Anker lichten – Eine Einführung in die Schiffahrt

Zehn Lektionen, um sich mit Hafenarbeitern und Seeleuten zu unterhalten

Von DerSchneider


Einleitung

Wer erstmals einen Hafen betritt oder mit Berufsschiffern spricht, erlebt schnell eine sprachliche Verwirrung. Keine „linke Seite“, kein „Klo“, kein „Seil“. Stattdessen: Backbord, Toilette, Tampen. Diese Sprachbarriere ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrhundertealter Anforderungen an Präzision, Sicherheit und Tradition.

Dieser Artikel ist die Zusammenführung einer zehnteiligen Serie. Er vermittelt das nötige Grundwissen, um sich mit Hafenarbeitern, Seeleuten und Schiffsleuten ohne Missverständnisse zu unterhalten – von den Grundbegriffen bis zum praktischen Dialog.


Teil 1: Warum Seemannssprache anders ist

Auf See gibt es keine Zeit für Nachfragen. Ein Missverständnis bei „links“ vs. „rechts“ kann bedeuten: Das Schiff kollidiert, eine Leine reißt, ein Container stürzt ins Wasser. Deshalb entwickelte sich über Jahrhunderte eine standardisierte Fachsprache – mit klaren, unmissverständlichen Begriffen.

Zwei zentrale Prinzipien:

  • Relativität vermeiden: Richtungen beziehen sich immer auf das Schiff, nicht auf die Person.
  • Eindeutigkeit: Ein Begriff hat genau eine Bedeutung (z. B. „Luv“ ist immer die Seite, aus der der Wind kommt).

Die Begriffe stammen aus der Segelschifffahrt des Mittelalters und der frühen Neuzeit. „Backbord“ leitet sich vom Altniederdeutschen bak (Rücken) und bord (Schiffsseite) ab – der Steuermann hatte den Rücken zu dieser Seite. „Steuerbord“ kommt vom Ort des Steuerruders, das bei nordischen Schiffen rechts angebracht war.

An Land ist ein Seil ein Seil. An Bord heißt es: Tau (generell), aber: Ankertrosse, Festmacherleine, Toppnant – niemals einfach „Seil“. Wer zu einem Hafenarbeiter „Kannst du mir das Seil geben?“ sagt, entlarvt sich sofort als Landratte.


Teil 2: Richtungen an Bord – Kein „links“ und „rechts“ mehr

An Land ist die Welt einfach: links, rechts, vorne, hinten, oben, unten. An Bord eines Schiffes führen diese Begriffe zu gefährlichen Missverständnissen. Die Schifffahrt braucht ein absolutes, festschiffsbezogenes Koordinatensystem.

Die vier Haupthimmelsrichtungen des Schiffes:

  • Voraus (forward) – in Fahrtrichtung, also zum Bug hin.
  • Achtern (aft) – entgegen der Fahrtrichtung, zum Heck hin.
  • Backbord (port side) – linke Schiffshälfte, wenn man zum Bug blickt.
  • Steuerbord (starboard side) – rechte Schiffshälfte, wenn man zum Bug blickt.

Merksatz: „Backbord hat kein Bord – aber es ist links.“

Für präzise Angaben werden die Begriffe kombiniert: backbord voraus (schräg links vorn), steuerbord achtern (schräg rechts hinten), backbord querab (genau 90° links vom Schiff).

Zwei weitere zentrale Begriffe beziehen sich nicht auf die Schiffsstruktur, sondern auf den Wind:

  • Luv – die Seite, aus der der Wind kommt.
  • Lee – die windabgewandte Seite.

Diese Begriffe sind dynamisch: Dreht das Schiff, wechseln Luv und Lee die Seiten.

FalschRichtigWarum falsch?
„links am Schiff“„backbord“links ist personenbezogen
„hinten am Heck“„achtern“hinten ist unpräzise
„vorne im Schiff“„voraus“ oder „im Vorschiff“voraus ist die Richtung
„oben auf dem Deck“„an Deck“oben ist landbezogen

Teil 3: Die Teile eines Schiffs – Vom Kiel bis zum Mast

Wer sich an Bord unterhalten will, muss die Orte kennen, von denen gesprochen wird. Die seemännische Bezeichnung der Schiffsbauteile ist präzise, historisch gewachsen und weltweit weitgehend standardisiert.

Das Grundgerüst:

  • Kiel – unterste Längsstrebe, Rückgrat des Schiffs
  • Spanten – Querverstrebungen (wie Rippen)
  • Beplankung / Außenhaut – wasserabweisende Hülle
  • Schott – senkrechte Trennwand im Schiff (macht das Schiff bei Leckage unsinkbar)

Der Rumpf und seine Abschnitte:

  • Vorschiff – vom Bug bis zum ersten Laderaum
  • Mittschiffs – mittlerer Bereich (längste gerade Linie des Decks)
  • Hinterschiff – vom letzten Laderaum bis zum Heck

Das Deck und seine Aufbauten:

  • Hauptdeck – oberstes durchgehendes Deck
  • Poopdeck – erhöhtes Deck am Heck
  • Backdeck – erhöhtes Deck am Bug
  • Brückendeck – Ebene mit der Kommandobrücke
  • Reling – Umwehrung (Geländer) an Deck

Bugformen:

  • Klappbug – senkrecht oder leicht geneigt (Frachtschiffe)
  • Wulstbug (Bulbous Bow) – kugelförmiger Auswuchs unter Wasser (spart Treibstoff)
  • Eisbrecherbug – stark geneigt, rundlich

Der Mast: Moderne Frachter haben meist Lademaste und Signalmasten. Die Brücke (Kommandobrücke) ist der zentrale Arbeitsplatz der Nautiker.

LandratteSeemann
„das Geländer“die Reling
„die Vorderseite“der Bug oder Vorschiff
„das Hinterteil“das Heck oder Hinterschiff
„die Wand innen“das Schott
„das Dach oben“das Deck

Teil 4: An- und Ablegen – Was der Hafenarbeiter ruft

Das An- und Ablegen eines Schiffes ist eines der gefährlichsten Manöver in der Schifffahrt. Innerhalb weniger Minuten müssen mehrere Tonnen schweren Leinen geworfen, auf Poller gelegt und gesichert werden.

Die vier Grundleinen beim Anlegen:

LeinenartLageFunktion
Vorleinevom Bug nach vorne schrägverhindert Vor- und Rückwärtsbewegung des Bugs
Achterleinevom Heck nach hinten schrägverhindert Vor- und Rückwärtsbewegung des Hecks
Vor-Springvom Bug nach achternverhindert, dass der Bug nach außen driftet
Achter-Springvom Heck nach vorausverhindert, dass das Heck nach außen driftet

Am Kai (Landseite): Poller – massive Gusseisen- oder Stahlzylinder.
An Bord (Schiffseite): Klampe – zwei Hörnchen aus Metall.

Die wichtigsten Kommandos:

  • „Fender über Bord!“ – Schutzpolster zwischen Schiff und Kai werfen
  • „Leine los!“ – Leine vom Bordklamp lösen
  • „Auf Slip!“ – Leine nur lose um Poller legen
  • „Fest!“ – Leine ist fest und darf nicht mehr rutschen
  • „Leine straff!“ – Leine nachziehen

Das typische Anlegemanöver in Phasen:

  1. Ankündigung: „Achtung an Backbord!“
  2. Fender setzen: „Fender raus!“
  3. Leinen werfen: „Vorleine auf drei, zwei, eins – Los!“
  4. Auf Slip legen: „Auf Slip! Noch nicht fest!“
  5. Festmachen: „Vor-Spring fest! Achter-Spring fest! Alle fest!“

Teil 5: Ladung & Gänge – So redet man im Hafen

Ein Hafen lebt von der Ladung. Container, Schüttgut, Schwergut, Break Bulk – jedes Gut hat seine eigene Sprache.

Die vier Hauptladungsarten:

LadungsartBeispieleTypische Schiffe
Container20/40 Fuß StandardcontainerContainerschiffe
SchüttgutKohle, Getreide, ErzMassengutschiffe (Bulk Carrier)
Break BulkStahlcoils, PapierrollenMehrzweckfrachter
SchwergutWindräder, LokomotivenSchwergutschiffe

Container-Begriffe:

  • TEU – Twenty-foot Equivalent Unit (20-Fuß-Container)
  • FEU – Forty-foot Equivalent Unit (40-Fuß-Container)
  • Cell Guide – Führungsschienen im Laderaum
  • Twistlock – Drehverschluss zwischen Containern
  • Lashing – Zurrung mit Stangen oder Ketten

Schüttgut-Begriffe:

  • Schüttdichte – Gewicht pro Volumen
  • Trimmung – Gewichtsverteilung im Schiff
  • Staubexplosion – Gefahr bei Kohle, Getreide, Zement

Break-Bulk-Begriffe:

  • Dunnage – Holzlatten zum Verkeilen
  • Zurrung – Ketten, Gurte
  • Ladebaum – schwenkbarer Kran an Bord

Die wichtigsten Kommandos:

  • „Klar zum Loschen!“ – bereit zum Entladen
  • „Stauen!“ – Ladung verstauen
  • „Dunnage rein!“ – Holzlatten in den Laderaum legen
  • „Lashing an!“ – Zurrungen anbringen
  • „Stopp!“ – sofort alle Bewegungen einstellen (höchste Priorität)

Teil 6: Maschine & Antrieb – Mehr als nur Motor

„Maschine voraus!“ – dieses Kommando hört man auf der Brücke. Was aber passiert danach im Maschinenraum?

Die Hauptkomponenten des Antriebsstrangs:

KomponenteFunktion
HauptmotorVerbrennungskraftmaschine (meist Diesel)
PropellerwelleÜberträgt Kraft vom Motor zum Propeller
PropellerWandelt Drehbewegung in Schub um
RuderLenkt das Schiff
BugstrahlruderQuerschub für Hafmanöver

Moderne Frachtschiffe nutzen fast ausschließlich Zweitakt-Dieselmotoren. Die Propellerdrehzahl bei großen Frachtern beträgt nur 60–120 Umdrehungen pro Minute.

Die typischen Kommandos zwischen Brücke und Maschinenraum:

  • „Volle Kraft voraus“ – maximale Motordrehzahl
  • „Halbe Kraft voraus“ – mittlere Drehzahl
  • „Langsame Fahrt voraus“ – niedrige Drehzahl
  • „Stopp“ – Motor stoppt
  • „Zurück“ – Propeller dreht rückwärts

Ein berühmter Ausdruck: „Küche, Küche, volle Kraft voraus!“ – das ist falsch! Der Maschinentelegraf hat Stellungen, keine Küche. Der Mythos kommt aus Filmen.


Teil 7: Wetter & Navigation – Was der Seemann am Himmel sieht

„Das Barometer fällt“ – für einen Landbewohner eine Randnotiz. Für einen Seemann eine Warnung.

Die Beaufort-Skala (Auszug):

BeaufortBezeichnungErkennungsmerkmal
0WindstilleRauch steigt senkrecht
3schwacher WindBlätter bewegen sich
6starker Windgroße Wellen mit Gischt
8stürmischer Windschwieriges Gehen an Deck
10schwerer Sturmsehr hohe Wellen
12OrkanZerstörungen

Wellenbegriffe:

  • Wellenhöhe – von Wellental bis Wellenberg
  • Wellenperiode – Zeit zwischen zwei Wellenbergen
  • Dünung – lange, flache Wellen
  • Kreuzsee – Wellen aus verschiedenen Richtungen (gefährlich)

Navigationsinstrumente:

  • Magnetkompass – zeigt Norden (unabhängig von Strom)
  • Gyrokompass – elektronischer Kompass (genauer)
  • Echolot – misst Wassertiefe unter dem Kiel
  • Log – Geschwindigkeit durchs Wasser
  • GPS – Satellitennavigation
  • Radar – erkennt andere Schiffe und Hindernisse
  • AIS – zeigt andere Schiffe mit Namen, Kurs, Geschwindigkeit

Teil 8: Sicherheit & Notfälle – Kein Spaß, aber wichtig

Auf See ist Sicherheit kein Papierkram, sondern Leben oder Tod.

Die persönliche Schutzausrüstung:

  • Rettungsweste – hält Kopf über Wasser (immer an Deck)
  • Überlebensanzug – wärmt bei Kälte
  • Sicherheitsgeschirr – verhindert Überbordfallen
  • Helm – Schutz gegen fallende Gegenstände

Mann über Bord (MOB) – die sofortigen Maßnahmen:

SchrittAktion
1„Mann über Bord backbord/steuerbord!“ rufen
2MOB-Knopf am GPS drücken
3Rettungsring mit Signal werfen
4Schiff hart rudern in Richtung der Person
5Person nicht aus den Augen verlieren
6Rettungsboot vorbereiten

Feuer an Bord – die Brandklassen:

KlasseBrennstoffLöschmittel
Afeste StoffeWasser, Schaum
Bflüssige StoffeSchaum, CO₂
Cgasförmige StoffeCO₂, Pulver
DMetalleSpezialpulver (nie Wasser!)

Die wichtigsten Notfallkommandos:

  • „General Alarm!“ – höchste Alarmstufe
  • „Rettungsboote klarmachen!“ – Boote vorbereiten
  • „CO₂-Flutanlage auslösen!“ – Löschgas in den Maschinenraum
  • „Klar zum Verlassen!“ – Schiff wird aufgegeben

Teil 9: Besatzung & Rollen – Wer macht was an Bord

Ein Frachtschiff ist keine Demokratie. Jeder hat einen festen Platz.

Die Bordhierarchie (Auszug):

RangVerantwortungAnrede
KapitänGesamtverantwortung„Herr Kapitän“
1. OffizierNavigation, Ladung„1. Offizier“
Leitender IngenieurMaschine, Antrieb„Leitender“
BootsmannDecksarbeit, Leinen„Bootsmann“
MatroseLeinen, Wachemit Vorname
Smutje (Koch)Verpflegung„Smutje“

Die wichtigsten Rollen im Detail:

  • Kapitän – letztes Wort bei allen Entscheidungen (internationales Seerecht)
  • 1. Offizier – Ladungssicherung, Decksbesatzung, Wache (4–8 Uhr)
  • 2. Offizier – Navigation, Karten, Funk, Wache (0–4 Uhr)
  • 3. Offizier – Sicherheitseinrichtungen, Rettungsmittel, Wache (8–12 Uhr)
  • Leitender Ingenieur – gesamte Maschinentechnik
  • Bootsmann – Leitung der Decksmannschaft
  • Smutje – Koch („Die wichtigste Person an Bord“)

Die unsichtbaren Rollen im Hafen:

  • Hafenlotse – berät bei Hafeneinfahrt (kennt lokale Strömungen)
  • Schiffsagent – organisiert Ladung, Treibstoff, Behörden
  • Festmacher – bringt Leinen vom Schiff zu den Pollern

Teil 10: Gespräche üben – Vom Kai bis zur Kombüse

Zum Abschluss dieser Serie: typische Dialoge, häufige Missverständnisse und ein kleines Quiz.

Dialog 1: Anlegen (Hafenarbeiter – Bootsmann)

Hafenarbeiter: „Vor-Spring auf Slip! Achter-Spring fest! Fender backbord voraus nachsetzen!“

Bootsmann: „Vor-Spring auf Slip, verstanden. Achter-Spring ist fest. Fender backbord voraus – mache ich.“

Dialog 2: Ladung (Stauermeister – 1. Offizier)

Stauermeister: „Luke 3 – Container HLCU 8723451, 40 Fuß high cube. Lashing nicht vergessen. Wind steht querab.“

  1. Offizier: „Verstanden. Twistlock auflegen, dann lashing. Wind querab – wir bringen Schlingertau an.“

Dialog 3: Maschinenraum (Kapitän – Leitender Ingenieur)

Kapitän (über Sprechanlage): „Maschine, hier Brücke: Ganz langsame Fahrt voraus, dann Stopp, dann kleine Fahrt zurück.“

Leitender Ingenieur: „Verstanden: Ganz langsame Fahrt voraus, dann Stopp, dann kleine Fahrt zurück – nach Uhr.“

Dialog 4: Kombüse (Matrose – Smutje)

Matrose: „Smutje, der Lotse kommt in 30 Minuten. Kapitän schickt mich – Kaffee für den Lotsen?“

Smutje: „Ja, mach ich. Und sag dem Kapitän, das Mittagessen ist in einer Stunde fertig. Labskaus.“

Die fünf häufigsten Fehler im Hafengespräch:

FehlerRichtig
„Seil“ sagen„Leine“, „Trosse“ oder „Tau“ sagen
„links“ / „rechts“ sagen„backbord“ / „steuerbord“ sagen
„Klo“ sagen„Toilette“ sagen
den Smutje „Koch“ nennen„Smutje“ sagen
den Kapitän „Chef“ nennen„Herr Kapitän“ sagen

Abschluss-Quiz: Würdest du den Seemann verstehen?

  1. Was bedeutet „Achtung, backbord voraus!“?
  2. Was ist der Unterschied zwischen einer Leine und einer Trosse?
  3. Was tut man bei „Mann über Bord“ zuerst?
  4. Wer ist der Smutje?
  5. Was bedeutet „Auf Slip!“?

Auflösung unten.


Fazit

Die Seemannssprache ist keine Geheimwissenschaft, sondern ein Werkzeug für Sicherheit und Effizienz. Wer die Grundrichtungen (voraus, achtern, backbord, steuerbord), die wichtigsten Schiffsbauteile (Reling, Schott, Luke), die Leinenarten (Vorleine, Spring) und die Rollen an Bord (Kapitän, Bootsmann, Smutje) beherrscht, kann sich im Hafen und auf See verständigen.

Die größte Hürde ist nicht der Wortschatz – sondern der Mut zu fragen. Seeleute helfen lieber, als dass ein Unfall passiert. Also: „Entschuldigung, ich bin neu an Bord – was meinst du mit …?“


Auflösung des Quiz:

  1. Achtung, links vorne!
  2. Eine Leine ist dünner (unter 20 mm), eine Trosse dicker (20–80 mm).
  3. „Mann über Bord!“ rufen und MOB-Knopf am GPS drücken.
  4. Der Koch an Bord.
  5. Die Leine nur lose um den Poller legen (noch nicht fest).

Kommentar abschicken