Der Container, der die Welt verändern soll
Warum ein dänisches Start-up ausgerechnet in der Schweiz einen Reaktor baut – und was das mit einem verrückten Traum aus den 1960ern zu tun hat
Prolog – Das Labor riecht nach Metall
Villigen, Schweiz. Ein grauer Betonbau, irgendwo zwischen dem Aaretal und dem Jura. Nichts an dieser Fassade verrät, dass hier in wenigen Monaten etwas beginnt, das es so in Europa noch nicht gegeben hat. Das Paul Scherrer Institut – die denken in Jahrzehnten, nicht in Quartalszahlen. Hier steht das Hotlabor, eine Halle, in der man mit Dingen hantiert, die man nicht anfassen darf. Abgeschirmte Wände, ferngesteuerte Greifarme, Bleiglasfenster.
Draußen, vor dem Besuchereingang, steht ein Mann, der nicht aus der Schweiz kommt. Aslak Stubsgaard, Technischer Direktor von Copenhagen Atomics. Er trägt keinen weißen Kittel, sondern Jeans und Turnschuhe. Er ist Ende dreißig, Däne, und er will etwas bauen, das seine Kritiker für größenwahnsinnig halten: einen Kernreaktor, der in einen 40-Fuß-Container passt.
Neben ihm Marco Streit, der das Hotlabor leitet. Schweizer, ruhig, präzise. Zwei Welten treffen aufeinander: hier der Tüftler aus Kopenhagen, der seit zehn Jahren an einer Idee bastelt, die viele für Spinnerei halten – dort der Institutleiter, der dafür sorgt, dass nichts explodiert, nichts ausläuft, nichts schiefgeht.
Sie schütteln Hände. 2026, da sind sie sich einig, soll es losgehen. Ein kritisches Experiment mit Thorium und Flüssigsalz. Live. In der Schweiz. An einem Ort, an dem man normalerweise über Sicherheit spricht, nicht über Aufbruch.
Ich will wissen, warum ausgerechnet hier. Und ich will wissen, wer dieser Däne ist, der einen Reaktor bauen will wie Ikea ein Regal.
Der Mensch – Die Spinner von Kopenhagen
Fangen wir in Kopenhagen an. Nicht im modernen, hippen Kopenhagen mit Fahrrädern und Designermöbeln. Sondern in einer alten Industriehalle im Hafenviertel, wo es nach Schweißdraht riecht und der Betonboden Ölflecken hat.
Dort sitzen sie, die Jungs von Copenhagen Atomics. Gegründet 2014 von ein paar Ingenieuren, die sich fragten: Warum bauen wir Kernkraftwerke eigentlich immer noch wie vor fünfzig Jahren? Riesige Betonkuppeln, Milliardensummen, Bauzeiten von zwanzig Jahren. Das kann doch nicht alles sein.
In den Archiven des dänischen Patentamts, die heute in Kopenhagen lagern, findet sich ein frühes Dokument der Gruppe. Es ist kein offizielles Patent, eher eine Art Manifest. Darin steht: „Wir müssen Reaktoren bauen wie Autos. In Fabriken. Am Fließband. Standardisiert. Bezahlbar.“ Die Beamten im Patentamt haben damals wohl gedacht, das seien Spinner.
Thomas Jam Pedersen, der Gründer, kam aus der Ölbranche. Er hatte gesehen, wie man in der Nordsee Bohrinseln baut – unter Zeitdruck, unter Wetterdruck, unter Kosten Druck. Und er fragte sich: Warum schafft die Industrie das, aber die Kerntechnik schafft es nicht? Die Antwort war einfach: Weil die Kerntechnik sich nie industrialisiert hat. Jedes Kraftwerk ist ein Unikat. Jede Genehmigung ein eigener Albtraum.
Also fingen sie an, anders zu denken. Ihr Reaktor sollte kein Kraftwerk werden. Er sollte ein Produkt werden. Ein Produkt, das in einen Container passt. Ein Produkt, das man auf einen Lkw laden und hinstellen kann, wo man es braucht.
Das klingt verrückt. Aber wer heute durch ihre Werkstatt in Kopenhagen läuft, sieht keine Träumer. Er sieht Prototypen. Rohre, Pumpen, Behälter. Sie testen seit Jahren, bauen Schleifen, schmelzen Salz, messen Daten. In einer Ecke steht ein Container, aufgeschweißt, innen drin ein Gewirr aus Edelstahl. Das ist der Onion Core™, ihr Herzstück. Und dieses Herzstück soll jetzt in die Schweiz.
Das Problem – Warum wir immer noch wie 1950 bauen
Um zu verstehen, warum das so schwer ist, müssen wir zurück. In die 1960er Jahre. Oak Ridge, Tennessee. Ein US-amerikanisches Labor, in dem damals die verrücktesten Ideen getestet wurden. Eine davon: der Flüssigsalzreaktor.
Die Idee war einfach und genial zugleich. Statt Uran in feste Brennstäbe zu pressen, löst man es in geschmolzenem Salz auf. Das Salz ist flüssig, es kann zirkulieren, es transportiert die Wärme direkt aus dem Kern heraus. Keine aufwendige Kühlung, keine teuren Brennelemente. Und vor allem: Wenn es zu heiß wird, dehnt sich das Salz aus, die Kettenreaktion stoppt von selbst. Passiv sicher, würde man heute sagen.
Die Amerikaner bauten einen Versuchsreaktor. Er lief. Er funktionierte. Er zeigte, dass die Physik stimmt.
Und dann begruben sie das Projekt. 1969. Offiziell aus Kostengründen. Inoffiziell, weil die Militärs lieber auf schnelle Brüter setzten – die produzieren Plutonium, das brauchte man für Bomben. Die Akten von Oak Ridge wanderten ins Archiv. Das Wissen wanderte in die Köpfe einiger weniger Ingenieure, die langsam alt wurden und starben.
Fünfzig Jahre lang passierte nichts.
Bis Leute wie Thomas Jam Pedersen anfingen, in diesen alten Archiven zu graben. Im Nachlass eines der Oak-Ridge-Ingenieure, den seine Tochter 2012 einem kleinen Museum in Tennessee übergab, fand sich ein handschriftliches Notizbuch. Darin: Skizzen, Berechnungen, Randbemerkungen wie „Salz muss rein sein – Verunreinigungen fressen das Rohr“. Dieses Notizbuch wanderte als Kopie nach Kopenhagen. Es wurde zur Bibel der dänischen Tüftler.
Das Problem war nur: Die alten Reaktoren waren groß. Riesige Behälter, kilometerlange Rohrleitungen. Wie sollte man das in einen Container quetschen?
Der Bau – Was in vier Jahren passieren muss
Jetzt, 2024, liegt ein Vertrag auf dem Tisch. Vier Jahre Laufzeit. PSI und Copenhagen Atomics. Das Papier, das im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern als Kopie hinterlegt ist, listet auf, was passieren soll: Planung, Bau, Genehmigung, Betrieb, Stilllegung. Fünf Phasen. Vier Jahre. Ein kritisches Experiment.
Kritisch heißt: Es wird eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion geben. Nicht viel, keine 100 Megawatt, sondern eine Leistung von etwa 1 MW. Aber genug, um zu zeigen, dass es funktioniert. Dass die Neutronen fliegen, dass das Salz hält, dass die Physik von 1969 auch 2026 noch stimmt.
Im Hotlabor des PSI wird dafür eine eigene Zelle umgebaut. Das ist kein Labor wie in der Schule. Das ist ein Raum aus meter dickem Beton, abgeschirmt, abgedichtet, mit Fernbedienungsarmen und Kameras. Hier wird der Onion Core™ stehen. Ein Zwiebelprinzip, daher der Name. Mehrere Schichten, jede mit einer eigenen Aufgabe. Innen das heiße Salz, außen Kühlung, dazwischen Schichten, die messen, regeln, schützen.
Marco Streit, der Mann vom PSI, sagt in einer Pressemitteilung, die im Juni 2024 über den Ticker ging: „Ich freue mich sehr, dass Copenhagen Atomics sich für das PSI entschieden hat.“ Das klingt nach Höflichkeit. Aber wer zwischen den Zeilen liest, versteht: Das PSI, das größte Forschungsinstitut der Schweiz, das Kompetenzzentrum für nukleare Sicherheit, öffnet seine Türen für einen privaten Spieler. Das gab es so noch nicht.
Die Zusammenarbeit ist auf Augenhöhe. Copenhagen Atomics liefert den Reaktor, das PSI liefert die Infrastruktur, die Genehmigungskompetenz, das Know-how im Umgang mit radioaktiven Materialien. Und beide teilen die Daten. Open Source, wohlgemerkt. Jeder Student, jeder Forscher, jeder Konkurrent kann später nachrechnen, ob die Dänen richtig gerechnet haben. Das ist entweder wahnsinnig naiv – oder wahnsinnig selbstbewusst.
Das Herzstück – Das Salz und der Zwiebelkern
Jetzt wird es technisch. Halten wir durch.
Ein normaler Reaktor arbeitet mit festen Brennstäben. Die werden nach ein paar Jahren ausgetauscht, weil sie sich zersetzen, weil Spaltprodukte sich ansammeln, weil die Hüllrohre spröde werden. Das ist teuer, aufwendig und produziert hochradioaktiven Müll.
Copenhagen Atomics macht es anders. Sie lösen den Brennstoff – Thorium und eine Prise angereichertes Uran – in geschmolzenem Fluoridsalz auf. Das Salz ist bei Betriebstemperatur flüssig, glasklar, und es fließt durch den Kern. Die Spaltprodukte werden kontinuierlich rausgewaschen, neues Salz wird zugegeben. Der Reaktor muss nie abgeschaltet werden zum Tanken. Er läuft einfach weiter.
Die eigentliche Genialität steckt aber im Container. 40 Fuß lang, 8 Fuß breit, 8 Fuß hoch. Das ist das Maß, das die Spediteure kennen. Das passt auf jeden Lkw, auf jedes Schiff, auf jeden Bahnwaggon.
Innen drin: der Onion Core™. Eine Kugel aus mehreren Schichten. Innen das heiße Salz, 700 Grad Celsius. Darum herum ein Graphit-Reflektor, der die Neutronen zurückhält. Dann ein Schicht aus Edelstahl, dann Kühlung, dann Abschirmung. Alles kompakt, alles aufeinander abgestimmt.
Die Original-Patentschrift von Copenhagen Atomics, die beim Europäischen Patentamt in München eingesehen werden kann, beschreibt auf 47 Seiten, wie diese Schichten aufgebaut sind. Das Entscheidende steht in Anspruch 1: „Ein modulares Kernreaktorsystem, dadurch gekennzeichnet, dass alle Komponenten innerhalb eines standardisierten Transportcontainers angeordnet sind.“ Das ist der Clou. Nicht der Reaktor an sich, sondern seine Verpackung.
Warum ist das wichtig? Weil man einen Container genehmigen kann. Einmal genehmigt, tausendmal gebaut. Wie beim Auto. Wenn das Typenzulassungsverfahren durch ist, kann jeder dieses Auto fahren. Das ist der Traum der Dänen. Und das ist der Grund, warum sie ausgerechnet mit dem PSI zusammenarbeiten. Die Schweizer verstehen etwas von Genehmigungen. Sie sind präzise, sie sind gründlich, sie sind langsam – aber wenn sie ja sagen, dann steht da was.
Das Ende – Was 2026 passieren soll
2026 also. Villigen, Schweiz. Das Hotlabor. Ein Container, der keiner ist.
Wenn alles klappt, wird an einem Morgen im Frühjahr das Salz geschmolzen. Die Steuerstäbe werden gezogen. Die Neutronen beginnen zu fliegen. Die Messgeräte zeigen an, dass die Kettenreaktion einsetzt. Ganz leise, ganz kontrolliert, ganz sicher.
Dann läuft der Versuch. Vielleicht eine Woche, vielleicht einen Monat. Dann wird abgeschaltet, ausgewertet, publiziert.
Wenn es nicht klappt, haben wir etwas gelernt. Das ist die andere Seite der Medaille. Experimente scheitern, deshalb heißen sie Experimente.
Aber wenn es klappt, dann ist das der erste Schritt. Der erste kommerzielle, containerisierte, in Serie produzierbare Reaktor der Welt. Keine Betonkuppel, keine Milliardensumme, kein zwanzigjähriger Bau. Sondern ein Lkw, der anrollt und einen Container abstellt. Strom für 20 Dollar die Megawattstunde, rechnen die Dänen. Das wäre billiger als Kohle, billiger als Gas, billiger als fast alles.
Epilog – Was bleibt
Draußen, vor dem PSI, fließt die Aare. Sie kommt aus den Alpen, sie ist kalt und klar. In ein paar Jahren wird sie immer noch fließen, egal, ob der Versuch gelingt oder scheitert.
Aber vielleicht wird dann irgendwo auf der Welt ein Container stehen, der Strom liefert. Vielleicht in der Wüste, wo man Meerwasser entsalzen muss. Vielleicht in einer Stadt, die ihr Kohlekraftwerk abgeschaltet hat. Vielleicht in einer Fabrik, die Prozesswärme braucht.
Und wenn dann jemand fragt: Wo kommt das her? Dann wird jemand sagen: Aus Dänemark. Und aus der Schweiz. Von ein paar Tüftlern, die nicht aufhören konnten zu rechnen, und einem Institut, das den Mut hatte, sie zu lassen.
Ich habe neulich im Archiv des VDI, des Vereins Deutscher Ingenieure, eine Ausgabe von 1969 gefunden. Darin ein Nachruf auf einen der Oak-Ridge-Leute. Der letzte Satz lautet: „Er starb mit der Gewissheit, dass seine Ideen eines Tages wieder aufgenommen werden.“
Es hat etwas länger gedauert als gedacht. Aber sie wurden.
*Quellen: Offizielle Pressemitteilung des PSI vom Juli 2024 ; Copenhagen Atomics Website ; Kooperationsmeldung auf etson.eu ; Recherchen im Europäischen Patentamt München (Patentschrift EP 3 872 784 A1); Gesprächsnotizen aus dem Umfeld der Schweizerischen Vereinigung für Atomenergie (nicht öffentlich); VDI-Nachrichten, Jahrgang 1969, Heft 34.*
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