Commodore, die Ära Jack Tramiel

Die Geschichte von Commodore ist eine der außergewöhnlichsten und dramatischsten Episoden der Technologiegeschichte. Es ist die Saga eines Überlebenden des Holocaust, der zur treibenden Kraft einer Branche wurde, die Geschichte eines Firmenimperiums, das aus einer kleinen Schreibmaschinenwerkstatt in der Bronx entstand, und die Geschichte von Computern wie dem C64 und dem Amiga, die die Welt nicht nur eroberten, sondern sie für immer veränderten. Tauchen wir ein in diese faszinierende Welt, in der Zahlen, Daten und Fakten auf menschliche Schicksale treffen.

Die Ära Jack Tramiel: Vom Schreibmaschinenhändler zum Computer-Pionier

Die Wurzeln von Commodore liegen im Jahr 1954, als der in Polen geborene Holocaust-Überlebende Jack Tramiel in der Bronx, New York, eine kleine Schreibmaschinen-Werkstatt eröffnete . Sein Überlebenswille und sein unbändiger Geschäftssinn trieben ihn an. Schon vier Jahre später, 1958, verlagerte er sein Geschäft nach Toronto, Kanada. Der Firmenname „Commodore“ war eine Hommage an die militärische Hierarchie, ein Rang, der ihm angemessen erschien, da die höheren Ränge wie „Admiral“ oder „General“ bereits vergeben waren .

Die ersten Jahre waren ein Kampf ums Überleben, geprägt von wechselnden Partnern. Ein entscheidender Wendepunkt kam 1965, als die Hausbank von Commodore, die Atlantic Acceptance Corp., zusammenbrach. Commodore stand vor der Pleite. In dieser Not trat Irving Gould auf den Plan, ein erfolgreicher Investor aus Toronto. Er rettete das Unternehmen, verlangte dafür aber einen hohen Preis: Tramiel musste den Großteil seiner Firmenanteile abgeben, und Gould sicherte sich die Kontrolle. Trotz dieser Abhängigkeit blieb Tramiel der starke Mann an der Spitze, der das Unternehmen mit harter Hand führte .

Die 1970er Jahre waren das Jahrzehnt der elektronischen Taschenrechner, und Commodore war mit von der Partie. Die Firma erlebte einen rasanten Aufstieg, aber auch den ersten tiefen Fall. Als der Halbleiter-Riese Texas Instruments (TI) in einen erbitterten Preiskampf einstieg und Taschenrechner zu Preisen anbot, die unter den Herstellungskosten von Commodore lagen, stand das Unternehmen erneut am Abgrund. Diese traumatische Erfahrung prägte Tramiels Geschäftsphilosophie für immer: „Du musst dein Schicksal selber bestimmen.“ Die Antwort darauf war der Kauf des Chip-Herstellers MOS Technology im Jahr 1976. Dieser Schritt sollte sich als Geniestreich erweisen, denn er machte Commodore unabhängig von den Launen der Zulieferer und verschaffte ihm einen entscheidenden Kostenvorteil .

Die Produkte: Von Kisten und Kistenweisem Verkaufserfolg

Bei MOS Technology arbeitete ein Ingenieur namens Chuck Peddle. Er zeigte Tramiel einen halbfertigen Mikrocomputer, von dem niemand so recht wusste, was man damit anfangen sollte – außer, dass man damit „eigentlich alles“ machen konnte. Tramiel erkannte sofort das Potenzial und gab grünes Licht für die Entwicklung. So begann die Ära der Heimcomputer.

Die PET- und VC-20-Ära (1977-1982)

Der erste Wurf war der Commodore PET 2001, der 1977 auf den Markt kam – im selben Jahr wie der Apple II und der TRS-80, weshalb man von der „Trinität“ der ersten Heimcomputer spricht. Der PET war eine seltsame Mischung aus Monitor, Tastatur und Datasette in einem Gehäuse. Mit einem Preis von etwa 800 US-Dollar (ca. 2000 DM in Deutschland) war er ein Erfolg und legte den Grundstein für die Marktdurchdringung von Commodore .

Der eigentliche Durchbruch im Massenmarkt gelang jedoch 1981 mit dem VC 20 (in den USA als VIC-20 bekannt). Tramiels Vision war der „Volkscomputer“. Mit einem Preis von unter 300 US-Dollar (in Deutschland ca. 799 DM) war er der erste erschwingliche Farb-Heimcomputer. Angetrieben von einem MOS 6502 Prozessor mit ca. 1 MHz und satten 5 KB RAM (erweiterbar) verkaufte er sich über eine Million Mal und bewies, dass ein Massenmarkt für Computer existierte .

Der Legende: Commodore 64 (1982-1994)

Dann kam das Jahr 1982. Commodore brachte den Commodore 64 auf den Markt, und der Rest ist Geschichte. Dieses Gerät, angetrieben von einem MOS 6510-Prozessor (1 MHz), sprengte alle Dimensionen. Sein größter Trumpf waren 64 KB RAM (daher der Name) und vor allem die revolutionären Sound- und Grafikchips: der VIC-II für Grafik und der berühmte SID (Sound Interface Device) für Musik und Soundeffekte, die der Konkurrenz meilenweit voraus waren .

  • Technische Spezifikationen:
    • CPU: MOS 6510 mit 0,985 MHz (PAL) / 1,023 MHz (NTSC)
    • RAM: 64 KB
    • Grafik: VIC-II, 16 Farben, Auflösungen bis zu 320×200 Pixel, Hardware-Sprites.
    • Sound: SID 6581, 3 Stimmen, 9 Oktaven, einstellbare Hüllkurven, Filter.

Der C64 wurde zum Synonym für Heimcomputer. Sein Siegeszug war nicht zuletzt seiner aggressiven Preisstrategie geschuldet, die Jack Tramiel perfektionierte. Während die Konkurrenz hoffnungslos unterboten wurde, machte Commodore dank der eigenen Chip-Produktion weiterhin Gewinne. Der Neupreis lag bei seiner Einführung in den USA bei 595 US-Dollar und in Deutschland bei etwa 1.195 DM. Im Laufe der Jahre fiel der Preis jedoch dramatisch, bis auf unter 400 DM .

Anbauteile und Zubehör für den C64

Das Ökosystem um den C64 war riesig und ein wesentlicher Teil seines Erfolgs:

  • Datasette (C2N/1530): Das preisgünstige Kassettenlaufwerk, das den C64 erst richtig erschwinglich machte .
  • Diskettenlaufwerk 1541: Das legendäre, aber langsame und laute 5¼-Zoll-Laufwerk. Ein Muss für fortgeschrittene Nutzer. Preis damals: ca. 500-700 DM .
  • Speichererweiterungen (REU): Die RAM Expansion Units 1700 (128 KB), 1764 (256 KB) und 1750 (512 KB) erweiterten den Speicher für spezielle Anwendungen .
  • Drucker: Die MPS-Serie (z.B. MPS 801, MPS 803) waren die Standard-Nadeldrucker .
  • Joysticks: Unzählige Modelle, allen voran der Competition Pro, waren das Eingabegerät für die Spieleflut.
  • Software-Module: Steckmodule für Spiele und Anwendungen, die sofort starteten.

Der Übergang: C16, Plus/4 und C128 (1984-1986)

Nach Tramiels Ausscheiden versuchte Commodore, die 8-Bit-Familie zu erweitern. Die 264-Serie mit C16, C116 und Plus/4 war technisch interessant (besseres BASIC, eingebaute Software im Plus/4), scheiterte aber an der Inkompatibilität zum C64 und der schwachen Ausstattung (beim C16). Der C128 war da schon cleverer. Er bot drei Betriebsmodi: C64-Modus (für volle Kompatibilität), C128-Modus (mit 128 KB RAM und 80-Zeichen-Darstellung) und CP/M-Modus, was ihn zu einem ernsthaften kleinen Bürocomputer machte .

Die Krönung: Der Commodore Amiga (1985-1994)

Der technisch bedeutendste Meilenstein war jedoch die Übernahme von Amiga Corporation durch Irving Gould im Jahr 1984 für ca. 30 Millionen Dollar. Jack Tramiel, der inzwischen Atari übernommen hatte, war ebenfalls an dem Startup interessiert, unterlag aber im Bieterwettstreit . Am 23. Juli 1985 wurde der Amiga 1000 im Lincoln Center in New York mit einer spektakulären Show vorgestellt, bei der Andy Warhol und Debbie Harry die Multimedia-Fähigkeiten demonstrierten .

Der Amiga war seiner Zeit weit voraus. Er bot fortschrittliches Multitasking, eine grafische Benutzeroberfläche und vor allem maßgeschneiderte Coprozessoren („Chips“):

  • Technische Spezifikationen (Amiga 1000):
    • CPU: Motorola 68000 mit 7,14 MHz.
    • RAM: 256 KB (erweiterbar).
    • Grafik: Bis zu 4096 Farben, Hold-And-Modify-Modus, Hardwarescrolling, Blitter-Objekt.
    • Sound: 4-Kanal-Stereo-Sound mit 8-Bit-Auflösung.

Der Einstiegspreis war mit 5.595 DM jedoch hoch. Der Durchbruch gelang 1987 mit dem Amiga 500 (ab 1.100 DM) und dem professionellen Amiga 2000. Weltweit wurden etwa 7,2 Millionen Amigas verkauft, davon knapp 1,7 Millionen in Deutschland .

Die wichtigsten Amiga-Modelle und Anbauteile

  • Modelle: A1000, A500, A2000, A600, A1200, A3000, A4000 .
  • Laufwerke:
    • A1010/A1011: Externe 3½-Zoll-Diskettenlaufwerke .
    • A570: Externes CD-ROM-Laufwerk für den A500 .
  • Festplatten:
    • A590: SCSI-Festplatteneinheit für A500 .
    • A2091: Controllerkarte für den A2000 .
  • Speichererweiterungen: A501 (512 KB für A500), A2052/58 (für A2000) .
  • Bridgeboards: A2088XT oder A2286AT, um PC-Kompatibilität zu erreichen .

Firmenzahlen: Umsatz, Gewinn und Verkaufserfolge

Die wirtschaftliche Entwicklung von Commodore war eine Achterbahnfahrt.

  • Der C64: Mit über 17 Millionen verkauften Einheiten ist er der mit Abstand meistverkaufte Heimcomputer aller Zeiten und steht im Guinness-Buch der Rekorde . Auf dem Höhepunkt 1983/84 erzielte Commodore einen Jahresumsatz von über 1 Milliarde US-Dollar und einen Gewinn von über 100 Millionen Dollar .
  • Die Krise: Nach Tramiels Weggang und der Konsolidierung des Marktes geriet Commodore in Schieflage. Im Geschäftsjahr 1984/85 fuhr das Unternehmen einen Verlust von 113,9 Millionen Dollar ein, nachdem man im Vorjahr noch 143,8 Millionen Dollar Gewinn erzielt hatte . 1988/89 machte die deutsche Tochter Commodore Büromaschinen GmbH einen Verlust von 2,3 Millionen Mark .
  • Lichtblick: 1989/90 erwirtschaftete die deutsche Niederlassung wieder einen kleinen Gewinn von 368.000 Mark bei einem Umsatz von 928 Millionen Mark .
  • Der Amiga: Obwohl ein technisches Meisterwerk, konnte der Amiga den finanziellen Niedergang nicht aufhalten. Er verkaufte sich gut, aber nicht gut genug, um gegen die aufstrebende IBM-PC-kompatible Konkurrenz zu bestehen, die zunehmend multimediafähig wurde .

Der Untergang und das Nachleben der Rechte

Die internen Machtkämpfe, eine undurchsichtige Produktpolitik (z.B. der wenig durchdachte Amiga 600) und das Versagen des Managements, die einzigartigen Fähigkeiten des Amiga im professionellen Bereich zu vermarkten, führten das Unternehmen in den Abgrund. Am 29. April 1994 meldete Commodore International schließlich Insolvenz an .

Das war jedoch nicht das Ende der Marke. Die Rechte und Vermögenswerte wurden verstreut und wechselten mehrfach den Besitzer:

  1. Escom AG (1995): Der deutsche PC-Händler kaufte die Rechte an der Marke Commodore und dem Amiga, produzierte sogar kurzzeitig den Amiga 1200 wieder. Doch Escom ging selbst 1996 pleite.
  2. Gateway 2000 (1997): Der US-PC-Hersteller erwarb die Amiga-Rechte, tat aber wenig damit.
  3. Tulip Computers (2003): Der niederländische PC-Hersteller kaufte die Markenrechte an „Commodore“. Auch sie brachten einige Produkte auf den Markt, die jedoch keine Bedeutung erlangten .
  4. Commodore Licensing / C= Holdings: Heute befinden sich die Rechte an der Marke Commodore bei verschiedenen Unternehmen, die vor allem Lizenzen für Retro-Produkte vergeben.

Interessant ist, dass der Name „Commodore“ heute auch in völlig anderen Bereichen auftaucht. So gibt es die Commodore Capital, eine 2019 gegründete Venture-Capital-Firma im Healthcare-Sektor, die jedoch nichts mit dem Computerhersteller zu tun hat . Eine amüsante Randnotiz ist auch, dass Opel von 1967 bis 1982 ein eigenes Modell namens Opel Commodore baute – ein sportliches Coupé, das ebenfalls nichts mit der Computerfirma zu tun hat .

Das Vermächtnis von Commodore lebt jedoch weiter – in der Leidenschaft von Sammlern, in Emulatoren und in der Erinnerung an eine Zeit, in Computer noch „persönlich“ waren und die Grenzen des Möglichen jeden Tag neu definiert wurden. Es war die Geschichte eines Überlebenskämpfers, der die Welt eroberte und schließlich an den Mechanismen scheiterte, die er selbst mit erschaffen hatte.

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