Ermutigen Sie Ihr Kind, Großeltern oder Freunde anzurufen – nicht nur zu schreiben. Üben Sie kurze Telefonate ein.
- Gefühle benennen: Sprechen Sie über Emotionen. „Ich sehe, du bist enttäuscht. Woran erkenne ich das? An deinem Mund, der zuckt.“ – So lernen Kinder, Mimik zu decodieren.
- Bildschirmzeiten begrenzen: Nicht aus Verbotslust, sondern um Raum für echte Interaktion zu schaffen. Die American Academy of Pediatrics empfiehlt für 6- bis 12-Jährige maximal zwei Stunden Bildschirmzeit pro Tag (außer für Schularbeiten).
- Gemeinsames Chatten analysieren: Nehmen Sie einen Chatverlauf und besprechen Sie: „Was glaubst du, wie sich der andere gefühlt hat? Könnte das auch anders gemeint sein? Wie würde man das im Gespräch sagen?“
- Das wöchentliche Familiengespräch: Eine feste halbe Stunde ohne Geräte, in der jedes Familienmitglied erzählt – und die anderen aktiv zuhören und nachfragen.
5.4 Die Rolle der Tech-Konzerne: Können sie Verantwortung übernehmen?
Bisher tun die Messenger-Anbieter wenig, um die kommunikativen Defizite zu mildern. Im Gegenteil: Die Gamification des Schreibens (Lesebestätigungen, „zuletzt online“, Schreibanzeigen) erhöht den Druck und reduziert die Kommunikation auf technische Metriken.
Einige innovative Ansätze gibt es dennoch: Die App „Kin“ (eingestellt, aber als Konzept interessant) zwang Nutzer, Nachrichten als Sprachnachricht oder Video zu senden, wenn sie eine emotionale Reaktion ausdrücken wollten. Ein Emoji war nicht erlaubt. Andere Prototypen wie „Tone“ analysieren die Stimme des Nutzers und fügen automatisch Emojis hinzu, die die tatsächliche Stimmung widerspiegeln – eine Art Training für emotionale Selbsterkennung.
Ob Apple, Meta oder Google solche Funktionen jemals einbauen werden, ist fraglich. Sie leben von der schnellen, oberflächlichen Kommunikation. Tiefe braucht Zeit – und Zeit ist nicht ihr Geschäftsmodell.
Fazit und Ausblick
Nein, unsere Kinder haben das Sprechen nicht vollständig verlernt. Sie können noch Wörter bilden, Sätze formulieren, Geschichten erzählen. Aber sie verlernen etwas Subtileres, vielleicht Wertvolleres: die Fähigkeit, im Gesicht des anderen zu lesen wie in einem offenen Buch, die leisen Töne der Stimme zu hören wie eine feine Melodie, die Stille auszuhalten, in der sich Nähe erst zeigt.
Die Messenger-Dienste sind nicht böse. Sie sind Werkzeuge. Und wie jedes mächtige Werkzeug können sie segensreich oder zerstörerisch wirken – je nachdem, wie wir sie nutzen. Ein Hammer kann ein Haus bauen oder einen Schädel einschlagen. WhatsApp kann Freundschaften über Kontinente erhalten oder die Freundschaft nebenan vergiften.
Was wir brauchen, ist keine Technologie-Romantik, die das Telefonat der 1980er Jahre verklärt. Was wir brauchen, ist ein bewusster Umgang mit den Kanälen. Die Fähigkeit zu entscheiden: Wann schreibe ich? Wann rufe ich an? Wann gehe ich hin? Wer diese Entscheidung nicht mehr treffen kann, weil er nur noch schreibt, hat die Kontrolle verloren.
Die gute Nachricht: Das Gehirn ist plastisch. Die Defizite sind nicht irreversibel. Die UCLA-Studie zeigt, dass bereits fünf Tage ohne Bildschirm die Emotionserkennung drastisch verbessern. Es ist nicht zu spät – weder für unsere Kinder noch für uns selbst.
Aber es ist höchste Zeit, hinzusehen. Weg vom Display, hin zum Menschen. Das echte Lächeln ist immer noch schöner als jedes Emoji. Und die echte Stimme wärmer als jede Sprachnachricht.
Quellen
- Mehrabian, A. (1971): Silent Messages. Wadsworth, Belmont (CA)
- Uhls, Y. T., Michikyan, M., Morris, J., Garcia, D., Small, G. W., Zgourou, E., & Greenfield, P. M. (2014): „Five days at outdoor education camp without screens improves preteen skills with nonverbal emotion cues“. In: Computers in Human Behavior, Vol. 39, S. 387–392
- Universität Würzburg, Lehrstuhl für Psychologie (2021): Emotionserkennung bei Grundschulkindern im Kontext digitaler Medien. Forschungsbericht (veröffentlicht in: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, Heft 2/2021, S. 71–85)
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2022): *KIM-Studie 2022 – Kindheit, Internet, Medien*. Stuttgart
- Universität Leipzig, Institut für Angewandte Linguistik (2020): *Digitale Kommunikation und Wortschatzentwicklung bei 10- bis 14-Jährigen*. In: Linguistische Berichte, Heft 264, S. 401–420
- Heine, M. (2022): Digitale Alexithymie – Warum Jugendliche Gefühle nicht mehr benennen können. Vortrag auf dem Deutschen Psychologentag, Köln (unveröffentlichtes Manuskript, Zusammenfassung in: Psychologie heute, März 2023, S. 34–39)
- American Academy of Pediatrics (2016): „Media and Young Minds“. In: Pediatrics, Vol. 138, No. 5
- Sticker, E. (2023): „Die Panik um die digitale Kommunikation ist übertrieben“. Interview in: Spektrum der Wissenschaft, April 2023, S. 62–65
- Initiative „Smartphone-freie Grundschule“ (2023): *Jahresbericht 2022/23*, hrsg. von der Bundeselternvertretung (Download über www.smartphonefreie-grundschule.de)
Kommentar abschicken