Das Leben der Hedy Lamarr: Zwischen Leinwand und Labor

Kindheit und europäische Wurzeln (1914–1937)

Am 9. November 1914 wurde Hedwig Eva Maria Kiesler in Wien als einziges Kind des Bankdirektors Emil Kiesler und der Konzertpianistin Gertrud Kiesler (geb. Lichtwitz) geboren . Sie wuchs in einem wohlhabenden, bürgerlich-jüdischen Elternhaus im Bezirk Döbling auf, das von Kunst und Bildung geprägt war. Ihr Vater vermittelte ihr früh ein Verständnis für Technik und die Funktionsweise der Dinge, während ihre Mutter ihr eine fundierte Ausbildung in Klavier, Ballett und Sprachen zukommen ließ . Schon als Jugendliche soll sie ein reges Interesse für Technik gezeigt haben, eine Neugier, die ihr Leben prägen sollte .

Dieses behütete Umfeld verließ sie mit 16 Jahren, als sie die Schule abbrach, um ihre wahre Leidenschaft zu verfolgen: die Schauspielerei. Sie begann als Scriptgirl bei der Wiener Sascha-Film und wurde bald darauf von dem legendären Theaterregisseur Max Reinhardt entdeckt, der sie an seine Schauspielschule in Berlin holte . Bereits 1931 spielte sie an der Seite von Heinz Rühmann und Hans Moser in dem Film „Man braucht kein Geld“ ihre erste Hauptrolle .

Der internationale Durchbruch gelang ihr 1933 mit der tschechisch-österreichischen Koproduktion „Ekstase“ (Originaltitel: „Symphonie der Liebe“). Der Film sorgte für einen Skandal, denn er zeigte die damals Minderjährige in einer zehnminütigen Nacktbadeszene und mit einer Nahaufnahme ihres Gesichts während eines gespielten Orgasmus – das erste Mal in der Filmgeschichte, dass eine derartige Szene zu sehen war . Im nationalsozialistischen Deutschland wurde der Film daraufhin verboten. Zur selben Zeit feierte sie in Wien jedoch auch große Erfolge auf der Bühne, etwa in Fritz Kreislers Singspiel „Sissy“ .

Im Sommer 1933, nur wenige Monate nach dem „Ekstase“-Skandal, konvertierte Hedwig Kiesler zum katholischen Glauben und heiratete am 10. August in der Wiener Karlskirche den 14 Jahre älteren Fritz Mandl . Mandl war Generaldirektor der Hirtenberger Patronenfabrik und einer der reichsten und mächtigsten Männer Österreichs. Als bedeutender Waffenfabrikant pflegte er geschäftliche Beziehungen zu faschistischen Regimen, darunter das Deutschland Hitlers und das Italien Mussolinis . Für die junge Hedy wurde die Ehe zu einem goldenen Käfig. In ihrer prächtigen Residenz am Wiener Schwarzenbergplatz und auf Schloss Fegenberg war sie die glanzvolle Gastgeberin für hochrangige politische und industrielle Gäste. Bei diesen Abendgesellschaften, oft gedeckt durch ihren Ehemann, kam sie zwangsläufig in Kontakt mit Erfindern und Entwicklern von Waffensystemen und hörte Gespräche über komplexe technische Probleme, wie etwa die Steuerung von Torpedos . Ihr Mann, der ihr die Schauspielerei untersagte, förderte damit unbeabsichtigt ihr technisches Verständnis. Die Ehe war jedoch von Kontrolle und zunehmender Einengung geprägt und politisch waren die Eheleute durch Mandls Nähe zum Faschismus und Hedys liberale Erziehung tief gespalten .

1937 hielt sie es nicht länger aus. Sie floh vor ihrem Ehemann und dem erstarkenden Nationalsozialismus – zuerst nach Paris, dann nach London . In London gelang ihr ein Coup: Sie traf den mächtigen MGM-Produzenten Louis B. Mayer, der ihr einen Studiovertrag anbot. Er gab ihr auch ihren neuen Künstlernamen: Hedy Lamarr, in Anlehnung an den Stummfilmstar Barbara La Marr . Ihre Flucht rettete ihr nicht nur das Leben, sondern ebnete ihr den Weg nach Hollywood.

Hollywood-Jahre: Der Star und die Tüftlerin (1938–1958)

In Hollywood wurde Lamarr von MGM zur „schönsten Frau der Welt“ aufgebaut . Ihr amerikanisches Filmdebüt gab sie 1938 an der Seite von Charles Boyer in „Algiers“ (deutsch: „Mensch ohne Nerven“), das zu einer Sensation wurde. Ihre Frisur mit dem Mittelscheitel und ihre brünette Haarfarbe wurden zum Vorbild für unzählige Frauen in den späten 1930er Jahren . Sie drehte mit den größten Stars ihrer Zeit, darunter Clark Gable, Spencer Tracy, Judy Garland und James Stewart . Ihr kommerziell größter Erfolg wurde 1949 Cecil B. DeMilles aufwendige Bibelverfilmung „Samson and Delilah“ (deutsch: „Samson und Delilah“) .

Trotz ihres Ruhms war Lamarr mit den oft eindimensionalen Rollen als „dekoratives Beiwerk“ unzufrieden . Ihre wichtigste Rolle sah sie selbst in „H.M. Pulham, Esq.“ (1941) von King Vidor, wo sie eine moderne, unabhängige Frau darstellen konnte und viel Kritikerlob erhielt . Angeblich lehnte sie im Laufe ihrer Karriere Hauptrollen in Filmklassikern wie „Casablanca“ und „Das Haus der Lady Alquist“ ab .

Doch neben ihrer Filmkarriere existierte ein zweites, erfüllenderes Leben: das der Erfinderin. In ihrem Haus in Hollywood richtete sie sich ein Zeichenbrett ein und tüftelte in ihrer Freizeit an verschiedenen Ideen, darunter eine verbesserte Ampelfigur und eine Brausetablette, die aus Wasser ein kohlensäurehaltiges Getränk machte . Ihr Leben lang hasste sie Konventionen, und ihr kreativer Geist suchte stets nach neuen Herausforderungen .

Im Sommer 1940 lernte sie auf einer Party ihren Nachbarn kennen, den exzentrischen Avantgarde-Komponisten George Antheil . Die Begegnung war skurril: Lamarr suchte Rat zur Brustvergrößerung mittels endokriner Drüsen, einem Steckenpferd Antheils, der darüber Artikel für Männermagazine schrieb . Das Gespräch weitete sich jedoch schnell auf ein Thema von weitaus größerer Bedeutung aus: den Krieg und die Technologie. Antheil war durch seine radikalen Kompositionen bekannt, insbesondere durch sein „Ballet Mécanique“ von 1924, das für 16 synchronisierte Player-Pianos (selbstspielende Klaviere), Flugzeugpropeller und Sirenen geschrieben war . Die Synchronisation dieser mechanischen Klaviere gelang mittels gesteuerter Lochstreifen aus Papier. Aus dieser zufälligen Begegnung entstand eine der ungewöhnlichsten und folgenreichsten Erfindungspartnerschaften des 20. Jahrhunderts.

Die Erfindung des Frequenzsprungverfahrens (1940–1942)

Der Hintergrund: Ein dringendes militärisches Problem

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs waren die Alliierten mit einem gravierenden Problem konfrontiert: Die von U-Booten oder Schiffen aus gesteuerten Torpedos waren gegen Störsender nahezu wehrlos. Ein Torpedo, der per Funk auf einer einzigen, festgelegten Frequenz gelenkt wurde, konnte vom Feind leicht abgefangen oder durch ein starkes Signal auf derselben Frequenz von seinem Kurs abgebracht werden . Eine zuverlässige und störungssichere Funkfernsteuerung für Torpedos war ein zentrales, aber ungelöstes militärisches Desiderat.

Die Idee und ihre musikalische Inspiration

Hedy Lamarr, die dank ihrer Ehe mit Fritz Mandl über profundes Wissen in Waffentechnik verfügte, hatte eine grundlegende Idee, wie sich dieses Problem lösen ließ: Anstatt nur eine Frequenz zu verwenden, sollte die Funkverbindung zwischen dem Steuerungsschiff und dem Torpedo ständig und scheinbar zufällig zwischen vielen verschiedenen Frequenzen hin- und herspringen („Frequency Hopping“). Sender und Empfänger sollten nach dem gleichen, geheimen Muster synchronisiert die Frequenz wechseln. Ein feindlicher Störsender könnte dann immer nur einen Bruchteil der Nachricht treffen und das Steuersignal nicht mehr vollständig unterbrechen oder entschlüsseln .

Sie hatte das Prinzip, aber ihr fehlte die technische Umsetzung für die präzise Synchronisation. Hier kam George Antheil ins Spiel. Er erinnerte sich an die Steuerungsmechanik seines „Ballet Mécanique“. Die 16 Player-Pianos wurden durch lange Papierrollen gesteuert, in die Löcher für die Noten gestanzt waren – ähnlich wie bei einer Lochkarte oder einem mechanischen Klavier. Alle Rollen liefen gleichzeitig ab und sorgten so für den perfekten Gleichklang der Instrumente .

Die Analogie war perfekt: Im Steuerungsschiff und im Torpedo sollten zwei identische, mit Lochstreifen bestückte Mechanismen eingebaut werden. Diese Lochstreifen, die einen vorher festgelegten und damit geheim zu haltenden Code enthielten, würden den Sender und den Empfänger synchron durch die verschiedenen Frequenzen steuern. In ihrer Patentanmeldung sahen sie sogar genau 88 verschiedene Frequenzen vor – so viele, wie ein Klavier Tasten hat .

Gemeinsam arbeiteten sie mehrere Monate an ihrer Idee. Im Dezember 1940 präsentierten sie das Konzept dem National Inventors Council, dessen Vorsitzender Charles F. Kettering, der Forschungsdirektor von General Motors, ihnen zur Patentanmeldung riet . Mit der Unterstützung eines Professors für Elektrotechnik am California Institute of Technology wurden die letzten technischen Details ausgearbeitet. Am 10. Juni 1941 reichten Lamarr und Antheil ihre Erfindung unter dem Titel „Secret Communication System“ (Geheimes Kommunikationssystem) ein. Das US-Patent mit der Nummer 2.292.387 wurde ihnen am 11. August 1942 erteilt .

Das Patent und seine vollständige technische Beschreibung

Das Patent mit dem Titel „Secret Communication System“ beschreibt ein Verfahren und eine Vorrichtung zur sicheren, störungsresistenten Funksteuerung, insbesondere für Torpedos . Der Kerngedanke der Erfindung ist die Frequenzspreizung (Spread Spectrum) in Form des Frequenzsprungverfahrens (Frequency Hopping).

In der Patentschrift wird ein System dargestellt, bei dem ein Sender (z.B. auf einem Flugzeug oder Schiff) und ein Empfänger (im Torpedo) mit identischen, synchron laufenden Steuervorrichtungen ausgestattet sind. Diese Steuervorrichtung basiert auf einem programmierten Lochstreifen, ähnlich dem einer Player-Piano-Rolle. Auf diesem Streifen ist eine pseudozufällige Sequenz von Frequenzen codiert. Sowohl Sender als auch Empfänger „lesen“ diesen Streifen und wechseln im gleichen Takt die Frequenz. Ein feindlicher Empfänger, der die Sequenz nicht kennt, kann dem Sprung nicht folgen und hört nur ein scheinbar zufälliges Rauschen. Ein Störversuch kann immer nur einzelne Frequenzen treffen, aber nie die gesamte Übertragung unterbrechen .

Die Erfindung adressierte auch das Problem der Synchronisation der beiden Enden, bevor die eigentliche Nachrichtenübertragung beginnt. Im Patent werden Methoden beschrieben, wie die beiden Lochstreifen-Controller zu Beginn eines Steuervorgangs aufeinander synchronisiert werden können. Obwohl das Patent von einer mechanischen Steuerung (den Lochstreifen) ausging, war das dahinterstehende Prinzip der Frequenzsprung-Spreizung ein hochmoderner und visionärer Ansatz für die damalige Zeit.

Ablehnung durch das US-Militär und späte Anerkennung

Trotz der Genialität der Idee stieß das Patent beim US-Marineministerium auf taube Ohren. Die Erfinder boten ihre Erfindung der Regierung an, doch die Reaktion war ernüchternd . Die Gründe für die Ablehnung waren vielfältig:

  1. Praktische Umsetzung: Die Hauptkritik der Navy war, dass das System mit den vorgeschlagenen mechanischen Lochstreifen zu sperrig und unzuverlässig für den Einsatz in einem Torpedo sei . Antheil konterte zwar, es ließe sich klein wie eine Uhr bauen, doch die Skepsis blieb.
  2. Kulturelle Vorurteile: George Antheil vermutete, dass die Erwähnung einer „Player-Piano“-Steuerung in der Patentschrift bei den Militärs nur Kopfschütteln auslöste. Für die „würdevollen Herren mit den goldenen Köpfen“ in Washington klang das nach einer Spielerei, nicht nach einer ernstzunehmenden Waffentechnologie .
  3. Technologische Reife: Die Idee des Frequenzsprungs war ihrer Zeit weit voraus. Die Elektronik der 1940er-Jahre, die auf Vakuumröhren basierte, war nicht in der Lage, die extrem schnellen Frequenzwechsel zuverlässig und kompakt genug umzusetzen. Zudem gab es bereits Bedenken hinsichtlich der Ausbreitung von Funkwellen unter Wasser .

Die Erfindung wurde von den Behörden als geheim eingestuft, aber nie für den vorgesehenen Zweck genutzt. Lamarr und Antheil erhielten keine finanzielle Entschädigung und mussten sogar die Gebühren zur Aufrechterhaltung des Patents selbst tragen. Nach Ablauf der Patentlaufzeit geriet die Erfindung für Jahrzehnte in Vergessenheit .

Die Anerkennung für ihre geniale Idee kam erst, als die Technologie reif für ihre Umsetzung war. In den 1950er Jahren begann das Militär, auf Basis der Lamarr’schen Idee eigene Frequenzsprung-Systeme zu entwickeln, zunächst geheim. Während der Kubakrise 1962 soll die US-Marine erstmals eine elektronische Variante des Frequenzsprungs eingesetzt haben . Mit dem Aufkommen kostengünstiger, leistungsfähiger Mikroelektronik in den 1980er Jahren wurde das Verfahren für den zivilen Massenmarkt interessant.

Ab den 1990er Jahren begann die öffentliche Würdigung. Der pensionierte Oberst David R. Hughes, ein Verehrer Lamarrs, entdeckte das alte Patent und startete eine Kampagne, um sie als Erfinderin bekannt zu machen . 1997, 55 Jahre nach der Patenterteilung, ehrten die Electronic Frontier Foundation Lamarr und Antheil mit ihrem Pioneer Award . 2014, 14 Jahre nach ihrem Tod, wurde sie schließlich in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen .

Späte Jahre und Vermächtnis (1958–2000)

Nachdem sie 1958 ihren letzten Film gedreht hatte, zog sich Hedy Lamarr weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück . 1953 war sie US-amerikanische Staatsbürgerin geworden . Ihre späteren Jahre waren von finanziellen Sorgen, einem zurückgezogenen Leben in Florida und sechs gescheiterten Ehen geprägt . 1966 sorgte ihre nicht autorisierte und von ihr als rufschädigend empfundene Autobiografie „Ecstasy and Me“ für einen Skandal . 1991 machte sie Schlagzeilen, als sie wegen Ladendiebstahls verhaftet wurde – eine Geschichte, die ihre Tragik als vergessene und verbitterte Diva unterstrich Hedy Lamarr starb am 19. Januar 2000 im Alter von 85 Jahren in ihrer Wohnung in Altamonte Springs, Florida . Auf ihrem Grab in Wien ließ ihr Sohn später die Inschrift anbringen: „Schauspielerin und Erfinderin“ .

Ihr Vermächtnis ist zweigeteilt und doch untrennbar miteinander verbunden. Einerseits bleibt sie eine Ikone des Goldenen Zeitalters von Hollywood, deren Schönheit und Leinwandpräsenz unvergessen sind. Andererseits ist sie die „Mutter des WLAN“ . Das von ihr und Antheil erdachte Prinzip des Frequenzsprungs ist ein grundlegender Baustein moderner digitaler Kommunikation. Es steckt nicht nur in WLAN und Bluetooth, sondern auch in GPS-Geräten, schnurlosen Telefonen und zahllosen militärischen Anwendungen . Hedy Lamarrs Leben beweist, dass Genie keine Grenzen kennt und dass eine der folgenreichsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts aus der ungewöhnlichen Verbindung von Hollywood-Glamour, avantgardistischer Musik und dem unbändigen Erfindergeist einer Frau entstehen konnte.

Zeittafel: Die wichtigsten Stationen im Leben der Hedy Lamarr

JahrEreignis
1914Geburt als Hedwig Eva Maria Kiesler in Wien.
1933Skandalerfolg mit „Ekstase“; Heirat mit dem Waffenfabrikanten Fritz Mandl.
1937Flucht vor Mandl und dem Nationalsozialismus über Paris nach London; Vertrag mit MGM und Namensänderung zu Hedy Lamarr.
1938Hollywood-Debüt in „Algiers“; Aufstieg zum Star.
1940Begegnung mit dem Komponisten George Antheil.
1942Erteilung des Patents Nr. 2.292.387 für ein „Secret Communication System“ (Frequenzsprungverfahren).
1958Letzter Filmauftritt; Rückzug aus dem Showgeschäft.
1997Ehrung mit dem Pioneer Award der Electronic Frontier Foundation.
2000Tod in Florida.
2014Posthume Aufnahme in die National Inventors Hall of Fame.

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