Das große Windstrom-Rätsel: Warum 20 % mehr Windräder kaum mehr Strom liefern

Autor: DerSchneider


Einleitung

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Widerspruch: Zwischen 2020 und 2025 wurden in Deutschland tausende neue Windräder errichtet, die installierte Leistung der Onshore-Windenergie stieg um rund 25 Prozent – von 55 auf 68 Gigawatt. Doch die tatsächlich erzeugte Strommenge blieb nahezu konstant: 2025 wurden etwa 106 Terawattstunden (TWh) Onshore-Windstrom ins Netz eingespeist – kaum mehr als die 105 TWh des Jahres 2020. Ein Anstieg der installierten Leistung um ein Viertel bei einem Zuwachs der Stromerzeugung von gerade einmal rund einem Prozent – das ist das, was Fachleute mittlerweile als das „große Windstrom-Rätsel der deutschen Energiewende“ bezeichnen.

Handelt es sich um ein systemisches Problem? Um eine statistische Verzerrung? Oder um eine Verkettung mehrerer ungünstiger Umstände? Die Antwort ist komplex – und sie offenbart grundlegende Herausforderungen der Energiewende, die weit über die Windkraft hinausweisen.


Die nackten Zahlen: Leistung vs. Ertrag

Um das Paradoxon zu verstehen, muss man zunächst zwei unterschiedliche Messgrößen sauber trennen: die installierte Leistung (gemessen in Gigawatt, GW) und die tatsächliche Stromerzeugung (gemessen in Terawattstunden, TWh). Erste ist eine Kapazitätsgröße – sie sagt, wie viel Strom die Anlagen maximal liefern könnten. Zweite ist eine Ertragsgröße – sie sagt, wie viel Strom tatsächlich produziert wurde.

JahrInstallierte Onshore-Leistung (GW)Onshore-Stromerzeugung (TWh)Kapazitätsfaktor
2020ca. 55ca. 10521,7 %
202118,7 %
202219,5 %
2023ca. 62ca. 11622,2 %
2024ca. 64ca. 11120,2 %
2025ca. 68ca. 10618,2 %

Quellen: Energy-Charts / Fraunhofer ISE, eigene Berechnungen

Besonders aufschlussreich ist der Kapazitätsfaktor – der Anteil der installierten Leistung, der tatsächlich über das Jahr hinweg genutzt wird. Er sank von 21,7 % im Jahr 2020 auf 18,2 % im Jahr 2025. Das bedeutet: Jedes neue Windrad liefert pro installierter Leistungseinheit weniger Strom als seine Vorgänger. Die Anlagen werden leistungsfähiger, aber sie stehen an ungünstigeren Standorten und werden seltener von starkem Wind erreicht.


Die sieben Hauptursachen im Überblick

Das Paradoxon lässt sich nicht auf eine einzige Ursache reduzieren. Vielmehr wirken mehrere Faktoren gleichzeitig – teils verstärkend, teils überlagernd.

1. Der Standort-Effekt: Die besten Plätze sind vergeben

Die ersten Windräder Deutschlands wurden dort errichtet, wo der Wind am stärksten und beständigsten weht: an den Küsten, in den Mittelgebirgslagen und auf exponierten Höhenzügen. Diese „Prima-Standorte“ sind heute weitgehend belegt. Neue Anlagen entstehen zunehmend im Binnenland, in Waldgebieten oder auf weniger windhöffigen Flächen. Der Wind ist dort schwächer, turbulenter und unbeständiger – die Ausbeute pro installiertem Megawatt sinkt.

Hinzu kommt ein Phänomen, das Fachleute als „Windschatten“ oder „Stealing“ bezeichnen: Wenn Windräder dichter beieinanderstehen, entziehen sich die vorderen Anlagen den hinteren einen Teil des Windes. Die Flächennutzung wird intensiver, aber der Ertrag pro Anlage nimmt ab.

2. Das Wetter: 2025 war ein außergewöhnlich schwaches Windjahr

Die Windgeschwindigkeiten schwanken von Natur aus stark – mal jährlich, mal saisonal. Das Jahr 2025 war in dieser Hinsicht ein Negativrekord. Besonders das erste Quartal erwies sich als außergewöhnlich windschwach. Der März 2025 war sogar der windärmste März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1950.

Die Gesamt-Windstromerzeugung (Onshore und Offshore) lag 2025 bei 132 TWh – das waren 3,2 Prozent weniger als im Vorjahr und deutlich unter den Rekordjahren 2023 (139,4 TWh) und 2024 (136,4 TWh). Hätte 2025 ein durchschnittliches Windjahr erwischt, wäre der Ertragszuwachs vermutlich deutlich höher ausgefallen. Doch genau diese Abhängigkeit vom Wetter ist ein systemisches Problem der Windkraft.

3. Netzengpässe: Abgeregelter Strom zählt nicht

Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor ist die Abregelung. In Zeiten hoher Wind- und Solarstromeinspeisung sind die Übertragungsnetze vielerorts überlastet – insbesondere beim Transport von Strom aus dem windreichen Norden in den industriellen Süden. Die Netzbetreiber müssen dann Windkraftanlagen vom Netz nehmen, um eine Überlastung der Leitungen zu verhindern.

Diese sogenannten Redispatch-Maßnahmen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. 2024 wurden bereits knapp 8 TWh Windstrom abgeregelt; für 2025 lagen die Zahlen bis September bei über 4 TWh. Das entspricht dem Jahresertrag mehrerer großer Windparks – Strom, der zwar erzeugt, aber nie ins Netz eingespeist und damit nie vergütet oder gezählt wird.

4. Die Solar-Kannibalisierung: Wenn sich zwei erneuerbare Quellen gegenseitig verdrängen

Der wohl überraschendste Erklärungsansatz kommt ausgerechnet von der Solarenergie. Seit 2022 erlebt Deutschland einen regelrechten Solarboom: Die installierte Photovoltaik-Leistung stieg bis Ende 2025 auf fast 117 GW, die Stromerzeugung aus PV legte um 21 Prozent zu.

Das Problem: An sonnigen Tagen wird mittlerweile so viel Solarstrom produziert, dass der Markt zeitweise übersättigt ist. Da Solarstrom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bevorzugt eingespeist werden muss und zudem oft günstiger ist, wird die Windkraft in diesen Zeiten vom Netz genommen. Manuel Frondel, Bereichsleiter „Umwelt und Ressourcen“ am RWI Leibniz-Institut, bringt es auf den Punkt: „Ab 2022 hat es einen neuen Solarboom gegeben, das dürfte zur Kannibalisierung beigetragen haben“. An fast allen sonnigen Tagen werde inzwischen „viel zu viel Solarstrom produziert“.

Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung: Nicht der fossile Konkurrent, sondern der erneuerbare Schwestertechnologie verdrängt die Windkraft vom Markt – ein Problem, das mit zunehmendem Solarausbau noch wachsen dürfte.

5. Alterung und Repowering: Nicht jeder Neubau ist ein echter Zuwachs

Die Statistik der „installierten Leistung“ bildet nicht immer die Realität ab. Denn parallel zum Zubau neuer Anlagen werden alte, weniger effiziente Windräder stillgelegt und durch leistungsfähigere ersetzt – ein Prozess, der als Repowering bezeichnet wird. 2025 wurden beispielsweise 456 Turbinen mit einer Gesamtleistung von 631 MW abgebaut. Der Nettozubau – also die Differenz zwischen Neubau und Rückbau – lag bei etwa 4,6 GW. Das ist immer noch ein beachtlicher Zuwachs, aber der Bruttozubau von 5,2 GW täuscht eine höhere Dynamik vor, als tatsächlich vorhanden ist.

6. Zielverfehlung: Der Ausbau bleibt hinter den Vorgaben zurück

Die deutsche Politik hat ehrgeizige Ziele für den Windkraftausbau definiert. Für Ende 2025 war eine installierte Onshore-Leistung von 76,5 GW vorgesehen – tatsächlich erreicht wurden nur 68,1 GW. Die Lücke beträgt mehr als 8 GW, also etwa 10 Prozent des Sollwerts. Selbst wenn der Ausbau wie geplant vorangeschritten wäre, hätte dies die Ertragsprobleme allerdings nur teilweise kompensiert – denn auch die neuen Anlagen stehen ja zunehmend an schlechteren Standorten.

7. Statistische Unschärfe: Fünf Jahre sind keine ausreichende Datenbasis

Eine wichtige Einschränkung kommt von den Forschern selbst. Manuel Frondel vom RWI weist darauf hin, dass eine Zeitreihe über fünf Jahre hinweg „noch keine ausreichende Datengrundlage für eine abschließende Analyse“ liefere. Die jährlichen Windschwankungen sind so groß, dass ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen installierter Leistung und Stromerzeugung sich erst über längere Zeiträume verlässlich nachweisen lässt. Was wie ein Paradoxon aussieht, könnte sich in einem windreicheren Jahr ganz anders darstellen.


Tabellarische Übersicht der Ursachen

UrsacheWirkungBedeutung
Ungünstigere StandorteNiedrigerer Kapazitätsfaktor pro AnlageSehr hoch
Schwaches Windjahr 20253,2 % weniger Ertrag als 2024Hoch (einmalig)
Abregelung durch NetzengpässeBis zu 8 TWh Verlust pro JahrMittel bis hoch
Solar-KannibalisierungWind wird bei Sonnenschein verdrängtWachsend
Repowering (Rückbau alter Anlagen)Nettozubau niedriger als BruttozubauMittel
Zielverfehlung beim AusbauWeniger neue Anlagen als geplantMittel
Kurze BeobachtungszeitraumStatistische UnsicherheitGering

Historische Einordnung: Ein wiederkehrendes Muster?

Das Phänomen der stagnierenden Erträge bei wachsender Kapazität ist nicht völlig neu. Schon in den 2010er Jahren gab es Phasen, in denen der Zubau neuer Anlagen nicht mit einem proportionalen Ertragszuwachs einherging. Neu ist jedoch die Systematik des Problems: Es handelt sich nicht mehr um einzelne, vorübergehende Effekte, sondern um strukturelle Veränderungen.

Die besten Standorte sind erschöpft. Die Netze sind an ihren Grenzen. Die Solar-Konkurrenz wächst. Und die Wetterabhängigkeit bleibt ein unkalkulierbarer Faktor. Das „Windstrom-Rätsel“ ist daher weniger ein Rätsel im engeren Sinne – die Ursachen sind bekannt – als vielmehr ein Indikator für die Grenzen des bisherigen Ausbaupfads.


Ausblick: Was bedeutet das für die Energiewende?

Die Erkenntnisse aus dem „Windstrom-Rätsel“ haben weitreichende Implikationen:

Erstens: Die bloße Erhöhung der installierten Leistung ist kein hinreichender Indikator für den Fortschritt der Energiewende. Entscheidend ist die tatsächlich erzeugte und eingespeiste Strommenge – und diese hängt von Faktoren ab, die sich politisch nur schwer steuern lassen.

Zweitens: Der Ausbau der erneuerbaren Energien stößt an systemische Grenzen, wenn die Netzinfrastruktur nicht parallel mitwächst. Die Abregelung von Windstrom ist nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust, sondern auch ein Zeichen dafür, dass Erzeugung und Verbrauch räumlich und zeitlich immer weiter auseinanderklaffen.

Drittens: Die Kannibalisierung zwischen verschiedenen erneuerbaren Quellen ist ein neues Phänomen, das in der Planung bislang unterschätzt wurde. Je mehr Solar- und Windkapazitäten installiert werden, desto häufiger werden sie sich gegenseitig vom Markt verdrängen – es sei denn, es gelingt, den Strom zu speichern oder in andere Sektoren zu lenken.

Viertens: Die Wetterabhängigkeit bleibt die größte Unsicherheit. Ein windreiches Jahr wie 2023 kann die Statistik kurzfristig aufpolieren, ein windarmes Jahr wie 2025 lässt die Bilanz deutlich schlechter aussehen. Die Energiewende braucht daher nicht nur mehr Windräder, sondern auch mehr Flexibilität – durch Speicher, durch eine bessere Netzanbindung und durch eine intelligente Steuerung von Erzeugung und Verbrauch.


Fazit

Die Diskrepanz zwischen 25 Prozent mehr installierter Windleistung und kaum einem Prozent mehr Stromertrag ist kein Fehler in der Statistik – sie ist das Ergebnis einer Vielzahl realer Effekte: schlechtere Standorte, ein schwaches Windjahr, Netzengpässe, Solar-Kannibalisierung und ein Ausbau, der hinter den Zielen zurückbleibt. Das „große Windstrom-Rätsel“ ist damit weniger ein Rätsel als eine Bestandsaufnahme der Herausforderungen, vor denen die Energiewende steht.

Wer die Zahlen richtig lesen will, muss unterscheiden zwischen dem, was technisch möglich ist (installierte Leistung), und dem, was tatsächlich ankommt (Stromerzeugung). Die Lücke zwischen beiden wird größer – und sie zu schließen, wird eine der zentralen Aufgaben der kommenden Jahre sein.


Quellen

  • Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE: „German Public Electricity Generation in 2025“, Pressemitteilung, Januar 2026 
  • Fraunhofer ISE / Energy-Charts: Datenplattform zur Stromerzeugung in Deutschland 
  • RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung: Analyse zum Zusammenhang von Windkraftausbau und Stromerzeugung, zitiert in der „Welt am Sonntag“ 
  • Deutsche Wetterdienst (DWD): Windaufkommen im ersten Halbjahr 2025, zitiert vom Umweltbundesamt 
  • Bundesnetzagentur / Smard.de: Daten zu Redispatch und Abregelung erneuerbarer Energien 
  • Fachagentur Wind und Solar / Marktstammdatenregister (MaStR): Installierte Leistung und Anlagenzahlen 2025 
  • „Windkraft: Tausende neue Windräder – warum der Stromertrag trotzdem stagniert“, Die Welt, 2026 

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