Das schwarze Erbe: Wie der Nokia Mobira Cityman die mobile Welt eroberte und den Mythos Nokia begründete

Es begann mit einem Ziegelstein. Nicht einem, den ein Maurer in die Wand fügt, sondern einem aus schwarzem Kunststoff, der das Gewicht einer schweren Kelle hatte und im Jahr 1987 die Vorstellung von Telefonie revolutionierte. Der Nokia Mobira Cityman war nicht das erste tragbare Telefon, aber er war das erste, das die Vorstellungskraft der Welt eroberte – nicht zuletzt, weil ein mächtiger Mann es in die Höhe hielt. Heute, in einer Ära, in der Smartphones dünn wie Kreditkarten sind und drahtlose Kommunikation als Selbstverständlichkeit gilt, wirkt dieses Gerät wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Doch seine Geschichte ist mehr als nur Technikarchäologie – sie ist die Geburtsstunde eines Imperiums und der Beginn einer Kultur, die die Welt für immer veränderte.

Der Weg zum Handheld: Von der Autotür zum Handteller

Um die Bedeutung des Cityman zu verstehen, muss man einen Schritt zurücktreten. Die Ursprünge des Unternehmens, das ihn schuf, liegen nicht in der Hochtechnologie, sondern in der finnischen Forstwirtschaft: 1865 als Papierfabrik gegründet, diversifizierte Nokia über ein Jahrhundert in Gummiwaren und Kabelproduktion . Als in Skandinavien 1981 das nordische Mobiltelefonnetz (NMT) – das erste internationale Mobilfunknetz der Welt – seinen Betrieb aufnahm, war das Unternehmen bereits in der Telekommunikation aktiv, jedoch mit Geräten, die kaum als „mobil“ im heutigen Sinne durchgingen.

Der 1982 vorgestellte Mobira Senator war ein Autotelefon, das satte zehn Kilogramm auf die Waage brachte und fest in den Fahrzeuginnenraum installiert werden musste . Zwei Jahre später folgte der Mobira Talkman – eine Art Kompromiss: ein tragbares Gerät in Form einer Aktentasche, das zwar nicht ans Auto gebunden war, aber mit seinem Gewicht und Volumen noch immer an eine schwere Werkzeugkiste erinnerte .

Vor diesem Hintergrund war der 1987 vorgestellte Mobira Cityman 900 eine Sensation. Mit 760 Gramm – je nach Quelle auch 800 Gramm – war er zwar immer noch ein Schwergewicht , aber erstmals ein Gerät, das man tatsächlich in einer Hand halten konnte. Die Abmessungen von 183 x 43 x 79 Millimetern machten ihn sperrig, aber nicht mehr unhandlich . Sein NiCd-Akku (Nickel-Cadmium) erlaubte gerade einmal 50 Minuten Gesprächszeit bei bis zu 14 Stunden Bereitschaft; das Aufladen dauerte vier Stunden . Die monochrome Anzeige zeigte gerade einmal acht Ziffern an – mehr brauchte es damals nicht, denn das Gerät diente einzig dem Telefonieren .

Der Stoff, aus dem Mythen sind: Die Gorbatschow-Connection

Die wahre Berühmtheit erlangte der Cityman jedoch nicht durch seine technischen Daten, sondern durch einen公关-Coup, der bis heute nachwirkt. Im Oktober 1987 – im selben Jahr der Markteinführung – wurde der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow bei einem Besuch in Helsinki von einem Nokia-Manager mit einem Cityman konfrontiert. Das legendäre Foto, das Gorbatschow mit dem schwarzen Gerät am Ohr zeigt, während er ein Gespräch nach Moskau führt, ging um die Welt .

In Finnland erhielt das Telefon daraufhin umgehend den Spitznamen „Gorba“ . Es war ein Werbegag, der die Wahrnehmung von Mobiltelefonen grundlegend veränderte. Plötzlich war das Gerät kein Nischenprodukt für Techniker und Geschäftsleute mehr, sondern ein Symbol für Macht, Modernität und die Überwindung von Distanzen. Es verlieh dem sperrigen Klotz eine Aura, die weit über seinen funktionalen Nutzen hinausreichte. Die damalige Kommunikationschefin von Nokia, Åsa Tötterman, erinnerte sich später, dass beim Unternehmen selbst zunächst nur der CEO und der Kommunikationschef mit dem Cityman ausgestattet waren – die Nutzung war also selbst bei Nokia eine Seltenheit .

Zwischen Analog und Digital: Die technische Einordnung

Um den Cityman richtig einzuordnen, ist es wichtig, seine Position in der Mobilfunkgeneration zu verstehen. Er war ein reines 1G-Gerät – er arbeitete im NMT-900-Netz (Nordic Mobile Telephone) . NMT war ein analoger Standard, der zwar bahnbrechend für die grenzüberschreitende Kommunikation war, aber aus heutiger Sicht erhebliche Schwachstellen aufwies: Die Gespräche konnten von Dritten mitgeschnitten werden, und die Netzabdeckung war löchrig. Tötterman berichtete, dass sie mit dem Cityman nur an einem einzigen Ort in ihrem Haus überhaupt eine Verbindung bekam .

Die eigentliche Revolution sollte erst wenige Jahre später mit der Einführung des digitalen GSM-Standards (Global System for Mobile Communications) 1991 kommen. Hier spielt der Name „Cityman“ erneut eine Rolle, was häufig zu Verwechslungen führt. 1992 brachte Nokia mit dem Nokia 1011 das erste massenproduzierte GSM-Telefon auf den Markt . Dieses Gerät wurde auch unter dem Namen Mobira Cityman 2000 verkauft . Während der ursprüngliche Cityman 900 also den analogen NMT-Dienst repräsentiert, steht der Cityman 2000 für den digitalen Neubeginn. Mit 475 Gramm war er deutlich leichter als sein Vorgänger, bot mit 90 Minuten eine längere Gesprächszeit und führte eine Innovation ein, die die Kommunikation für immer verändern sollte: die SMS .

Der Preis der Exklusivität: Wer konnte sich das leisten?

Der Cityman war kein Gerät für die breite Masse – das war er nie. Mit einem Preis von umgerechnet etwa 4.500 bis 4.600 Euro (oder 24.000 Finnischen Mark) war er ein Luxusgut, das sich nur eine wohlhabende Elite oder Unternehmen leisten konnten . Wer mit einem Cityman telefonierte, zeigte nicht nur technischen Fortschritt, sondern auch sozialen Status.

Dennoch war er genau das, was die Branche brauchte: ein Produkt, das die Nachfrage nach persönlicher, mobiler Erreichbarkeit sichtbar machte. Die Beschränkungen – kurze Akkulaufzeit, schlechte Netzabdeckung, exorbitanter Preis – waren weniger Hindernisse als vielmehr Beweise für die Exklusivität des Produkts. Der Alltag der Nutzer bestand aus dem sorgsamen Management der Akkulaufzeit und der Suche nach Netzabdeckung. Annamari Qvist, eine andere langjährige Nokia-Kommunikationsmanagerin, erinnerte sich an ihre Zeit mit dem Nokia 1011 (dem Cityman 2000): Sie musste zwei oder drei austauschbare Batterien mit sich führen, um über den Tag zu kommen .

Erbe und Bedeutung: Mehr als nur ein Telefon

Der Mobira Cityman ist aus technikhistorischer Perspektive ein Wendepunkt. Er markiert den Moment, in dem das Telefon aus dem Auto und vom Schreibtisch in die Hand des Menschen wanderte – und damit den Beginn einer neuen Ära der persönlichen Freiheit und der ständigen Erreichbarkeit. Er war der erste kommerzielle Erfolg, der bewies, dass es einen Markt für persönliche Mobiltelefone gab.

Für Nokia selbst war er der Startschuss für den Aufstieg zum Weltmarktführer. 1992, nur fünf Jahre nach dem Cityman, fällte der damalige CEO Jorma Ollila die strategische Entscheidung, sich von den angestammten Geschäftsbereichen Gummi, Kabel und Papier zu trennen und den Fokus vollständig auf Telekommunikation zu legen . Von 1998 bis 2011 war Nokia unangefochtener Marktführer – eine Herrschaft, die mit dem Cityman ihren Anfang nahm .

Die Ästhetik des Geräts – das robuste, schwarze Gehäuse, die ausziehbare Antenne – prägte über Jahre das Image von Mobiltelefonen als „Klötze“ und „Ziegelsteine“. Selbst als die Geräte kleiner wurden, blieb dieses Design-Diktat in den 1990er-Jahren noch präsent.

Fazit: Ein Denkmal aus Plastik und Geschichte

Betrachtet man den Nokia Mobira Cityman heute, ist er eine Ikone der Technikarchäologie. In seiner Sperrigkeit und Schwerfälligkeit zeigt er, wie weit die Entwicklung seitdem gegangen ist. Doch er ist mehr als ein Ausstellungsstück im Museum für Kommunikation. Er ist der Beweis dafür, dass technologischer Fortschritt nicht linear und vorhersehbar verläuft, sondern oft von mutigen Produkten und glücklichen PR-Momenten beschleunigt wird – wie dem Anruf eines sowjetischen Staatschefs.

Der Cityman war nicht das erste Handy, aber er war das erste, das die Welt begehrte. Er verkörperte den Moment, in dem die Vision einer grenzenlosen, persönlichen Kommunikation Gestalt annahm – schwer, teuer und unvollkommen, aber unübersehbar. Für Nokia war er der erste Schritt eines Aufstiegs, der das Unternehmen an die Spitze der Welt führen sollte. Und für uns alle war er die erste Ahnung einer Zukunft, in der das Telefon nicht mehr ein Ort, sondern eine Person ist.


Quellen

  1. Windows Blog: From 1G to 4G, 08.01.2011 
  2. Wikipedia (Archiv): Mobira Cityman 900, 03.09.2012 
  3. Baidu Baike: 诺基亚1011 
  4. Teltarif.deNokia: Aufstieg und Niedergang eines Handy-Giganten, 31.12.2019 
  5. Windows Blog: Still remember these guys?, 13.05.2011 
  6. Schwedische Wikipedia: Mobira Cityman 900, 16.07.2023 
  7. IPFS: Nokia 1011, 09.11.2007 
  8. People.com.cn (Volksrepublik China): 致敬经典 那些年我们一起追过的诺基亚, 12.05.2014 
  9. Tekniikka&Talous: Nokia-Mobiran Cityman oli historian ensimmäinen matkapuhelinten suurmenestys, 31.12.2021 
  10. Wikipedia (Archiv): Mobira Cityman 900, 03.09.2012 

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